Am Dienstag, den 10.11.2009 wird Wolfgang Lieb, promovierter Jurist, Mitherausgeber der Nachdenkseiten und als SPD Mitglied ehemaliger Staatssekretär im Wissenschaftsministerium von NRW, in Koblenz einen Vortrag zum Thema „Drahtzieher hinter den Kulissen – Der Einfluss der Bertelsmannstiftung auf die Hochschulen“ halten.
Zwar werde ich nicht zugegen sein (hoffentlich wird der Vortrag online zur Verfügung gestellt), aber angesichts der nach Österreich bald auch in Deutschland anstehendenden erneuten Proteste gegen das Bildungssystem, ist das ein willkommener Anlaß sich mit den Akteuren und Strippenzieher gerade hinter den Reformen im Bildungsbereich auseinander zu setzen.
Dabei werde ich versuchen die unendliche Fülle an Materialien zu Bertelsmann so zu bündeln, dass auch ohne allzu ausführlich zu werden, ein bleibender Eindruck von Bertelsmann und seinen Aktivitäten bleibt.
Auch wenn ich als Absolvent eines Gymnasiums in NRW gerade zu der Zeit als Herr Lieb dort als Staatssekretär verantwortlich war nicht unbedingt überzeugt von der Bildungspolitik der SPD bin, gebührt den Aktivitäten der Bertelsmann Stiftung zweifelos große Aufmerksamkeit.
Ihre Aktivitäten illustrieren auf eindrucksvolle Weise, dass Einfluß auf gesellschaftliche Institutionen ausgeübt werden kann und welche Mechanismen dabei wirken (zumindest gilt das in Deutschland und für wenigstens den Bildungsbereich) und wie diese als Instrumente der Bevölkerungskontrolle (vgl. Foucaults Biopolitik) eingesetzt werden.
Beginnen möchte in den ersten beiden Teilen dieser mehrteiligen Serie mit einem Überblick über den in Göttingen ansäßigen Konzern Bertelsmann und seine strukturellen Verflechtungen und Beteiligungen an Unternehmen aus Musik, Print, Presse, Funk, Fernsehen und Internet.
Auch die wichtigsten und verantwortlichen Personen sollen kurz vorgestellt werden und ihre Verflechtungen nachgezeichnet werden. In den weiteren Teilen wird dann der Fokus auf dem Einfluß von Bertelsmann beim Thema Bildung liegen, sowie auf den konkreten Protesten gegen Bertelsmann (wie eine Besetzung der Zentrale in Berlin).
Zwar gibt es noch viel mehr über Bertelsmann zu berichten (beispielsweise die Verbindungen zum CAP, dem Centrum für angewandte Politikforschung oder zur INSM, der Initiative Soziale Marktwirtschaft) aber an dieser Stelle soll nur ein knapper Einblick erfolgen, der zur eigenen weiteren Nachforschungen anregt.
Eins scheint aber sicher: Ob Meinungsmacht oder Medienmanipulation, eine Vielzahl von Vorwürfen ist gegen den Informationskonzern erhoben worden und man könnte von Deutschland fast schon von einer Mohnarchie sprechen…
Bertelsmann, der Informationskonzern Quelle: Uni-Halle, as-journal
Wiebke Priehn und Alexander Brabandt haben in der Trend Onlinezeitung im Februar 2009 in einem detaillierten Artikel zu den Machern hinter Bertelsmann deren Hintergründe und Interessenlage herausgearbeitet:
„(Achtung: Die nachfolgend zusammengetragenen Informationen beziehen sich auf den Stand von Juni 2008 – soweit nicht anders angegeben. Seither hat sich im Bertelsmann-Komplex einiges verändert, z. B. wurde die Bertelsmann Music Group (BMG) abgestoßen.
Gleichwohl bietet der Text eine exemplarische Übersicht über die in diesem Komplex organisierten Interessen und Abhängigkeiten.) „Unerwarteter Weise ist Bertelsmann, trotz seiner Publizität in allen Medien, eine unbekannte deutsche und europäische Großmacht.
Und zwar als Medienkonzern und als politische Großmacht. [...] Alle schwierigen Entscheidungen werden vorabgesprochen in den Elitenetzwerken aus Parteien und Konzernen. Das ist in gewisser Weise eine Privatisierung der Politik.“ (Frank Böckelmann, SZ vom 27.9.2004)
Die Bertelsmann AG, Europas größter Medien- und Informationskonzern, gehört mehrheitlich der operativ tätigen Bertelsmann Stiftung. Mit dieser Kombination hat Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn einen beispiellosen Macht- und Einflussapparat geschaffen, der in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geriet.
Wer hat dort heute das Sagen? Das Organigramm zeigt eine durchgängige Top-Down-Struktur, in der Verantwortliche im Bertelsmann-Komplex ein Gesicht bekommen. Es stellt sich die Frage nach der persönlichen Haftung jener Personen, die sich in den Dienst dieses Systems stellen, für den Schaden am Gemeinwohl, den der Bertelsmann-Komplex anrichtet.
Das Schaubild „Organigramm Bertelsmann“ zeigt: Die Familie Mohn besitzt zwar nur 23,1 Prozent Kapitalanteile der Bertelsmann AG, kontrolliert aber sowohl die von den zuständigen Aufsichtsbehörden bisher als gemeinnützig eingestufte Stiftung als auch den gewinnorientierten Konzern (siehe auch PDF-Datei). Gemeinsam mit einer Handvoll ausgewählter Wirtschaftsführer beherrscht die Mohn-Familie ihr Imperium und arbeitet an seiner Ausweitung.“
Quelle: www.anti-b.de (öffnet sich als PDF)
Die wichtigsten Person im Unternehmen ist die einstige Telefonist in Elisabeth „Liz“ Mohn, die Reinhard Mohn 1982 heirate und bis in die Konzernspitze aufstieg und die nach einhelliger Medienmeinung nun alle Macht auf sich vereint :
„Danach soll Liz Mohn bis zum Alter von 75 Jahren Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG) und Sprecherin der Familie bleiben. Die BVG ist die eigentliche Machtzentrale des Konzerns. Liz Mohn hat ein Vetorecht bei der BVG und kann damit alle Entscheidungen blockieren. Sie darf selbst bestimmen, wer ihr in sieben Jahren nachfolgt.
Entgegen anderslautender Vermutungen ist noch nicht ausgemacht, dass ihre Tochter Brigitte eines Tages das Zepter in der Hand halten wird. Vielmehr scheint auch ihr Bruder Christoph Mohn eine Chance zu haben: Er übernimmt die Sitze seines Vaters in der BVG und im Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung.“
Aber auch die beiden Kinder Brigitte (s.o.) und Christoph Mohn haben Mitsprechemöglichkeiten:
„Er studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und arbeitete ab 1990 für die Bertelsmann Music Group (BMG) in Hong Kong, später in New York. 1994 wechselte er für zwei Jahre zu der Unternehmensberatung McKinsey in Düsseldorf mit Zuständigkeiten in den Bereichen Elektronik und Telekommunikation. 1996 kehrte Christoph Mohn nach Gütersloh zurück als Vizepräsident der Bertelsmann-Tochter Telemedia.
1997 wurde er Chef des Internetportals Lycos Europe, an dem er sich auch finanziell beteiligte. Seit November 2006 ist er Mitglied des Aufsichtsrats der Bertelmann AG. Von 2001 bis 2007 war er Mitglied der BVG. Christoph ist mit Shobna Mohn verheiratet. Die aus Indien stammende Mathematikerin arbeitet in der Bertelsmann AG als Vice President Investor Relations. Gemeinsam haben sie zwei Töchter.“
Der FAZ zufolge (s.o.) „wahrt die Familie ihren Einfluss in dieser Machtzentrale, indem Christoph Mohn die Position seines Vaters in der BVG übernimmt“. Mehr zur BVG wissen Priehn und Brabandt zu berichten:
Die Bertelsmann-Gesellschafter: BVG – Halterin der Aktienstimmrechte der Bertelsmann AG
Der Bertelsmann-Konzern ist eine nicht-börsennotierte Aktiengesellschaft, d. h. die Aktien werden nicht öffentlich gehandelt. Die Bertelsmann Stiftung (76,9 %) und die Familie Mohn (23,1 %) halten ihre Bertelsmann-Aktien jeweils über Zwischengesellschaften.
Die Stimmrechte in der Hauptversammlung der Bertelsmann AG, dem höchsten Organ der Aktiengesellschaft, werden gemeinsam für beide Anteilseigner zu 100 % von der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG) ausgeübt. Hier dominiert die Familie Mohn. Wie die Stimmrechte der BVG in der Hauptversammlung ausgeübt werden, entscheidet die Gesellschafterversammlung der BVG, deren Vorsitzende Liz Mohn ist.
Weitere Gesellschafter sind Reinhard und Brigitte Mohn, sowie der Aufsichtsratschef und ehemalige Vorstandsvorsitzende von BASF Jürgen Strube und der ehemalige Thyssen-Chef Dieter H. Vogel, der gleichzeitig dem Kuratorium der Bertelsmann Stiftung vorsitzt.
Die fünf Gesellschafter der BVG bestellen die derzeit 15 Aufsichtsratsmitglieder von Europas führendem Informationskonzern Bertelsmann. Damit gehören sie zu den mächtigsten Menschen der Welt.
Der Aufsichtsrat der Bertelsmann AG
Der Aufsichtsrat wiederum bestellt die Mitglieder des Vorstands, der Bertelsmann-Unternehmensleitung, und überwacht und berät ihn in wichtigen Geschäftsvorfällen. Im Aufsichtsrat finden sich bis auf Dieter H. Vogel alle Gesellschafter aus der BVG wieder:
Reinhard Mohn, der dem Gremium als Ehrenvorsitzender angehört, Jürgen Strube, der den stellvertretenden Vorsitz inne hat, und als einfache Mitglieder Liz und Brigitte Mohn. Den Mohn-Clan vervollständigt Brigittes Bruder Christoph, Chef der Bertelsmann- und Telefonica-Tochter Lycos Europe.
Geleitet wird der Aufsichtsrat von Gunter Thielen, der gleichzeitig Vorstandvorsitzender der Bertelsmann Stiftung ist, und damit die letzte Stufe der Bertelsmann-Karriereleiter erklommen hat. In diese beiden Positionen wechselte Thielen Anfang 2008, nachdem er den Chefposten der Bertelsmann-AG aus Altersgründen mit 65 Jahren an seinen jüngeren Nachfolger Hartmut Ostrowski abgeben musste.
Thielen kam ursprünglich aus dem ludwigshafener Chemie-Konzern BASF (Ex-IG-Farben), machte dann aber Karriere in Bertelsmanns Unternehmensbereich Druck- und Industriebetriebe, der ab 1999 unter dem Namen „Arvato“ firmierte.
Aus diesem Bereich rekrutieren sich bei Bertelsmann traditionell die Unternehmenschefs, wie auch Hartmut Ostrowski. Nach Erreichen der Altersgrenze von 60 Jahren rücken die Bertelsmann-Vorstandschefs üblicherweise auf den Aufsichtsratsvorsitz des Konzerns und auf den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann Stiftung.
Ursprünglich hatte Thielen nach den Vorstellungen von Reinhard Mohn direkt von Arvato zur Bertelsmann Stiftung wechseln sollen. So wurde er zwischenzeitlich bereits ab Oktober 2001 auf Vorsitz von Kuratorium und Präsidium der Stiftung berufen und gleichzeitig auf den Vorsitz der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG).
Thielen, der neben seiner Tätigkeit für den Konzern schon länger den Vorsitz des Stiftungspräsidiums inne hatte, ordnete binnen kurzer Zeit die Stiftung neu und legte ihre Grundsätze für die nächsten Jahre fest. Als Kernthemen wurden die fünf Bereiche Bildung und Kultur, Wirtschaft und Soziales, Gesundheit, Internationale Verständigung sowie Demokratie und Bürgergesellschaft geschaffen.
Doch 2002 musste der 60-jährige für den unverhofft ausscheidenden Bertelsmann-Chefmanager Thomas Middelhoff einspringen. Sein Nachfolger an der Stiftungsspitze wurde der Marketing-Professor Heribert Meffert, der vorher bis zu seiner Emeritierung das Institut für Marketing an der Universität Münster geleitet hatte und dem Hause Bertelsmann schon seit längerem verbunden war.
Als Bertelsmann-Chef hatte Thielen 2004 die Idee zur umstrittenen „Social-Marketing“-Kampagne „Du bist Deutschland“, als Beitrag zu einem „unverkrampften Patriotismus in Deutschland“ (Lars Cords, Kampagnensprecher). Thielen wurde 2005 vom American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) an der Johns-Hopkins-Universität zum „Global Leader“ gekührt. Bertelsmann ist Sponsor dieser Lobbygruppe mit Sitz in Washington.
Thielen ist Mitglied im Beirat des Atlantic Council of the United States, einer weiteren Einflussgruppe aus Washington D.C. Er ist seit Mai 2008 Mitglied des Aufsichtsrats von Sanofi Aventis (Sanofi Aventis: Pharma, Beteiligung durch L´Oréal: 8,7 %).
Das deutsch-französische Unternehmen entstand 2004 aus der Fusion von Sanofi-Synthélabo und Aventis, seinerseits 1999 aus einer Fusion der Pharmasparten von Hoechst Marion Roussel AG (ehemals Hoechst AG) und Rhône-Poulenc hervorgegangen.
Mit einem Umsatz von 28,052 Mrd. Euro und ca. 100.000 Mitarbeitern in mehr als 100 Ländern gehört Sanofi Aventis nach Pfizer und GlaxoSmithKline zu den größten Pharmaunternehmen der Welt.
Soviel für den Einstieg, der schon interessante Dinge zu Tage fördert: Die Familie, die Rolle der Stiftung und einige der wichtigsten Köpfe. Den komplexeren Strukturen um den Konzern werde ich mich im nächsten Teil ebenfalls mit Hilfe von Brabandt und Priehn widmen. Dabei werden auch die Mitgliedschaften der Verantwortlichen in diversen globalen politökonomischen Zirkeln wie den Bilderbergern und der Trilateralen Kommision eine Rolle spielen.
Quelle: Politeia
Dieser Artikel ist unter einer CC-Lizenz lizenziert.



„Er studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und arbeitete ab 1990 für die Bertelsmann Music Group (BMG) in Hong Kong, später in New York. 1994 wechselte er für zwei Jahre zu der Unternehmensberatung McKinsey in Düsseldorf mit Zuständigkeiten in den Bereichen Elektronik und Telekommunikation. 1996 kehrte Christoph Mohn nach Gütersloh zurück als Vizepräsident der Bertelsmann-Tochter Telemedia. 














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