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Das Bingospiel von Kopenhagen

Samstag, 12. Dezember 2009-5:42 -|- Eingestellt von: |

Von Lars Dittmer/​Toralf Staud | Der Freitag

Nicht nur Regie­rungs­ver­treter, Jour­na­listen und Umwelt­schützer tum­meln sich auf dem UN-​Klimagipfel in Kopen­hagen, son­dern auch Tau­sende Wirtschaftslobbyisten.

Als „wich­tigste Kon­fe­renz seit dem zweiten Welt­krieg“ hat der bri­ti­sche Regie­rungs­be­rater Sir Nicholas Stern den UN-​Klimagipfel in Kopen­hagen bezeichnet. Mark Grundy nennt ihn „die welt­größte Gele­gen­heit fürs Kli­ma­mar­ke­ting in den nächsten vier Jahren – min­des­tens“. Grundy ist PR-​Berater bei der welt­weit agie­renden Agentur Edelman, und bereits im Oktober 2008 riet er seinen Kunden, in Kopen­hagen prä­sent zu sein, um im "grünen Image-​Krieg" zu punkten.

Nicht nur Dele­gierte von 192 Regie­rungen tum­meln sich des­halb seit Montag in der däni­schen Haupt­stadt, son­dern auch Tau­sende Jour­na­listen, Umwelt­schützer – und Wirt­schafts­lob­by­isten. Ihre Zahl hat sich seit dem Kli­ma­gipfel von Kyoto 1997 etwa verdreifacht.

Am Freitag gab es in Kopen­hagen einen eigenen „Busi­ness Day“ mit Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen und Fir­men­prä­sen­ta­tionen. Einige Unter­nehmen dürfen sich sogar „Sponsor“ des Gip­fels nennen: BMW, Mer­cedes und Volvo bei­spiels­weise chauf­fieren Dele­gierte – und haben dafür Fahr­zeuge mit unty­pisch nied­rigem CO2-​Ausstoß nach Kopen­hagen gebracht.

Auch die PR-​Agentur Hill&Knowlton nutzt die Gele­gen­heit zur Image­ver­bes­se­rung – Kri­tiker hatten dem US-​Unternehmen in der Ver­gan­gen­heit unter anderem vor­ge­halten, dass es im Auf­trag der Tabak­in­dus­trie Zweifel an der Gesund­heits­ge­fähr­dung durch Rau­chen gesät oder für Koh­le­firmen Stim­mung gegen strenger Kli­ma­auf­lagen gemacht habe.

Längst besitzen Unter­neh­mens­ver­treter auf Kli­ma­gip­feln einen eigenen Status: BINGOs werden sie im Diplo­ma­ten­jargon genannt, das ist das Kürzel für Busi­ness and Industry Non-​Governmental Orga­niza­tions. Die Dele­ga­tionen etwa der Inter­na­tio­nalen Han­dels­kammer ICC oder der Inter­na­tio­nalen Emissionshandels-​Vereinigung sind inzwi­schen größer als die vieler Staaten.

Früher ging es den Lob­by­isten etwa von Erdöl– oder Koh­le­firmen darum, strenge Umwelt­auf­lagen zu ver­hin­dern – auch in Kopen­hagen ver­su­chen dies noch die Ver­treter der Luft­fahrt­in­dus­trie, die bisher von Emis­si­ons­grenzen gene­rell aus­ge­nommen ist. Doch seit einigen Jahren gibt es immer mehr Unter­nehmen, die mit Kli­ma­schutz gutes Geld verdienen.

In Kopen­hagen ist nun auch der Euro­päi­sche Wind­kraft­ver­band prä­sent. „Wir alle spüren: Das ist eine Kon­fe­renz, die uns bewegt“, bekannte kürz­lich der Prä­si­dent des Bun­des­ver­bandes der Deut­schen Indus­trie (BDI), Hans-​Peter Keitel. „Die Wirt­schaft enga­giert sich in großem Maß­stab und ver­sucht, das Gip­fel­er­gebnis zu beein­flussen“, sagt Oli­vier Höde­mann vom lobby-​kritischen Ver­band Cor­po­rate Europe Observatory.

Im Kopen­ha­gener Bella Center, wo der Gipfel tagt, gibt es für die BINGOs einen eigenen Bereich mit Bespre­chungs­ka­binen. Jeden Morgen, Punkt 9 Uhr, tau­schen sich die Indus­trie­lob­by­isten aus, was am Vortag pas­sierte und für die nächsten Stunden zu erwarten ist.

Bei den Ver­hand­lungen selbst haben sie nur Beob­ach­ter­status, des­halb ver­su­chen sie vor allem am Rande des offi­zi­ellen Pro­gramms in pri­vaten Gesprä­chen oder soge­nannten „Side Events“ auf sich und ihre Ziele auf­merksam zu machen. Für die breite Öffent­lich­keit gibt es gla­mou­röse Auf­tritten bei­spiels­weise auf dem Rat­haus­platz von Kopen­hagen. Dort findet „Hopen­hagen LIVE“ statt, eine Art Weih­nachts­kirmes von Umwelt­firmen – oder jenen, die sich dafür halten.

Wenn es dunkel wird am späten Nach­mittag, dann leuchtet dort eine rie­sige Erd­kugel auf – unter anderem mit dem Logo des Ener­gie­riesen Vat­ten­fall. In einem Aus­stel­lungs­wagen prä­sen­tiert der schwe­di­sche Kon­zern Arbeiten junger Nach­wuchs­de­si­gner. „Vat­ten­fall hat mir die künst­le­ri­sche Frei­heit gegeben, die ich für mein Pro­jekt benö­tigte“, sagt Ejvind Chang, einer von ihnen, in Journalistenmikrofone.

Dass der Kon­zern in der Ex-​DDR alte Braun­koh­le­kraft­werke wei­ter­be­treibt und nach Greenpeace-​Berechnungen mit fast 900 Gramm CO2-​Ausstoß pro erzeugter Kilo­watt­stunde Strom „Deutsch­lands kli­ma­schäd­lichster Strom­an­bieter“ ist – davon hat der junge Desi­gner nie gehört.

Die Filme der Design­stu­denten ver­ar­beiten Begriffe aus dem Bereich Kli­ma­schutz – in einem greift etwa ein „Kli­ma­su­per­held“ immer dann ein, wenn Glüh­birnen zu lange brennen. „Unser Kon­zern möchte Leute auf eine spa­ß­ori­en­tierte und krea­tive Weise zum Kli­ma­schutz bewegen“, sagt Spre­cherin Andrine Nordby.

In einer Ecke können Besu­cher auf einem Com­pu­ter­mo­nitor den Was­ser­stand in ver­schie­denen Küs­ten­städten um eine belie­bige Anzahl von Metern steigen lassen. Die Simu­la­tion zeigt exakt, welche Straßen über­schwemmt werden. „Man kann gucken, ob man über­lebt“, scherzt Nordby.

Dabei hängt es gerade auch von Vat­ten­fall ab, wie lange dre­ckige Koh­le­kraft­werke den Kli­ma­wandel anheizen und wie viele Opfer die Erd­er­wär­mung in den kom­menden Jahr­zehnten for­dern wird.

Der Freitag koope­riert mit dem unab­hän­gigen Online-​Magazin wir​-kli​ma​retter​.de

Quelle: Der Freitag

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde von “Der Freitag” geneh­migt. Vielen Dank !

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Kategorie » Gipfel/Konferenzen, International, Lobbyismus, Politik/Wirtschaft, Umwelt/Klima « | Tags » , , «

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gelesen: 137 · heute: 2 · zuletzt: 15. Mai 2012

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