Von Klaus Wallmann sen. | RandZone-Online | – In einem “Kommentar” – der uns ähnlich “leiten” soll wie die berühmt-berüchtigten “Leitartikel” der bürgerlichen “freien” Presse – darf der “Finanz-Stratege” und “Politologe” Erwin Grandinger in der “Welt” sein Menetekel des “schleichenden Untergangs” der BRD auf’s geduldige Papier malen.
Die “gesamte CDU/CSU-FDP Regierung” besteht nach seiner Ansicht nur aus “Nebelkerzenwerfern“, wobei “CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble der erfahrenste” ist. (Das ist der einzige Satz des Nebelkerzenwerfers Grandinger, den ich unterschreibe.) “Unfug” machen diese dort, wo Grandinger und Konsorten “grundsätzliche Weichenstellungen”, “realitätsnah und hart, wenn nötig” erwarten. Weil dieses nicht geschieht, stehe “der Staat … am Abgrund” und die Regierung “vor einer grundlegenden Entscheidung”: “Fundamentale Erneuerung” oder eben “schleichender Untergang”.
Schuld ist die “Staatsverschuldung”, die noch nie so hoch war. Mahnend hebt die Pythia Grandinger deshalb den furchtsam zitternden Finger und weist auf die Historie: “Staaten, wie die DDR, sind an maroden Finanzen gescheitert”. Um diesem Schicksal zu entgehen, müsse “die politische Führung” dem deutschen Michel “die Fakten und Gefahren” erst offenlegen, und ihm dann “Schmerzen und Einschnitte” zumuten, egal ob das nun “politisch opportun” sei oder nicht.
Und noch einmal bemüht das Orakel die Geschichte – diesmal die “Finanzhistorie” – und erklärt, “dass wenn einmal die Bedienung der Schuldenzinsen über 20 Prozent des Bundeshaushaltes erreicht, der Staatskollaps nur schwer zu vermeiden ist”. 12 Prozent seien es bereits, so Grandinger (wobei er natürlich vergißt zu erwähnen, wer denn die profitablen Zinsen kassiert), und dann rechnet er noch Personalkosten und Sozialausgaben hinzu und kommt so auf die schreckliche Zahl von 75 Prozent – die ihn allerdings nicht dazu verleitet, sich den Strick zu nehmen.
Im Gegenteil. Trotz dieser mit heißem Herzen vorgetragenen “Schreckensbotschaft” stellt Herr Grandinger dann ganz kühl fest, daß es “Fakt” ist, “dass dieser Staat seine Schulden nie wieder vollständig zurück bezahlen wird”.
Seine diesbezügliche Coolness rührt wahrscheinlich daher, daß er genau weiß, daß die gesellschaftlichen Schulden aller Bürger – und nichts anderes sind die Schulden, die die kapitalhörigen Regierungen ständig machen – ein ständig sprudelnder Quell privatkapitalistischen Profits sind. Eine Profitquelle also, die natürlich nie versiegen darf.
Den nächsten Hieb gegen die “gesamte CDU/CSU-FDP Regierung” führt der “Kommentator” mit dem “Vorwurf der Insolvenzverschleppung”, wobei er erneut daran “erinnert”, “dass auch die DDR oder die Sowjetunion an maroden Finanzen untergegangen sind”. Weil diese sich den “Realitäten” nicht stellten, waren sie “unfähig, sich zu verändern”.
Also, so das Grandinger Orakel: “Wir müssen uns verändern, dazu gibt es keine Alternative.” Eine durchaus interessante und sehr überlegenswerte Erkenntnis, auch wenn der Herr Grandinger das natürlich ganz anders verstanden haben will. Denn er meint natürlich nicht uns, wenn er “wir” sagt.
Die gescholtene Bundeskanzlerin spricht er damit an, stellvertretend für alle polischen Kommis der herrschenden Klasse. Sie habe “grundsätzlich zwei Möglichkeiten”, um in die “Geschichtsbücher” einzugehen (Sorgen hat der Mann …). Entweder als “passive Reichsverweserin” – was arg nach Tod riecht – oder als aktive “Führungsfrau”, als “fundamentale Erneuerin des deutschen Staates”.
Derzeit, so der “Stratege” Grandinger, trifft wohl eher das mit der Verweserin zu. Was daran liegen soll, daß die “Techniker der Macht von heute” eben “keine politischen Überzeugungstäter mehr” sein dürften, wenn sie aktive Führungsfrauen sein wollen. Nicht um den “Machterhalt” der CDU darf es daher gehen, sondern um “grundsätzliche Reformen” des Staates “an Händen und Beinen”.
Seine Forderungen – die gleichzeitig die derjenigen sind, für die er hier so ungeniert södert – kleidet er in “Beispiele”: “… beispielsweise … Umgestaltung der föderalen Struktur des Staates zu realistischen Leistungsgesetzen bis hin zur Verschlankung des allgegenwärtigen Staatsapparates”.
Ein solches “Großprojekt” würde die Kanzlerin “als eine der großen deutschen Staatenlenker in die Bücher eingehen” lassen (auch wenn Grandinger an dieser Stelle nicht nur jeglichen Intellekt beleidigt sondern zudem noch die deutsche Grammatik schändet).
Dieses “Großprojekt” – also im Klartext: verschärfte Arbeitsplatzvernichtung, verschärftes Lohndumping, verschärfte “Einschnitte” in allen sozialen Bereichen, und somit Abwälzung der Krisenlasten auf die Massen zugunsten der internationalen Konkurrenzfähigkeit des Industrie- und Finanzkapitals – erfordert laut Grandinger “Mut, Härte, Überzeugung” und “ehrliche Kommunikation mit dem Bürger”, wobei letzteres mit einem anderen Satz Grandingers korrespondiert: “Eine ehrliche Bilanz sucht man als Bürger vergebens.” Eine Feststellung, die auch auf diesen “Kommentar” hundertprozentig zutrifft.
Wenn man liest, daß der ehrenwerte Herr “Kommentator” als Finanz-Stratege Partner der EPM Group Berlin ist, so könnte man auf die Idee kommen, daß er nur deshalb so “skandalträchtig” gegen die Damen und Herren auf der Regierungsbank wettert, weil ein mehr oder weniger lautes Klappern eben zu seinem Handwerk gehört.
Das Menetekel als Masche. Ich kann und will das nicht ganz außer Frage stellen. Doch vor allem äußert Grandinger – übrigens nicht nur in diesen “Kommentar” – die Meinungen, die Ansichten und die Forderungen der herrschenden Klasse. Die Offenheit, mit der er den Kapitalismus in seiner ganzen wahren Gestalt präsentiert, kann vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Situation und Entwicklung nicht wirklich überraschen.
Die Zeiten sind hart, auch für die herrschende Klasse. Die “Techniker der Macht von heute” müssen in die ideologische Offensive gehen, wozu auch derartige “wissenschaftliche” “Analysen” von irgendwelchen “Experten” gehören, die die “freien” kapitalhörigen Medien jeden Tag unermüdlich verbreiten.
Sie sind eben doch “politischen Überzeugungstäter”, die uns gefügig machen sollen für “grundsätzliche Weichenstellungen”, “realitätsnah und hart, wenn nötig”, für “Schmerzen und Einschnitte” – damit die herrschende Klasse die Herrschaft über uns auch in Zukunft ausüben kann.
Die Priesterin, die im Tempel von Delphi den Ratsuchenden weissagte, tat das der Legende nach in sehr unverständlicher Form. Das Grandinger Orakel dagegen ist so verständlich und klar, daß ich dem Leser seiner “Kommentare” und sonstigen Ergüsse ein “Caveat emptor!” zurufen muß – “Der Käufer möge sich hüten”.
Bleibt die Frage, wie lange noch wir uns “Schmerzen und Einschnitte” zufügen lassen wollen, bis wir Herrn Grandingers guten Rat in die Tat unsetzen: “Wir müssen uns verändern, dazu gibt es keine Alternative.” Denn nur dann werden wir auch in der Lage sein, diese Gesellschaft zu verändern, die uns keine Alternative bietet.
Quelle: RandZone-Online
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