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„Diener des Mainstreams“

Donnerstag, 11. März 2010-8:51 -|- Eingestellt von: |

PresseVon Tom Stroh­schneider | Der Freitag | — Eine Studie stellt dem Wirt­schafts­jour­na­lismus ein schlechtes Zeugnis aus. Nun wehren sich ARD und dpa gegen die Kritik – der nötigen Debatte kann das nur helfen.

„Bun­des­re­gie­rung, Bun­des­bank und Wirt­schafts­ver­bände rechnen der­zeit nicht mit nega­tiven Ein­flüssen auf die deut­sche Kon­junktur“, mel­dete die Deut­sche Presse-​Agentur im August 2007. Es sollte anders kommen, und wer es wissen wollte, konnte es auch damals schon erfahren haben.

Wenn denn die vor­aus­bli­ckenden Kri­tiker in den Medien so prä­sent gewesen wären, wie die Beschö­niger und Ver­harm­loser. Sind sie aber nicht, schreiben Wolf­gang Storz und Hans-​Jürgen Arlt in einer aktu­ellen Studie, die inzwi­schen für einigen Wirbel gesorgt hat.

Bisher ist es vor allem ein Streit um eine Exper­tise, um Methoden und Aus­wahl­kri­te­rien. Doch es könnte, ja sollte, mehr daraus werden: eine Debatte über Qua­li­täts­jour­na­lismus und seine Pro­duk­ti­ons­be­din­gungen einer­seits sowie ökono­mi­sche „Wahr­heiten“, Bran­chen­in­ter­essen und die gesell­schafts­po­li­ti­sche Rolle von Medien ande­rer­seits daraus werden.

In ihrer gerade bei der gewerk­schafts­nahen Otto-​Brenner-​Stiftung erschienen Exper­tise haben Storz und Arlt der Wirt­schafts­be­richt­er­stat­tung zur Krise ein dra­ma­tisch schlechtes Zeugnis aus­ge­stellt. Im Zen­trum steht der mas­sen­me­diale Umgang mit der Finanz­markt­po­litik. Zei­tungen, Fern­seh­sender und Nach­rich­ten­agen­turen hätten „schlecht gear­beitet“, von „Des­ori­en­tie­rung“, „Pfusch am Bau“ und „Tri­vi­al­jour­na­lismus“ ist die Rede.

„Die welt­weite Krise des Finanz­marktes, die glo­bale Krise der Großen Spe­ku­la­tion, löste auch eine Krise des Wirt­schafts­jour­na­lismus aus“, schreiben Storz und Arlt, „das jour­na­lis­ti­sche Ver­sagen ist in einigen Fällen so ekla­tant, dass es uns aus­ge­schlossen erscheint, ein­fach zur Tages­ord­nung über zu gehen.“

Ver­sa­gendes Frühwarnsystem

Arlt und Storz haben „ins­ge­samt 16 bedeu­tende Ereig­nisse“ aus dem Zeit­raum vom Früh­jahr 1999 bis Herbst 2009 aus­ge­wählt, Fall­stu­dien ange­fer­tigt und Inter­views geführt. Die unter­suchten Medien, so das Fazit, hätten „über Jahre hinweg die Ent­wick­lung der Finanz­märkte und die Finanz­markt­po­litik sowie das umfang­reiche kom­pe­tente und pro­mi­nente kri­ti­sche Wissen dar­über ignoriert“.

Von einer „Rolle als Früh­warn­system der Gesell­schaft“ könne keine Rede sein — erst mit dem “offi­ziell“ aus­ge­ru­fenen Beginn der Krise im Sep­tember 2008 setzte „auch in den Mas­sen­me­dien eine der Situa­tion ange­mes­se­nere Bericht­er­stat­tung ein“. Die Autoren der Exper­tise kennen die Szene:

Der eine war Redak­teur bei den Nürn­berger Nach­richten, hat als Pres­se­spre­cher gear­beitet und ist heute Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­rater und Lehr­be­auf­tragter; der andere war Chef­re­dak­teur der Gewerk­schafts­zei­tung metall sowie der Frank­furter Rund­schau und ist heute als Publi­zist (unter anderem für den Freitag) und Lehr­be­auf­tragter tätig.

Am deut­lichsten for­mu­lieren Arlt und Storz ihre Kritik an der Deut­schen Presse-​Agentur und dem für Nach­rich­ten­for­mate zustän­digen ARD-​Aktuell. Beide äußerst rei­chen­wei­ten­starken Medien hätten im Gegen­satz zu den Print-​Leitmedien „hand­werk­lich nicht nur in den Jahren zuvor, son­dern auch vor den inhalt­li­chen Her­aus­for­de­rungen der Bericht­er­stat­tung über die Krise selbst“ ver­sagt. Die Reak­tionen ließ nicht lange auf sich warten:

Qua­li­ta­tive Probebohrungen

Der Chef­re­dak­teur von ARD-​Aktuell, Kai Gniffke, wies in der Frank­furter All­ge­meinen die Kritik zurück. Die Nach­rich­ten­sen­dungen hätten „aus unserer Sicht hin­rei­chend jeweils die tages­ak­tu­elle Ent­wick­lung der Finanz­krise in der Bericht­er­stat­tung berück­sich­tigt“. Die dpa-​Chefredaktion warf den Autoren der Studie sogar „zahl­reiche fal­sche und irre­füh­rende Behaup­tungen“ vor, zudem sei die Aus­wahl der unter­suchten Ereig­nisse „willkürlich“.

Zu ihrem Ergebnis hätten Arlt und Storz gewis­ser­maßen kommen müssen, „weil sie unver­ständ­li­cher Weise jed­wede ein­ord­nende und hin­ter­grün­dige Bericht­er­stat­tung der dpa voll­ständig aus ihrer Studie aus­ge­schlossen haben“. Mehr noch: Die Autoren, so der Vor­wurf, hätten ihre Unter­su­chung so ange­legt, „um zu dem augen­schein­lich gewünschten Ergebnis zu kommen“, es sei ihnen offenbar nicht „wirk­lich um eine fun­dierte Studie gegangen“.

Wolf­gang Storz hat inzwi­schen darauf geant­wortet. Zur aus­führ­li­chen Stel­lung­nahme der dpa sagte er auf meedia​.de, es sei nie behauptet worden, „dass eine Voller­he­bung durch­ge­führt wurde. Unsere Studie beinhaltet qua­li­ta­tive Pro­be­boh­rungen“. Einen Grund, von den Ergeb­nissen der Unter­su­chung abzu­rü­cken, sieht Storz nicht.

Es sei ihm und Jürgen Arlt wichtig, „dass die Ergeb­nisse unserer Unter­su­chung nicht als Vor­würfe gewertet werden, son­dern dass jetzt ein längst über­fäl­liger Dis­kurs über die Pro­duk­ti­ons­be­din­gungen bei Qua­li­täts­me­dien statt­findet“. Die sieben Thesen, die dem Buch gewis­ser­maßen als for­derndes Resümee vor­an­ge­stellt sind und die man auch hier auf carta​.info finden kann, sind dafür ein guter Aufhänger.

Agentur als Tranquilizer

Apropos: Anfangs war von den kri­ti­schen Stimmen die Rede, die im medialen Ein­heits­rau­schen kaum zu Wort gekommen seien. Storz und Arlt haben für den Zeit­raum vom Mai bis August 2007, als der G8-​Gipfel in Hei­li­gen­damm für Schlag­zeilen sorgte und erst­mals die Euro­päi­sche Zen­tral­bank mas­sive Liqui­di­täts­hilfen für den Finanz­markt zur Ver­fü­gung stellen musste, im unter­suchten dpa-​Material ledig­lich zwei Zitate wider den Main­stream gefunden.

Gustav A. Horn vom Institut für Makro­öko­nomie und Kon­junk­tur­for­schung sowie der frü­here SPD-​Finanzpolitiker und heu­tige Attac-​Aktivist Detlev von Lar­cher kamen da zu Wort, wiesen auf das gefähr­liche „Lot­te­rie­spiel auf dem Finanz­markt“ hin und warnten davor, dass „der Auf­schwung durch das Treiben von Finanz­jon­gleuren ver­spielt“ werden könnte.

Sei­ner­zeit beru­higten und beschwich­tigen Regie­rung, Banken, Finanz­markt­ak­teure und Wirt­schafts­lobby unge­rührt weiter. Nicht zuletzt mit Hilfe der dpa, wie Arlt und Storz meinen: „Die Agentur pro­fi­liert sich als Tran­qui­lizer und kom­po­niert ihre Mel­dungen durch­gängig nach dem Motto: Keine schlechte Nach­richt ohne Beruhigungsformel.“

Das böse Erwa­chen sollte kurz darauf kommen.

Quelle: Der Freitag

Bild: von Richard Neilson via Flickr Bestimmte Rechte vorbehalten

Die Ver­öf­fent­li­chun wurde mir von “Der Freitag” geneh­migt. Vielen Dank !

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Kategorie » Medien/Journalismus, Politik/Wirtschaft « | Tags » , , «

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Ein Kommentar

  1. 1

    Kommentar ohne Gravatar

    Medienkritiker 11.03.2010 um 15:16 Uhr

    Gerne behaupten die tra­dio­nellen Mas­sen­me­dien wie Zei­tungen, Zeit­schriften und Fern­sehen Qua­li­täts­jour­na­lismus zu lie­fern, doch die Rea­lität sieht oft anders aus. So man­ches Weblog hat da schon gezeigt, dass es ver­trau­ens­wür­diger, objek­tiver und unab­hän­giger ist.