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Samstag, 27. Februar 2010-14:02 -|- Eingestellt von: |

Peter PlögerVon Axel Hen­rici | Der Freitag

Viel gelernt und nichts gewonnen? Der Autor Peter Plöger über Arbeits­verhältnisse zwi­schen Selbst­ver­wirk­li­chung und Prekariat.

Der Freitag: Sie jon­glieren mit meh­reren Jobs, sind also selber ein Arbeits­sammler. Hat sich das so ergeben oder haben Sie sich ­bewusst dazu entschieden?

Peter Plöger: Ich habe nach der Pro­mo­tion für ein Jahr an der Uni gear­beitet. Danach hatte ich meh­rere Neben­jobs, unter anderem als Kurier­fahrer. Als ich vor­über­ge­hend Arbeits­lo­sen­geld bezog, eröff­nete sich die Mög­lich­keit, eine Ich-​AG zu beantragen.

Die Über­legung war: Deine viel­fäl­tigen Inter­essen kannst du in der Wis­sen­schaft gar nicht ver­folgen, weil du dich immer spe­zia­li­sieren musst. Beim Schreiben geht das eher. Bis jetzt habe ich es nicht bereut.

Sind Sie, um in Ihrer Ter­mi­no­logie zu bleiben, ein Brotjobber?

Ich habe einen sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tigen Job als eine Art Sekretär bei einem Schwerstbe­hinderten. Da bin ich mon­tags und diens­tags. In der übrigen Zeit schreibe ich, und ab und an arbeite ich als Thea­ter­päd­agoge. Der Sekre­tärsjob ist aber mein Brotjob.

Für die vielen freien Irgendwas-​mit-​Medien-​Macher hat sich ja der Begriff „digi­tale Boheme“ eta­bliert. Ist das nicht bloß ein cooler Euphe­mismus für an sich unhalt­bare Zustände?

Ich wohne ja nur in Bie­le­feld. Viel­leicht sitzen die Leute tat­säch­lich zu Hun­derten mit ihren Net­books in den Cafés des Prenz­lauer Bergs und schreiben ganz tolle Dreh­bü­cher. Mag sein, dass diese Chancen in Zukunft mehr Leuten offen­stehen werden. Aber auch die Zahl der Arbeits­sammler wird zunehmen, und von den nega­tiven Lebens­um­ständen werden immer mehr Leute betroffen sein.

Im Grunde ist das Schlag­wort „digi­tale Boheme“ nur ein schi­ckes Label für das sicht­bare obere Siebtel des Eis­bergs – bei den anderen sechs Siebtel sieht es zum Teil sehr bitter aus. Das sind Leute, die seit Jahren selb­ständig sind, hoch­qua­li­fi­ziert – und sich dann den Zahn­er­satz nicht leisten können, weil ihnen schlicht und ergrei­fend das Geld fehlt.

Es gibt zwar ver­ein­zelt Inter­es­sen­ver­bände wie z.B. die „Frei­sch­reiber“, aber warum gibt es bis­lang noch keine Gewerk­schaft für Arbeitssammler?

Eine gute Frage. Es gibt außer den Frei­sch­rei­bern ja noch andere Inter­es­sen­gruppen: die Aktion But­ter­brot zum Bei­spiel. Was fehlt, ist tat­säch­lich eine Gesamt­ver­tre­tung der Arbeits­sammler. Damit die Leute sehen, dass sie gemein­same Inter­essen haben.

Ich möchte da selbst ein biss­chen aktiv werden und den Leuten klar­ma­chen: Mögen Jour­na­listen, Rechts­an­wälte und Künstler auch beruf­lich nichts mit­ein­ander zu tun haben – die Pro­bleme sind doch ähnlich.

Sie würden sich bei so einer Gewerk­schaft also engagieren?

Mit ein paar Kol­legen habe ich kürz­lich sogar Kon­takt zur SPD auf­ge­nommen. Die Leute merken, die Arbeits­welt ist in einem ziem­li­chen Wandel begriffen. Und die Arbeits­sammler sind gera­dezu ein Makro­symbol für diesen Wandel. Vor allem sind sie eine wach­sende Kli­entel für die Parteien.

Wie müssten die Bil­dungs­in­sti­tu­tionen auf die Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeit reagieren?

An den Hoch­schulen wächst eine Gene­ra­tion von Arbeits­samm­lern nach, die jetzt ihre Bachelor-​Abschlüsse macht. Die Uni qua­li­fi­ziert die Leute zu einem Beruf – das hat sie ja ver­spro­chen nach der Bologna-​Reform.

Aber was sie nicht macht, ist die Leute auf die Arbeits­ver­hält­nisse vor­zu­be­reiten, die einen als Arbeits­sammler erwarten: Mul­ti­job­bing, häu­fige Ver­än­de­rungen, zum Teil auch kom­plette Neu­ori­en­tie­rungen. Die Uni müsste auch Sachen lernen lassen, die mit der pri­mären Qua­li­fi­ka­tion erst mal gar nichts zu tun haben.

Sie for­dern, die sozialen Rechte an die Person zu binden und nicht an den Erwerbs­status. Was heißt das konkret?

Wir müssen davon weg­kommen, dass nur, wer ein Erwerbs­ein­kommen erzielt, sich gegen Krank­heit und Arbeits­lo­sig­keit absi­chern kann. Prak­ti­ka­bler wäre es, Selb­stän­digen einen grund­sätz­li­chen Anspruch auf zumin­dest eine Mini­mal­ver­sor­gung ein­zu­räumen, wenn sie einen Ein­bruch in der Auf­trags­lage haben.

Nehmen Sie das Bei­spiel Theater: Da werden die Leute ja sai­sonal beschäf­tigt, mit ein paar Monaten Pause dazwi­schen. Das ist das, was ich in meinem Buch „frik­tio­nelle Arbeits­lo­sig­keit“ nenne. Wer tritt für diese drei Monate Ver­dienst­aus­fall ein?

Was halten Sie von der Idee der Bür­ger­ar­beit, also Arbeit, die weder vom Staat noch vom Markt bereit­ge­stellt wird, son­dern die dem Gemein­wohl dient?

Viele Arbeits­sammler leisten Bür­ger­ar­beit, ohne dass sie dafür bezahlt werden. Ich denke ohnehin, dass sich die ganze Arbeits­welt noch weiter diver­si­fi­zieren wird. Das hat ja auch Ulrich Beck schon vor­her­ge­sagt. Es wird viel­leicht ein drei­tei­liges Modell entstehen:

Ein Drittel der Zeit macht man bezahlte Erwerbs­ar­beit, ein Drittel der Zeit Bür­ger­ar­beit – und das ver­blei­bende Drittel füllt man mit freier unbe­zahlter Arbeit im infor­mellen Sektor, zum Bei­spiel, indem man Güter tauscht oder Dienst­leis­tungen. Ich finde das eine sehr sym­pa­thi­sche Idee, weil es dabei letzt­end­lich natür­lich viel mehr Frei­heit gibt für selbst­be­stimmtes Arbeiten.

Sie betonen, dass ein Leben als Arbeits­sammler auch große Frei­heiten eröffnet. Was machen wir mit denen, die vom Zwang zur Frei­heit über­for­dert sind?

Das ist natür­lich ein großes Pro­blem. Wir haben sechs­ein­halb Mil­lionen ALG-​II-​Empfänger in der Bun­des­re­pu­blik. Da sind natür­lich auch viele Leute dabei, die von der Fle­xi­bi­li­sie­rung völlig über­for­dert sind. Die mehr Sicher­heit und mehr Bestän­dig­keit brau­chen. Von daher wäre es ange­zeigt, zumin­dest an einigen Stellen die Fle­xi­bi­li­sie­rung wieder zurück­zu­nehmen. Die Frage ist, ob das geht. Da müsste die Politik ganz andere Rah­men­be­din­gungen setzen als die, die uns die Agenda 2010 beschert hat.

Eine dieser Rah­men­be­din­gungen könnte ja das bedin­gungs­lose Grund­ein­kommen sein.

Ja, weil es die­je­nigen mit­ver­sorgt, die nicht diese Selbst­be­stim­mung haben wollen, aber auch auto­no­meren Typen den Frei­raum lässt, das zu machen, was sie machen wollen und ihre Moti­va­tion an der rich­tigen Stelle ein­zu­setzen. Und diese Moti­va­tion ist da. Die aller­meisten Men­schen, auch Hartz-​IV-​Empfänger, wollen arbeiten.

Ist Arbeit wirk­lich ein mensch­li­ches Grund­be­dürfnis oder ist dieses Ver­halten kul­tu­rell erlernt?

Ich glaube, wenn man es etwas umfor­mu­liert, stimmt es: Nicht Arbeit ist ein mensch­li­ches Grund­be­dürfnis, son­dern Tätig­keit. Arbeit ist laut Hannah Arendt das, was wir zum Selbst­er­halt tun müssen. Dar­über hinaus gibt es aber auch noch das Her­stellen und das Han­deln. Da geht es auch um die Freude am Tun selber, um die intrin­si­sche Moti­va­tion, die man dabei hat. Und die hat jeder. Außer viel­leicht, er ist patho­lo­gisch faul – das gibt’s ja viel­leicht auch…

Die glück­li­chen Arbeitslosen…

…die ja viel­leicht auch gar nicht faul sind, son­dern sich nur einen Spaß daraus machen, die Gesell­schaft zu pro­vo­zieren. Man müsste das eben skiz­zierte Modell mit Bür­ger­ar­beit und einem Grund­ein­kommen viel­leicht ein­fach mal aus­pro­bieren, um mehr von dieser intrin­si­schen Moti­va­tion, von diesem Tun-​Wollen abzu­graben und pro­duktiv, d.h. selbst-​produktiv zu kanalisieren.

Spinnen wir mal ein biss­chen: Wie sieht denn Europa in 20 Jahren aus, was die großen Fragen angeht, wie Work-​Life-​Balance, Zukunft der Arbeit? Was wäre ein posi­tives, was ein nega­tives Szenario?

Die Arbeits­sammler werden tat­säch­lich ein posi­tives Modell für Arbeit sein – weil wir die große Selbst­be­stimmt­heit, die in ihrer Arbeit liegt, in anderen Tätig­keiten auch haben werden.

Es wird mehr Leute geben, die das machen, was sie eigent­lich machen wollen und nicht ein­fach nur irgendwo hin­gehen und stumpf­sinnig ihre acht Stunden Arbeit run­ter­reißen – und zu Hause schon wieder ver­gessen haben, was sie da eigent­lich den ganzen Tag gemacht haben.

In meiner Utopie gäbe es dieses freud­lose Vor-​Sich-​Hin-​Arbeiten ein­fach nicht mehr. Wir werden nicht mehr durch gesetz­liche Vor­gaben daran gehin­dert, das zu tun, was wir tun wollen. Ich kann vor­mit­tags Tisch­lern, mit­tags gehe ich zwei Stunden in den Garten und pflege mein kleines Gemü­se­beet, mit dem ich mich zu einem Teil selbst versorge…

Also das gute alte Marx'sche Ideal, „heute dies, morgen jenes zu tun, mor­gens zu jagen, mit­tags zu fischen, abends Vieh­zucht zu treiben, nach dem Essen zu kri­ti­sieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kri­tiker zu werden“?

Wenn Sie so wollen, ja.

Das war jetzt die posi­tive Utopie – wie sähe die Nega­ti­vu­topie aus?

Ökono­mi­sche Sach­zwänge, die dazu führen, dass man mög­lichst kein Geld aus­gibt, auch nicht für Per­sonal. Es geht nur noch darum, mög­lichst effi­zient zu arbeiten und den Share­holder Value oben zu halten. Was letzt­lich bedeutet, Leute raus­zu­schmeißen oder zu „fle­xi­bi­li­sieren“. In meiner Dystopie würde sich das dann in allen Bran­chen breitmachen.

Wir haben dann nur noch Kern­be­leg­schaften von deutsch­land­weit einigen Hun­dert­tau­send fest­an­ge­stellten Arbeit­neh­mern, alle anderen sind lose dran­ge­hängt und können jeder­zeit frei­ge­setzt werden. Und ich fürchte, alles, was die deut­sche Politik in den letzten fünf­zehn Jahren gemacht hat, geht eher in diese Richtung

Dies ist die Lang­fas­sung des Inter­views in der aktu­ellen Aus­gabe des Freitag. Wir freuen uns, dass Peter Plöger unser Gespräch prompt zum Anlass genommen hat, einen eigenen Blog auf freitag​.de anzu­legen!

Hin­ter­grund

In seinem Buch Arbeits­sammler, Job­no­maden und Berufs­ar­tisten: Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeits­welt, das Anfang März 2010 im Hanser Verlag erscheint, beschreibt Peter Plöger die Aus­wir­kungen der Fle­xi­bi­li­sie­rung des Arbeits­markts in den letzten fünf­zehn Jahren.

Für sein Buch hat er viele qua­li­ta­tive Inter­views mit Solo­selb­stän­digen geführt, die sich oft mit den selt­samsten Job­kom­bi­na­tionen durch­schlagen, aber alle eine Erfah­rung teilen: Sie sind häufig besser qua­li­fi­ziert als ihre fest­an­ge­stellten Kol­legen, stehen ständig Gewehr bei Fuß, ver­dienen aber oft so wenig mit ihrer Arbeit, dass sie sich weder Urlaub noch Zahn­er­satz leisten können.

Plöger unter­scheidet – kor­rekt „gegendert“ – die Brot­job­berin, den Par­al­lel­ar­beiter, die Wechs­lerin, die Rigo­rose und den Pro­teus. Letz­terer ver­fügt über breite Basis­kom­pe­tenzen und arbeitet mal hier mal da.

Der Brot­jobber zieht aus der Erkenntnis, von seiner „eigent­li­chen“ Arbeit nicht leben zu können, die Kon­se­quenz, sich eine feste Neben­tä­tig­keit zu suchen, die ihm ein regel­mä­ßiges Grund­ein­kommen sichert, wäh­rend die Rigo­rose keine Kom­pro­misse ein­geht und lieber von Nudeln mit Toma­ten­sauce lebt, als Abstriche von ihrem beruf­li­chen Ideal zu machen.

Der Berufs­ver­band freier Jour­na­lis­tinnen und Jour­na­listen ist unter frei​sch​reiber​.de im Netz zu finden. Die Aktion But­terbrot setzt sich für die Ver­bes­se­rung der Situa­tion von Leh­rern in Inte­gra­ti­ons­kursen ein. Sie sind oft unter­be­zahlte, aka­de­mi­sche Hartz IV-​Aufstocker

Quelle: Der Freitag

Quelle Bild: Dito

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde mir von “Der Freitag” geneh­migt. Vielen Dank !

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Kategorie » Arbeit/Gewerkschaft, Gesellschaft/Soziales « | Tags » , , «

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gelesen: 314 · heute: 5 · zuletzt: 15. Mai 2012

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