Pharma-Lobby an der Uni Marburg ehrt Liz Mohn
Samstag, 22. August 2009-17:48 -|- Eingestellt von: Julie |
Am 21. August 2009 nimmt die Bertelsmann-Eignerin Liz Mohn den Karl-Winnacker-Preis des Marburger Universitätsbundes entgegen. Der nach dem früheren I.G.-Farben-Manager (später Höchst) und Atomlobbyisten Winnacker benannte Preis wird „für besondere Verdienste um die Förderung der Zusammenarbeit von Universität und Industrie auf naturwissenschaftlichen Gebieten“ verliehen.
Bei dem Marburger Unibund handelt es sich laut Homepage um „eine Vereinigung von Freunden und Förderern der Marburger Universität.“ Dessen Vorsitzender ist der Pharma-Manager Uwe Bicker. Bicker hat bereits vielfältige Beziehungen zur Familie Mohn, bzw. zu Bertelsmann.
Er ist Mitglied im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung, dessen Vorstandsmitglied Liz Mohn ist, und außerdem Mitglied im Stiftungsrat der von Liz Mohn gegründeten Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe. Aber damit nicht genug. Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann Stiftung und früheren Bertelsmann-Konzernchef Gunter Thielen sitzt Bicker im Verwaltungsrat des drittgrößten Pharma-Konzerns der Welt, Sanofi Aventis.
Aber auch Liz Mohns Tochter Brigitte kennt Uwe Bicker schon einige Jahre. 2003/2004 leistete sie ihm im Hochschulrat der Philipps-Universität Marburg Gesellschaft. Sie ersetzte damals den verstorbenen Stefan Engelhorn, ein Mitglied der ehemaligen Eignerfamilie von Boehringer Mannheim (später Roche), wo Bicker zwischen 1975 und 1994 verschiedene Führungspositionen inne hatte.
Zuvor war sie 2002 in den Aufsichtsrat des privaten Klinikkonzerns Rhön AG eingetreten, und zwar als Nachfolgerin des zukünftigen Wirtschafts– und Technologieministers Karl-Theodor Reichsfreiherr von und zu Guttenberg. Der hatte seine Rhön-Aktien gerade an die Hypo-Vereinsbank verkauft.

„Der weiterhin mit rund 24 % beteiligte Vorstandschef Eugen Münch betonte, dass es dem Unternehmen mit Blick auf die erwartete Privatisierungswelle im Krankenhaussektor wichtig gewesen sei, einen finanzstarken Partner an Bord zu holen,“ wie das Handelsblatt über den Rhön-Aktien-Handel berichtete. http://www.handelsblatt.com/archiv/hypovereinsbank-engagiert-sich-bei-rhoen-klinikum;511070
Und damit die Privatisierungswelle die Erwartungen der Rhön-Investoren nicht enttäuscht, ist es praktisch, wenn der Privatisierungsakteur Bertelsmann an den Schalthebeln sitzt.
„Der Hochschulrat berät die Hochschule bei ihrer Entwicklung und gibt Empfehlungen zu verschiedenen Aufgaben und Maßnahmen ab; zu den Zuständigkeiten im Einzelnen vgl. § 48 Hessisches Hochschulgesetz.“ http://www.uni-marburg.de/profil/Geschichte/orga/rat
Für „Bertels-Frau“ Brigitte Mohn und die Rhön AG war der Hochschulrat eine strategisch günstige Position, gehörte doch zu der von Brigitte beratenen Uni Marburg auch ein öffentliches Uni-Klinikum. Aber öffentlich blieb es nicht lange. 2006 wurde es nach der Fusionierung mit der Uniklinik Gießen an Rhön verkauft.
Bei dem Privatisierungsprojekt ließ sich die hessische Landesregierung unter Ministerpräsident Koch von Prof. von Eiff beraten, der das von der Bertelsmann Stiftung gegründete Centrum für Krankenhausmangement (CKM) an der Universität Münster leitet ( http://www.bertelsmannkritik.de/gesundheit.htm).
Udo Corts, 2003 bis 2008 hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst, sprach sich im Hessischen Landtag engagiert für den Verkauf an Rhön aus und lobte speziell die Beratertätigkeit von Prof. von Eiff. http://starweb.hessen.de/cache/PLPR/16/3/00093.pdf
Inzwischen wechselte Corts in den Vorstand der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) des Unibund-Mitglieds Reinfried Pohl ( http://www.finanzparasiten.de/html/links/dvag.html). Der Ehrensenator und Mäzen der Uni Marburg (Bereiche Rechtswissenschaft, Medizin) ist ein Freund von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, der einen Posten im Beirat der DVAG besetzt. http://www.dvag.com/FILES/DVAG_GB_2008_komplett.pdf
Im DVAG-Beirat leistet ihm sein ehemaliger Kanzleramts-Vize Horst Teltschik Gesellschaft, der 1991 – 1992 Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung war.
2001 versuchte übrigens der Dekan des von Reinfried Pohl geförderten Fachbereichs Rechtswissenschaft, Steffen Detterbeck, den Pohl-Freund und Ex-Kanzler Kohl mit dem „Savigny-Preis“ zu ehren.
Das Preisgeld sollte von der von Pohl an der Uni Marburg finanzierte Forschungsstelle für Finanzdienstleistungen kommen. Doch Proteste der Studierenden mit Hinweis auf Kohls Parteispenden-Affäre zwangen Kohl zum Verzicht.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,151454,00.html
http://www.althand.de/jesum.html
Helmut Kohl wiederum hat traditionell enge Beziehungen zur Chemie-Industrie in Ludwigshafen und hatte sich bereits von Bickers früherem Chef Curt Engelhorn, einem Ur-Enkel des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn, bespenden lassen: „So hatte CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep »zugleich im Namen von Herrn Dr. Kohl und Herrn Professor Biedenkopf« runde 70 000 DM kassiert — von Curt Engelhorn, Chef des Familienunternehmens »Boehringer Mannheim GmbH« (damaliger Pharma-Umsatz. 1,2 Milliarden DM), und zwar über Dr. Scholl und die »SV«.“ Zitat aus: Bernt Engelmann: Schwarzbuch Helmut Kohl – Wie man einen Staat ruiniert. S. 81. http://www.indymedia.org/media/2007/03/881330.pdf
CDU-Schatzmeister Kiep heiratete übrigens Charlotte ter Meer. Ihr Vater Fritz ter Meer war Vorstandsmitglied der I.G. Farben und Mitgründer der "I. G. Auschwitz". Er gehörte zu den Förderern von Karl Winnacker, dem Namensgeber des vom Unibund unter Vorsitz von Uwe Bicker an Liz Mohn verliehenen Preises.
Kurt Biedenkopf, Kiep-Komplize beim Empfang der Engelhorn-Gelder, ist Sohn von Wilhelm Biedenkopf. Dieser war technischer Direktor in den I.G.-“Buna“-Werken in Schkopau, wo Karl Winnacker 1943 Führungspositionen übernahm. Die beiden werden sich also gekannt haben. 1983 wurde Sohnemann Kurt Biedenkopf übrigens Mitglied im Beirat der 1977 von Reinhard Mohn gegründeten Bertelsmann Stiftung.
Sichtbar wird ein wirtschaftliches und familiäres Beziehungesgeflecht, das Kontinuitäten seit den wirtschaftlichen Eliten der Nazi-Zeit aufweist. Dieses Netzwerk beteiligt sich heute maßgeblich an der Privatisierung des Hochschul– und Gesundheitswesens und sonstiger noch öffentlicher Bereiche und bekennt sich mit Preisverleihungen wie dem Karl-Winnacker-Preis immer offener zu seinen Wurzeln.
Quelle: Indymedia
Quelle Bild oben: von Bertelsmann Stiftung via Flickr. Bestimmte Rechte vorbehalten.
Quelle Bild unten: von Bertelsmann Stiftung via Flickr. Bestimmte Rechte vorbehalten.
Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Beitragsdetails
Kategorie » Deutschland, Lobbyismus, Politik/Wirtschaft « | Tags » Bertelsmann, Bertelsmann-Stiftung, CDU, Liz Mohn, Lobbyismus, Pharmaindustrie, Privatisierung, Uni Marburg, Winnacker-Preis «
Kommentare und Pings sind geschlossen.



