Interview: Gitta Düperthal | Junge Welt
Die zahlreichen Impfgegner durchschauen, daß die »Schweinegrippe« eine milde Erkrankung ist. Gespräch mit Wolfgang Becker-Brüser.
Die Impfaktion gegen die sogenannte Schweinegrippe ist Anfang der Woche angelaufen. Wie haben Sie sich als von der Pharmaindustrie unabhängiger Informationsdienst damit befaßt?
Wir begleiten die Entwicklung dieser Impfung von Beginn an. Wir haben auch Nutzen und Schaden gegeneinander abgewogen – und sind zur Erkenntnis gekommen, daß letzterer überwiegen wird. Es gibt zwei Impfstoffe: Pandemrix vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline wird konventionell auf Hühnereier gezogen und anschließend mit Wirkverstärkern versetzt.
Diese Verstärker haben einen Nachteil: Sie forcieren nicht nur die erwünschten, sondern auch die unerwünschten Wirkungen; beispielsweise zu 90 Prozent Schmerzen an der Injektionsstelle, sehr häufig Kopf- und Gelenkschmerzen – zu 20 Prozent tritt Schüttelfrost auf. Der zweite Impfstoff, Celvapan von Baxter, wird auf tierischen Zellkulturen gezüchtet. Das ist ungebräuchlich bei Grippe-Impfstoffen, es gibt damit kaum Erfahrungen.
Im europäischen Zulassungsbericht werden gerade mal 800 Probanden erwähnt, eine unzureichende Größenordnung. Celvapan ist für Politiker und Bundeswehr vorgesehen, Pandemrix wurde für bis zu 50 Millionen Deutsche gekauft. Beide Stoffe sind nicht empfehlenswert. In den USA hat man hingegen in weiser Voraussicht ausschließlich die besser verträglichen und konventionell produzierten Impfstoffe ohne Wirkverstärker bestellt.
Man könnte fast das Gefühl bekommen, je aggressiver Politiker vor der Krankheit warnen, desto mehr schwindet die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Bei einer Umfrage der AOK Hessen entschieden sich 60 Prozent der Befragten dagegen.
Da schlägt der gesunde Menschenverstand durch. Die meisten Bürger durchschauen offenbar, daß es sich um eine milde Erkrankung handelt.
Transparency International wirft Fachleuten vor, die diese Impfung empfohlen haben, sie seien durch ihre Kontakte zu Pharma-Firmen in massive Interessenskonflikte verwickelt. Spielt Korruption eine Rolle?
Einflüsse pharmazeutischer Unternehmen auf Entscheidungsträger lassen Bedenken aufkommen. Beispielsweise ist die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut überwiegend mit Experten besetzt, die zum Teil beträchtliche Verbindungen zur Pharmaindustrie haben.
Einerseits ist das nachvollziehbar, weil sie in dem Bereich arbeiten und naturgemäß solche Kontakte haben, andererseits können sie dann nicht unvoreingenommen entscheiden. Im Zweifelsfall werden sie pro Impfung plädieren und nicht Bedenken nachgehen, die aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes relevant sind.
Was ist davon zu halten, wenn die EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou vor »einer erheblichen Zahl« von Toten warnt?
Man muß die Zahl in die richtige Relation setzen. In Deutschland sind Todesfälle durch Schweinegrippe bisher an einer Hand abzuzählen, im Winter könnten es allerdings mehr werden. Andererseits sterben jedes Jahr an der Wintergrippe bis zu 30000 Menschen –beziehungsweise wird deren Tod damit in Verbindung gebracht.
Die Kommissarin hat vor möglichen wirtschaftlichen Folgen gewarnt, vor Konjunktureinbrüchen in der Tourismus- und Freizeitbranche.
Das ist Panikmache. Man müßte eher wegen der erheblichen Nebenwirkungen der Impfung Alarm schlagen: Wenn Menschen eventuell reihenweise nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können, weil etwa ihr Arm geschwollen ist, und sie ihn nicht mehr richtig bewegen können.
Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor Impfstoffmangel in Entwicklungsländern. Handeln diese UN-Experten etwa auch im Interesse der Pharmaindustrie?
Ich kenne ihre Interessenskonflikte nicht im Detail – aber sie arbeiten mit Argumenten, die am Kern vorbeigehen. Das Problem der Länder der Dritten Welt ist nicht die Schweinegrippe. Eine Journalistin aus der Ukraine sagte zum Beispiel zu mir: Dort sei das kein Thema, geimpft werde auch nicht – man schlage sich aber mit Tuberkulose herum.
Daß wir Schwellenländern angeblich die Impfstoffe wegnehmen, geht völlig an der Realität vorbei – sie könnten sie gar nicht bezahlen.
(Wolfgang Becker-Brüser ist Arzt, Apotheker und Herausgeber vom Arznei-Telegramm, einem unabhängigen Informationsdienst für Ärzte und Apotheker)
Quelle: Junge Welt
Quelle Bild: von tommyS via Pixelio
Die Veröffentlichung wurde von “Junge Welt” genehmigt. Vielen Dank !













