Von Roberto J. De Lapuente | ad sinistram | – "Hören Sie, das dürfen Sie nicht!", entgegnete der Bittsteller. "Doch, darf ich. Und mach’ ich", sonorte es ohne eines gewürdigten Blickes zurück.
"Sie dürfen es nicht! Sie kennen doch meine Geschichte, Sie wissen von der Entführung. Und die läßt keine Bestrafung zu", wandte er mit verzweifeltem Mut ein.
Der Andere, der Bitten und Ansuchen entgegennimmt, um sie auf gesetzliche Kompatibilität zu testen, starrte weiterhin in die vor ihm ausgebreiteten Akten – der Bittsteller auf Erwiderung wartend; spähte auf die Benutzermaske, die sich auf dem Monitor breitmachte – der Bittsteller wartend; warf seinen Blick erneut in das Aktengebirge – der Bittsteller immer noch wartend, lugte verstohlen aus dem verschmierten Fenster – der Bittsteller zappelig werdend, aber immer noch wartend.
"Sie wissen doch von meiner Sache?", bohrte er nach einer weiteren Weile unsicher nach.
Flugs glotzte der Andere den Bittsteller an, sich offenkundig darüber wundernd, dass dieser immer noch anwesend war, sich jedoch herablassend, nun seine Maulfaulheit zu beschließen: "Ja, ich weiß davon. Mir wurde ein polizeilicher Bericht zugetragen. Sie wurden entführt, in Ortsabwesenheit gefangen gehalten, waren insgesamt drei Wochen in der Hand ihres Entführers, bevor Sie durch eine polizeiliche Aktion befreit wurden. Daraufhin verbrachten Sie eine weitere Woche im Krankenhaus. Sie sehen also, ich bin im Bilde", rasselte er, fast feixend, fast schon verschwörerisch zuzwinkernd, herunter.
"Aber dann begreife ich nicht, wieso Sie mich bestrafen wollen. Mir ist mein Martyrium widerfahren, ich habe…"
"Glaube ich Ihnen", fiel der Andere dem Bittsteller brüsk ins Wort, "glaube ich Ihnen wirklich. Sie sollten aber wissen, dass ich hier nicht willkürlich handle – das tut hier, in unseren Gemäuern, niemand. Sie waren drei Wochen ortsabwesend, danach eine Woche stationär im Krankenhaus untergebracht – das heißt, Sie waren in dieser Zeit nicht für uns erreichbar. Überhaupt hatten wir beide schon mal eine ähnliche Diskussion, wenn ich mich nicht täusche. Es mag wohl zwei Jahre her sein – ich könnte den Zeitpunkt in den Akten nachschlagen, aber das ist ja im Moment gleichgültig. Sie waren einige Tage stationär im Krankenhaus…"
"Ich hatte einen leichten Schlaganfall!", wehte es protestierend vom billigen Platz herüber.
"Daran zweifle ich nicht; daran habe ich nie gezweifelt. Aber das ist unwesentlich. Sie waren also im Krankenhaus und ich mußte Ihnen streng nach Order und Gesetzeslage, ein wenig vom Regelsatz abknapsen. Ich habe Ihnen damals erklärt, warum ich das tat. Weil der Gesetzgeber einen Teil des Regelsatzes für Lebensmittel bereitstellt. Wenn Sie aber im Krankenhaus liegen, bekommen Sie von der Allgemeinheit Frühstück, Mittag- und Abendessen spendiert. Hätten wir also den Anteil des Regelsatzes, der für Nahrungsmittel bestimmt ist, nicht beschnitten, hätten Sie quasi eine doppelte Portion erhalten – einen Nachschlag, den der Gesetzgeber für Sie nicht vorgesehen hat."
Verärgert, jedoch um Fassung ringend, die Handflächen krümmend und sich ballend, warf sich der Bittsteller seinem Unglück entgegen, erklärte nochmals, dass er entführt worden wäre, dass der Krankenhausaufenthalt danach nicht selbstverschuldet gewesen sei, dass er ausgehungert, ja fast verhungert war, böse abgemagert – und dass er nun, nach dem Hunger, nochmals Hunger leiden dürfe, weil man ihm nicht mal die Luft in der Geldbörse gönne, sondern auch noch diese herausziehen wolle, um dort einen luftleeren Raum, ein Vakuum entstehen zu lassen.
"Bitte, beruhigen Sie sich. Ich glaube, das hier ist ein Missverständnis", beschwichtigte der Andere, dabei sachte mit den Händen ein Decrescendo dirigierend. "Sie sprechen von der Kürzung des Regelsatzes während Ihres Krankenhausaufenthaltes. Das ist ausdrücklich falsch, das haben Sie missverständlich aufgeschnappt. Wir müssen den Regelsatz für vier Wochen anpassen, denn Sie waren vormals ja auch ortsabwesend, standen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung."
"Aber… ich habe doch während meiner Gefangenschaft kaum etwas zum Essen erhalten!", röhrte es hinüber. "Ich habe gehungert und…"
"Glaube ich Ihnen auch. Keine Frage! Kein Zweifel! Aber sehen Sie, etwaige Ansprüche müssen Sie beim Entführer geltend machen, denn mit der Entführung Ihrer Person hat er, wenn man das so ausdrücken darf, ohne Ihnen dabei zu nahe zu treten – mit der Entführung hat er die Verantwortung für Sie übernommen. Damit sind Sie aus der Verantwortlichkeit unserer Behörde herausgefallen. Werden Sie doch bei Ihrem Peiniger vorstellig, er darf doch gewiss Besuch empfangen. Erfragen Sie in der Justizvollzugsanstalt die Besuchszeiten. Außerdem, ich muß Sie nochmals korrigieren: Sie bekommen für die drei Wochen Ortsabwesenheit…"
"Entführung! Gefangenschaft! Verharmlosen Sie nicht so dreist! Ich war nicht ortsabwesend, ich wußte ja nicht mal, wo ich war. Ein schmutziges Loch war es, eines, wie man es in jeder Stadt findet, wenn man nur die heruntergekommensten Bezirke aufsucht. Dieses Loch hätte auch in dieser Stadt stinken können… ich wußte nicht, wo ich war! Wußte nicht, dass ich nicht mehr in dieser Stadt war!", widersprach der Bittsteller gellend, sammelte sich einige Sekunden und fuhr leise, besonnen fast, fort. "Meine Angelegenheit ist doch ein Sonderfall. Hierzu muß es doch andere, menschlichere, verständnisvollere Regelungen geben."
Zwar erntete er einen mitleidigen Blick, bekam erneut versichert, dass man voller Sympathie für ihn sei, dass aber das Gesetz keinen "Sonderfall Menschenraub" kenne – nicht im Sozialwesen. Dies sei außerdem ohnehin sinnvoll, denn Gesetze haben universell zu gelten, dürften nicht zu konkret sein, damit sie auf vielerlei Fälle gemünzt werden können, in allerlei Angelegenheiten anwendbar bleiben. "Außerdem, Sie haben mich vorhin unterbrochen, was ich ja verstehen kann, ich bin doch ganz auf Ihrer Seite, verstehe Ihre Erregung blendend, aber ausführen müssen Sie mich schon lassen. Schließlich bin ich verpflichtet, Ihnen die Sachlage gründlich zu erläutern. Sehen Sie, für die drei Wochen Ortsabwe… für die drei Wochen Ihrer Marter – sagen wir es so -, darf ich Ihnen nicht nur den Anteil für Nahrungsmittel kappen, ich muß den gesamten Anspruch einbehalten – also, den Anspruch, auf den Sie ja durch Ihre Abwesenheit, keinen Anspruch mehr haben."
Stille. Unerträgliche, lärmende Stille. Schmerzende Stille, die laut an die Gehirnlappen drückte. Ein Lippenpaar, das formte und rang, unsicher zitterte, versuchte Worte zu kneten, zu modellieren, doch geräuschlos blieb. Sprachlosigkeit war es nicht, denn die einzig verständliche Sprache, die der Andere verstünde, die dem Bürokraten geläufig wäre, die harte Faust nämlich: die versagte er sich, die verbot er sich in seinem Schoss. Sprachlosigkeit war es nicht, nur die Weigerung, die letzte verbliebene Sprache anzuwenden; die Weigerung, für klare Verhältnisse zu sorgen.
"Bitte verstehen Sie mich nicht falsch", durchschnitt die gesetzestreue Stimme die tosende Stummheit, "ich begreife Ihre Not. Aber wie soll ich drei Wochen Leistungsbezug rechtfertigen, wenn Sie gar nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen? Von dieser Seite muß man das doch auch sehen. Der Steuerzahler stellt Geld für Sie bereit und Sie sind nicht einsatzbereit, weil Sie abwesend waren. Wenn Sie sich vorher abgemeldet hätten, ich hätte mit der locker gehaltenen Urlaubsregelung von drei Wochen, die wir willkürlich und individuell erlauben können, wenn uns danach ist – ich hätte mit dieser Regelung für Sie einspringen können, würde Ihnen nun Urlaub eintragen für diese Zeitspanne und die Sache wäre halbwegs vom Tisch. Es wäre zwar nicht ganz korrekt, aber ich bin doch kein Unmensch, hätte für Sie mit Freude fünfe gerade sein lassen. Aber leiderleider habe ich kein Dokument, keinen formlosen Antrag oder ähnliches, im Vorfeld Ihrer Abwesenheit erhalten."
Urlaub also – im Urlaub sei er also gewesen, gab der Bittsteller als rhetorische Frage zur Antwort. Ob er auch nur im Ansatz erahne, wie es sei, in einem dunklen Raum, einem stinkenden Loch eingesperrt zu sein, nur sporadisch etwas Essbares zu erhalten, seine Notdurft in die Ecke der Räumlichkeit abzulassen. Ob er überhaupt eine Vorstellung davon habe, wie sehr der Geist leide, während der Körper abbaut, man in Scheiße und Pisse eingelegt sei, die sonderbarsten Ausschläge und Juckreize entwickle.
"Ich verstehe Ihre Wut, Ihre gefühlsbetonte, ja gefühlsduselige Rückschau. Wie könnte man für einen solchen Härtefall kein Verständnis aufbringen? Ich verstehe Sie – zweifeln Sie bitte nicht daran. Das wäre mir unangenehm. Aber Sie müssen sich gefallen lassen, dass ich Sie danach frage, weshalb Sie sich nicht abgemeldet haben. Weshalb Sie Ihrer Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sind. Sie hätten über den Entführer Ihre Abwesenheit an uns weiterleiten können – da hätten wir noch ein Auge zugedrückt. Aber ganz ohne? Ohne ein Wort zu sagen, einfach so zu verschwinden – da sind mir einfach die Hände gebunden. Die ganze Geschichte ist ohnehin ein wenig suspekt, aber ich will nicht nachbohren – Mensch muß auch mal auf einem Auge blind sein dürfen, damit er Mensch bleiben kann."
Wieder Ruhe, wieder schmerzhafte Stille. Erst, so dachte der Bittsteller für sich, hat man mich entführt, meinen Körper geraubt. Und nun erneut, nochmals dasselbe, wieder eine Entführung. Diesmal entwendet man mir meine Würde, den letzten Rest meines Menschseins.
Er erhob sich, zog von ganz unten, aus der Lunge, aus dem Hals, schleimige Substanzen in den Mundraum hinauf, komprimierte den Neuankömmling mit ausreichend alteingesessenen Speichel, vermengte alles in der Mundhöhle, rührte und stocherte mit der Zunge einen homogenen, aber angemessen schmierigen Brei an, beförderte dieses Extrakt der Verachtung und der Geringschätzung ins pastöse Gesicht des Anderen.
Eine grün durchwobene, gelb durchzogene Essenz, quer über Nase, Wange, bis an den Rand des nur angedeuteten Amorbogens, schmückte die ansonsten inhaltslose Fassade, war für einen Moment Farbtupfer einer grauen Frontseite. Vielleicht der einzige Farbtupfer, der diesem grauen Gesicht jemals verliehen wird.
Aus Unbedachtheit wurde Schleim – aus Schleim ein Augenblick kurzzeitiger Buntheit, ein klitzekleines Weilchen voll Kreativität, Künstlerstolz, Triumph. Eine sekundenlange Vernissage künstlerischer Spontanität – eine Vernissage, die für Sekunden, bis zum Abwischen der zähen Brühe, eine gelungene Komposition, vielleicht die gelungenste der letzten Jahrzehnte, ausstellte. Nie wieder, so wußte der Bittsteller, würde ihm ein schöpferischer Akt dieser Güte gelingen – so falsch diese Spontankunst vom moralischen Blickwinkel auch gewesen sein mag:
Kunst kennt keine Moral, gerade moralingesäuberte Kunst ist authentisch und wahrhaftig, ist glaubhaft und unschuldig, ist einfach gesagt, gute Kunst. In diesem Augenblick, so wurde ihm gewahr, habe er seinen künstlerischen Zenit bereits überschritten – alles was folgen mag, wenn überhaupt nochmal etwas folgt, ist wertlos, weil ohne Geist und Wirklichkeitsbezug.
Als ihn diese Gedanken durchzogen, war sein Meisterwerk, dieses imposante Opus, das nie von anderen Menschen gesehen würde, sowieso von anderen Menschen überhaupt nicht begriffen werden könnte, aus dem Gesicht entwischt.
Niemals würde es Exponat sein dürfen – nur er, der Bittsteller, wird von der Existenz seiner Leistung wissen; nicht mal der Andere wird das Kunstwerk würdigen können. Und Dritte ohnehin nicht, sie würden nicht verstehen, dass dieses Spuckepaket mehr war als Unbenehmen. Möglicherweise wird man über seine Komposition zu Gerichte sitzen und man wird ihn dort nicht Künstler heißen, sondern als unflätiges Schwein umschreiben.
"Verdammte Scheiße! Sie Idiot! Das ist das Problem mit euch Leuten, mit euch Bittstellern! Ihr kommt daher, macht auf mitleidig, klagt anstatt anzupacken, bekommt sogar noch Mitgefühl und Anteilnahme, nur um es mit Undank zu vergelten. Widerspenstig seid ihr! Unberechenbar! Ich war wirklich verständig, habe Ihnen ausdrücklich erklärt, dass ich für Sie Partei ergriffen habe – soweit es mir möglich war, soweit mir Regelungen und Paragraphen freie Hand ließen. Und was bekomme ich? Ein Danke? Nein, Sie schleudern mir Ihren Geifer ins Gesicht.
Euch Bittstellern geht es zu gut. Jammerlappen seid ihr, undankbare Klageweiber. Das hat Ihr Entführer kapiert. Er hat verstanden, dass man solche wie Sie, nicht zu zimperlich anpacken darf. Ich würde Ihnen jetzt auch ein dunkles Loch verordnen, wenn ich nur einen einschlägigen Passus im Gesetz kennen würde, der solche Verwaltungsakte erlaubte.
Wir sind viel zu nett zu euch, dieser Staat zeigt immer noch zu viel Anteilnahme – dabei sollte er wie ein Entführer werden: gewissenlos und ohne Diskussionsfreude, ein Macher halt, ein Anpacker. Eiserne Besen wären notwendig – Ihr Entführer scheint ein Mann mit Qualitäten gewesen zu sein. Solche Leute braucht der zeitgemäße Sozialstaat. Ich bin ja doch noch immer zu gutmütig. Ich habe letztlich…"
Der Bittsteller aber, berührt von seiner vormals nie offenbarten Künstlerseele, er war schon während der Ansprache verschwunden…
Quelle: ad sinistram
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Die Empathie des Bürokraten könnt glatt Diabolos verraten…
Oder
Der Teufel hat Dich an den Eiern, wenn Du gedenkst den Staat zu feiern!