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Germanische Strenge (Der Europäische Währungsfonds)

Dienstag, 09. März 2010-8:02 -|- Eingestellt von: |

Von German For­eign Policy | — BERLIN/​PARIS/​ATHEN (Eigener Bericht) — Mit einem Euro­päi­schen Wäh­rungs­fonds (EWF) will die Bun­des­re­gie­rung die Länder der Euro-​Zone rigoros auf staat­liche Spar­pro­gramme verpflichten.

Dies geht aus Pla­nungs­ele­menten hervor, die das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­rium in den letzten Tagen an die Öffent­lich­keit lan­ciert hat. Dem­nach sollen vom Bank­rott bedrohte Staaten zwar Finanz­hilfen beim EWF bean­tragen dürfen; dafür ver­lieren sie eine Zeit­lang de facto ihre Haushaltssouveränität.

Länder, deren Regie­rungen die Finanz­re­gu­la­rien der EU nicht ein­halten, werden mit emp­find­li­chen Strafen bedroht. Auch der Aus­schluss vom Euro wird möglich.

Mit ihren Vor­schlägen für den EWF rea­giert die Bun­des­re­gie­rung auf zuneh­menden Druck vor allem aus West­eu­ropa, sich end­lich für eine wei­ter­rei­chende euro­päi­sche Finanz– und Wirt­schafts­po­litik zu öffnen, um der Krise begegnen zu können.

Die Vor­schläge Ber­lins laufen den Vor­stel­lungen etwa Frank­reichs zuwider und werden in der fran­zö­si­schen Presse als "durch und durch ger­ma­nisch" bezeichnet. Sie sind geeignet, die in Deutsch­land prak­ti­zierte Politik nied­riger Löhne und harter Spar­maß­nahmen im sozialen Bereich euro­pa­weit zu forcieren.

Nicht unter US-​Einfluss

Mit kon­kreten Plänen zum Aufbau eines Euro­päi­schen Wäh­rungs­fonds (EWF) nach dem Vor­bild des Inter­na­tio­nalen Wäh­rungs­fonds (IWF) ist das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­rium am letzten Wochen­ende an die Öffent­lich­keit getreten.

Aus­löser ist die Krise in Grie­chen­land. Berlin ist sich nicht einig, ob — falls die Athener Mil­li­ar­den­kür­zungen zur Bewäl­ti­gung der Krise nicht aus­rei­chen — die grie­chi­sche Regie­rung mit Finanz­hilfen unter­stützt oder aber ein Staats­bank­rott in Kauf genommen werden soll.[1]

Finanz­hilfen bietet der­zeit der IWF an. Berlin sträubt sich mit Macht dagegen, dass Athen IWF-​Kredite nimmt, weil damit die Finanz­in­sti­tu­tion aus Washington, in der die Ver­ei­nigten Staaten eine starke Stel­lung halten, erst­mals in der Euro-​Zone unmit­tel­baren Ein­fluss erhielte. Das deut­sche Finanz­mi­nis­te­rium ent­wi­ckelt daher ein Kon­zept für den Aufbau eines EWF.

Euro­päi­sche Wirtschaftspolitik

Mit dem EWF-​Konzept rea­giert Berlin zugleich auf Vor­schläge aus Frank­reich und Bel­gien, die, um künf­tige Krisen à la Grie­chen­land zu ver­meiden, eine bes­sere Abstim­mung der Wirt­schafts– und der Finanz­po­litik in der Euro-​Zone vorsehen.

Paris befür­wortet eine gemein­same Wirt­schafts­po­litik der EU ohnehin und hat zuletzt Anfang Januar eine For­de­rung des spa­ni­schen Minis­ter­prä­si­denten José Luis Rod­ri­guez Zapa­tero gestützt, die auf die Ver­ab­schie­dung einer EU-​Wirtschaftsstrategie zielte.

Deutsch­land hat die For­de­rung zum wie­der­holten Male abge­wiesen. Letzte Woche hat der bel­gi­sche Pre­mier­mi­nister Yves Leterme sich dafür aus­ge­spro­chen, "ein gemein­sames Finanz­mi­nis­te­rium oder eine Euro­päi­sche Schul­de­nagentur für die Euro-​Zone zu gründen".[2] Zugleich wird in Brüssel und Paris seit geraumer Zeit über den Aufbau eines Euro­päi­schen Wäh­rungs­fonds (EWF) diskutiert.

Vor vier Wochen — in Deutsch­land war zu diesem Zeit­punkt allen­falls in Fach­kreisen von dieser Debatte zu hören — ver­öf­fent­lichte die fran­zö­si­sche Tages­zei­tung Le Monde dazu ein flam­mendes Plä­doyer: "Schaffen wir einen Euro­päi­schen Währungsfonds!"[3]

Spe­ku­lanten

Inzwi­schen nimmt nicht nur der euro­päi­sche Druck auf Berlin zu, ent­weder einer IWF-​Finanzierung Grie­chen­lands oder dem Aufbau eines EWF zuzu­stimmen. Wäh­rungs­spe­ku­la­tionen gegen den Euro und gegen Grie­chen­land, die vor allem bei US-​amerikanischen Hedge­fonds ver­ortet werden, rufen in Deutsch­land Sorgen hervor, es könne tat­säch­lich in naher oder ferner Zukunft zu ernst­haften Schwie­rig­keiten für den Euro kommen.[4]

Berlin denkt daher über Wege nach, einen struk­tu­rellen Zugang zu Finanz­hilfen für kri­sen­ge­schüt­telte Staaten zu schaffen, um Spe­ku­la­tionen den Boden zu ent­ziehen. Als Mög­lich­keit gilt der EWF. Hatte ein Spre­cher des Finanz­mi­nis­te­riums Mitte Februar noch erklärt, der EWF sei "kein geeig­netes Mittel" zur Kri­sen­be­wäl­ti­gung [5], so tritt Finanz­mi­nister Schäuble jetzt mit einem eigenen Vor­schlag hervor.

Finanz­dik­tatur

Dem­nach soll ein künftig auf­zu­bau­ender EWF grund­sätz­lich Finanz­hilfen ver­geben dürfen; diese wären jedoch an harte Auf­lagen gebunden. So würde de facto die Sou­ve­rä­nität des hilfs­be­dürf­tigen Staates in Haus­halts­fragen für eine Zeit­lang weit­ge­hend außer Kraft gesetzt. Finanz­hilfen sollen nur gewährt werden dürfen, wenn kein ein­ziger Staat aus der Euro-​Gruppe Ein­wände hat; Deutsch­land besäße damit fak­tisch ein Vetorecht.

Die Euro-​Länder müssten sich außerdem ver­pflichten, nie­mals Geld vom IWF anzu­nehmen. Eine Garantie für Finanz­hilfen gäbe es nicht, selbst ein Staats­bank­rott wäre also auch künftig durchaus denkbar. Zudem soll ein Aus­schluss aus der Euro-​Zone mög­lich sein. Schließ­lich müsse, wer die Regeln des Sta­bi­li­täts­pakts breche, deut­lich härter bestraft werden als bisher, heißt es in Berlin.

So sollen unter Umständen die Stimm­rechte eines Landes, das gegen Wäh­rungs­re­geln ver­stoßen hat, aus­ge­setzt werden — für min­des­tens ein Jahr. Das betrof­fene Land würde damit de facto einer aus­wär­tigen Finanz­dik­tatur unterworfen.[6]

Schwer zu schlucken

Der Vor­schlag Ber­lins für einen künf­tigen EWF ver­härtet damit die Vor­schriften des Sta­bi­li­täts– und Wachs­tums­paktes, die eine strenge Beschrän­kung der staat­li­chen Aus­gaben vor­sehen. Dies läuft den Plänen vor allem Frank­reichs für eine offe­nere Gestal­tung der EU-​Wirtschaftspolitik zuwider. Die bri­ti­sche Presse urteilt daher, die EWF-​Vorschläge des Ber­liner Finanz­mi­nis­te­riums dürften "für Frank­reich sehr schwer zu schlu­cken sein".[7]

In der fran­zö­si­schen Presse heißt es, Berlin sei ganz offenbar der Ansicht, "ein EWF werde es ihm end­lich erlauben, seinen laxeren Part­nern eine durch und durch ger­ma­ni­sche Haus­halts­strenge aufzuerlegen".[8]

Bal­ka­ni­sie­rung

Eine Auf­wei­chung seiner Vor­schläge durch Paris will das Finanz­mi­nis­te­rium unbe­dingt ver­hin­dern — und kann sich dabei auf beträcht­liche Teile der Regie­rungs­ko­ali­tion ver­lassen, die offi­ziell erklären, selbst das Kon­zept von Finanz­mi­nister Schäuble rundweg abzulehnen.

So meint der Finanz­ex­perte Frank Schäffler (FDP), der vor wenigen Tagen noch ver­langt hatte, Grie­chen­land müsse zur Til­gung seiner Schulden auch Fir­men­be­tei­li­gungen und Inseln ver­kaufen [9], der Vor­schlag zur Grün­dung des EWF sei "der fal­sche Weg". Er leiste einer "Bal­ka­ni­sie­rung" des Euro Vorschub.[10]

Ähnliche Posi­tionen gebe es, schreibt die Presse, auch in den Uni­ons­par­teien. Solche Äuße­rungen dienen nicht zuletzt dazu, den Ver­hand­lungs­spiel­raum der Bun­des­re­gie­rung in der deutsch-​europäischen Öffent­lich­keit als gering erscheinen zu lassen und die rigo­rosen Vor­schläge mög­lichst ohne grö­ßere Auf­wei­chung durchzusetzen.

Für die künf­tige Lohn– und Sozi­al­po­litik in der EU lässt dies wei­tere Kür­zungen und Ein­schnitte erwarten — ganz wie die Ori­en­tie­rung des EWF am IWF, dessen Politik welt­weit oft genug Pro­teste und soziale Unruhen her­vor­ge­rufen hat.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] s. dazu Das Ende der Sou­ve­rä­nität (III)
[2] Yves Leterme: Gemein­same Schulden für Europa; Finan­cial Times Deutsch­land 07.03.2010
[3] Sté­phane Cossé: Créons un Fonds moné­taire euro­péen! Le Monde 11.02.2010
[4] Große Hedge-​Fonds werden mäch­tiger; www​.faz​.net 08.03.2010
[5] EU-​Druck auf Athen wächst — Strik­teres Sparen gefor­dert; Reu­ters 15.02.2010
[6] Schäu­bles Eurofonds-​Pläne liegen schon in der Schub­lade; Finan­cial Times Deutsch­land 07.03.2010
[7] Euro­zone eyes IMF-​style fund; Finan­cial Times 07.03.2010
[8] L'Allemagne veut un FMI euro­péen; Le Figaro 08.03.2010
[9] s. dazu Inseln ver­kaufen
[10] Schäuble will Euro­päi­schen Wäh­rungs­fonds; www​.welt​.de 08.03.2010

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Kategorie » Außenpolitik, Bundesregierung, EU/Brüssel, Finanzen/Banken « | Tags » , , «

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gelesen: 108 · heute: 2 · zuletzt: 17. Mai 2012

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