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Schweinegrippe in Afghanistan

Donnerstag, 03. September 2009-12:20 -|- Eingestellt von: |

Chris­toph Marischka | IMI-​Online

Zur Aus­brei­tung der Schwei­ne­grippe mel­dete FOCUS online am 25.8.2009: "Auch deut­sche Sol­daten in Afgha­nistan sind betroffen. Des­wegen schränkte die Bun­des­wehr ihre Afghanistan-​Flüge für Zivi­listen stark ein… Das betreffe vor allem Reisen von Jour­na­listen mit der Bundeswehr."[1]

Auch wenn es der Regie­rung ange­sichts des zuneh­mend eska­lie­renden und zuneh­mend unpo­pu­lären Ein­satzes der Bun­des­wehr in Afgha­nistan sicher­lich recht sein dürfte, dass in Zeiten des Wahl­kampfes noch weniger Bericht­er­stat­tung aus dem Kriegs­ge­biet statt­findet, schließt die Bun­des­wehr jedoch einen Zusam­men­hang mit der anste­henden Bun­des­tags­wahl aus. Dieser Ent­schluss habe rein medi­zi­ni­sche Gründe.

Eine Redu­zie­rung oder gar ein Abzug der deut­schen Sol­daten aus Afgha­nistan wird jedoch frei­lich nicht in Erwä­gung gezogen. Sicher­lich aber kann der Trans­port von Zivi­listen inso­fern leicht ein­ge­schränkt werden, als dass die vielen zivilen Auf­bau­helfer — zumin­dest die­je­nigen, die eng mit den west­li­chen Streit­kräften koope­riert haben — ohnehin nichts mehr zu tun haben. Denn Brunnen und Schulen bauen die Bun­des­wehr und die mit ihr in so genannten "Regio­nalen Wie­der­auf­bau­teams" zusam­men­ge­fassten Orga­ni­sa­tionen ohnehin schon lange nicht mehr.

Selbst in der unmit­tel­baren Umge­bung der Bun­des­wehr­lager ist schon seit Monaten nie­mand mehr sicher, weder die Sol­daten selbst in ihren Schüt­zen­pan­zern, noch Ziv­lis­tInnen, die sich nicht klar vom ISAF-​Einsatz abgrenzen. Vor dem Hein­ter­grund, dass die Bun­des­wehr regel­mäßig nur wenige Kilo­meter vom eigenen Camp ent­fernt etwa bei Kunduz in Gefechte ver­wi­ckelt wird, erscheint auch die Ope­ra­tion Adler Ende Juli weniger als groß ange­legte Offen­sive, denn als Befreiungsschlag.

Es sollte ledig­lich das unmit­tel­bare Umfeld des Bun­des­wehr­la­gers in Kunduz in einem Radius von wenigen Kilo­me­tern gesi­chert werden. Ein Befrei­ungs­schlag, der noch dazu schei­terte. Nach wenigen Tagen zogen die Taliban wieder in die Dörfer ein und errich­teten sie Stra­ßen­sperren an wich­tigen Kreu­zungen in der Region.[2] Als Sym­bo­li­sche Unter­ma­lung ihrer Rück­kehr zün­deten sie die letzten einst von der Bun­des­wehr errich­teten Schulen an. Zivi­lis­tInnen kann man in einem sol­chen Umfeld sicher­lich nicht gebrauchen.

Trotzdem mögen die Befürch­tungen der Bun­des­wehr, mit ihren Aus­lands­ein­sätzen zur Ver­brei­tung der Schwei­ne­grippe bei­zu­tragen, durchaus real und auch objektiv sein. Nach einem Bericht der WHO über das Auf­treten des H1N1-​Erregers in der östli­chen Mit­tel­meer­re­gion (zu der die WHO Afgha­nistan zählt) wurden von den bis zum 26. Juli in der gesamten Region erfassten 1028 Fällen von Schwei­ne­grippe 74.5% durch Rei­sende impor­tiert und nur 25.5% vor Ort infiziert.[3]

Nach einem Situa­ti­ons­be­richt der WHO vom 22.08.09 wurden für Afgha­nistan ins­ge­samt nur 32 bestä­tigte Fälle von Infek­tionen mit H1N1 registriert.[4] Am Wochen­ende zuvor seien jedoch nach dem Bericht von FOCUS online 25 Fälle alleine im Bun­des­wehr­lager Mazar-​i-​Sharif auf­ge­treten. Gegen­über Merkur-​Online hatte die Bun­des­wehr kurz zuvor im Zusam­men­hang mit einem in Murnau sta­tio­nierten Sol­daten, der sich im Spanien-​Urlaub infi­ziert hatte, ein­ge­räumt, in Mas­sen­un­ter­künften wie Kasernen, könnten sich Viren grund­sätz­lich schneller ausbreiten.[5]

Auch his­to­risch gibt es zahl­reiche Bei­spiele dafür, wie Kriege und mili­tä­ri­sche Besat­zungen und die mit ihnen Ver­bun­dene Logistik zur Ver­brei­tung von Pan­de­mien bei­trugen. So berichtet Mike Davis in seinem Buch "Vogel­grippe" (Asso­zia­tion A, 2005) von einem ersten Aus­bruch des Erre­gers, der später als Spa­ni­sche Grippe Mil­lionen Men­schen umbrachte, im Winter 1916/​1917 in einem bri­ti­schen Feld­lager im fran­zö­si­schen Etaples. Nach Indien, wo ihr alleine bis zu 20 Mio. Men­schen zum Opfer gefallen sein sollen, gelangte sie zunächst durch einen bri­ti­schen Truppentransport.

Auch in den Iran, wo zwi­schen 8% und 22% der Bevöl­ke­rung der Spa­ni­schen Grippe und ihren Begleit­er­schei­nungen erlegen sein sollen, "trampte die Pan­demie über die mili­tä­ri­sche Ver­sor­gungs­route von Bombay zu den bri­ti­schen Besat­zungs­truppen". Im Sep­tember 1957 wurde die Asia­ti­sche Grippe (H2N2) hin­gegen durch US-​Soldaten aus Vietnam nach Kali­for­nien gebracht und soll dar­aufhin etwa 34.000 US-​Amerikaner getötet haben.

So vor­sichtig solche Rekon­struk­tionen und Pro­gnosen über die Ver­brei­tung von Krank­heits­er­re­gern stets zu behan­deln sind, stehen zwei­erlei Dinge fest: Ers­tens wurden beson­ders im Zuge des Kolo­nia­lismus durch von Sol­daten und Kauf­leute ein­ge­schleppte Erreger ganze Stämme und Völker ver­nichtet. Die Briten führten dies auf dem Höhe­punkt ihrer kolo­nialen Arro­ganz gar auf gött­liche Fügung zurück. So schrieb der bri­ti­sche Siedler Daniel Denton in seiner „Brief Descrip­tion of New York“ 1670:

„Wo immer die Eng­länder sich nie­der­lassen, bereitet ihnen eine gött­liche Hand den Weg, sei es durch Abzug der Indianer, sei es durch eine Dezi­mie­rung der Urein­wohner auf­grund von Kriegen unter­ein­ander oder infolge gras­sie­render Krank­heiten“ (zit. nach: Sven Lind­qvist: Durch das Herz der Fins­ternis, UT, 2002).

Zwei­tens waren es selten diese Erreger alleine, welche die Men­schen umbrachten, son­dern andere, all­täg­liche Krank­heiten, die bei Unter­er­näh­rung, schlechten hygie­ni­schen und all­ge­meinen Lebens­be­din­gungen in Ver­bin­dung mit diesen töd­lich wirkten. Die Mor­ta­lität hing stets von den sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gungen in den ver­schie­denen Schichten, Klassen und Län­dern ab.

Die spa­ni­sche Grippe konnte auch nur des­halb in diesem Ausmaß wüten, da die Pro­duk­tion der Welt­mächte auf die Kolo­nial– und Kriegs­wirt­schaft aus­ge­richtet war, die Men­schen unter den Kriegs­steuern litten und Hunger und andere Krank­heiten des­halb weit ver­breitet waren. Vor diesem Hin­ter­grund ist durchaus denkbar, dass die neue Schwei­ne­grippe, auch wenn sie im glo­balen Norden kaum bemerkbar bleibt, in Afgha­nistan kata­stro­phale Folgen haben könnte:

Afgha­nistan gilt als eines der unter­ent­wi­ckeltsten Länder der Erde, 68% der Bevöl­ke­rung haben keinen aus­rei­chenden Zugang zu sau­berem Wasser, 45% haben Pro­bleme bei der täg­li­chen Ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln und die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren leidet an Unter­ge­wicht. Eine flä­chen­de­ckende Gesund­heits­ver­sor­gung exis­tiert nicht und erst recht keine (zivile), der die ganze Bevöl­ke­rung ihr Ver­trauen schenken würde.

Anfang 2008 warnten zahl­reiche Orga­ni­sa­tionen und die WHO vor einer Hun­ger­ka­ta­strophe in Afgha­nistan auf­grund der gestie­genen Nahrungsmittelpreise.[6] Etwas besser sieht es immerhin in den zen­tral­asia­ti­schen Staaten aus, über die ein Groß­teil der west­li­chen Kriegs­lo­gistik verläuft.

Doch auch hier gibt es noch Unter­er­näh­rung und weit ver­brei­tete Armut und eine Ver­bei­tung der Schwei­ne­grippe ist dort, wo viele Zivi­lis­tInnen in den Umschlag und Trans­port der Mili­tär­güter ein­ge­bunden sind, absehbar.

Quelle: IMI-​Online, Infor­ma­ti­ons­stelle Mili­ta­ri­sie­rung e.V.
Quellen:
[1] http://​www​.focus​.de/​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​/​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​s​-​n​e​w​s​/​s​c​h​w​e​i​n​e​g​r​i​p​p​e​-​z​a​h​l​-​d​e​r​-​e​r​k​r​a​n​k​u​n​g​e​n​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​g​-​a​u​f​-​1​4​5​6​1​-​g​e​s​t​i​e​g​e​n​_​a​i​d​_​4​2​9​5​4​9​.​h​tml
[2] http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​0​,​1​5​1​8​,​6​3​9​7​1​0​,​0​0​.​h​tml
[3] http://​www​.emro​.who​.int/​c​s​r​/​h​1​n​1​/​p​d​f​/​s​i​t​r​e​p​_​5​.​pdf
[4] http://​www​.emro​.who​.int/​c​s​r​/​h​1​n1/
[5] http://​www​.merkur​-online​.de/​l​o​k​a​l​e​s​/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​s​c​h​w​e​i​n​e​g​r​i​p​p​e​-​b​u​n​d​e​s​w​e​h​r​-​r​u​e​s​t​e​t​-​s​i​c​h​-​n​o​t​f​a​l​l​-​4​5​0​9​5​7​.​h​tml
[6] http://​www​.imi​-online​.de/​2​0​0​8​.​p​h​p​3​?​i​d​=​1​816
Zuerst erschienen in Tele­polis: http://​www​.heise​.de/​t​p​/​r​4​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​/​3​1​0​1​4​/​1​.​h​tml

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Ein Kommentar

  1. 1

    Kommentar ohne Gravatar

    Rache der Schnitzel 03.09.2009 um 14:52 Uhr

    Die hygie­ni­schen Ver­hält­nisse, der Hunger und die all­ge­meine medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung sind sicher ein Pro­blem. Ande­rer­seits muss man aber fest­halten, dass bei der von dir zitierten Spa­ni­schen Grippe aus­schließ­lich die Men­schen über­lebt haben, die sich nicht haben impfen lassen damals. Siehe z.B. http://​www​.zen​trum​-der​-gesund​heit​.de/​i​a​-​s​p​a​n​i​s​c​h​e​-​g​r​i​p​p​e​.​h​tml

    Par­al­lelen sind durchaus erkennbar. Nur das der heu­tige Erreger aus rein wirt­schaft­li­chen Gründen künst­lich erschaffen wurde.