Von Weißgarnix | Weiß gar nix.de | – In der FAZ-Wirtschaftsredaktion haben sie offenbar eine Studie des Kieler Weltwirtschaftsinstituts ausgegraben, die den Abstand zwischen Erwerbseinkommen und Hartz-IV-Leistungen thematisiert.
Quintessenz: Es lohne sich für Geringqualifizierte nicht mehr, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, weil man mit Hartz IV das gleiche oder nur ein unwesentlich geringeres Einkommen erzielen kann.
Der Gedanke allein hat in meinen Augen schon etwas perfides, weil – wir erinnern uns – es doch jahrelang geheißen hat, die Löhne müßten nach unten flexibler werden. Gesagt, getan – und das würde jetzt also bedeuten, dass man die sozialen Mindeststandards ebenfalls nach unten korrigieren muß, weil sonst die Abstände nicht mehr passen? Ein Schelm, wer hier Böses denkt.
Aber OK. Wir wollen nicht lamentieren. Machen wir lieber was anderes:
Ich stelle den Ökonomen des Weltwirtschaftsinstituts die Frage, wie es überhaupt im Rahmen IHRER eigenen Theorie dazu kommen kann, dass sich der Abstand zu den Erwerbseinkommen so stark verringert. Oder gar auf null fällt. Im Rahmen der neoklassischen Preistheorie bzw ihrer Argumentation müßte doch Folgendes gelten:
Wenn Hartz IV eine seriöse Alternative für einen nennenswerten Teil des Erwerbspublikums darstellt, dann gibt es niemanden, der eine Arbeitsstelle für weniger annehmen wird. Zumindest wenn er rational agiert, wie es die Neoklassik ja postuliert. Wenn mir Hartz IV im Monat 1000 Euro bringt, ein Vollzeit-Job aber nur 900 Euro, dann wäre ich ja tatsächlich schön bescheuert, dem Job nachzugehen.
Und nicht nur das: Der theoretisch niedrigste Erwerbslohn müßte sich auf einem Niveau einpendeln, das soweit oberhalb von Hartz IV liegt, dass der Grenznutzen der Arbeitsaufnahme die Grenzkosten (in der Literatur auch häufig das “Grenzleid”) überwiegt. Anders gesagt: Nur ein paar mickrige Euros mehr zu verdienen als Hartz IV, wird den Meisten nicht reichen, um die Freizeit gegen die 40-Stunden-Woche einzutauschen. Es müßte schon ein deutlicher Abstand sein, sagen wir mal 25% oder sowas in der Richtung.
Soweit klar? Nota bene: das ist alles nicht meine Meinung, sondern das sind Aussagen, die die Theorie trifft, welche diesen Beiträgen in der FAZ, dem Handelsblatt und sonstwo zugrunde liegen. Und auch dieser Studie des Kieler WWI.
Und jetzt nochmals meine Frage: Warum stellt sich dann in der Praxis dieser Abstand nicht ein? Warum kommen Netto-Löhne im Geringqualifizierten-Segment tatsächlich auf oder sogar unterhalb von Hartz IV zu liegen?
Was mich kollossal ärgert ist, dass es den ganzen Proto-Ökonomen in den Gazetten überhaupt nicht aufzufallen scheint, dass sich die Theorie da selber widerspricht. Es dürfte schlichtweg nicht passieren, dass der Lohnabstand zu Hartz IV so gering ausfällt oder sogar auf Null absinkt.
Was stattdessen passieren müßte, ist, dass es ein ausgeprägtes Differenzial gibt, zudem aber nur wenige Arbeitsstellen angeboten werden. Soll heißen: die Arbeitslosigkeit im unteren Lohnsegment müßte theoretisch höher sein, die bezahlten Erwerbslöhne aber dafür auch.
Warum? Ganz einfach: Weil die Möglichkeit von Hartz IV den Geringqualifizierten als Gruppe (nicht individuell!) die Möglichkeit gibt, zu agieren wie Oligopolisten: Sie können über die Höhe ihres Arbeitsangebots den Preis steuern. Soll heißen: wenn der Markt nicht das bezahlt, was erwünscht ist, dann gehen sie eben in Scharen nicht arbeiten, sondern bleiben zuhause und ernähren sich von Hartz IV.
Nun ist es aber in der Praxis halt offenbar so, dass es diese geringen bzw nicht-existenten Unterschiede tatsächlich gibt. Frage: Wie kann das sein? Meine These: Die ganze Theorie ist Schrott! Die Studie des WWI gehört auf den Müllhaufen, genauso wie sämtliche Beiträge in der FAZ und sonstwo, diverse Aussagen von Sachverständigen usw.
Noch nicht mal die Gewerkschaften scheinen begriffen zu haben, wie das Spiel funktioniert, denn ob die Organisationsmacht der Geringqualifizierten niedrig ist oder hoch spielt hier überhaupt keine Rolle (vgl Aussagen im verlinkten Artikel): Alleine schon die Möglichkeit, zu annähernd gleichen finanziellen Konditionen NICHT zu arbeiten, gibt ihnen die Marktmacht, die sie theoretisch brauchen.
Die Situation scheint wohl vielmehr die zu sein: Trotz der geringen Lohnunterschiede gehen Erwerbsfähige lieber einer Arbeit nach, als Hartz IV in Anspruch zu nehmen. Aus welchen Gründen auch immer, sei es persönlicher Stolz, Angst vor Stigmatisierung oder schlicht deshalb, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit ihrer Zeit anfangen sollten. Es kommt also, so gesehen, zu einem Überangebot an Arbeitskraft auf einem gegebenen Lohnniveau oder, was wahrscheinlicher ist, zu einem Gleichgewichtsangebot von Arbeitskraft auf einem zu niedrigen Lohnniveau.
Die in den Medien herbeigeschriebene Situation, in der Erwerbsfähige lieber zuhause bleiben und auf Kosten des Steuerzahlers leben, scheint daher überhaupt nicht existent. Und ich betone nochmals: Nicht nach den Maßstäben meiner eigenen Theorie, sondern im Rahmen des Gedankengebäudes, das den obigen Aussagen zugrunde liegt. Es ist inkonsistent. Wenn die Gefahr bestünde, dass alle Gerinqualifizierten in Scharen in Hartz IV flüchten, warum tun sie es dann nicht schon längst? Wenn sie es täten, dann müßten aber größere Unterschiede zu den Erwerbslöhnen sichtbar sein.
Meine These deshalb: Man sollte tatsächlich versuchen, in den betroffenen Branchen (von denen sich die meisten nicht am Weltmarkt orientieren müssen sondern binnenfokussiert sind) einen Mindestlohn einzuführen, der 25 bis 30% oberhalb von Hartz IV liegt.
Und dann müßte man halt mal gucken, was passiert. Ich vermute: gar nichts. Außer, dass der Abstand zwischen Hartz IV und den niedrigsten Erwerbslöhnen tatsächlich höher wird. Was womöglich einige Arbeitslose dazu anregen wird, sich verstärkt um einen Job zu bemühen. Ob sie einen finden werden, bleibt fraglich.
Quelle: Weiß gar nix
Die Veröffentlichung wurde mir von “Weiß gar nix” genehmigt. Dankeschön !













