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Griechenland, der Euro und die Spekulationswelle

Dienstag, 02. März 2010-17:15 -|- Eingestellt von: |

Von Manne Wiener | — Neue Inter­na­tio­nale 147, März 2010 | Arbei­ter­macht | — Mit Grie­chen­land steht ein Land der Euro­zone kurz vor dem Staats­bank­rott. Warum? Folgen wir der bür­ger­li­chen Presse, v.a. den Boulevard-​Blättern, so sind die Erklä­rungen so ein­fach wie chau­vi­nis­tisch, erklären aber nichts.

1. „Die Grie­chen“ hätten jahr­zehn­te­lang über ihre Ver­hält­nisse gelebt.

Doch „die „Grie­chen“ sind wie in alle anderen Nationen keine ein­heit­liche Gruppe, son­dern in Klassen gespalten. Die Lohn­ab­hän­gigen ver­dienen deut­lich weniger als in den meisten Län­dern Europas. Leh­re­rInnen z.B. erhalten nur rund 1.100 Euro/​Monat — brutto!

Gleich­zeitig sind die Preise für Lebens­mittel oder für Wohnen gerade in den städ­ti­schen Zen­tren mit denen Mit­tel­eu­ropas ver­gleichbar. Die grie­chi­schen Arbei­te­rInnen haben also nicht nur weniger Ein­kommen, son­dern sie müssen damit oft auch Lebens­hal­tungs­kosten bestreiten, die den hie­sigen entsprechen.

Natür­lich gibt es auch in die Grie­chen­land Reiche und Super­reiche. Doch die gibt es auch hier — nur in viel grö­ßerer Zahl. Und sie sollen — wie „unsere“ Super­rei­chen — nicht für die Krise zahlen.

2. „Die Grie­chen“ hätten beim EU-​Beitritt gelogen.

Doch es haben nicht „die Grie­chen“, son­dern nur die dama­lige Regie­rung und ihre Spit­zen­be­amten gelogen. Die Bevöl­ke­rung war in deren Machen­schaften ebenso wenig ein­ge­weiht wie in jedem anderen bür­ger­li­chen Staat.

Aus­serdem wussten aber die Kre­dit­geber Grie­chen­lands sehr wohl über den Zustand der Staats­fi­nanzen Bescheid. Das beweisen sie schließ­lich auch heute, wenn sie treff­si­cher gegen den grie­chi­sche Staat und seinen Haus­halt spekulieren.

Und natür­lich gab es sowohl von Seiten der grie­chi­schen Regie­rung wie auch der EU und ihre füh­renden Länder ein poli­ti­sches und ökono­mi­sches Inter­esse, die impe­ria­lis­ti­sche Block­bil­dung und den Euro vor­an­zu­treiben. Das war schon eine Lüge wert. Dafür sollen jetzt die grie­chi­schen Arbei­te­rInnen und selbst große Teile des Klein­bür­ger­tums zahlen.

Über­haupt ist Lügen keine spe­zi­fi­sche Eigen­heit der grie­chi­schen Regie­rung, son­dern jeder bür­ger­li­chen Regie­rung, sei es nun, dass sie blü­hende Land­schaften, sichere Renten oder den NATO-​Frieden in Afgha­nistan verspricht.

3. „Die Grie­chen“ kriegen das Steu­er­zahlen nicht auf die Reihe.

Nicht die Ziele der Regie­rung, eine Politik im Inter­esse des grie­chi­schen und euro­päi­schen Kapi­tals zub betreiben, ist die Ursache des Schla­mas­sels, son­dern die „Steu­er­zahler“. Gemeint sind hier „natür­lich“ nicht Mil­lio­näre, die ihre Steu­er­gelder in der Schweiz, in Lich­ten­stein oder sonstwo bun­kern. Nein, der kleine Bäcker, der seine Bröt­chen am Fiskus vorbei ver­kauft, ist an der Pleite schuldig.

Noch mehr Schuld tragen natür­lich die Schwarz­ar­beiter, also Lohn­ab­hän­gige, die keinen „regu­lären“ Job kriegen. Und auch die Beschäf­tigten im Staats­dienst oder in der Indus­trie gam­meln nur rum. Ein Wunder, dass Grie­chen­land nicht schon vor Jahr­zehnten zusam­men­ge­bro­chen ist!

Gut nur, dass „Steu­er­ex­perten“ von CDU, CSU und FDP jetzt zeigen sollen, wie man's richtig macht beim Steu­er­ein­treiben bei den Arbei­te­rInnen und Klein­bür­gern — und den Rei­chen ele­gante, EU-​konformen Steu­er­be­trug bei­bringt, wie es im modernen Staat üblich und eini­ger­maßen recht­mäßig ist.

4. „Die Grie­chen“ wälzen alles auf die EU oder gar auf Deutsch­land ab!

Nachdem die Boulevard-​Presse „ent­hüllt“ hat, dass die Grie­chen zu blöd und zu faul sind, Steu­er­er­klä­rungen aus­zu­füllen, werden die auch noch frech. Die wollen gar deut­sche Pro­dukte ver­bieten, wo Bild und Co. doch nur mit guten Tipps und Steu­er­fahn­dern helfen wollten.

Das riecht nach „Bal­k­an­zu­ständen“. Und die EU räumt nicht auf! Wo bleibt Wes­ter­welle? Sollte der nicht auf­hören, nur Hartzis alter­rö­mi­scher Deka­denz zu zeihen, wo in Grie­chen­land gera­dezu dio­ny­si­sche Zustände herrschen?

Immerhin: Die deut­schen Banken räumen viel­leicht nicht auf, sicher aber ab. Sie ver­dienen Mil­li­arden an der grie­chi­schen Staats­schuld und den stei­genden Zinsen, die das Land für den Ver­kauf seiner Staats­an­leihen bedienen muss.

Banken ver­dienen an neuer Spekulationsblase

Deut­sche Banken sollen rund 43 Mil­li­arden Dollar an grie­chi­schen Staats­pa­pieren halten. Allein die Hypo Real Estate, die zuvor noch mit Staats­knete gerettet wurde, hält Anleihen in Höhe von 9,1 Mil­li­arden Euro. Die Com­merz­bank soll 4,6 Mil­li­arden besitzen. Auch ange­schla­gene Lan­des­banken haben im großen Stil grie­chi­sche Anla­ge­pa­piere gekauft, die LBBW für 2,7 Mil­li­arden, die Bay­ernLB für 1,5 Mil­li­arden Euro.

Ris­kant sind diese Geschäft zwar für den Fall eines Staats­bank­rotts Grie­chen­landes. Zugleich man­chen die stei­genden Zinsen grie­chi­sche Staats­pa­piere aber äußerst attraktiv. Das Risiko bleibt über­dies über­schaubar, wenn die EU Grie­chen­land vor dem Bank­rott rettet und somit die Zins­an­sprüche der deut­schen Banken absichert.

Lt. New York Times spe­ku­lieren eine Reihe US-​amerikanischer und euro­päi­scher Groß­banken — dar­unter auch die Deut­sche Bank — zugleich auf eine etwaige Pleite Grie­chen­lands, indem sie Ver­si­che­rungen auf eine etwaige Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Landes abschließen und damit han­deln. In jedem Fall treibt das die Zinsen für die Staat­an­leihen Grie­chen­lands — und damit die mög­li­chen Ren­diten — in die Höhe.

Hedge-​Fonds

Wie schon wäh­rend der Tur­bu­lenzen rund um die Lehman-​Pleite, waren auch bei der Zuspit­zung der Schul­den­krise in Grie­chen­land die berühmt-​berüchtigten Hedge-​Fonds aktiv und massiv am Werk (obwohl alle poli­ti­schen Größen von Gipfel zu Gipfel behaupten, sie würden das wirken dieser Ober-​Spekulaten eindämmen).

Im Januar 2010 haben Hedge-​Fonds allein in soge­nannte "Credit Default Swaps" (CDS) für grie­chi­sche Staats­schulden 16 Mil­larden Euro inves­tiert (eine Ver­drei­fa­chung gegen­über dem Vor­monat). Die CDS dienen an und für sich als "Aus­fall­ver­si­che­rung" für Kre­dite. Von Spe­ku­lanten werden sie jedoch auch für Leer­ver­käufe ein­ge­setzt — also zur Absi­che­rung von Kre­diten, die man gar nicht besitzt.

Diese Spe­ku­la­tion geht auf, wenn die Ver­si­che­rungs­prä­mien auf­grund von Aus­fall­er­war­tungen steigen. Mit diesem Trick trieben Fonds wie Pimco, Brevan-​Howard und US-​Hedgefonds-​Star John Paulson die Spe­ku­la­tion gegen die grie­chi­sche Zah­lungs­fä­hig­keit massiv in die Höhe und ver­dienten an den CDS-​Kurssteigerungen.

Inzwi­schen sind die Spe­ku­lanten unter Gewinn­mit­nahme aus dem Grie­chen­land­ge­schäft wieder aus­ge­stiegen (heute ist der CDS-​Markt für Grie­chen­land auf 7 Mil­li­arden gefallen), um sich auf neue Opfer (z.B. Spa­nien) zu fokus­sieren. Zurück bleibt ein Land mit mas­siven Zah­lungs­pro­blemen, schlechter Bonität, hohen Zins­lasten für Staats­an­leihen und einem mas­siven "Spar­zwang" für die öffent­li­chen Haushalte.

Die Risiken für etwa 300 Mil­li­arden Euro mög­li­cher­weise aus­fal­lender Kre­dite wurde inzwi­schen von den Hedge-​Fonds mehr­heit­lich auf euro­päi­sche Banken und Ver­si­che­rungen über­tragen, die nun­mehr die Schul­den­til­gung gegen­über Grie­chen­land exe­ku­tieren werden.

Wir sehen also, dass sich an den Finanz­märkten eine neue Spe­ku­la­ti­ons­blase gebildet hat — diesmal jedoch nicht wie 2007/​08 im US-​Immobiliensektor, son­dern bei den Staats­an­leihen. Die im Zuge der Ret­tungs­ak­tionen des Finanz­ka­pi­tals massiv gestie­genen Staats­schulden werden jetzt zu einem Objekt der Spe­ku­la­tion des Finanz­ka­pi­tals. Grie­chen­land hat es als erstes EU-​Land erwischt.

Wei­tere Spe­ku­la­ti­ons­wellen sind aber wahr­schein­lich. Die Frage ist nur, wen es trifft. So werden Spa­nien, Ita­lien, Irland, Por­tugal und Groß­bri­tan­nien als mög­liche Kan­di­daten gehandelt.

Ursa­chen

Warum aber kommt es zu sol­chen Spe­ku­la­ti­ons­wellen? Weil die eigent­li­chen Kri­sen­ur­sa­chen der glo­balen Rezes­sion 2008/​09 nicht besei­tigt worden sind. Nach wie vor sind die Pro­fi­traten in der Indus­trie ver­gleichs­weise niedrig.

Das fik­tive Kapital im Finanz­sektor wurde nicht aus­rei­chend zer­stört, son­dern durch mil­li­ar­den­schwere Ret­tungs­pa­kete und die Nied­rig­zins­po­litik der Zen­tral­banken (v.a. der welt­weit wich­tigsten, der US-​Notenbank und der Euro­päi­schen Zen­tral­bank) gerettet.

Jetzt, da die Banken wieder refi­nan­ziert wurden, suchen sie lukra­tive Ren­di­te­mög­lich­keiten — und die bieten die Finanz­märkte, die Anlage in Staats­an­leihen samt zahl­rei­cher, abge­lei­teter Finanzgeschäfte.

Damit baut sich eine zweite Spe­ku­la­ti­ons­blase auf, die früher oder später platzen muss. Die Frage ist nur, wann eine „sys­tem­re­le­vante“ Größe erreicht ist, z.B. im Fall eines Staats­bank­rotts, eines Ein­bruchs einer Wäh­rung etc. Im Rahmen des Kapi­ta­lismus kann das nur durch eine mas­sive Ver­nich­tung über­schüs­sigen Kapi­tals, von fik­tiven Kapi­ta­lien wie von Pro­duk­ti­ons­stätten, Ein­lagen kleiner Sparer usw. „gelöst“ werden.

D.h. das kapi­ta­lis­ti­sche Kri­sen­ma­nage­ment bietet letzt­lich nur zwei Mög­lich­keiten: Ent­weder „Ret­tung“ kri­sen­be­drohter Groß­ka­pi­tale — und damit Auf­schieben des Pro­blems — oder mas­sive Ver­nich­tung von Kapital und damit von Arbeits­plätzen, Ein­kommen, Lebens­per­spek­tiven von Mil­lionen und Aber­mil­lionen ArbeiterInnen.

Es geht also ums Ganze: Ent­weder Krise und Ruin — oder Wider­stand der Massen und Besei­ti­gung der Kri­sen­ur­sache durch den Sturz des kapi­ta­lis­ti­schen Systems!

Quelle: Arbei­ter­macht | Neue Inter­na­tio­nale 147, März 2010

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde mir von “Arbei­ter­macht” geneh­migt. Vielen Dank dafür !

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Kategorie » EU/Brüssel, Finanzen/Banken, Haushalt/Schulden « | Tags » , , , «

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