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Haiti: Alptraum ohne Ende

Freitag, 15. Januar 2010-8:39 -|- Eingestellt von: |

Flagge HaitiVon Peter Halla­ward | Über­set­zung: Chris­tine Käp­peler | Der Freitag | — Wenn es die inter­na­tio­nale Staa­ten­ge­mein­schaft mit der Kata­stro­phen­hilfe nach dem Erd­beben ernst nimmt, muss sie auf­hören, das zer­störte Land auszunutzen.

Jede grö­ßere Stadt der Welt hätte von einem Erd­beben der Grö­ßen­ord­nung, wie es in Haitis Haupt­stadt wütete, große Schäden davon­ge­tragen. Aber Port-​au-​Prince sieht nach der Kata­strophe wie ein Kriegs­ge­biet aus.

Ein Groß­teil der Zer­stö­rungen, wie sie durch das wohl ver­hee­rendste Erd­beben, das es je auf Haiti gab, ent­standen sind, geht auf Men­schen zurück. Sie sind das Resultat einer langen und abscheu­li­chen Folge von Ereignissen.

Ver­ar­mung und Entmachtung

Hun­derte starben im Juni 1770, als in Port-​au-​Prince die Erde bebte, wäh­rend es am 7. Mai 1842 aus dem glei­chen Anlass allein in Cap-​Haïtien im Norden der Insel rund 10.000 Tote gab. Haiti wird in regel­mä­ßigen Abständen von Orkanen heim­ge­sucht, zuletzt in den Jahren 2004 und 2008. Im Sep­tember 2008 über­flu­teten die Stürme die Stadt Gonaïves und rissen einen großen Teil der schwa­chen Infra­struktur hinweg.

Über tau­send Men­schen kamen ums Leben – Tau­sende wurden obdachlos. Das volle Ausmaß der Zer­stö­rung, die das aktu­elle Beben ver­ur­sachte, wird wohl erst in einigen Wochen ersicht­lich sein. Und Auf­bau­ar­beiten dürften erst in Jahren Früchte tragen, die län­ger­fris­tigen Schäden sind kaum zu kalkulieren.

Ganz offen­sicht­lich ist hin­gegen schon jetzt, das Ausmaß der Tra­gödie ist das Resultat einer langen Geschichte der vor­sätz­lich her­bei­ge­führten Ver­elen­dung und Ent­mach­tung. Haiti wird rou­ti­ne­mäßig als ärmstes Land der west­li­chen Hemi­sphäre bezeichnet. Diese Armut ist das Erbe eines der bru­talsten Sys­teme kolo­nialer Aus­beu­tung, die es je gab. Jahr­zehnte der sys­te­ma­ti­schen post­ko­lo­nialen Unter­drü­ckung haben alles noch schlimmer gemacht.

Die noble „inter­na­tio­nale Gemein­schaft“, die es jetzt so eilig hat Haiti „huma­ni­täre Hilfe“ zu schi­cken, ist für die Dimen­sion des Lei­dens, das sie nun ver­rin­gern möchte, größ­ten­teils selbst ver­ant­wort­lich. Seit die USA das Land 1915 eroberten und besetzten, wurde jeder ernst­hafte poli­ti­sche Ver­such der Hai­tianer, sich „von tiefstem Elend zu wür­de­voller Armut zu erheben“ – um es mit den Worten von Ex-​Präsident Jean-​Bertrand Aris­tide zu sagen –, von der US-​Regierung und ihren Ver­bün­deten mit Gewalt unterbunden.

Aris­tides Regie­rung (der 75 Pro­zent der Wahl­be­rech­tigten ihre Stimme gaben) war jüngstes Opfer eines sol­chen Ein­schrei­tens. 2004 wurde sie von einem Putsch mit Unter­stüt­zung inter­na­tio­naler Gelder gestürzt, dabei kamen meh­rere tau­send Men­schen ums Leben. Ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung hegt seither gegen die USA Res­sen­ti­ments. Später schickte die UNO eine große, äußerst kost­spie­lige Ein­heit, um das Lands zu sta­bi­li­sieren und zu befrieden.

Von Kuba lernen

In Haiti leben heute nach den zuver­läs­sigsten Stu­dien, die ver­fügbar sind, etwa 75 Pro­zent der Bevöl­ke­rung von „weniger als zwei Dollar am Tag – etwa 56 Pro­zent, das sind 4,5 Mil­lionen Men­schen, von weniger als einem Dollar. Jahr­zehnte neo­li­be­raler „Anpas­sung“ und neo­im­pe­ria­lis­ti­scher Inter­ven­tionen haben die Regie­rung um jeg­liche Grund­lage gebracht, in ihr Volk zu inves­tieren oder die Wirt­schaft in Ord­nung zu bringen. Ein Han­dels­em­bargo und Finanz­ab­kommen stellen sicher, dass Armut und Ohn­macht das Leben auf Haiti auf abseh­bare Zeit bestimmen werden.

Diese Armut und Macht­lo­sig­keit sind für das Ausmaß des aktu­ellen Grauens in Port-​au-​Prince ver­ant­wort­lich. Seit den späten sieb­ziger Jahren haben stets neo­li­be­rale Angriffe auf Haitis agra­risch aus­ge­rich­tete Wirt­schaft Zehn­tau­sende von kleinen Bauern zur Umsied­lung in über­füllte städ­ti­sche Slums gezwungen. Zwar gibt es keine zuver­läs­sigen Zahlen, doch dem Augen­schein nach leben Hun­dert­tau­sende in Port-​au-​Prince in min­der­wer­tigen Behau­sungen. Diese Hütten sind oft gefähr­lich nahe an den Rand von abge­holzten Schluchten gebaut.

Brian Con­cannon, Direktor des Insti­tuts für Gerech­tig­keit und Demo­kratie in Haiti, betont: „Die Men­schen ziehen dorthin, weil sie oder ihre Eltern durch Wirt­schafts– und Ent­wick­lungs­hilfe vor­sätz­lich aus den länd­liche Gebieten ver­trieben wurden. Diese Hilfe war bewusst so ange­legt, dass in den Städten eine große Zahl an Arbeits­kräften, die dem nicht mehr ent­rinnen können, zur Ver­fü­gung steht.

Sie sind per Defi­ni­tion die­je­nigen, die es sich nicht leisten können, erd­be­ben­si­chere Häuser zu bauen.“ Die grund­le­gende Infra­struktur – flie­ßendes Wasser, Elek­tri­zität, Straßen – ist in Port-​au-​Prince schon lange unzu­rei­chend, oft ist sie nicht mal ansatz­weise vor­handen. Die Mög­lich­keiten der Regie­rung, den Opfern Kata­stro­phen­hilfe zur Ver­fü­gung zu stellen, gehen gegen null.

De Facto hat die inter­na­tio­nale Gemein­schaft Haiti seit dem Putsch von 2004 regiert. Die glei­chen Länder, die nun ganz schnell Kata­stro­phen­hilfe leisten wollen, haben in den ver­gan­genen fünf Jahren fort­wäh­rend gegen eine Aus­wei­tung des UN-​Mandats über die unmit­tel­baren mili­tä­ri­schen Ziele hinaus gestimmt.

Alle Vor­schläge, einen Teil der „Inves­ti­tionen“ in Armuts­be­kämp­fung oder in die land­wirt­schaft­liche Ent­wick­lung zu ste­cken, wurden abge­lehnt. Damit geht man mit dem übli­chen Muster, was die Ver­tei­lung inter­na­tio­naler „Unter­stüt­zung“ betrifft, konform.

Die­selben Orkane, die auf Haiti 2008 so viele Men­schen­leben for­derten, trafen Kuba mit der glei­chen Härte, doch dort wurden nur vier Men­schen getötet. Kuba ist den schlimmsten Aus­wir­kungen der neo­li­be­ralen „Reform“ entkommen.

Seine Regie­rung hat Gelder auf die Seite gelegt, um das Volk gegen Kata­stro­phen ver­tei­digen zu können. Wenn wir es ernst damit meinen, dass wir Haiti durch die jüngste Krise helfen wollen, dann sollten wir diesen Ver­gleich im Auge behalten.

Quelle: Der Freitag

Quelle Bild: Wiki­pedia

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde mir von “Der Freitag” geneh­migt. Vielen Dank !

Mehr zum Thema:

Erst Dürre, dann der Hur­rikan — Bereits im Herbst 2008 stand Haiti kurz vor einer huma­ni­tären Kata­strophe. Eine Reportage

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