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USA: Im Notfall müssen die Fakten dran glauben

Donnerstag, 10. Dezember 2009-14:34 -|- Eingestellt von: |

ObamaVon Konrad Ege | Der Freitag

Soviel Selbst­ver­leug­nung hat das Ver­ga­be­ko­mitee in Oslo bisher selten betrieben. Barack Obama bekommt den Frie­dens­no­bel­preis – Afgha­nistan 30.000 neue Soldaten.

Mut­ma­ßung in meinem Wohn­zimmer, neun Kilo­meter von Barack Obamas guter Stube: Der US-​Präsident hätte wohl gern auf den Frie­dens­no­bel­preis und das Osloer Drum­herum an diesem 10. Dezember mit König Harald ver­zichtet. Die Aus­zeich­nung bringt ihm viel Ver­druss. Die Rechten machen sich lustig, Obama sei halt der Lieb­ling der Elite; er habe aber noch „nichts“ Preis­wür­diges getan.

Frie­dens­ak­ti­visten empören sich, dass Obama zehn Tage vor der Preis­ver­lei­hung in der Mili­tär­aka­demie West Point seine Afghanistan-​Eskalation ver­kündet hat. Er habe stre­cken­weise so gespro­chen wie George W. Bush, um seine Mit­bürger zu über­zeugen, dass am Hin­du­kusch „die Sicher­heit der Ver­ei­nigten Staaten und des ame­ri­ka­ni­schen Volkes auf dem Spiel“ stehen.

Den Nobel­preis soll nach dem Willen seines Stif­ters Alfred Nobel emp­fangen, wer „am meisten oder am besten auf die Ver­brü­de­rung der Völker und die Abschaf­fung oder Ver­min­de­rung ste­hender Heere hin­ge­wirkt… und im ver­gan­genen Jahr der Mensch­heit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Auch wenn das Nobel­ko­mitee in Oslo quasi zur höchsten mora­li­schen Instanz beim Defi­nieren von „Frieden“ geworden ist: Der Grund­satz des Dynamit-​Erfinders wurde schon öfter gedehnt und den poli­ti­schen Winden ange­passt, wohl am ex­tremsten, als 1973 US-​Außenminister Kis­singer und der viet­na­me­si­sche Poli­tiker Le Duc Tho für ihre Frie­dens­ver­hand­lungen geehrt werden sollten (s. Glossar).

Obamas Frie­dens­preis unter­streicht, wie groß die Kluft zwi­schen Rhe­torik und Sach­zwängen sein kann. Der Prä­si­dent hat einen neuen ver­söhn­li­chen Ton ange­schlagen in der inter­na­tio­nalen Politik, es gibt viele Absichts­er­klä­rungen, aber wenig bis gar nichts Kon­kretes wie im Nahen Osten. Im Irak und in Afgha­nistan stehen ver­mut­lich schon jetzt mehr US-​Kampftruppen als unter Bush.

In den Rücken gestochen

Seit der West-​Point-​Rede übt Washing­tons poli­ti­sche Welt den Kopf­stand, denn in der Sicher­heits­po­litik erhält der Prä­si­dent jetzt Schüt­zen­hilfe von Nobelpreis-​Spöttern. Repu­bli­kaner, die sonst reflex­haft Nein sagen, begrüßen die Rede. Sie sei eine „Wie­der­be­to­nung der Bush-​Doktrin“ gewesen, dass Ter­ro­risten nir­gendwo sicher seien und „wir gegen die vor­gehen, die sie schützen“, lobt die repu­bli­ka­ni­sche Stra­tegin Mary Matalin bei CNN. Frie­dens­fans haben das Gefühl, es habe ihnen jemand in den Rücken gestochen.

Beim Frie­dens­no­bel­preis kommt Ame­rikas Fried­fer­tigen Martin Luther King in den Sinn, der Baptisten-​Pastor, radi­kale Pazi­fist und Preis­träger von 1964. „Zivi­li­sa­tion und Gewalt sind ein­ander wider­spre­chende Begriffe“, sagte King vor 45 Jahren bei der Preis­ver­lei­hung. Drei Jahre danach appel­lierte er an seine Lands­leute, den „Wahn­sinn“ des Krieges in Vietnam zu stoppen. Die US-​Regierung sei „der größte Gewalt­aus­über der heu­tigen Welt“.

Alfred NobelIn der Weih­nachts­pre­digt 1967, vier Monate vor seiner Ermor­dung, kri­ti­sierte der Pre­diger Gene­räle und Poli­tiker, die vom Frieden als fernem Ziel reden würden – auch beim Abwurf von Bomben auf Nord­vietnam. Mittel und Zweck müssten überein­stimmen, „weil das Ziel in den Mit­teln bereits vor­handen ist“, und destruk­tive Mittel könnten „keine kon­struk­tiven Ziele herbeiführen“.

Obama frei­lich ist kein Pazi­fist (hat er auch nie behauptet), son­dern der Ober­kom­man­die­rende der mäch­tigsten Streit­kräfte der Welt. Ver­liehen wurde ihm die Aus­zeich­nung nicht für schon Erreichtes, son­dern weil er als Hoff­nungs­träger gesehen wird für eine bes­sere Zukunft. Der Prä­si­dent sieht das wohl auch so.

„Ich weiß, dass der Frie­dens­no­bel­preis zeit seiner Geschichte nicht nur zur Ehrung beson­derer Leis­tungen ver­liehen wurde, son­dern auch als Mittel, bestimmten Zielen Schlag­kraft zu ver­leihen“,

räumte er nach der Bekannt­gabe des Osloer Ent­schei­dung ein. Daher nehme er „diesen Preis als Aufruf zum Han­deln an“.

Und Obama ist Prä­si­dent einer Nation, die mit ihrer ver­rin­gerten wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Macht schwer zu Rande kommt und gele­gent­lich den Kopf in den Sand steckt. Vor etwa 30 Jahren bedau­erte man in den USA die „Euro­skle­rose“. Die Euro­päer blieben die nötige Dynamik schuldig, hieß es, um gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Anfor­de­rungen gerecht zu werden.

Mögen die Umstände heute in Washington anders sein, sind doch die Fronten offenbar so ver­härtet, dass man unfähig scheint, drin­gend nötige Reformen anzu­gehen, von der Gesund­heit über den laut Agrar­mi­nis­te­rium in den USA wach­senden Hunger bis zum Klima.

Kopf in den Sand

Die Front derer, die in der fos­silen Indus­trie den Kli­ma­wandel leugnen, hat so viel Rück­halt in den rechten Medien und bei Wahl­spenden hörigen Poli­ti­kern (auch Demo­kraten), dass Obama mit weniger Kon­kretem im Gepäck nach Kopen­hagen reist, als ihm lieb wäre.

Immerhin bringt er jetzt die Ver­fü­gung seiner Umwelt­be­hörde EPA mit, dass der Kli­ma­killer Koh­len­di­oxid gesund­heits­schäd­lich ist und daher künftig von der Behörde regu­liert wird. Das ist lange nicht so effektiv wie ein Kli­ma­schutz­ge­setz, doch kann die EPA nun ohne Zustim­mung des Kon­gresses handeln.

Bei Frieden und Sicher­heit macht sich die kon­zep­tio­nelle Ver­här­tung ebenso bemerkbar wie der Umstand, dass die Hüter des alten Sys­tems hart gegen jeden Wandel kämpfen. Obama scheint beschlossen zu haben, dass er sich bei Sicher­heits­fragen nicht weit vor­wagen kann oder will gegen die Gene­räle, die seit 9/​11 auf in den Himmel wach­sende Podeste gestellt werden.

Hat er Chancen in der Debatte gegen Stanley McChrystal, den Ober­kom­man­die­renden in Afgha­nistan, oder den mit Orden behängten General David Petraeus, den Vater der „Surge“-Strategie im Irak, dem nach­ge­sagt wird, er wolle bald in die Politik wechseln?

Obama hat sich von Anfang an mit mili­tär­nahen Minis­tern und Bera­tern umgeben, von Ver­tei­di­gungs­mi­nister Robert Gates bis zu Sicher­heits­be­rater James Jones, früher Chef der Mari­ne­in­fan­te­risten. Da bleibt nicht viel Raum für Fle­xi­bi­lität. Obama kriegt den Nobel­preis – Afgha­nistan 30.000 neue Soldaten.

Quelle: Der Freitag

Quelle Bilder: Wikipedia

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde von “Der Freitag” geneh­migt. Vielen Dank !

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