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Der hässliche Deutsche

Mittwoch, 17. Februar 2010-12:25 -|- Eingestellt von: |

Von Jens Berger | Der Spie­gel­fechter | — Wie es deut­sche „Talk­showöko­nomen“ geschafft haben, die deut­sche Bevöl­ke­rung glauben zu lassen, sie ver­träten wis­sen­schaft­lich neu­trale oder gar gesi­cherte Thesen, bleibt ein Geheimnis.

Inter­na­tional werden unsere all­wis­senden Vor­denker jedoch bes­ten­falls belä­chelt. Nor­ma­ler­weise stört sich die Zunft nicht son­der­lich an der feh­lenden inter­na­tio­nalen Repu­ta­tion. Manchmal steht ihnen jedoch ihr übergroßes Ego im Weg.

So geschehen im Falle Hans Olaf Henkel, der offen­sicht­lich einen lapidar abschät­zigen Kom­mentar des Ökonomen James K. Galbraith per­sön­lich nahm, öffent­lich zurück­holzte und dabei mit voller Wucht in das Rassismus-​Fettnäpfchen trat – in den USA eine Todsünde.

Hans Olaf HenkelDa war er wieder, der häss­liche Deut­sche, der Ras­sist in Nadel­streifen. Das pro­gres­sive Ame­rika zeigt sich empört und for­dert von Hen­kels Arbeit­geber, der Bank of Ame­rica, den sofor­tige Raus­wurf ihres „Senior Advisors“.

Ein Sturm im Was­ser­glas, in Deutsch­land gelten Männer wie Henkel nicht als die Extre­misten, die sie eigent­lich sind, son­dern als gemä­ßigte Männer der Mitte – bei­leibe kein Ruh­mes­blatt für unser Land.

Inkom­pe­tenz – ein harter aber zutref­fender Vorwurf

James K. Galbraith – nicht zu ver­wech­seln mit seinem welt­be­rühmten Vater, dem Ökonomen John Ken­neth Galbraith – ist ein ange­se­hener Ökonom. Er lehrt an der Uni­ver­sity of Texas in Austin und gilt als ein­fluss­rei­cher Keyne­sianer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Schon früh warnte er vor der Gefahr, die intrans­pa­rente, gebün­delte Kre­dit­ver­brie­fungen für die Finanz­welt darstellen.

Diese Pro­dukte gelten heute als wich­tigster Aus­löser der Finanz– und Wirt­schafts­krise. Galbraith ist eine Art Anti-​Henkel und befindet sich in seiner Zunft in bester Gesell­schaft – auch die Ökonomie-​Nobelpreisträger Krugman, Akerlof und Stiglitz ver­treten dies­be­züg­lich deckungs­gleiche Positionen.

Hans Olaf Hen­kels Welt ist ein­fa­cher. Für ihn sind die Märkte eine hei­lige Kuh und die Finanz­krise sei für nie­manden vor­her­sehbar, so der Lob­byist. Als James K. Galbraith Ende Januar in einem Inter­view mit den kruden Thesen Hen­kels kon­fron­tiert wurde, hätte er sich wahr­schein­lich nicht träumen lassen, dass seine Ant­wort zu einem Poli­tikum werden würde:

„Nun ja, Herr Henkel sollte viel­leicht ein wenig mehr lesen. Er sollte sein Ver­ständnis dar­über, was eigent­lich eine ökono­mi­sche Ana­lyse aus­macht, schärfen. […] Sein Stand­punkt ist gro­tesk, eine voll­kommen unhalt­bare Posi­tion, die eine fun­da­men­tale Eng­stir­nig­keit und – wenn ich das so offen sagen darf – Inkom­pe­tenz offen­bart, was für jeder­mann ersicht­lich ist.
James K. Galbraith in einem Inter­view mit Lars Schall

Si tacuisses, phi­lo­so­phus mansisses

Dieser Rund­um­schlag muss das Ego des stets arro­gant wir­kenden Henkel zutiefst ver­letzt haben. Obgleich Hans Olaf Henkel natür­lich wissen muss, dass Galbraiths Kom­mentar hart aber überaus zutref­fend ist, konnte er derlei Fun­da­men­tal­kritik an seiner Person nicht auf sich sitzen lassen und holzte zurück. Wie schon zuvor in den deut­schen Medien machte Henkel in seiner Replik Car­ters „Hou­sing and Com­mu­nity Delev­o­pe­ment Act“ für die Krise verantwortlich.

Hans Olaf Henkel1Henkel ließ es sich noch nicht einmal nehmen, diesen abstrusen Vor­wurf durch die Kon­kre­ti­sie­rung auf einen bestimmten Absatz des kri­ti­sierten Gesetzes zu prä­zi­seren – nicht die Finanz­märkte, son­dern das Verbot des „Red­li­nings“ hätten zur Krise geführt.

Unter dem Begriff „Red­li­ning“ ver­steht man eine Praxis, bei der Banken den Stadt­plan in „gute“ und „schlechte“ Zonen auf­teilen. Die Bewohner der „schlechten“ Zonen – meist Afro­ame­ri­kaner – haben keine Chance, bestimmte Dienst­leis­tungen der Banken in Anspruch zu nehmen.

Das Verbot des „Red­li­nings“ gilt in den USA als wich­tiges Gesetz, mit dem gegen ras­sis­ti­sche Prak­tiken der Geschäfts­welt vor­ge­gangen wurde. Da mag es nicht ver­wun­dern, dass Hen­kels grob­schläch­tiges Geholze jen­seits des Atlan­tiks die Alarm­glo­cken schrillen ließ.

Viel­leicht fehlt es dem ansonsten so poly­glotten Hans Olaf Henkel ein­fach nur an inter­kul­tu­reller Kom­pe­tenz. Es ist bekannt, dass die USA sehr sen­sibel mit dem Themen „Ras­sismus“ und „Dis­kri­mi­nie­rung“ umgehen und vor allem in aka­de­mi­schen Kreisen eine aus­ge­spro­chene All­ergie gegen derlei Ansichten besteht. Selbst George W. Bush, der ansonsten kein Fett­näpf­chen aus­ließ, war pein­lich darauf bedacht, bloß nicht als Ras­sist oder Dis­kri­mi­nie­rungs­be­für­worter dazustehen.

Lieber Herr Sarrazin

Daheim pro­vo­ziert Hans Olaf Henkel gerne und spielt sich als unter­drückter Bote einer nicht zu unter­drü­ckenden Wahr­heit auf. Henkel ist ein Anwalt des Markt­fun­da­men­ta­lismus in seiner reinen Form. Er hält nicht viel von Markt­re­gu­lie­rungen, noch weniger vom Sozi­al­staat und Umver­tei­lung von oben nach unten ist für ihn eine Todes­sünde. Nicht die Märkte oder gar das System, son­dern die Opfer des Sys­tems stehen für ihn nicht nur in der Ver­ant­wor­tung, son­dern sogar in der Schuld.

Wann immer eine Person des öffent­li­chen Inter­esses gegen die Unter­schicht oder Migranten hetzt, findet dies bei Hans Olaf Henkel aus­drück­li­chen Bei­fall. So gra­tu­lierte er auch dem unsäg­li­chen Hetzer Thilo Sar­razin in einem offenen Brief in der WELT – „ohne jedes Wenn und Aber“, wie Henkel es for­mu­liert. Hen­kels Obses­sion, hüben wie drüben die Untersten der Gesell­schaft für alles und jedes ver­ant­wort­lich zu machen, blieb auch in den USA nicht ohne Widerspruch.

Wil­liam K. Black ist ein ange­se­hener Pro­fessor der Rechts­wis­sen­schaften und Publi­zist. Der ehe­ma­lige Ban­ken­re­gu­lierer gilt als Kory­phäe auf dem Gebiet der „Weiß­kra­gen­kri­mi­na­lität“ und hat meh­rere Werke ver­öf­fent­licht, in denen er den Ver­ant­wort­li­chen für die „Ramsch­kre­dite“ an soziale Rand­schichten, die zur Subprime-​Krise beige­tragen haben, nachspürt.

Für den Experten sind Hen­kels Pau­schal­be­schul­di­gungen schlichtweg dumm und indis­ku­tabel. Wahr­schein­lich hätte er sie jedoch links liegen lassen, wenn der Urheber dieser latent ras­sis­ti­schen Äuße­rungen nicht gleich­zeitig Ange­stellter der Bank of Ame­rica wäre. Der ehe­ma­lige Chef-​Lobbyist Henkel ist seit 2006 „Chief Advisor“ des Bank­gi­ganten – ob die Bank of Ame­rica wirk­lich an Hen­kels Rat inter­es­siert ist, kann jedoch getrost bezwei­felt werden, es ist viel­mehr das Netz­werk des umtrie­bigen Lob­by­isten, das für Banken sehr wert­voll ist.

Wil­liam K. Black hatte jedoch – anders als sein Kol­lege Galbraith – im fernen Kansas City auch etwas von der Hetz­kam­pagne Sar­ra­zins mit­be­kommen und ihm stieß vor allem Hen­kels Soli­da­ri­sie­rung mit dem Sozi­al­dar­wi­nisten „ohne Wenn und Aber“ bitter auf. Wil­liam K. Black schrieb einen offenen Brief an den Vor­stand der Bank of Ame­rica, in dem er Hen­kels sofor­tige Ent­las­sung fordert:

Herr Henkel ist nicht ein­fach ein eng­stir­niger Fana­tiker. Seine inhalt­liche poli­ti­sche Bera­tung – Dere­gu­lie­rung und weit höhere Ver­gü­tung von Füh­rungs­kräften – macht ihn zu einem der wich­tigsten deut­schen Archi­tekten der Krise. Er gab der Bank of Ame­rica ent­setz­liche Rat­schläge. Aber Herr Hen­kels trau­rigster Cha­rak­terzug ist die Heuchelei.

Er ist ein Seri­en­heuchler, weil sein Fana­tismus, die Dinge angreift, die er vor­gibt zu ver­treten. […] Herr Henkel schmei­chelt den Mäch­tigen durch das Evan­ge­lium des Sozi­al­dar­wi­nismus. Herr Henkel behauptet, der Meister der “Unter­nehmer” zu sein – aber er behan­delt “Obst und Gemüse” Unter­nehmer mit Verachtung.

Herr Henkel ver­ur­teilt Ver­leum­dungs­kam­pa­gnen gegen die “Markt­wirt­schaft”, aber er beginnt und unter­stützt die wider­wär­tigsten Ver­leum­dungs­kam­pa­gnen, die unge­heure Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit in der Welt­ge­schichte her­vor­ge­bracht haben.
Wil­liam K. Black

Auf­ruhr in den USA – Alltag in Deutschland

Blacks offener Brief zog seine Kreise und wurde sowohl im Blog des bekannten Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­kers Michael Moore sowie im größten Blog der Welt, der Huf­fington Post, in voller Länge ver­öf­fent­licht. Rühr­selig naiv muten da die ame­ri­ka­ni­schen Kom­men­ta­toren an, denen die Tris­tesse der öffent­li­chen Dis­kus­sion in Deutsch­land offen­sicht­lich nicht bekannt ist.

Für sie ist Henkel wahl­weise ein Ras­sist, ein Neocon, ein Wie­der­gänger der deut­schen Indus­tri­ellen, die Hitler unter­stützten oder ein­fach nur das Ste­reotyp des häss­li­chen Deutschen.

In einer bes­seren Welt würde man die Sar­ra­zins und Hen­kels auch hier­zu­lande mit derlei Attri­buten ver­sehen. In der modernen Ber­liner Repu­blik gilt Henkel jedoch als bür­ger­liche Mitte, als Main­stream, ja als kon­sens­fä­higer Mode­rator. Manchmal ist es schon hilf­reich, unseren Alltag von der Posi­tion eines außen­ste­henden Beob­ach­ters aus zu betrachten, um zu erkennen, wie per­ver­tiert unsere Eliten eigent­lich sind.

Oder um Hein­rich Heine kom­plett aus dem Kon­text zu zerren – “Denk ich an Deutsch­land in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht”.

Quelle: Der Spie­gel­fechter

Quelle Bilder: Dito

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Kategorie » Finanzen/Banken, Finanzkrise, Gesellschaft/Soziales, Politik/Wirtschaft « | Tags » , «

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gelesen: 246 · heute: 2 · zuletzt: 16. Mai 2012

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