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Das Millionengeschäft

Samstag, 05. September 2009-8:38 -|- Eingestellt von: |

Von Win­fried Wolf

Geschichte. Schon vor dem Über­fall auf Polen im Sep­tember 1939 schmie­dete das mit Hitler eng ver­bun­dene Groß– und Finanz­ka­pital Kriegs­pläne. In der bür­ger­li­chen Presse ist dar­über nichts zu lesen.

Das aktu­elle Gedenken an den Beginn des Zweiten Welt­krieges wird dadurch getrübt, daß die Geschichte dieses gewal­tigen Ver­nich­tungs­feld­zugs erheb­lich »ver­kürzt« und zuneh­mend revan­chis­tisch dar­ge­stellt wird – und daß die­je­nigen, die für den Krieg in Wirk­lich­keit Ver­ant­wor­tung tragen, im dun­keln bleiben.

Die Geschichts­klit­te­rung über den Kriegs­be­ginn am 1. Sep­tember 1939 wird mit der gän­gigen Fest­stel­lung eröffnet, an diesem Tag habe auch der Krieg gegen die west­li­chen Ver­bün­deten Polens, gegen Frank­reich und Groß­bri­tan­nien, begonnen. Tat­säch­lich ließen beide Länder Polen im Stich. Sie erklärten zwar Deutsch­land den Krieg, ver­hielten sich jedoch voll­kommen ruhig.

Die US-​Regierung erklärte sogar aus­drück­lich ihre Neu­tra­lität im Krieg Deutsch­lands gegen Polen. Das Kalkül der Nazis ging auf, es kam nicht zum von ihnen gefürch­teten Zwei­fron­ten­krieg. Die groß­bür­ger­li­chen Kreise in London und Paris hofften seit Jahren und auch zu diesem Zeit­punkt noch, daß sie den deut­schen Aggres­si­ons­krieg ganz nach Osten – und auf die Sowjet­union – lenken könnten.

Dieses Vor­gehen hatte Kon­ti­nuität: Es gab keine ernst­haften Reak­tionen von Frank­reich, Eng­land oder den USA auf den 1933 begin­nenden deut­schen Auf­rüs­tungs­kurs, auf den Ein­marsch der Wehr­macht im ent­mi­li­ta­ri­sierten Rhein­land im Jahr 1936, keine wirk­samen Reak­tionen auf den »Anschluß« Öster­reichs 1938.

Im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg (1936 – 1939) blieben Frank­reich und Eng­land neu­tral und gestat­teten damit den Sieg der spa­ni­schen Faschisten, die von Berlin und Rom massiv unter­stützt wurden. Vor allem gaben der bri­ti­sche Pre­mier Arthur N. Cham­ber­lain und der fran­zö­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Edouard Dala­dier im Sep­tember 1938 auf der Münchner Kon­fe­renz Hitler grünes Licht für den Ein­marsch in die Tschechoslowakei.

Der »komi­sche Krieg«

All das pas­sierte vor dem Zweiten Welt­krieg. Und das Still­halten von Frank­reich und Eng­land sollte auch nach dem 1. Sep­tember 1939 noch wei­tere zehn Monate währen. Nicht zufällig gab es damals in Frank­reich für diese Art Krieg den Begriff »­drôle de guerre – der komi­sche Krieg«. Nicht genug damit: In den Monaten des sowjetisch-​finnischen Krieges, der in der Zeit vom 25. November 1939 bis zum 12. März 1940 geführt wurde, beschäf­tigte sich der fran­zö­si­sche Gene­ral­stab mit der Orga­ni­sa­tion von Mili­tär­ope­ra­tionen gegen die UdSSR – im Norden Finn­lands (geplantes Lan­de­un­ter­nehmen in Pet­samo) und im Süden (Plan einer per Luft beför­derten Expe­di­tion nach Baku).

Flowers placed on the monument for soldiers killed and persecuted during the Hitler and Stalin years von thaths.

Erst als am 10. Mai 1940 die Wehr­macht ihren Feldzug im Westen begann, zer­stob in Paris und London die Hoff­nung, die Naziag­gres­sion allein auf Moskau lenken zu können. Wenig später kon­trol­lierten die Armeen Hit­lers und Mus­so­linis einen großen Teil Europas. Sie hatten durch die rie­sigen Gebiets­ge­winne, durch den Zugriff auf erheb­liche wirt­schaft­liche und finan­zi­elle Res­sourcen und durch die mili­tä­ri­schen Erfolge – womit sie sich tat­säch­lich eine Mas­sen­un­ter­stüt­zung in der deut­schen Bevöl­ke­rung ver­schafft hatten – stra­te­gi­sche Vor­teile errungen, die kaum wieder wett­zu­ma­chen waren.

Hinzu kam, daß es in Frank­reich nach der Nie­der­lage der fran­zö­si­schen Armee zur Bil­dung einer Kol­la­bo­ra­ti­ons­re­gie­rung unter Mar­schall Phil­ippe Pétain kam, die von einem großen Teil des fran­zö­si­schen Bür­ger­tums getragen wurde. Dadurch konnte das Hitler-​Regime ab Sommer 1941 einen großen Teil seiner Truppen auf den Angriff im Osten konzentrieren.

Nach dem Sieg der Alli­ierten über das Nazi­re­gime kam es in Paris zu einem berühmten Treffen zwi­schen General Charles de Gaulle, dem poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Kopf der gegen die Nazis kämp­fenden fran­zö­si­schen Armee, und den füh­renden Reprä­sen­tanten des fran­zö­si­schen Bür­ger­tums. De Gaulles Worte damals: »Da sind Sie ja wieder! Aber wo, meine Herren, waren Sie wäh­rend des Krieges?«1

Ver­ant­wor­tung der Bourgeoisie

Weit wich­tiger ist bei den aktu­ellen Bei­trägen über den Beginn des Zweiten Welt­krieges, daß Roß und Reiter nicht genannt werden. Da gab es Hitler und »die Deut­schen«. Der Spiegel (35/​2009) brachte dazu am 24. August eine zwölf­sei­tige Titel­ge­schichte, über­schrieben mit »Der Krieg der Deut­schen – 1939: Als ein Volk die Welt über­fiel«. Kein Wort zum Nazi­re­gime. Kein Bild von Hitler oder einer Haken­kreuz­fahne auf dem Titel.

Statt dessen wurden dort zwei mehr oder weniger bieder wir­kende deut­sche Landser vor dem Hin­ter­grund eines bren­nenden Gehöfts abge­bildet. Es waren also »die Deutschen« – just so wie Bun­des­kanz­lerin Angela Merkel am 1. Sep­tember 2009 in Gdansk sich für »die Deut­schen und den Krieg« ent­schul­digte. Der Spiegel weiß auch zu berichten, daß »die Deut­schen über die Siege der Wehr­macht jubelten«.

Im übrigen habe man im Fall Polen irgendwie ein paar Koor­di­naten falsch berechnet – obgleich, so wird sug­ge­riert, die Grund­an­nahmen durchaus richtig gewesen seien. Das liest sich im Deut­schen Nachrichten-​Magazin wie folgt: »Adolf Hitler hatte sich (beim Über­fall auf Polen – W. W.) ver­kal­ku­liert. Und mit ihm viele Deut­schen, wie His­to­riker Overy2 schreibt; sie hielten einen Angriff auf Polen ›für sinn­voll, um die offenen Fragen zu klären‹.«

Welche offene Fragen? Der soge­nannte Kor­ridor durch Polen nach Ost­preußen? War es also eine an sich berech­tigte »offene Frage«, wenn die Nazis einen freien Durch­marsch durch Polen nach Ost­preußen for­derten? Geht es nur darum, daß dabei viel­leicht ver­sucht wurde, dieser For­de­rung mit den fal­schen Mit­teln Nach­druck zu verleihen?

So gesehen gibt es ja heute erneut »offene Fragen«. Die deut­sche Regie­rung grün­dete im Jahr 2008 trotz erbit­terter pol­ni­scher Pro­teste die Stif­tung »Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung«. Die kom­mende Bun­des­re­gie­rung soll – immerhin nach dem Willen der beiden großen Par­teien CDU/​CSU und SPD – in diesem Sinne in Bälde ein »sicht­bares Zei­chen« setzen – in Form eines Denk­mals zum Thema Ver­trei­bungen. Es wird ein »sicht­bares Zei­chen« der Rela­ti­vie­rung der deut­schen Kriegs­schuld sein. Der deut­sche Ver­nich­tungs­krieg gegen Men­schen im Krieg und durch einen Krieg wird mit den Ver­trei­bungen nach dem Krieg und wegen eines Krieges auf eine Stufe gestellt werden.

Gänz­lich uner­wähnt bleibt in nahezu allen aktu­ellen Bei­trägen die ent­schei­dende Ver­ant­wor­tung des deut­schen Groß­bür­ger­tums für diesen Krieg, also die Ver­ant­wor­tung der­je­nigen Kon­zern­eigner und Banker, die sich als deut­sche Elite ver­standen, die auch im Ersten Welt­krieg die wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Macht inne­hatten und die seit dem Ende des Zweiten Welt­krieges in West­deutsch­land bzw. seit 1990 in Gesamt­deutsch­land wei­terhin an den Schalt­he­beln der ökono­mi­schen und poli­ti­schen Macht saßen und sitzen.

Inzwi­schen gibt es zwar Dut­zende seriöse Kon­zern­ge­schichten – etwa über Daimler, über VW, über die Familie Quandt und BMW, über Kaufhof/​Quelle –, die diese Zusam­men­hänge aus­leuchten. Doch beim großen Thema der Gesamt­ver­ant­wor­tung für den Zweiten Welt­krieg bleibt dieser Aspekt weit­ge­hend aus­ge­klam­mert. Es gibt wei­terhin »das Volk«, das in diesen Berichten zuneh­mend mit den Nazis verschmolz.

hitler at the eiffel tower! von Gavin Gilmour.

So findet sich in dem bereits zitierten Spiegel-​Artikel die fol­gende Unge­heur­lich­keit: »In einer nur mäßig mani­pu­lierten Neu­wahl des Reichs­tags spra­chen sich am 29. März 1936 fast 99 Pro­zent der Wähler für die NSDAP aus.« Daß bei diesen Wahlen nur die NSDAP gewählt werden konnte, bleibt schlicht ausgeklammert.

Der Spiegel setzt noch eins drauf. Nicht nur bleibt die Ver­ant­wor­tung der deut­schen groß­bür­ger­li­chen Kreise für die Instal­la­tion des Nazi­re­gimes und für den Zweiten Welt­krieg uner­wähnt. Dar­über hinaus wird ein groß­bür­ger­li­chen Wider­stand sug­ge­riert. O-​Ton Spiegel: »Eine kleine Gruppe, zu der auch (der Heeres-​Generalstabschef – W. W.) Beck und (der zweite Mann im deut­schen Außen­mi­nis­te­rium, Ernst von – W. W.) Weiz­sä­cker zählten, planten sogar einen Putsch für den Fall eines Kriegsausbruchs.«

Groß­bür­ger­liche Unterstützung

Dazu kam es bekannt­lich nicht. Viel­mehr trugen alle groß­bür­ger­li­chen Kräfte das NS-​Regime von Anfang an, ja, sie brachten Hitler an die Macht und unter­stützten die Dik­tatur bis zu ihrem Ende. Das hatte wenig mit ideo­lo­gi­schen Aspekten zu tun, aber viel mit den kon­kreten Kriegs­zielen der Nazis, die sich mit den stra­te­gi­schen Ziel­set­zungen der deut­schen Kon­zern­bosse und Banker deckten.

Adolf Hitler wurde im Januar 1933 Reichs­kanzler, weil er den Unter­neh­mern und Ban­kern im wesent­li­chen drei Ver­spre­chen machte: Ers­tens die Arbei­ter­be­we­gung zu zer­schlagen; zwei­tens die jüdi­sche Bevöl­ke­rung aus­zu­schalten; drit­tens auf­zu­rüsten und Erobe­rungs­kriege zu führen. Und all das ver­hieß 1. Profit, 2. Profit und 3. Profit.

Dieses Pro­gramm wurde seit Anfang der 1920er Jahre und bis 1933 auf internen Treffen der NS-​Führung mit Wirt­schafts­bossen – zunächst mit ein­zelnen, dann mit Gruppen, die für das Groß­bür­gertum reprä­sen­tativ waren, vor­ge­tragen und konkretisiert.

Am 9. November 1923 gab es einen Putsch­ver­such der Nazis in Mün­chen. Dieser Akt wird gewöhn­lich als die Tat einiger Durch­ge­knallter dar­ge­stellt – da mar­schierten ein gewisser Adolf Hitler und ein General Luden­dorff mit ein paar anderen Leuten durch Mün­chen – und wan­derten prompt in den Knast. Tat­säch­lich gab es bereits damals – inmitten einer schweren poli­ti­schen Krise mit einer vor allem im Ruhr­ge­biet starken KPD – enge Bezie­hungen zwi­schen Hitler und maß­geb­li­chen Ver­tre­tern der Bourgeoisie.

Hugo Stinnes, der damals mäch­tigste deut­sche Groß­in­dus­tri­elle, stand im engen Kon­takt mit den Put­schisten. Diese Ver­bin­dungen sind über­zeu­gend in einem Tele­gramm fest­ge­halten, das der US-​amerikanische Bot­schafter am 21. Sep­tember 1923, rund sechs Wochen vor dem Putsch­ver­such in Mün­chen, an das Außen­mi­nis­te­rium in ­Washington sandte. Darin heißt es: »Stinnes kam zu mir. Er sagte mir: ›Die Ruhr und das Rhein­land müssen kapitulieren‹ – das war damals Ein­stel­lung des Ruhr­kampfes – ›wenn Deutsch­land leben soll, muß die Erzeu­gung gestei­gert werden; jedoch die deut­sche Arbei­ter­schaft werde dies nicht von selbst einsehen.

Sie müsse länger und schwerer arbeiten. (…) Er glaube jedoch nicht, daß die deut­sche Arbei­ter­schaft dies frei­willig hin­nehmen würde. Sie müsse daher dazu gezwungen werden. Des­halb, sagte er, muß ein Dik­tator gefunden werden, aus­ge­stattet mit Macht, alles zu tun, was nötig ist. So ein Mann muß die Sprache des Volkes reden und selbst bür­ger­lich sein. Und so ein Mann stehe bereit. Eine große, von Bayern aus­ge­hende Bewe­gung (…) sei nah.‹ Ich fragte ihn: ›Wie nah?‹ Und er sagte mir: ›Viel­leicht zwei bis drei Wochen entfernt. (…)

Der Bewe­gung, sagte er, würden sich alle Rechts­par­teien anschließen und eine ansehn­liche Gruppe gemä­ßigter Männer in der Mitte. Und sie würden in erster Linie den Kampf gegen den Kom­mu­nismus bedeuten, da der kom­mu­nis­ti­sche Flügel die Arbeiter zur Oppo­si­tion treibe‹. Ich fragte ihn, ob die Indus­tri­ellen sich mit der Bewe­gung ver­einen würden. Stinnes erwi­derte, daß sie das tun würden.«3

Doku­men­tiert sind auch Treffen, die es im Vor­feld des Put­sches zwi­schen dem Gene­ral­di­rektor von Hugo Stinnes, Fried­rich Minoux, mit Luden­dorff und Hitler gab. Minoux sollte im übrigen nach dem gelun­genen Putsch Mit­glied im Dik­ta­tur­di­rek­to­rium werden. Doku­men­tiert ist schließ­lich, daß ein anderer maß­geb­li­cher Groß­in­dus­tri­eller, Fritz Thyssen, Luden­dorff per­sön­lich 100000 Reichs­mark für das Putsch­un­ter­nehmen überreichte.

Bei dieser lang­fris­tigen Pla­nung in groß­bür­ger­li­chen Kreisen muß bedacht werden, daß die NSDAP damals eine Partei war, die bis 1928 im gesamten Reichs­ge­biet nie über einen Stim­men­an­teil von drei Pro­zent hin­auskam – also unge­fähr die Hälfte der Stimmen erhielt, die die NPD bei der jüngsten Land­tags­wahl in Sachsen – trotz vor­aus­ge­gan­gener Stimmenverluste – erreichte.

Die These, es sei die Welt­wirt­schafts­krise 1929 bis 1933 gewesen, die im deut­schen Groß­bür­gertum eine Wende hin zu Hitler aus­ge­löst hätten, ist dem­nach grund­falsch. Auch nach dem miß­lun­genen Putsch von Mün­chen bra­chen die Kon­takte zwi­schen groß­bür­ger­li­chen Kreisen und den Nazis nicht ab. Im Gegen­teil: Es läßt sich gerade auch für die Boom­zeiten 1925 bis 1928 dar­legen, daß sich damals die Bezie­hungen zwi­schen der ­NSDAP und den deut­schen Wirt­schafts­bossen intensivierten.

Let's Remember All Soldiers von FaceMePLS.

Tat­säch­lich, so der Faschis­mus­for­scher Rein­hard Opitz, wurde »der geschei­terte Put­schist Hitler ab Anfang 1926 in den vor­nehmsten Indus­tri­el­len­kreisen, begin­nend mit dem Ham­burger Natio­nal­club und dann der Reihe nach in Hotels und Pri­vat­häu­sern der Ruhr­in­dus­trie zu exklu­siven Vor­trägen emp­fangen, um den Herren sein Pro­gramm darzulegen«.4

Sogar der kon­krete Akt, wie Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichs­kanzler wurde, also der Vor­gang, der irre­füh­ren­der­weise als »Macht­er­grei­fung« bezeichnet wird, wurde im Detail in groß­bür­ger­li­chen Kreisen aus­ge­han­delt. Dazu gab es am 4. Januar 1933 ein Treffen der Nazi­größen Hitler, Heß, Himmler und Keppler5 in der Pri­vat­woh­nung des Ban­kiers Kurt Frei­herr von Schröder in Köln.

Das Ergebnis des Tref­fens war die »prin­zi­pi­elle Eini­gung« auf eine von Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg zu beru­fende Hitler-​Papen-​Regierung. Der Ban­kier von Schröder, der bereits seit 1931 in der NSDAP als interner wirt­schafts­po­li­ti­scher Berater aktiv war, berich­tete über dieses Treffen aus­führ­lich vor dem Nürn­berger Inter­na­tio­nalen Gerichtshof.6

Umset­zung des NS-​Programms

Das derart lang­fristig mit den tat­säch­lich in Deutsch­land Mäch­tigen abge­stimmte Pro­gramm der ­NSDAP wurde dann ab dem 30. Januar 1933 Punkt für Punkt abge­ar­beitet. Die Faschisten begannen 1933 mit der Umwand­lung der deut­schen Indus­trie – weg vom aktuell unpro­fi­ta­blen zivilen Bereich, hin zur Rüs­tung mit staat­lich garan­tierten Pro­fiten. Inter­es­sant ist das Bei­spiel der Auto­in­dus­trie – zum einen hin­sicht­lich des Aspekts, wie schnell eine solche Umwand­lung erfolgen konnte, zum anderen hin­sicht­lich der füh­renden Rolle der Deut­schen Bank dabei.

BMW und Daimler gingen binnen weniger Monate vom Autobau zum Panzer– und Flug­zeugbau über. Der Umbau der zwei Kon­zerne wurde dabei von der Deut­schen Bank durch deren Vor­stands­mit­glied Emil Georg von Stauss geleitet. Die Deut­sche Bank war damals Groß­ak­tio­närin bei den beiden Fahr­zeug­bau­un­ter­nehmen. Die Kon­zern­lei­tungen waren auch unzwei­deutig dar­über infor­miert, daß hier nicht eine Art keyne­sia­ni­sche Wirt­schafts­po­litik, son­dern daß Kriegs­vor­be­rei­tungs­po­litik betrieben wurde.

Am 8. Juli 1938, knapp 14 Monate vor Kriegs­be­ginn, hielt Her­mann Göring, für die faschis­ti­sche Luft­waffe ver­ant­wort­lich, eine Geheim­rede vor den füh­renden Ver­tre­tern der Luft­fahrt­in­dus­trie; der BMW-​Generaldirektor Franz Josef Popp und der Daimler-​Benz-​Generaldirektor Wil­helm Kissel waren anwe­send. Göring kün­digte den kom­menden Krieg mit den Worten an: »Wir befinden uns jetzt im vollen Anlauf zur Mobi­li­sie­rungs­ka­pa­zität und werden bis auf wei­teres auf Jahre hinaus von dieser Mob.-Kapazität nicht abgehen können.«7

Zu diesem Zeit­punkt hatten die neuen deut­schen Waffen bereits einen zwei­jäh­rigen Groß­test bestanden – in Spa­nien, wo deut­sche Flug­zeuge mit Daimler– und BMW-​Motoren die repu­bli­ka­ni­schen Streit­kräfte und die Zivil­be­völ­ke­rung bombardierten.

Hier kann nicht das gesamte Ausmaß des engen Zusam­men­hangs zwi­schen den Kriegs­zielen der Nazis und den Pro­fiten der deut­schen Kon­zerne und Banken dar­ge­stellt werden. Exem­pla­risch doku­men­tiert werden soll jedoch das Bei­spiel des deut­schen Über­falls auf Polen als kon­kretes Pro­jekt auch der deut­schen Wirt­schaft. Es gab in Europa wäh­rend des Welt­krieges das geflü­gelte Wort: »Nach dem ersten deut­schen Tank kam sofort die Dresdner Bank«.

So war es dann in der Tat auch beim deut­schen Angriff auf Polen. Als die Luft­waffe am 1. Sep­tember 1939 von ihrem ersten Ein­satz über War­schau zurück­kehrte, ging bereits eine 48seitige Bro­schüre der Dresdner Bank mit dem Titel »Volk und Wirt­schaft im ehe­ma­ligen Polen« in Druck. In dieser hieß es: »Die vor­lie­genden Mate­ria­lien (…) sind dazu bestimmt, unseren am Wirt­schafts­ver­kehr mit dem Osten inter­es­sierten Geschäfts­freunden zur per­sön­li­chen Unter­rich­tung über die wirt­schaft­liche Struktur (…) des neuen deut­schen Wirt­schafts­raums zu dienen.

Wie in unseren frü­heren Bro­schüren ähnli­cher Art (›Volk und Wirt­schaft im Sude­ten­land‹, ›Volk und Wirt­schaft im Reichs­pro­tek­torat Böhmen und Mähren und in der Slo­wakei‹) haben wir auch diesmal der text­li­chen Dar­stel­lung ein Ver­zeichnis der wich­tigsten Indus­trie­un­ter­neh­mungen (…) beigefügt.«8 Das Ver­zeichnis war in der Fol­ge­zeit Grund­lage für Tau­sende »Arisierungen« – für den Raub von indus­tri­ellem und finan­zi­ellem Ver­mögen durch deut­sche Firmen.

Auch die Kon­zen­tra­ti­ons­lager auf pol­ni­schem Gebiet waren eng mit wirt­schaft­li­chen Inter­essen ver­knüpft. So finan­zierte die Dresdner Bank als Haus­bank der SS den Bau und Unter­halt der Kon­zen­tra­tions– und Ver­nich­tungs­lager. Die Flug­zeug­in­dus­trie, also auch BMW und Daimler, war abhängig von der Fer­ti­gung von Syn­the­tik­benzin, das unter anderem im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Mono­witz bei Ausch­witz mit bis zu 300000 Arbeits­sklaven gewonnen wurde.

Polen und Afghanistan

Ohne Zweifel ist heute vieles anders. Doch es gibt auch beängs­ti­gende Par­al­lelen. Es gibt eine tiefe Krise im Bereich der zivilen Fer­ti­gung. Gleich­zeitig melden alle deut­schen Rüs­tungs­be­triebe – Rhein­me­tall, Krauss-​Maffei, Diehl, Thyssen, EADS – einen Anstieg der Pro­fite. Oft zeigt sich dieser Dop­pel­cha­rakter von zivil und mili­tä­risch in ein– und dem­selben Kon­zern. Der zivile Bereich von Airbus/​EADS wird der­zeit voll von der Krise der zivilen Luft­fahrt erfaßt. Gleich­zeitig beschlossen die auf­trag­ge­benden euro­päi­schen Regie­rungen, den eben­falls bei EADS gefer­tigten Mili­tär­trans­porter A400M noch stärker als bisher geplant zu subventionieren.

Wäh­rend Linke und Ökologen die Konver­sion zu nach­hal­tiger Indus­trie for­dern, wird also viel­fach längst wieder der Wechsel zu mehr Rüs­tung betrieben. Afgha­nistan ist nicht nur ein poli­ti­scher Test, was bereits wieder machbar ist. Das Land dient auch als Test­ge­biet für neue deut­sche Waffen: für EADS-»Kampfdrohnen« und dem­nächst für den neuen »ket­ten­ge­trie­benen Pan­zer­mörser Wiesel 2«, gefer­tigt vom Rüs­tungs­kon­zern Rheinmetall.

In Afgha­nistan wird die Bun­des­wehr – die 1999 in Jugo­sla­wien ihren ersten Groß­ein­satz in der Luft hatte – erst­mals am Boden als Angriffs­armee ein­ge­setzt. In einem Bericht in der Finan­cial Times Deutsch­land vom 18. Juni 2009 zur Lage vor Ort wird Hans-​Christoph Groh­mann, der Anführer der Schnellen Ein­greif­truppe, bei der Vor­stel­lung eines Bun­des­wehr­of­fi­ziers mit den Worten zitiert: »Das ist der erste (deut­sche – W. W.) Ober­leut­nant, der nach 1945 eine Infan­te­rie­kom­panie im Angriff geführt hat.«

Erfolg­reich getestet wird auch der Zusam­men­hang zwi­schen sozialer Krise und Kriegs­be­reit­schaft: 62 Pro­zent der Bun­des­wehr­sol­daten in Afgha­nistan stammen aus den neuen Bun­des­län­dern: In den Regionen, wo die Arbeits­lo­sen­quote dop­pelt so hoch wie in West­deutsch­land ist, melden sich – gemessen an der gesamten Bevöl­ke­rung – fast dreimal mehr Sol­daten zu Kampf­ein­sätzen als im übrigen Bun­des­ge­biet. Das fort­schritt­liche katho­li­sche Blatt Publik Forum (15/​2009) rech­nete nüch­tern vor: »Bei vier Monaten (Afghanistan-​Einsatz – W. W.) macht das mehr als 13000 Euro zusätz­lich (zum Grund­sold – W. W.).«

Wichtig ist, was bisher nicht erreicht wurde: Eine Zustim­mung in der Bevöl­ke­rung zur Mili­ta­ri­sie­rungs­po­litik. Im Gegen­teil: 2007 for­derten 55 Pro­zent der deut­schen Bevöl­ke­rung einen »mög­lichst schnellen Rückzug« aus Afgha­nistan. Im Juli 2009 waren es 69 Prozent.

Wie prag­ma­tisch für die Kapi­ta­listen die Frage zivile Fer­ti­gung oder mili­tä­ri­sche Pro­duk­tion ist, ver­deut­lichte Her­mann Göring in der bereits zitierten Rede vor den Füh­rungs­leuten der Auto– und Flug­zeug­in­dus­trie. »Des­halb möchte ich noch­mals die innige Bitte an Sie richten, meine Herren: Fühlen Sie sich als Indus­trie, die (…) mit der Luft­waffe bis ins Letzte ver­bunden ist. (…) Was bedeutet Ihr Werk gegen­über der Nation? Was bedeutet das alles, wenn Sie eines Tages statt Flug­zeuge Nacht­töpfe machen! Das ist ja einerlei.«

Quelle: Junge Welt

Quelle Bild oben: von thaths via Flickr. CC Pixelio

Quelle Bild mitte: von Gavin Gil­mour via Flickr. CC Lizenz

Quelle Bild unten: von Face­MePLS via Flickr. CC Lizenz

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde von “Junge Welt” geneh­migt. Vielen Dank !

Anmer­kungen
1 Zitiert bei Jean Ell­ein­stein, Geschichte des Sta­li­nismus, Berlin 1977 (VSA), S. 137
2 Gemeint ist der bri­ti­sche His­to­riker Richard Overy
3 Doku­men­tiert bei Rein­hard Opitz, Libe­ra­lismus – Faschismus – Inte­gra­tion, Band II: Faschismus, Mar­burg 1999, S. 231 f.
4 Ebd., S. 232
5 Die Rede ist vom Beauf­tragten für Wirt­schafts­fragen Wil­helm Keppler
6 Ein aus­führ­li­cher Bericht über den Zusam­men­hang zwi­schen dem 4.1.1933 und dem 30.1.1933 findet sich bei Rein­hard Opitz, a.a.O., S. 264 ff.
7 Wie­der­ge­geben im OMGUS-​Report der Mili­tär­re­gie­rung der Ver­ei­nigten Staaten für Deutsch­land »Ermitt­lungen gegen die Deut­sche Bank«, Nörd­lingen 1985, S. 149
8 OMGUS-​Report … »Ermitt­lungen gegen die Dresdner Bank«, Nörd­lingen 1986, S. 125

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Ein Kommentar

  1. 1

    Kommentar ohne Gravatar

    David R L Litchfield 05.09.2009 um 12:13 Uhr

    Eine der wich­tigsten poli­ti­schen Größen in diesem Kom­plex ist Thyssen. Die Thyssen Familie und Thys­sen­Krupp haben Ihre His­torie 60 Jahre lang sys­te­ma­tisch geklit­tert und andere dazu ver­leitet, ihre Geschichts­klit­te­rung zu akzep­tieren. Schluss­end­lich aber gab ein Thyssen-​Familienmitglied meiner Part­nerin Caro­line Schmitz und mir Zugang zu Privat– und Geschäfts­ar­chiven und ermög­lichte uns, die wahre Geschichte zu erzählen. Das Buch heisst 'Die Thyssen-​Dynastie. Die Wahr­heit hinter dem Mythos' und ist im Oktober 2008 im ass­oVerlag Ober­hausen erschienen. Auf Amazon kann man die Inhalts­an­gabe ein­sehen.
    Freund­liche Grüße, Litch­field & Schmitz, http://​www​.david​rl​litch​field​.com