Der Freitod eines Torwarts und die Ethik
Mittwoch, 11. November 2009-17:11 -|- Eingestellt von: Julie |
Jens Berger | Der Spiegelfechter
Als am gestrigen Abend die Meldung vom Freitod des deutschen Fußball-Nationaltowarts Robert Enke über die Ticker ging, ließ sich bereits erahnen, welche Vorstellung ab heute im Medienzirkus gegeben wird.
Der bedauerliche Freitod eines jungen Mannes, der offensichtlich dem horrendem Druck des Profisports nicht mehr gewachsen war, verkauft sich natürlich gut.
Wer in den Medien nun auf einen Funken Selbstkritik wartet, der wartet freilich vergebens. Auch die Verantwortlichen aus dem Umfeld des Fußballs trauern auffällig laut – auch hier, keine Spur von Selbstkritik. Stattdessen wird der Voyeurismus des Pöbels schamlos bedient.
Diese Art des Sensationsjournalismus verkauft sich anscheinend so gut, dass die Medien ihre selbst aufgestellten Richtlinien für solche Todesfälle über Bord werfen und schamlos mit einer menschlichen Tragödie Auflage und Reichweite machen. Dabei werden nicht nur nahezu alle Empfehlungen von psychologischen Sachverständigen missachtet, die aktuellen Artikel der „Qualitätsmedien“ gleichen vielmehr 1:1 der Negativliste, wie man es nicht machen sollte.
Die mangelnde Ethik der Medien hat ist dabei nicht nur medientheoretisch anstößig, sie wird – da sind sich die Fachleute einig – auch Todesopfer fordern. Der Fall Enke ist nämlich ein Lehrbuchbeispiel für den sogenannten „Werther-Effekt“.
Die Leiden des jungen Werther
Robert Enke war nicht nur ein sensibler Spitzensportler, er war auch ein Sympathieträger, der für viele Fußballanhänger eine Vorbildfunktion hat. Genau dieser Umstand macht aus der Berichterstattung über den Freitod des Sportlers ein Politikum. In dem Fachaufsatz „Selbstmord als Nachahmungstat“ beschreibt Psychologieprofessor Volker Faust die Problematik wie folgt:
Suizide von Prominenten haben eine ggf. ernstzunehmende Sogwirkung, wenn darüber entsprechend berichtet wird. Dieser Effekt wird umso deutlicher, je bekannter, sympathischer und beliebter die durch eigene Hand verstorbene Person ist.
Als Johann Wolfgang von Goethe 1774 seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlichte, zog dies eine Reihe von Selbstmorden nach sich, die in ihrer Inszenierung durch Goethes Protagonisten inspiriert waren, der sich im Roman aus Liebeskummer das Leben nimmt. Damals sprach man von einem „Werther-Fieber“, heute spricht man in den Medienwissenschaften vom „Werther-Effekt“.
Als erster Wissenschaftler stellte der amerikanische Soziologe David Philipps in den 70ern Zusammenhänge zwischen der medialen Berichterstattung über Suizide prominenter Persönlichkeiten und Nachahmungstätern fest. Ob und in welcher Art die Medien eine Mitverantwortung für solche Folgetaten tragen, ist schwer zu beantworten. In Wien gibt es seit über 10 Jahren ein „Gentlemen´s-Agreement“ zwischen den lokalen Medien und den Wiener Verkehrsbetrieben.
Seit nicht mehr über Suizide in der Wiener U-Bahn berichtet wird, ist die Zahl der Selbstmorde um rund 50% gesunken. Auch im Presskodex der deutschen Pressrats verpflichten sich die Printmedien zu einer „zurückhaltenden Berichterstattung“ bei Suiziden – wenn das öffentliche Interesse an einem solchen Fall allerdings auch eine wirtschaftliche Kompetente beinhaltet, gelten derlei hochmoralische Schwüre in der modernen Presselandschaft allerdings offensichtlich nicht mehr.
Das Versagen der „Qualitätsmedien“
Ein Blick in die Online-Sektionen deutscher Printmedien offenbart die mediale Ohnmacht. Wo man auch hinschaut – es wird spekuliert, was das Zeug hält.
Die Negativliste aus den Medienempfehlungen der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“ beschreibt die Berichterstattung der „Qualitätsmedien“ wohl am besten:
- Ein Suizid sollte nicht als Aufmacher auf der Titelseite erscheinen. Geschenkt, bis auf die FTD erschien heute kein einziges Publikumsmedium mit einem anderen Thema als Aufmacher.
- Es sollten weder Fotos noch Dokumente wie der Abschiedsbrief publiziert werden. Natürlich wäre es naiv, anzunehmen, dass eine Berichterstattung über den Freitod eines Sportstars ohne Foto auskäme. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Abschiedsbrief nicht in den nächsten Tagen 1:1 von der BILD-Zeitung abgedruckt wird, geht derweil allerdings gegen Null.
- Der Suizid sollte nicht als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion dargestellt werden oder als alternativlos dargestellt werden. Im Falle Enke hatten die lieben Kollegen der schreibenden Zunft bereits am gestrigen Abend nichts Besseres zu tun, als den Freitod als nachvollziehbare Reaktion auf den Tod seiner Tochter darzustellen.
- Die Suizidmethode und der Ort des Suizids sollten weder detailliert beschrieben, noch abgebildet werden. „Natürlich“ weiß heute ganz Deutschland ganz genau, an welchem Ort sich Robert Enke wie umgebracht hat. Selbst komplett irrelevante Details werden in den Rang einer Sondernachricht gehoben.
Den „Qualitätsmedien“ geht es nicht um eine pietätsvolle Berichterstattung, die den berechtigten Informationsbedarf der Leser genüge tut, es geht um eine sensationsheischende Berichterstattung, bei der es keine Tabus gibt. Schon gar nicht geht es den Medien um Suizidpräventation. Es wäre nach wissenschaftlichen Erkenntnissen über den „Werther-Effekt“ naiv anzunehmen, dass die Berichterstattung im Fall Enke keine Nachahmungstäter finden wird.
Suizidgefährdete sind oft extrem labil und bereits der kleinste Funke kann ausreichen, um eine verhängnisvolle Reaktion auszulösen. Die Verantwortung der Medien ist allerdings in Zeiten der rückläufigen Auflagen und Werbeerlöse anscheinend zu einem Thema für Sonntagsreden verkommen.
Spiegel-Online, Welt und die Süddeutsche bieten ihren Lesern sogar die Möglichkeit eines virtuellen „Kondolenzbuches“. Welche Funktion soll ein solcher „Klickfänger“ haben, außer der Verbesserung der werberelevanten Page-Impressions? Natürlich hat das Volk immer Interesse an pikanten und auch an pietätslosen Details – aber als Journalist muss man auch einmal eine Grenze ziehen.
Es kann nicht sein, dass alles der Sensationsgier des Pöbels unterworfen wird. Auch die anderen hinlänglich bekannten „Klickfänger“ wurden bei der Berichterstattung über den Freitod Enkes an den Start gebracht – belang– und endlose Fotostrecken, hilf– und ratlose Kommentare und sinn– und pietätslose Forenbeiträge.
Wenn sogar ein großer Teil der ansonsten nicht eben zartbesaiteten SPON– und WELT-Forennutzer lautstark fordert, die Foren zu diesem Thema aus Pietätsgründen zu schließen, sollte dies den Anbietern eigentlich zu denken geben. Auf einen solchen Denkprozess müssen wir allerdings wahrscheinlich noch sehr lange warten.
Zeit zum Nachdenken
Dabei gebe es mannigfaltige Ansätze, wie man den Freitod von Robert Enke verantwortungsvoll angehen könnte. Warum findet man in den „Qualitätsmedien“ beispielsweise keinen Beitrag, in dem das Thema „Depressionen und Suizidgefahr“ einmal enttabuisiert wird? Robert Enke war nicht der einzige an Depressionen Erkrankte, der sich scheute, sein Arbeitsumfeld und die Öffentlichkeit einzuweihen.
Wie viele Ärzte, Manager oder auch “kleine” Angestellte leiden an Depressionen und haben Angst, im alltäglichen Wettkampf um die berufliche Existenz ausgesondert zu werden, wenn Details über ihre Erkrankung bekannt werden? Es ist unsere Gesellschaft, die psychische Leiden tabuisiert, die in irgendeiner Form signalisieren, dass der Erkrankte im harten Konkurrenzkampf um den Arbeitsplatz nicht mithalten kann.
Vor allem im Profi-Fußball, einem Umfeld in dem bis heute sogar Homosexualität immer noch tabuisiert wird, gelten hier verschärfte Bedingungen. In einer Männergesellschaft, in der jede Regung der Seele als Schwäche ausgelegt wird, gelten auch Depressionen als Tabu, wie der Fall „Sebastian Deisler“ beweist.
Ich bin vielleicht empfindsam, aber nicht empfindlich, schon gar nicht schwach, wie viele denken. Ich, schwach? Ich war 19, 20, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten. Ich allein.
[…]
Wenn man sich einige dieser Journalisten genau anschaut, sagt man sich: Das ist ja ein Wahnsinn, dass die alles über mich schreiben dürfen! Diese Oberflächenschwimmer! Einige von denen haben keine Ahnung, kein Gewissen, aber die Macht, für Millionen Menschen ein Bild von mir zu zeichnen.Und wenn man dieses Spiel nicht mitspielt, wenn man ihren Ansprüchen nicht folgt, ist man derjenige, der als nicht normal gilt. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war.
Sebastian Deisler
Sebastian Deisler hat die Reißleine ziehen können, als er erkannte, dass er am harten Profifußballgeschäft zerbrach. Deisler war nicht schwach, er war stark. Zu erkennen, dass man an den Anforderungen des Umfelds zerbricht, ist Stärke. Sich hingegen von seinem Umfeld verbiegen zu lassen, ist Schwäche.
Enke war anscheinend nicht so stark wie Deisler, er hat den Absprung aus einer seelischen Abwärtsspirale nicht geschafft. Anstatt über die Umstände des Freitods des Torwarts zu spekulieren, sollte dieser tragische Todesfall ein Startsignal dafür sein, Themen wie Depression und das Scheitern an gesellschaftlichen Ansprüchen zu thematisieren.
The games must go on
Stattdessen bläst Deutschland zur kollektiven Trauer. Fußballfans, die Robert Enke mit Gegenständen beschmissen hätten, wenn er sportlich versagt hätte, und die ihn von den Rängen als Weichei verhöhnt hätten, wenn er sich aufgrund seiner Depressionen eine Auszeit genommen hätte, fragen sich nun lautstark „warum?“. Ja, liebe „Fans“ – warum?
Journalisten, die jede Schwäche des Torwarts gnadenlos gegen ihn instrumentalisiert hätten, spielen die Unschuld vom Lande und fragen „warum?“ Ja, liebe „Journalisten“ – warum?
Auch Vereinsbosse, die um ihre Millioneninvestition fürchteten, Spielerberater, deren Honorar sich an Gehalt und Transfersummen ihrer Spieler orientiert und Funktionäre, die schon im Fall Deisler demonstrierten, dass sich nicht das geringste Verständnis für die Seele ihrer jungen Spieler haben, geben sich heute komplett ratlos und fragen „warum?“
Sicher, Profifußballer erhalten für die immense seelische Belastung auch ein fürstliches Schmerzensgeld. Aber „was hülfe es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn die Seele daran Schaden nimmt.“
Quelle: Der Spiegelfechter
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Kategorie » Gesellschaft/Soziales, Medien/Journalismus, Sport « | Tags » Fußball, Gesellschaft, Medien, Robert Enke, Sport «
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tONY bONIN 11.11.2009 um 15:08 Uhr
Grüß Euch!
Robert Enkes Lebenslauf und Tod bestätigen die Forschungsergebnisse des Evolutionsbiologen Richard Dawkins, dass nämlich die Gene das Gehirn und damit das Denken steuern.
Die Gene können aus dem Moment der Zeit-Raum-Qualität der Ei-Samen-Verschmelzung astrologisch aufgeschlüsselt werden. Leider fehlen uns dazu minutengenaue Horoskope.
Aber wir können auf die sog. chrono-genetischen Horoskopbilder zurückgreifen, welche die Qualität der Gene im Augenblick der Geburt darstellen.
Diesem individuellen Echtzeit-Horoskop ist das sekundengenaue Sonnenaufgangshoroskop übergeordnet. Es sollte bei jeder astrologischen Beratung mit samt seinen Direktionshoroskopen a priori studiert werden.
Diese Lehre kann jede® aus dem Robert-Enke-Fall ziehen.
Betrachten wir nun die für Robert Enkes Depression relevante chrono-genetische Anlage im Sonnenaufgangshoroskop seines Geburtstages mit nachfolgenden Daten:
* 24. August 1977 in Jena, DDR (50n56, 011e35); der astrologische Sonnenaufgang (SO/AS) war um 05h19m52s MEZ.1) Das Immum Coeli (IC), das u.a. für Herkunft und Lebensende steht, liegt hier in 21°18´ Skorpion, exakt quadriert vom Todessymbol Saturn aus 21°47´Löwe im 12. placidianischen Haus. Dieser Saturn hat zudem einen 150°-Asapekt auf die plac. Hausspitze acht (Todesinhalt) in 21°04´Fische. Fazit: Robert Enke hatte die chrono-genetische Anlage zur Depression und der in diesem Fall dadurch gegebenen Verknüpfung mit seinem Tod.
2) Das für seinen Suizid am 10. November 2009 relevante, sekundäre IC (nach dem Maß Naibod in RA) kam in 21°23´ Schütze zum Stehen, dreissig Grade weiter als das Radix-IC, und "erinnerte" mit dieser erneuten Aspektierung des Radix-Saturn in 21°47´Löwe via Chrono-Genetik sein Gehirn, dass "jetzt" sein Lebensende aufgrund gesteigerter Depression anstehe.
3) Das für den 10. November 2009 relevante Regress-Horoskop zeigt die mit dem Tod "verbandelte" placidianische Spitze Haus acht in 25°49´ Wassermann. Genau gegenüber in 25°40´Löwe steht der sekundäre Saturn, Herr 8 Regress. Diese Opposition stellt eine Todesdrohung dar.
4) Das für den 10. November 2009 zuständige IC Regress steht in 18°34´Waage im genauen Quadrat zum südl. Saturn-Knoten in 18°50´ Steinbock an Robert Enkes Todestag.
Der regressive Merkur steht mit 21°55´Löwe beim Radix-Saturn in 21°47´Löwe: Fazit: Robert Enke kann an nichts anderes mehr denken als an den Tod.
5) Der solare, für das Todes-Jahr 2009 zuständige Saturn steht in 21°56´Jungfrau und wiederholt mit seinem Quadrat auf das sekundäre IC in 21°23´Schütze die radikale Todesdrohung, zumal der solare Saturn damit auch noch einen genauen Sextil-Aspekt auf den Radix-IC in 21°18´Skorpion und eine Opposition auf die Radix-Hausspitze acht in 21°04´Fische eingeht.
6) Im Moment seines Suizid-Todes am 10. November 2009 um 18h25m MEZ in Eilvese bei Neustadt am Rübenberge (52n30, 009e28) stand der südl. Saturn-Knoten im achten Haus in 18°50´Steinbock, zusammen mit dem südl. Pluto-Knoten in 18°58´Steinbock, Quincunx Ereignis-IC in 18°16´Löwe. Dieser Grad empfing zudem eine Jupiter-Opposition aus 18°29´Wassermann und ein Quadrat der Sonne aus 18°27´Skorpion, welche im Zeichen Löwe "herrscht".
Der nördl. Pluto-Knoten steht mit 21°39´Krebs im genauen Trigon zum Radix-IC in 21°18´Skorpion, seiner Herrschaft, und zeigt das Gewaltsame in der Wahl seines Suizids an, zumal er auch genau die Radix-Hausspitze acht aspektiert. Er ließ sich von einem Zug überrollen.Am Todestag steht das dem Saturn ähnliche Todessymbol, der Transneptuner Admetos, in 25°34´Stier, und damit genau im Quadrat zur regressiven placidianischen Hausspitze acht in 25°49´Wassermann.
Dieser Grad ist in der Radix mit Mars in 25°05´Zwillinge und dem südl. Vulkan-Knoten in 25°25´Löwe aspekt-vernetzt.Die hier beschriebenen, für Robert Enkes Depression und Suizid relevanten Aspektfigurinen zeigen überdeutlich das Diktat der chrono-genetischen Dispositionen, welche sein Denken bzw. Schicksal gesteuert haben.
Fazit: Ich finde auch hier — wie in zig anderen lebenslaufadäquaten Horoskopstudien — keine Spur vom sog. "Freien Willen"!
Aber es gibt — wie die Erfahrung lehrt — genügend Ignoranten, die daran — meist aus religiösen Gründen — festhalten wollen: Suum cuique (jedem das Seine).Mit Sternengrüßen! Tony (www.TonyBonin.de)



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