GORLEBEN. (www.infotrier.de) Gestern verkündete Sigmar Gabriel (SPD), Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, in einer Sondersitzung des Bundestags-Umweltausschusses zu Krümmel das Aus für das Salzbergwerk Gorleben als Endlagerstätte für radioaktiven Müll.
Wörtlich sagte er: “Gorleben ist tot.” Damit schließt er sich dem Vorhaben seines Vorgängers Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) an, der seiner Zeit jedoch an den Widerständen von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft scheiterte. Während von Seitens einiger Umweltschutzverbände Skepsis an der konkreten Absicht Gabriels geäußert wurde, fordern Union und die deutsche Atomlobby die Wiederaufnahme der Erkundungsarbeiten im Salzbergwerk im Landkreis Lüchow-Dannenberg/Niedersachsen.
Diese wurden durch das so genannte Moratorium von Ex-Kanzler Schröder/Minister Trittin und der Atomwirtschaft bis Oktober 2010 für zehn Jahre aufgehoben.
Dass sich Minister Gabriel “so deutlich aus dem Fenster lehnt” könne Wahlkampftaktik sein, befürchtet Jochen Stay von der Anti-Atom-Initiative .ausgestrahlt. Für Stay ”ist deshalb entscheidend, ob Gabriel konkrete Maßnahmen zur Abwicklung des Standorts Gorleben in die Wege leitet.” Ob diese Maßnahmen realisiert werden können steht auf einem anderen Blatt.
Anders konfrontiert sieht sich Gabriel von der Atomlobby.
Das Deutsche Atomforum e.V., dessen derzeitiger Präsident, Dr. Walter Hohlefelder ehemaliger Geschäftsführer der E.ON Kernkraft GmbH ist, gab zum Vortag der Sondersitzung bekannt, dass nach der unveränderten Faktenlage “gegenwärtig nichts gegen diesen Salzstock als Endlager für hochradioaktive Abfälle” spräche.
In einer weiteren Mitteilung des hauptsächlich von Energiekonzernen wie E.ON finanziertem Atomforum wird dieser Standpunkt wiederholt: “Die bisherigen Untersuchungen des Salzstocks Gorleben haben ergeben, dass er grundsätzlich als Endlagerstandort geeignet ist.” Dies sei im Bundesministerium bekannt, so Hohlefelder.
Eine gegenteilige Faktenlage will stattdessen die Redaktion Frankfurter Rundschau zu Tage gefördert haben. In ihrem Artikel vom 25. August 2009 weißt die FR daraufhin, dass die Behörden schon seit 1983 wüssten, dass der Salzstock Gorleben als Atommüllendlager nicht geeignet sei. In den Vorentwürfen zum Zwischenbericht für die Eignung von Groleben sei keinerlei Bestätigung der “Eignungshöffigkeit” zu finden.
Dies habe Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke, herausgefunden, der nach langem Drängen im Bundesamt für Strahlenschutz, wie es in einer Mitteilung von Greenpeace heißt, die verschiedenen Entwürfe zu dem Zwischenbericht einsehen konnte. Stattdessen ließen sich im Gegenteil Beweise dafür finden, dass die Experten den Salzstock schon damals für ungeeignet hielten, so die Umweltschutzorganisation Greenpeace e.V.

Laut dieser Unterlagen sei “festzustellen, daß die über den zentralen Bereichen des Salzstocks Gorleben vorkommenden tonigen Sedimente keine solche Mächtigkeit und durchgehende Verbreitung haben, daß sie in der Lage wären, Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre fernzuhalten”. Die Wissenschaftler würden betonen, dass mit radioaktiven Verseuchungen des Grundwassers nach “600 – 1170 Jahren” gerechnet werden müsse.
Diese Veröffentlichungen scheinen der Stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Katherina Reiche, nicht zu kümmern.
Reiche kommentiert in einer offiziellen Pressemitteilung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion:
“Immer wieder wird von ihm (Minister Gabriel) Forderung erhoben, neue Endlagerstandorte zu suchen. Alle bisher gewonnenen fachlich-wissenschaftlichen Erkenntnisse haben jedoch die Eignung des vorgesehenen Endlagerstandortes Gorleben gezeigt.”
Wichtig ist der momentanen Bundestagsabgeordneten den Kostenfaktor als Gegengewicht zur Sicherheit der Bevölkerung vor der hochgefährlichen radioaktiven Strahlung hervorzuheben: “Die Durchführung einer neuen Suche für weitere Standorte wäre mit zusätzlichen Kosten von mindestens 1 Mrd. Euro verbunden.
Bei Aufgabe von Gorleben kämen weitere finanzielle Belastungen voraussichtlich in Milliardenhöhe auf die öffentliche Hand zu.” Damit weißt sie daraufhin, dass nach einer unionsgeführten Regierung der Steuerzahler und nicht die Energiekonzerne für das ungelöste Entsorgungsproblem finanziell aufkommen soll.
Zu den angeblichen “fachlich-wissenschaftlichen Erkenntnissen” von Katharina Reiche reagiert Leiter der Politik und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Umwelthilfe e.V., Dr. Gerd Rosenkranz in ironischer Weise mit seinem Fachwissen.
Im Interview mit www.infotrier.de kontert der promovierte Werkstoffswissenschaftler und Journalist: “Leider ist Frau Reiche dafür berüchtigt, dass sie gelegentlich auf schwankender Faktenbasis weitreichende Forderungen stellt. Neu ist ja gerade, dass Endlager-Experten des Bundes unmittelbar nach der Bundestagswahl im März 1983 von der wiedergewählten Bundesregierung Kohl-Genscher zu einem positiven Urteil regelrecht gepresst wurde, nachdem sie kurz zuvor noch massive Zweifel an der Eignung geäußert hatten.
Es wurde lange darüber spekuliert, dass damals über den Endlagerstandort Gorleben politisch und nicht in erster Linie wissenschaftlich-sachlich entschieden wurde. Nun haben wir den bisher tragfähigsten Beweis. Verantwortungslos sind deshalb nicht, wie Frau Reiche suggeriert, diejenigen die mit der Endlagersuche ergebnisoffen neu beginnen wollen, verantwortungslos handelt vielmehr, wer an der offenbar politisch motivierten Entscheidung für Gorleben bis zum St. Nimmerleinstag festhalten will.
Verantwortungslos handelt übrigens auch, wer trotz des Desasters bei der Endlagerung (Morsleben – Asse -Gorleben), die Atomkraftwerke bis zum St. Nimmerleinstag weiterbetreiben will – und so das Atommüllproblem weiter vergrößert.”
Auch die niedersächsische Linke will sich nicht nehmen lassen in diesem Spiel mitzumischen.
In einem von ihnen in Auftrag gegeben Gutachten würden sich weitere Zweifel an der Eignung von Gorleben verdeutlichen. Der Herausgeber des Gutachtens, Ex-Mitarbeiter der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Ulrich Schneider, erklärt zu seiner Arbeit: “Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird”. Der Salzstock sei mit einem hohlen Zahn zu vergleichen, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
Zum Hintergrund:
1977 planten Bundes- und Landesregierung im niedersächsischen Gorleben ein komplettes atomares Entsorgungszentrum zu erschaffen. Dort sollten ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock entstehen. Der damalige Niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) rechnete allerdings nicht mit der sich schnell bildeten starken Protestbewegung innerhalb der Bevölkerung.
Nach dem “Treck nach Hannover” 1979 bei dem mehr als 100.000 Menschen teilnahmen, erklärte Albrecht, dass eine WAA-Atomfabrik “politisch nicht durchsetzbar” sei. Jedoch wurden die Pläne für das Zwischenlager – für Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle – und für das Endlager weiter verfolgt.
1979 begann die Untersuchung des Salzstocks.
Damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission für Endlagerstandorte, Geologie-Professor Gerd Lüttig, sagt heute, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen. “Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten”, so Lüttig.
Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben. Sie wurden von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet – der Vorläuferbehörde des Bundesamts für Strahlenschutz.
Ab 1983 startete die untertägige Erkundung. Sie wurde von den Stromkonzernen – und damit den Stromkunden – mit bisher 1,5 Milliarden Euro finanziert. Sie wurde im Jahr 2000 durch das von der rot-grünen Regierung erarbeitete Moratorium unterbrochen.
Siehe: http://www.fr-online.de/_em_cms/_multifunktion/?em_art=galery&em_loc=3290&em_cnt=1900288
und
Quelle: Readers Edition
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Quelle Bild unten: von Rainer Zimmermann via Flickr. CC Lizenz















[...] uns im Wendland entscheidet sich, ob sie trotz aller geologischen Sicherheitsbedenken den Salzstock Gorleben nach 30 Jahren Widerstand doch noch zum Endlager machen oder endlich aufgeben. Erst muss die [...]