Von Rainer Balcerowiak | Junge Welt | – Empörung über Zulassung der Genkartoffel »Amflora«. Stärkeproduzenten fürchten mangelnde Akzeptanz. Umweltinstitut prüft Klage.
Die am Dienstag von der Europäischen Kommission erteilte Zulassung der gentechnisch veränderten Kartoffelsorte »Amflora« für den kommerziellen Anbau stößt weiterhin auf Empörung.
Die Kartoffelsorte enthält Resistenzgene gegen Antibiotika, die zur Behandlung schwerer Erkrankungen eingesetzt werden. Sowohl die EU-Medikamentenbehörde EMEA als auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hatten eindringlich vor der Ausbringung von Pflanzen gewarnt, die derartig verändert sind.
Zwar soll die von BASF entwickelte Pflanze ausschließlich zur industriellen Stärkeproduktion eingesetzt werden, erteilt wurde aber auch die Zulassung als Futtermittel. Dahinter verbirgt sich nach Einschätzung von Christof Potthof, Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerkes, ein »Kuhhandel ersten Ranges«.
Während BASF fortwährend beteuere, eine Nutzung als Lebensmittel sei nicht vorgesehen, habe der Konzern eine »Kontaminationsversicherung mit der EU-Kommission abgeschlossen«. Denn die Genehmigung des Einsatzes als Futtermittel bedeutet, daß die transgene Kartoffel bzw. Teile davon bis zu einem Grenzwert von 0,9 Prozent in Lebensmitteln vorkommen dürfen.
Für Potthof ist das auch ein Eingeständnis, daß sich die Ausbreitung der Kartoffel über die eigentlichen Pflanzarele hinaus nicht vermeiden läßt. Der Vorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix Prinz zu Löwenstein, bezeichnete es als dreist, daß »Verbraucher tolerieren müssen, daß pro 25-Kilogramm-Sack bis zu drei Knollen gentechnisch verändert sein können, obwohl Amflora gar nicht für den Verzehr geprüft oder zugelassen ist«.
Unmittelbar ist die finanzielle Bedeutung der EU-Entscheidung für den Chemiekonzern eher gering. Erst in einigen Jahren nach der Markteinführung erwartet BASF Lizenzerlöse zwischen 20 Millionen und 30 Millionen Euro pro Jahr.
Doch für die Gentechniklobby ist es ein Dammbruch. BASF-Vorstand Stefan Marcinowski sprach am Mittwoch von einem »Meilenstein für weitere Innovationen zugunsten einer wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Landwirtschaft in Europa«.
In wenigen Jahren soll eine weitere gentechnisch veränderte Sorte auf den Markt gebracht werden, die resistent gegen Kraut- und Knollenfäule ist. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) bezeichnete die Zulassung als »Aufbruchssignal, auf das die Biotech-Branche lange gewartet hat«.
Befürchtet wird das auch von Umweltorganisationen wie Greenpeace und dem BUND, die darauf verwiesen, daß es längst für die Stärkeproduktion geeignete Sorten gebe, die nicht gentechnisch verändert seien.
Angesichts der unverändert eindeutigen Ablehnung gentechnisch veränderter Produkte in der Bevölkerung, stehen die potentiellen Nutzer der »Amflora« dieser Innovation eher skeptisch gegenüber.
»Wir sehen zurzeit keine Möglichkeit, Amflora anzupflanzen. Die Konsequenzen wären zu groß«, sagte ein Vertreter des größten deutschen Kartoffelstärkeproduzenten Emsland Stärke GmbH der Neuen Osnabrücker Zeitung (Mittwochausgabe).
Das Risiko, Geschäftspartner zu verlieren, sei für das Unternehmen zu groß, »weil es Kunden gibt, die für grüne Gentechnik nicht offen sind«. Auch der Geschäftsführer der Firma Südstärke, Josef Königbauer, sagte der taz vom Mittwoch: »Für uns kommt Amflora definitiv nicht in Frage.«
Südstärke beliefere auch die Lebensmittelindustrie, und die Unternehmen der Branche wollten keine gentechnisch veränderte Stärke in ihrer Produktion. »Wir könnten die konventionellen und die Genkartoffeln im Werk kaum trennen«, so Königbauer.
Die Zulassung durch die EU gilt vorerst für zehn Jahre. Einer Sprecherin zufolge will BASF voraussichtlich im April mit dem Anbau beginnen. Schweden werde als »Rapporteur-Land« formal den Genehmigungsbescheid ausstellen. Dort war der Antrag auf Zulassung 1996 eingereicht worden.
Laut Bundeslandwirtschaftsministerium ist für die diesjährige Anbauperiode eine Fläche von 20 Hektar in Zepkow (Mecklenburg-Vorpommern) von einem Landwirt angemeldet worden. Dort fanden bereits in den Vorjahren Freisetzungsversuche statt. Die hatten unter anderem ergeben, daß es nicht möglich war, die Verbreitung der Genkartoffel zu verhindern.
Umweltorganisationen wollen ihren Widerstand gegen Amflora und die zu erwartenden weiteren Zulassungen für gentechnisch veränderte Pflanzen nicht aufgeben. Das Umweltinstitut München forderte am Mittwoch ein sofortiges nationales Anbauverbot. Die Zulassung berge nicht nur Gefahren für die Behandlung von Krankheiten wie Tuberkulose, sondern gefährde den Kartoffelanbau in ganz Europa, hieß es in einer Erklärung.
Außerdem prüft das Institut rechtliche Schritte auf europäischer Ebene. Ansatzpunkt dafür ist eine 2001 erlassene Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates, die das Inverkehrbringen gentechnisch veränderter Organismen, die Resistenzgene gegen Antibiotika enthalten, verbietet.
Die letzten Ausnahme- und Übergangsregelungen seien am 31. Dezember 2008 ausgelaufen. Somit verstoße die Zulassung von Amflora eindeutig gegen EU-Recht, erklärte das Institut.
Quelle: Junge Welt
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