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Wie viel Zeit haben wir noch?

Von Michael Poost | aristo Blog | – Sie werden sich sicherlich die Frage stellen, „Wie viel Zeit für was….?“. Ich habe bewusst den Arztplural verwendet,. „Wie viel Zeit haben Sie noch?“,heißt es, wenn man diesen weg lässt.

Zeit für was? Um Ihren Focus zu verändern, Ihre Sichtweise. Zugegeben, das ist nicht ganz einfach, muss man sich doch erst der selektiven Wahrnehmung, die sich fast automatisch einstellt, bewusst werden. Haben Sie manchmal das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt, aber können nicht konkret formulieren was? Dann sind Sie nicht der einzige. Und das Sie es nicht konkret benennen können, liegt wohl an Ihrer selektiven Wahrnehmung.

Kinderarmut, Altersarmut, Niedriglohnbereich, Generation Praktikum, Rente mit 67, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Verdachtskündigungen, Leiharbeit, Hartz IV, Kopfpauschale, Lohnnebenkostensenkung, schlanker Staat, Überwachung, Terrorismus, Tafeln, Pflegenotstand, PISA, IGL, Containern.

Sind diese Begriffe für Sie positiv besetzt? Wohl kaum. Ich könnte die Reihe beliebig fortsetzen. Jetzt erinnern Sie sich bitte an das Jahr 1990. Erinnern Sie sich auch nur einen einzigen Begriff aus obiger Reihe in 1990 gehört oder gelesen zu haben? Nein? Dann erinnern Sie sich richtig.

Sieht man mal von Terrorismus ab. Volkswirtschaftlich betrachtet ist Deutschland seit 1990 jedes Jahr reicher geworden. Ich habe bewusst das Jahr 1990 gewählt, weil von Tafeln zu diesem Zeitpunkt weit und breit nichts zu hören oder zu lesen war.

Die erste Tafel in Deutschland wurde 1993 in Berlin gegründet. 1995 gab es in Deutschland schon vier Tafeln und im Jahre 2000 schon 270! Wie erklären Sie sich diese Entwicklung? Deutschland wird reicher und die Bürger ärmer. Aktuell gibt es über 900 Tafeln und die 1000er Grenze wird wohl in diesem Jahr überschritten werden.

Containern, dieser Begriff sagt Ihnen möglicherweise nichts. Containern bezeichnet das Mitnehmen weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, aber durchaus noch genießbar sind.

Was sind die Ursachen für diese Entwicklung? Ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung befindet sich auf dem Abstellgleis. Nicht nur wirtschaftlich. Die Ursachen sind zahlreich. Bei näherer Betrachtung ist jedoch die Hauptursache sehr wohl erkennbar. Die Wirtschaft und deren Vertreter, Lobbyisten, bestimmen sei vielen Jahren die Handlungsmaxime der jeweiligen Regierung.
Definition Handlungsmaxime:

„Zu den Handlungsmaximen, kantisch gesprochen Maximen des Handelns, gehören alle Normen, die nur Sollens-Sätze enthalten. Es sind also keine konkreten Handlungsanweisungen. Handlungsmaximen bilden das Wertesystem einer Gesellschaft ab. Sie stiften Identität und schaffen den normativen Rahmen für soziale Abläufe, wodurch eine Gemeinschaft Stabilität gewinnt.

Dabei sollen jetzt nicht Handlungsmaximen im weiteren Sinne im Mittelpunkt stehen, es geht nicht um „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“ oder „Fairness“, die nicht nur für die soziale Sicherheit, sondern für alle Bereiche gelten. Vielmehr rücken Handlungsmaximen in den Vordergrund, die sachbereichsspezifische und konkretisierbare Normen für die Soziale Sicherheit darstellen. Diese Normen müssen nicht neu erfunden werden, sie haben sich im Laufe der Zeit entwickelt und nichts von ihrer Bedeutung verloren.“

Hätten Sie sich 1990 vorstellen können, das Lobbyisten maßgeblich an Gesetzen mitwirken und in Bundesministerien arbeiten? Wohl kaum. Deswegen ist es nämlich fast unbedeutend, ob Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün etc. an der Regierung ist.

Spätestens mit dem Bankenrettungspaket ist klar geworden, unsere Regierung ist erpressbar. Doch das ist nicht neu. Stellenabbau, Verlagerung der Produktion ins Ausland und ähnliche Drohungen, haben auch schon in der Vergangenheit gewirkt und wirken noch immer.

Machtwahn, Profitwahn, Deregulierungswahn (Finanzmarkt) auf der einen, Regulierungswahn (Überwachung) auf der anderen Seite, Privatisierungswahn, Sozialabbau und Korruption, so heißen weitere Bausteine. Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig. Schlagworte wie Neoliberalismus und Globalisierung vernebeln nur den Blick auf die wahren Ursachen.

Halb Deutschland diskutiert über die Steuersünder-CDs. Ein von den Medien gepushtes Thema. Über wirkliche Probleme hingegen wird kaum berichtet. Ein wirkliches Problem ist z.B. die Altersarmut oder die steigende Zahl der Privatinsolvenzen.

Doch welcher Leser oder Hörer möchte mit solchen Themen konfrontiert werden. Das trifft doch immer nur die Anderen. Morgen könnten Sie der Andere sein. Und Sie werden der Andere sein. Spätestens im Altersheim.
Zwischenfrage: Habe ich bis hierher ganz leicht Ihren Focus verändert?

Sollten Sie in München wohnen, dann beobachten Sie mal, wenn Sie auf der Prinzregentenstrasse stadteinwärts fahren, den Eingang zum Englischen Garten in Höhe des Eisbachs. Sie werden dort aktuell nicht das erkennen, was ich meine. Bis vor einiger Zeit waren dort Mülleimer angebracht, aus denen ältere Damen und Herren Pfandflaschen und anderes Brauchbare gefischt haben. Diese Mülleimer gibt es dort nicht mehr.

Nehmen Sie sich mal die Zeit, um eine Woche inne zu halten, zu entschleunigen. Gehen Sie in den englischen Garten und reden mit einer älteren Dame oder Herrn, die/der hoffnungsvoll einen Mülleimer durchsucht. Sie werden binnen einer Stunde mehr Erfahrungswissen vermittelt bekommen, als in Ihrem gesamten Leben bisher.

Gleiches gilt für andere Großstädte.

Nehmen Sie es sich nicht vor, planen Sie das nicht ein. Tun Sie es.

Verändern Sie ihren Focus. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

Quelle: Netzwerkpartner aristo Blog

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gelesen: 34 · heute: 2 · zuletzt: 15/03/2010

1 Kommentar auf “Wie viel Zeit haben wir noch?”

  1. Catweazle sagt:

    Nun, die Mülleimer sind wohl verschwunden weil es zu teuer ist sie täglich zu entleeren. Da jagt man doch lieber die 1-Euro-Jobber einmal im Monat durch die Büsche. Tatsächlich haben die Menschen in diesem Land das Teilen verlernt oder schlicht vergessen. Teilen heisst nicht nur seine abgelaufenen Lebensmittel zum Nulltarif über die Tafeln zu entsorgen. Teilen heisst tatsächlich, den Reichtum dieses Landes gerecht unter die Leute zu bringen. Dazu gehört auch ein sehr kostbares Gut, nämlich die Arbeitszeit. Wer heute von Vollbeschäftigung spricht, der meint das alle ihre 40 Stunden pro Woche runterreißen. Leider ist die Produktivität schon so hoch, das große Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung nicht mehr gebraucht werden. Eine Möglichkeit diese doch zu beschäftigen besteht in der radikalen Verkürzung der Arbeitszeit. Jedem sein fettes Auto und dazu noch Eigentumswohnung oder Haus zu versprechen ist nicht nur utopisch sondern auch gefährlich. Der Aufbau des Landes nach WW2 und das “Wirtschaftswunder” beruhten nicht unbedingt auf den Fleiss der Bewohner dieses Landes sondern auf die Ausplünderung anderer Völker. Da das nicht mehr so einfach ist und auch andere Länder wie China nun kräftig in der Weltwirtschaft mitmischen, wird eben aus dem hiesigen Arbeitsvolk das letzte rausgepresst. Das hat natürlich seine Grenzen denn ab einem bestimmten Level an Unterdrückung geht der Schuss schnell nach hinten los. Warum hier immer noch die vielen alten und jungen Lämmer ihre “Metzger” selber wählen ist mir schleierhaft. Da werden Millionen Rentner ständig übers Ohr gehauen und die geben ihren Abzockern noch ihre Stimme. Das selbe gilt für die “Prekären” die immer noch politikverdrossen entweder gar nicht wählen oder alten Gewohnheiten verpflichtet sind.
    Wo führt das nun hin? Ich denke mal, das die Menschheit niemals wieder einen solchen Wohlstand wie in den letzten ca. 40 Jahren erleben wird. Die Ressourcen werden immer schneller verbraten und nur Geld zu drucken und unter die Leute zu verteilen, bringt keinerlei Lösung der Probleme. Eine massive Einschränkung was den Lebenswandel betrifft(natürlich ohne Außnahme) sowie das Ende der bewaffneten Raubüberfälle auf die Rohstoffe anderer Länder und Fairnis im Handel können viel helfen. Ob sich alle dran halten bezweifle ich mal denn die (Hab)Gier ist der wahre Geruch des Menschen.

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