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Gorleben ist tot!?

Freitag, 28. August 2009-18:08 -|- Eingestellt von: |

Ente in Gorleben von Kleine Gelbe EnteVon Michael-​Ron Stallwood

GOR­LEBEN. (www​.info​trier​.de) Ges­tern ver­kün­dete Sigmar Gabriel (SPD), Bun­des­mi­nister für Umwelt, Natur­schutz und Reak­tor­si­cher­heit, in einer Son­der­sit­zung des Bundestags-​Umweltausschusses zu Krümmel das Aus für das Salz­berg­werk Gor­leben als End­la­ger­stätte für radio­ak­tiven Müll.

Wört­lich sagte er: “Gor­leben ist tot.” Damit schließt er sich dem Vor­haben seines Vor­gän­gers Jürgen Trittin (Bündnis 90/​Die Grünen) an, der seiner Zeit jedoch an den Wider­ständen von Union und FDP sowie der Atom­wirt­schaft schei­terte. Wäh­rend von Sei­tens einiger Umwelt­schutz­ver­bände Skepsis an der kon­kreten Absicht Gabriels geäu­ßert wurde, for­dern Union und die deut­sche Atom­lobby die Wie­der­auf­nahme der Erkun­dungs­ar­beiten im Salz­berg­werk im Land­kreis Lüchow-​Dannenberg/​Niedersachsen.

Diese wurden durch das so genannte Mora­to­rium von Ex-​Kanzler Schröder/​Minister Trittin und der Atom­wirt­schaft bis Oktober 2010 für zehn Jahre aufgehoben.

Dass sich Minister Gabriel “so deut­lich aus dem Fenster lehnt” könne Wahl­kampf­taktik sein, befürchtet Jochen Stay von der Anti-​Atom-​Initiative .aus­ge­strahlt. Für Stay ”ist des­halb ent­schei­dend, ob Gabriel kon­krete Maß­nahmen zur Abwick­lung des Stand­orts Gor­leben in die Wege leitet.” Ob diese Maß­nahmen rea­li­siert werden können steht auf einem anderen Blatt.

Anders kon­fron­tiert sieht sich Gabriel von der Atom­lobby.

Das Deut­sche Atom­forum e.V., dessen der­zei­tiger Prä­si­dent, Dr. Walter Hoh­le­felder ehe­ma­liger Geschäfts­führer der E.ON Kern­kraft GmbH ist, gab zum Vortag der Son­der­sit­zung bekannt, dass nach der unver­än­derten Fak­ten­lage “gegen­wärtig nichts gegen diesen Salz­stock als End­lager für hoch­ra­dio­ak­tive Abfälle” spräche.

In einer wei­teren Mit­tei­lung des haupt­säch­lich von Ener­gie­kon­zernen wie E.ON finan­ziertem Atom­forum wird dieser Stand­punkt wie­der­holt: “Die bis­he­rigen Unter­su­chungen des Salz­stocks Gor­leben haben ergeben, dass er grund­sätz­lich als End­la­ger­standort geeignet ist.” Dies sei im Bun­des­mi­nis­te­rium bekannt, so Hohlefelder.

Eine gegen­tei­lige Fak­ten­lage will statt­dessen die Redak­tion Frank­furter Rund­schau zu Tage geför­dert haben. In ihrem Artikel vom 25. August 2009 weißt die FR dar­aufhin, dass die Behörden schon seit 1983 wüssten, dass der Salz­stock Gor­leben als Atom­müll­end­lager nicht geeignet sei. In den Vor­ent­würfen zum Zwi­schen­be­richt für die Eig­nung von Gro­leben sei kei­nerlei Bestä­ti­gung der “Eig­nungs­höf­fig­keit” zu finden.

Dies habe Spre­cher der Bür­ger­in­itia­tive Umwelt­schutz Lüchow-​Dannenberg, Wolf­gang Ehmke, her­aus­ge­funden, der nach langem Drängen im Bun­desamt für Strah­len­schutz, wie es in einer Mit­tei­lung von Green­peace heißt, die ver­schie­denen Ent­würfe zu dem Zwi­schen­be­richt ein­sehen konnte. Statt­dessen ließen sich im Gegen­teil Beweise dafür finden, dass die Experten den Salz­stock schon damals für unge­eignet hielten, so die Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­tion Green­peace e.V.

P1010037 von Rainer Zimmermann.

Laut dieser Unter­lagen sei “fest­zu­stellen, daß die über den zen­tralen Berei­chen des Salz­stocks Gor­leben vor­kom­menden tonigen Sedi­mente keine solche Mäch­tig­keit und durch­ge­hende Ver­brei­tung haben, daß sie in der Lage wären, Kon­ta­mi­na­tionen auf Dauer von der Bio­sphäre fern­zu­halten”. Die Wis­sen­schaftler würden betonen, dass mit radio­ak­tiven Ver­seu­chungen des Grund­was­sers nach “600 — 1170 Jahren” gerechnet werden müsse.

Diese Ver­öf­fent­li­chungen scheinen der Stell­ver­tre­tenden Vor­sit­zenden der CDU/​CSU-​Bundestagsfraktion, Kathe­rina Reiche, nicht zu kümmern.

Reiche kom­men­tiert in einer offi­zi­ellen Pres­se­mit­tei­lung der CDU/​CSU-​Bundestagsfraktion:

“Immer wieder wird von ihm (Minister Gabriel) For­de­rung erhoben, neue End­la­ger­stand­orte zu suchen. Alle bisher gewon­nenen fachlich-​wissenschaftlichen Erkennt­nisse haben jedoch die Eig­nung des vor­ge­se­henen End­la­ger­stand­ortes Gor­leben gezeigt.”

Wichtig ist der momen­tanen Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten den Kos­ten­faktor als Gegen­ge­wicht zur Sicher­heit der Bevöl­ke­rung vor der hoch­ge­fähr­li­chen radio­ak­tiven Strah­lung her­vor­zu­heben: “Die Durch­füh­rung einer neuen Suche für wei­tere Stand­orte wäre mit zusätz­li­chen Kosten von min­des­tens 1 Mrd. Euro verbunden.

Bei Auf­gabe von Gor­leben kämen wei­tere finan­zi­elle Belas­tungen vor­aus­sicht­lich in Mil­li­ar­den­höhe auf die öffent­liche Hand zu.” Damit weißt sie dar­aufhin, dass nach einer uni­ons­ge­führten Regie­rung der Steu­er­zahler und nicht die Ener­gie­kon­zerne für das unge­löste Ent­sor­gungs­pro­blem finan­ziell auf­kommen soll.

Zu den angeb­li­chen “fachlich-​wissenschaftlichen Erkennt­nissen” von Katha­rina Reiche rea­giert Leiter der Politik und Öffent­lich­keits­ar­beit der Deut­schen Umwelt­hilfe e.V., Dr. Gerd Rosen­kranz in iro­ni­scher Weise mit seinem Fachwissen.

Im Inter­view mit www​.info​trier​.de kon­tert der pro­mo­vierte Werk­stoffs­wis­sen­schaftler und Jour­na­list: “Leider ist Frau Reiche dafür berüch­tigt, dass sie gele­gent­lich auf schwan­kender Fak­ten­basis weit­rei­chende For­de­rungen stellt. Neu ist ja gerade, dass Endlager-​Experten des Bundes unmit­telbar nach der Bun­des­tags­wahl im März 1983 von der wie­der­ge­wählten Bun­des­re­gie­rung Kohl-​Genscher zu einem posi­tiven Urteil regel­recht gepresst wurde, nachdem sie kurz zuvor noch mas­sive Zweifel an der Eig­nung geäu­ßert hatten.

Es wurde lange dar­über spe­ku­liert, dass damals über den End­la­ger­standort Gor­leben poli­tisch und nicht in erster Linie wissenschaftlich-​sachlich ent­schieden wurde. Nun haben wir den bisher trag­fä­higsten Beweis. Ver­ant­wor­tungslos sind des­halb nicht, wie Frau Reiche sug­ge­riert, die­je­nigen die mit der End­la­ger­suche ergeb­nis­offen neu beginnen wollen, ver­ant­wor­tungslos han­delt viel­mehr, wer an der offenbar poli­tisch moti­vierten Ent­schei­dung für Gor­leben bis zum St. Nim­mer­leinstag fest­halten will.

Ver­ant­wor­tungslos han­delt übri­gens auch, wer trotz des Desas­ters bei der End­la­ge­rung (Mors­leben — Asse –Gor­leben), die Atom­kraft­werke bis zum St. Nim­mer­leinstag wei­ter­be­treiben will — und so das Atom­müll­pro­blem weiter vergrößert.”

Auch die nie­der­säch­si­sche Linke will sich nicht nehmen lassen in diesem Spiel mitzumischen.

In einem von ihnen in Auf­trag gegeben Gut­achten würden sich wei­tere Zweifel an der Eig­nung von Gor­leben ver­deut­li­chen. Der Her­aus­geber des Gut­ach­tens, Ex-​Mitarbeiter der Physikalisch-​Technischen Bun­des­an­stalt Ulrich Schneider, erklärt zu seiner Arbeit: “Es stellt sich die Frage, wann Gor­leben absaufen wird”. Der Salz­stock sei mit einem hohlen Zahn zu ver­glei­chen, in den Wasser wie Karies ein­dringe. Frü­here Unter­su­chungen über Was­ser­läufe in dem Gestein kri­ti­sierte er als zu undif­fe­ren­ziert. Wasser dringe in das Stein­salz des geplanten End­la­gers umge­benden Kali­salz­schichten ein und weiche diese auf.
Zum Hin­ter­grund:

1977 planten Bundes– und Lan­des­re­gie­rung im nie­der­säch­si­schen Gor­leben ein kom­plettes ato­mares Ent­sor­gungs­zen­trum zu erschaffen. Dort sollten ein Zwi­schen­lager für Castor-​Behälter, eine Wie­der­auf­ar­bei­tungs­an­lage (WAA) für abge­brannte Kern­brenn­stoffe sowie ein End­lager tief unten im Salz­stock ent­stehen. Der dama­lige Nie­der­säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Ernst Albrecht (CDU) rech­nete aller­dings nicht mit der sich schnell bil­deten starken Pro­test­be­we­gung inner­halb der Bevölkerung.

Nach dem “Treck nach Han­nover” 1979 bei dem mehr als 100.000 Men­schen teil­nahmen, erklärte Albrecht, dass eine WAA-​Atomfabrik “poli­tisch nicht durch­setzbar” sei. Jedoch wurden die Pläne für das Zwi­schen­lager — für Castor-​Behälter mit abge­brannten Brenn­ele­menten und ver­glaste hoch­ra­dio­ak­tive Abfälle — und für das End­lager weiter ver­folgt.
1979 begann die Unter­su­chung des Salzstocks.

Dama­liges Mit­glied der Auswahl-​Kommission für End­la­ger­stand­orte, Geologie-​Professor Gerd Lüttig, sagt heute, Albrecht habe Kom­mis­si­ons­emp­feh­lungen nicht abge­wartet, son­dern sei fest­ge­legt gewesen. “Er wollte einen Standort in der Nähe der dama­ligen Zonen­grenze haben, weil die Ost­zo­nalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem End­lager Mors­leben ein­ge­brockt hatten”, so Lüttig.

Bis 1983 lief die Vor­un­ter­su­chung in Gor­leben. Sie wurden von der Physikalisch-​Technischen Bun­des­an­stalt (PTB) bewertet — der Vor­läu­fer­be­hörde des Bun­des­amts für Strahlenschutz.

Ab 1983 star­tete die unter­tä­gige Erkun­dung. Sie wurde von den Strom­kon­zernen — und damit den Strom­kunden – mit bisher 1,5 Mil­li­arden Euro finan­ziert. Sie wurde im Jahr 2000 durch das von der rot-​grünen Regie­rung erar­bei­tete Mora­to­rium unterbrochen.

Siehe: http://​www​.fr​-online​.de/​_​e​m​_​c​m​s​/​_​m​u​l​t​i​f​u​n​k​t​i​o​n​/​?​e​m​_​a​r​t​=​g​a​l​e​r​y​&​a​m​p​;​e​m​_​l​o​c​=​3​2​9​0​&​a​m​p​;​e​m​_​c​n​t​=​1​9​0​0​288

und

http://​info​trier​.de/​n​o​d​e​/​3​293

Quelle: Rea­ders Edition

Quelle Bild oben: von Kleine Gelbe Ente via Flickr. CC Lizenz

Quelle Bild unten: von Rainer Zim­mer­mann via Flickr. CC Lizenz

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    Wir haben die Wahl! « Greenpeace Blog 28.08.2009 um 12:29 Uhr

    […] uns im Wend­land ent­scheidet sich, ob sie trotz aller geo­lo­gi­schen Sicher­heits­be­denken den Salz­stock Gor­leben nach 30 Jahren Wider­stand doch noch zum End­lager machen oder end­lich auf­geben. Erst muss die […]