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Steigende Einkommensungleichheit destabilisiert Weltwirtschaft

Donnerstag, 03. September 2009-16:53 -|- Eingestellt von: |

Neue Ana­lyse des IMK

Eine zen­trale Ursache der Welt­wirt­schafts­krise ist die rasante Zunahme der Ein­kom­mens­un­gleich­heit in vielen Län­dern, auch in Deutsch­land. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Makro­öko­nomie und Kon­junk­tur­for­schung (IMK) in der Hans-​Böckler-​Stiftung.

Ohne eine neue Ver­tei­lungs­po­litik bleibe die Wirt­schaft wei­terhin anfällig für Krisen, ana­ly­sieren die Wis­sen­schaftler in einer neuen Studie, die heute als IMK Report ver­öf­fent­licht wird.*

Das IMK doku­men­tiert, wie sich in den ver­gan­genen Jahr­zehnten die Schere zwi­schen hohen und nied­rigen Ein­kommen sowie zwi­schen Arbeits­ein­kommen einer­seits und Ein­kommen aus Gewinen und Kapi­tal­er­trägen ande­rer­seits immer weiter geöffnet geöffnet hat. Inter­na­tional renom­mierte Ökonomen wie Jean-​Paul Fitoussi und Nobel­preis­träger Joseph Stiglitz haben dies inzwi­schen als eine der Wur­zeln der glo­balen Krise ausgemacht.

Ablesbar ist die Pola­ri­sie­rung an Indi­ka­toren wie der Lohn­quote oder am so genannten Gini-​Koeffizienten, der anzeigt, wie gleich oder ungleich Ein­kommen ver­teilt sind. In den OECD-​Ländern sinkt die Lohn­quote seit den 1970er Jahren, seit Mitte der acht­zi­ger­Jahre zeigt der Gini-​Wert eine deut­lich unglei­chere Ver­tei­lung an. Als ent­schei­dende Ursache der Pola­ri­sie­rung der Ein­kommen werden von vielen Ökonomen ver­än­derte poli­ti­sche Macht­ver­hält­nisse gesehen:

Die Wis­sen­schaft ist sich weit­ge­hend einig, dass stär­kere Gewerk­schaften, koor­di­nierte Lohn­ver­hand­lungen und Min­dest­löhne zu einer ega­li­tä­reren Ver­tei­lung bei­tragen. Auch über die Steu­er­po­litik und öffent­liche Güter — zum Bei­spiel Bil­dung — lässt sich die Ver­tei­lung beein­flussen. In vielen Län­dern setzte die Politik aber Rah­men­be­din­gungen so, dass sie eine zuneh­mende Sprei­zung der Ein­kommen begünstigten.

Deutsch­land war tra­di­tio­nell ega­li­tärer als viele andere Indus­trie­länder, befindet sich aber heute, gemessen am Gini-​Koeffizient, etwas über dem OECD-​Durchschnitt, zeigt die http://​www​.boeckler​.de/. Seit dem Jahr 2000 haben "in Deutsch­land Ein­kom­mens­un­gleich­heit und Armut stärker zuge­nommen als in jedem anderen OECD-​Land", stellte die OECD jüngst fest.

Auch gemessen an anderen Maßen wie der Lohn­s­prei­zung nahm die Ungleich­heit in Deutsch­land sehr stark zu. Das IMK nennt aty­pi­sche Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse wie Leih­ar­beit oder Mini­jobs als wich­tigen Grund für die gewach­sene Lohnungleichheit.

Hinzu kamen geringe gesamt­wirt­schaft­liche Lohn­stei­ge­rungen, Leis­tungs­ein­schrän­kungen in der Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung und der gesetz­li­chen Kranken– und Ren­ten­ver­si­che­rung, die steu­er­liche Ent­las­tung ins­be­son­dere hoher Ein­kommen und Ver­mögen sowie die Belas­tung des pri­vaten Ver­brauchs über die Erhö­hung der Mehrwertsteuer.

Diese Ent­wick­lung war zum Teil von ange­bots­ori­en­tierten Ökonomen und Poli­ti­kern gefor­dert worden — mit dem Argu­ment, sie helfe, die Arbeits­lo­sig­keit zu redu­zieren. Dass die Schwä­chung von Arbeits­markt­in­sti­tu­tionen zur Reduk­tion der Arbeits­lo­sig­keit führt, dar­über "ist sich die wis­sen­schaft­liche Lite­ratur aller­dings nicht einig, und viele empi­ri­sche For­schungs­er­geb­nisse stellen diese Argu­men­ta­tion in Frage", betont das IMK.

Der Erfolg dieser Maß­nahmen sei auch in Deutsch­land äußerst beschränkt gewesen. Denn ins­ge­samt schwächte die wach­sende Ungleich­heit die wirt­schaft­liche Ent­wick­lung und sorgte für pro­ble­ma­ti­sche Aus­weich­stra­te­gien und glo­bale Quer­ver­flech­tungen, die die Wirt­schafts­krise begüns­tigten, resü­mieren die Wissenschaftler.

In vielen Län­dern fehlte wegen der wach­senden Ungleich­heit eine solide finan­zierte Bin­nen­nach­frage, so die IMK-​Analyse. In den USA wurde ver­sucht, dies durch höhere Kre­dite zu kompensieren.

So blieb der Konsum lange Zeit kräftig. "Über Jahr­zehnte sollten feh­lende Real­ein­kom­mens­stei­ge­rungen und wohl­fahrts­staat­liche Absi­che­rung durch die För­de­rung von Wohn­ei­gentum und erleich­terten Zugang zu Kre­diten kom­pen­siert werden", schreiben die Wis­sen­schaftler des IMK. Der ver­meint­liche Erfolg dieser Stra­tegie erweise sich nun aber als "weit­ge­hend illu­sionär". "Mit der Finanz­krise ist das Wachs­tums– und Sozi­al­mo­dell der USA an offen­sicht­liche Grenzen gestoßen."

Kor­ri­giert werden sollte nach der Ana­lyse des IMK aber auch die Wirt­schafts­stra­tegie der Bun­des­re­pu­blik im ver­gan­genen Jahr­zehnt. Hier rea­gierten viele Men­schen mit Kon­sum­ver­zicht auf zuneh­mende Ein­kom­mens­un­gleich­heit und mehr­jäh­rige Phasen mit Real­lohn­ver­lusten. Die schwache Nach­frage im Inland führte zu einer extrem starken Export­ori­en­tie­rung der Wirtschaft.

Zugleich enga­gierten sich die deut­schen Banken auf der Suche nach höheren Ren­diten stark auf aus­län­di­schen Anla­ge­märkten und kauften dort ins­be­son­dere ver­briefte Immo­bi­li­en­kre­dite. "Im Ergebnis wurden die deut­schen Banken stark von der ame­ri­ka­ni­schen Immo­bi­li­en­krise erschüt­tert, obwohl die Kre­dit­ver­gabe im Inland nach inter­na­tio­nalen Maß­stäben lange eher kon­ser­vativ geblieben war", so das IMK.

Sollten sich die Ein­kommen wei­terhin so unter­schied­lich ent­wi­ckeln, wird die Bin­nen­nach­frage schwach bleiben, pro­gnos­ti­ziert das IMK. Damit bliebe Deutsch­land abhängig vom Export — und beson­ders anfällig für wei­tere Krisen. Es sei keine Option, "jene Ver­tei­lungs­po­litik, mit der im Vor­feld der Krise Druck auf Löhne und Ein­kommen aus­geübt wurde, wäh­rend und nach der Krise fortzusetzen".

Um eine sta­bi­lere Ent­wick­lung zu errei­chen, halten es die Ökonomen für sinn­voll, die Posi­tion der Gewerk­schaften bei Lohn­ver­hand­lungen zu stärken. Dazu gehörten ein all­ge­meiner gesetz­li­cher Min­dest­lohn und die All­ge­mein­ver­bind­lich­keit von Tarif­ab­schlüssen. Leih­ar­beit müsse so gere­gelt werden, "dass sie zwar zur Bewäl­ti­gung von Auf­trags­spitzen attraktiv bleibt, jedoch nicht mehr gezielt zum Ersatz regu­lärer Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse genutzt werden kann".

Auch in der Steu­er­po­litik sei ein Stra­te­gie­wechsel not­wendig. "Dabei müssten Ver­mögen und höhere Ein­koemmen stärker belastet und untere Ein­kommen etwas ent­lastet werden." Schritte in diese Rich­tung sind aus Sicht des IMK die Ein­füh­rung einer Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer, eine höhere Erb­schafts– und eine Ver­mö­gens­steuer. Zudem könnte der Spit­zen­streu­er­satz der Ein­kom­men­steuer erhöht werden, wenn gleich­zeitig der Tarif so gestreckt würde, dass die höheren Steu­er­sätze erst bei höheren Ein­kommen erreicht werden als heute.

Pres­se­mit­tei­lung per E-​Mail von Hans-​Böckler-​Stiftung

*Gustav Horn, Katha­rina Dröge, Simon Sturn, Till van Treeck, Rudolf Zwiener: Von der Finanz­krise zur Welt­wirt­schafts­krise (III): Die Rolle der Ungleich­heit, IMK Report Nr. 41 Sep­tember 2009. Down­load: http://​www​.boeckler​.de/​p​d​f​/​p​_​i​m​k​_​r​e​p​o​r​t​_​4​1​_​2​0​0​9​.​pdf
Info­grafik zum Down­load im Böckler Impuls 13/​2009: http://​www​.boeckler​.de/​3​2​0​1​4​_​9​6​7​5​7​.​h​tml

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Kategorie » Arbeit/Gewerkschaft, International, Politik/Wirtschaft « | Tags » , , , , , , «

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