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Testfeld Griechenland: Die Diktatur der Gläubiger ist das Pilotprojekt für den Angriff auf die Unter– und Mittelschichten in ganz Europa

Samstag, 20. März 2010-16:27 -|- Eingestellt von: |

Von Gregor Kri­t­idis | SoPos | — Die Bot­schaft des infor­mellen EU-​Krisengipfels am 11. Februar war eine dop­pelte: Im äußersten Not­fall werde die EU Grie­chen­land finan­zi­elle Unter­stüt­zung gewähren; gegen­wärtig bestehe dazu aber keine Notwendigkeit.

Bevor über kon­krete Maß­nahmen beraten werde, müsse die grie­chi­sche Regie­rung selbst alle Mög­lich­keiten der Haus­halts­kon­so­li­die­rung ausschöpfen.

Damit hat sich mit fran­zö­si­scher Koope­ra­tion die restrik­tive Linie der Bun­des­re­gie­rung gegen die Inter­essen der anderen EU-​Staaten, die – wie Spa­nien, Por­tugal, Ita­lien und Irland – mit ähnli­chen Pro­blemen kon­fron­tiert sind, durch­ge­setzt. Dass den­noch direkte Finanz­hilfen not­wendig werden könnten – zeit­weise wurden 25 Mrd. Euro diskutiert[1] – will nie­mand bestreiten.

In der Mehr­zahl der Medien wird ver­sucht, dieser neo­li­be­ralen Marsch­route mit zwei „Argu­menten“ Volks­tüm­lich­keit zu ver­schaffen: Einer­seits hätte sei­ner­zeit die grie­chi­sche Regie­rung sich den Zugang zur Wäh­rungs­union mit sta­tis­ti­schen Mani­pu­la­tionen ver­schafft; ande­rer­seits hätten die Grie­chen jah­re­lang über ihre Ver­hält­nisse gelebt und somit die Krise ihrer Staats­fi­nanzen selbst verursacht.

Die Ver­lo­gen­heit des ersten Aspekts läßt sich mitt­ler­weile Teilen der Presse ent­nehmen: Die Mit­glied­schaft in der Wäh­rungs­union war zwar an die Maas­trichter Kri­te­rien gebunden, letzt­lich waren jedoch poli­ti­sche, d.h. geo­stra­te­gi­sche Über­le­gungen ausschlaggebend.[2]

Die Mani­pu­la­tionen der grie­chi­schen Regie­rung sind sei­tens des natio­nalen Sta­tis­tik­büros mehr­fach kri­ti­siert worden und waren sogar schon Gegen­stand eines Arbeits­kampfes über die inhalt­liche Qua­lität der sta­tis­ti­schen Erhebungen.

In Brüssel wird das kaum jemandem ent­gangen sein. Abge­sehen davon gehört die Mani­pu­la­tion von Sta­tis­tiken zur all­ge­meinen Geschäfts­grund­lage, wie im Ban­ken­krach nach der Lehmann-​Pleite erneut deut­lich geworden ist.[3]

Der zweite Aspekt bedarf zumin­dest der Dif­fe­ren­zie­rung. Die impli­zite Behaup­tung, mit der Wäh­rungs­union sei vor­rangig das Ziel ver­folgt worden, den all­ge­meinen Lebens­stan­dard zu erhöhen, ent­behrt jeder Grundlage.

Sieht man einmal von den tief sit­zenden, mora­li­sie­renden Res­sen­ti­ments über die "Schlam­perei" und "Miß­wirt­schaft" der faulen Süd­eu­ro­päer hinweg, die nun die "Soli­da­rität" der euro­päi­schen Staa­ten­ge­mein­schaft einforderten,[4] bezieht sich dieses Argu­ment in seinem ökono­mi­schen Kern auf das Leistungsbilanz-​defizit der grie­chi­schen Wirtschaft.

Mit anderen Worten, Grie­chen­land hat mehr impor­tiert als expor­tiert. Die grie­chi­sche Wirt­schaft sowie große Teile des EU-​Währungsraumes bilden damit das Gegen­stück zum deut­schen "Export­welt­meister", der mit dem durch Harz IV ermög­lichten Lohn­dum­ping "unter seinen Ver­hält­nissen" gelebt und gewirt­schaftet hat.

Genau das war aber mit der Wäh­rungs­union beab­sich­tigt, zumin­dest von denen, die etwas davon ver­standen: Den export­ori­en­tierten Indus­trien Zen­tral­eu­ropas sollten unab­hängig vom Wech­sel­kurs­ri­siko die Absatz­märkte gesi­chert werden; die Mög­lich­keit, mit­tels einer Abwer­tung der eigenen Wäh­rung die Importe zu ver­teuern, die Exporte zu ver­bil­ligen und somit die Kon­kur­renz­fä­hig­keit der eigenen Indus­trien zu erhalten, sollte den Län­dern mit einer gerin­geren Arbeits­pro­duk­ti­vität genommen werden.[5]

An die Stelle der Wäh­rungs­fle­xi­bi­lität trat die Lohn­fle­xi­bi­lität nach unten. Dieses neo­li­be­rale Pro­gramm hatte im EU-​Währungsraum die Sen­kung der gesamten Repro­duk­ti­ons­kosten der Ware Arbeits­kraft zum Ziel. Neben der Redu­zie­rung der direkten Lohn­kosten ging und geht es vor allem um eine Sen­kung des Ren­ten­ni­veaus sowie der Kosten für die Sozialversicherungen.

Daß mit den Maas­trichter Kon­ver­genz­kri­te­rien tat­säch­lich eine reale Annä­he­rung der ökono­mi­schen Ver­hält­nisse erreicht werden könne, ist dagegen nur von neo­li­be­ralen Ideo­logen ernst­haft behauptet worden.

Neo­li­be­rales Pro­gramm in Grie­chen­land noch im Vollzugsdefizit

Aller­dings ließ sich das neo­li­be­rale Pro­gramm nicht in dem erhofften Maße rea­li­sieren. Das neo­li­be­rale Dogma besteht schlicht in dem Glauben, eine Dere­gu­lie­rung des Arbeits­marktes würde die erhofften Resul­tate zei­tigen. Das war jedoch nicht der Fall, auch wenn die grie­chi­schen Gewerk­schaften den neo­li­be­ralen Kurs ihrer Regie­rungen weit­ge­hend mit­ge­tragen haben.

Selbst wenn es mög­lich gewesen wäre, Arbeits­kämpfe voll­ständig zu unter­binden: Das Lohn­ni­veau läßt sich nicht dau­er­haft unter die Repro-​duktionskosten der Ware Arbeits­kraft senken, ohne Migra­ti­ons­ströme oder soziale Revolten auszulösen.

Die – mehr als berech­tigte – Angst vor dem „auße­r­in­sti­tu­tio­nellen Faktor“ auf der Straße war ein wesent­li­cher Grund, warum die grie­chi­schen Regie­rungen die Demon­tage der ohnehin nur rudi­men­tären Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­teme weit­ge­hend im Kon­sens mit den Gewerk­schaften und anderen sozialen Gruppen und selten mit der Brech­stange betrieben haben.[6]

Es liegt in der Logik der Ver­hält­nisse, dass die schwach oder gar nicht orga­ni­sierten Beleg­schaften in beson­derem Maße eine Ver­schlech­te­rung ihrer Arbeits­be­din­gungen hin­nehmen mußten.

Betrachtet man die Struktur der grie­chi­schen Importe, so wird eben­falls deut­lich, dass der pri­vate Konsum kei­nes­falls der ent­schei­dende Faktor für die wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wichte ist, wie es die Phrase vom "Leben über den Ver­hält­nissen" nahe­legen will.[7]

Mit dem Hebel der euro­päi­schen Struk­tur­fonds sind seit den 1990er Jahren gigan­ti­sche Infra­struk­tur­pro­jekte auf den Weg gebracht worden. So wurden die West-​Ost-​Autobahn von Igo­u­me­nitsa zur tür­ki­schen Grenze, die Brücke Rio-​Antirio, die atti­sche Ring­straße, die Athener Metro, der Groß­flug­hafen "Eleft­he­rios Veni­zelos" sowie die olym­pi­schen Spiel­stätten gebaut.

Die Fir­men­kon­sor­tien, die diese Groß­pro­jekte rea­li­siert haben, lesen sich wie ein who's who der deut­schen und fran­zö­si­schen Indus­trie. Die Schmiergeld-​zahlungen von Sie­mens an die beiden Regie­rungs­par­teien, mit denen im großen Stil die poli­ti­sche Land­schaft „gepflegt“ wurde, sind vor diesem Hin­ter­grund zu sehen – in der Presse werden Summen von über 100 Mio. € genannt.[8]

Hinzu kommt der exor­bi­tante Rüs­tungs­haus­halt Grie­chen­lands, der nicht allein dem Kon­flikt mit der Türkei um den Grenz­ver­lauf in der Ägäis geschuldet ist, son­dern auch den Inter­essen fran­zö­si­scher und deut­scher Rüs­tungs­kon­zerne entspricht.

Es ist ein offenes Geheimnis, das die Rüs­tungs­lob­by­isten in beiden großen grie­chi­schen Par­teien, die sich in den letzten 30 Jahren bei den Regie­rungs­ge­schäften abge­löst haben, eine gewich­tige Rolle spielen.[9] Die deut­schen Rüs­tungs­ex­porte haben zwi­schen 2004 und 2008 um 70% zuge­nommen, wobei der Export inner­halb Europas um 123% anstieg.

Haupt­im­por­teure waren Grie­chen­land und die Türkei, die zusammen rund ein Drittel der deut­schen Rüs­tungs­ex­porte abnahmen.[10] Bei der Anbah­nung von Rüs­tungs­ge­schäften sind immer Poli­tiker, Diplo­maten und Banker betei­ligt, da der­ar­tige Geschäfte zumeist poli­ti­schen Druck, Schmier­geld­zah­lungen, hohe staat­liche Kre­dite des Import­landes sowie staat­liche Bürg­schaften des Export­landes zur Grund­lage haben.

Gerade auch nach Aus­bruch der Wirt­schafts­krise bemüht sich z.B. die deut­sche Regie­rung um den Export von Euro­figh­tern nach Griechenland.[11]

Die Kor­rup­tion im poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Leben wird daher zurecht als Ursache für die gegen­wär­tige Krise aus­ge­macht. Nur wird dabei über­sehen, dass der externe Faktor maß­geb­lich für die Auf­recht­er­hal­tung eben dieser Kor­rup­tion ver­ant­wort­lich ist.

Ohne die Kor­rum­pie­rung der grie­chi­schen Eliten und die Ein­bin­dung großer Teile der oberen Mit­tel­schichten wäre es gar nicht mög­lich gewesen, das sozial und ökolo­gisch desas­tröse Ent­wick­lungs­mo­dell, das in den letzten 20 Jahren ver­folgt worden ist, poli­tisch abzusichern.

Im übrigen han­delt es sich his­to­risch betrachtet um kein neues Phä­nomen, son­dern seit der Grün­dung des grie­chi­schen Staates im 19. Jahr­hun­dert um das vor­herr­schende Modell sozialer Herrschaft.[12]

Die grie­chi­sche Bevöl­ke­rung hat für diese Politik in den letzten 20 Jahren bereits einen hohen Preis ent­richtet: Neben der Dere­gu­lie­rung der Arbeits­märkte, der Zer­stö­rung der sozi­al­staat­li­chen Siche­rungen sowie der Sen­kung von Löhnen und Sozi­al­ein­kommen ist die Gesund­heits­für­sorge und das Bil­dungs­system in einem desas­trösen Zustand.

Allein die pri­vaten Aus­gaben für Gesund­heit und Bil­dung, die grie­chi­sche Fami­lien auf­bringen müssen, sprengen alle euro­päi­schen Rekorde. Mitt­ler­weile lebt rund ein Fünftel der Grie­chen unter der Armuts­grenze, eine Zahl, die sich infolge der ver­schärften Austerity-​Politik der Regie­rung Papan­d­reou weiter erhöhen wird.[13]

Es ist kein Zufall, dass das in den bun­des­deut­schen Medien ebenso unter­be­lichtet bleibt wie die gezielte Spe­ku­la­tion "angel­säch­si­scher" Bankhäuser[14] oder die betrü­ge­ri­sche Aus­plün­de­rung der grie­chi­schen Ren­ten­ver­si­che­rungs­träger, die Funk­tio­näre der Rechts­re­gie­rung Kara­manlis in Zusam­men­ar­beit mit grie­chi­schen Banken und inter­na­tio­nalen Anle­gern ins Werk gesetzt haben.[15]

Die Aktiva der grie­chi­schen Banken haben sich dagegen seit 2000 von 233 Mrd. € auf 579 Mrd. € mehr als verdoppelt.[16] Von einer Her­an­zie­hung dieses Kapi­tals zur Schul­den­til­gung, das zudem wegen der Ban­ken­krise staat­liche Unter­stüt­zung erfahren hat, ist aus nahe­lie­genden Gründen keine Rede.

Die Gefahr eines Staats­bank­rotts, die mit der Her­ab­stu­fung der Kre­dit­wür­dig­keit des grie­chi­schen Staates in der euro­päi­schen Presse lan­ciert wurde, ist frei­lich abwegig.

Denn – und da besteht ein Unter­schied zur Zer­rüt­tung der Staats­fi­nanzen im 19. Jahr­hun­dert unter Cha­ri­laos Trik­oupis – die Staaten der Gläu­biger grie­chi­scher Staats­ob­li­ga­tionen, zu denen deut­sche, fran­zö­si­sche und nie­der­län­di­sche Banken gehören, haben kein Inter­esse, dass diese For­de­rungen abge­schrieben werden müssen.[17]

Eine Ein­stel­lung der Zah­lungen sei­tens Grie­chen­lands könnte eine Ket­ten­re­ak­tion zur Folge haben, die – ähnlich wie im Fall der Lehmann-​Brothers – eine erneute Finanz­krise zur Folge hätte. Eine solche Ent­wick­lung wollen die euro­päi­schen Eliten unter allen Umständen ver­meiden. Pro­fi­tieren würden dabei die Händler der Ver­si­che­rungen von Anlagen in grie­chi­sche Staats­ob­li­ga­tionen, deren Spe­ku­la­tionen die Kre­dite des grie­chi­schen Staates ver­teuert haben.

Von der Krise der demo­kra­ti­schen Reprä­sen­ta­tion in Grie­chen­land zur Dik­tatur der EU-​Sparkommissare

Die Alter­na­tive zu einer Abschrei­bung der Kre­dite besteht in dem jetzt ein­ge­schla­genen Weg: Wie Ende des 19. Jahr­hun­derts, als Grie­chen­land auf­grund des Kriegs­aben­teuers gegen die Türkei erneut Kre­dite auf­nehmen und daher seine Alt­schulden aner­kennen musste, werden die grie­chi­schen Staats­fi­nanzen einer rigiden Kon­trolle unter­worfen, die den Gläu­bi­gern erlaubt, ihren Ein­fluß auf die grie­chi­sche Wirt­schaft maß­geb­lich auszuweiten.[18]

Das grie­chi­sche Par­la­ment büßt damit das vor­nehmste Recht eines jeden Par­la­ments, das Bud­ge­drecht, ein. Minis­ter­prä­si­dent Papan­d­reou fällt damit die Rolle eines von Frank­reich und Deutsch­land mit Bil­li­gung Brüs­sels ein­ge­setzten Staats­kom­mis­sars zu, der sich – im Gegen­satz zu den von den Groß­mächten im 19. Jahr­hun­dert oktroy­ierten Mon­ar­chen – zumin­dest einer for­malen demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­tion erfreuen kann.

Für die grie­chi­sche Ober­schicht ist diese Form der ökonomisch-​politischen Dik­tatur in eigenem Inter­esse: Das grie­chi­sche Handels-​, Ree­derei– und Bank­ka­pital ist tra­di­tio­nell welt­markt­ori­en­tiert und ins­be­son­dere eng mit der herr­schenden Klasse Groß­bri­tan­niens ver­flochten, wäh­rend das indus­tri­elle Kapital vor allem auf eine Akku­mu­la­ti­ons­stra­tegie setzt, die auf gering qua­li­fi­zierter Arbeit und nied­rigen Löhne basiert.[19]

Die Reprä­sen­ta­ti­ons­krise der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kratie wird mit der Teil­sus­pen­die­rung der par­la­men­ta­ri­schen Rechte des Vouli[20] frei­lich weiter auf die Spitze getrieben. Dieser Offen­ba­rungseid der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kratie kann in seiner Wir­kung kaum über­schätzt werden.

Fak­tisch hat sich die Regie­rung eines EU-​Landes der ökono­mi­schen Dik­tatur der Gläu­biger gebeugt. Es läßt tief bli­cken, das in den deut­schen Medien diese voll­stän­dige Sus­pen­die­rung eines zen­tralen demo­kra­ti­schen Rechtes, näm­lich des Bud­get­rechts des Par­la­ments, nicht einmal ansatz­weise zu poli­ti­schen Bauch­schmerzen geführt hat.

Die wei­teren Ent­wick­lungen werden maß­geb­lich davon abhängen, ob es der grie­chi­schen Regie­rung gelingen wird, die Ver­schär­fung ihres neo­li­be­ralen Kurses durch­zu­setzen. Die in ras­sis­ti­sche Posi­tionen rei­chenden Kom­men­tare in der bun­des­deut­schen Presse bezüg­lich der grie­chi­schen Men­ta­lität ver­weisen auf die tief sit­zende Furcht, die Austerity-​Politik der PASOK könnte schei­tern und die Kri­sen­dy­namik damit an Geschwin­dig­keit und Tiefe gewinnen.

Bereits die Revolte der grie­chi­schen Jugend im Dezember 2008 hat die Befürch­tung aus­ge­löst, die „grie­chi­sche Krank­heit“ könne sich auf ganz Europa aus­breiten und einen Macht­ver­lust der poli­ti­schen Eliten einleiten.

Diese Befürch­tung ist ange­sichts der Dynamik der sozialen Bewe­gungen durchaus berech­tigt, zumal in Grie­chen­land die Tra­di­tionen sozialen Wider­stands tief im his­to­ri­schen Bewußt­sein der Bevöl­ke­rung ver­an­kert sind.[21]

Die Kräfte der Gegenwehr

Einen ent­schei­denden Faktor im innen­po­li­ti­schen Kräf­te­spiel Grie­chen­lands stellt die Kom­mu­nis­ti­sche Partei (KKE) dar; inwie­weit diese dau­er­haft aus der Ein­bin­dung in den herr­schenden Block aus­scheren wird, ist noch ungewiß. Ange­sichts des nun durch die Kür­zungs­pakte ent­stan­denen poli­ti­schen Drucks ist es aber unwahr­schein­lich, dass die kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schaften ihren Kurs der "oppo­si­tio­nellen" Koope­ra­tion auf­recht erhalten können.

Im Dezember 2008 hat die KKE noch gegen die soziale Bewe­gung Posi­tion bezogen und die zweite im Par­la­ment ver­tre­tene Links­partei, die Links­ko­ali­tion (SYRIZA), bezich­tigt, sie strei­chele den anar­chis­ti­schen Kouk­ou­lo­foroi ("Kapu­zen­träger") die Ohren.

Die SYRIZA wurde für ihre Par­tei­nahme für die sozialen Bewe­gungen erst in der medialen Öffent­lich­keit, dann bei den Par­la­ments­wahlen, welche den Regie­rungs­wechsel zur PASOK zum Ergebnis hatte, abgestraft.

Der Gene­ral­streik vom 17. Dezember 2009 wurde allein von der KKE, der SYRIZA, den gewerk­schaft­li­chen Basis­ver­bänden sowie der außerparla-​mentarischen Linken getragen.

Dabei kam es zu einem hef­tigen Schlag­ab­tausch zwi­schen der KKE und dem von der PASOK-​nahen PASKE geführten Dach­ver­band der Gewerk­schaften (GSEE – All­ge­meine Kon­fö­de­ra­tion der Arbeiter Grie­chen­lands), der sich unver­hüllt als Streik­bre­cher positionierte.

Inwie­weit die neue Bünd­nis­kon­stel­la­tion, die sich bei diesem erfolg­rei­chen Streik fak­tisch ergeben hat, von Dauer sein wird, ist noch unklar.

Es gibt aber einige Anzei­chen, die auf eine Umgrup­pie­rung der poli­ti­schen Kräfte hin­deuten: Zu den in Grie­chen­land durchaus übli­chen Gene­ral­streiks mit eher demons­tra­tivem Cha­rakter haben im Januar und Februar nolens-​volens auch wieder die PASKE-​dominierte GSEE und die ADEDY (der Dach­ver­band der Beschäf­tigten im staat­li­chen Sektor) aufgerufen.

Ange­sichts der poli­ti­schen Front aus PASOK, Nea Dimo­kratia und dem rech­tra­di­kalen LAOS, die mit Nach­druck für die Austerity-​Politik ein­treten, sind die regie­rungs­nahen Kräfte in den Gewerk­schaften, aber auch die Sym­pa­thi­santen einer Koali­tion mit der PASOK in der SYRIZA in erheb­liche Erklä­rungs­nöte geraten.

Zudem sind die Soll­bruch­stellen im neo­li­be­ralen Block mehr als offen­sicht­lich; beide Rechts­par­teien unter­nehmen bisher alles, sich rhe­to­risch von der Regie­rungs­po­litik abzu­setzen, wäh­rend die PASOK sich nach Kräften bemüht, der Nea Dimo­kratia mög­lichst alle Ver­ant­wor­tung für die gegen­wär­tige Situa­tion zuzuschieben.[22]

Unklar ist auch die wei­tere Ent­wick­lung des dyna­mischsten Fak­tors der sozialen Bewe­gungen in Grie­chen­land, der anar­chis­ti­schen Strö­mung. Diese ist in ihrer Breite in der tra­di­tio­nell von mar­xis­ti­schen Orga­ni­sa­tionen geprägten grie­chi­schen Linken ein neues Element.

Seit der Dezember-​Revolte im Jahre 2008 ist von ver­schie­denen Grup­pie­rungen dieses Spek­trums die Frage eines lang­fris­tigen Trans­for­ma­ti­ons­kon­zeptes und in diesem Zusam­men­hang die Bünd­nis­frage erhoben worden.

Die kapi­ta­lis­ti­sche Form der Ver­ge­sell­schaf­tung, die natio­na­lis­ti­sche Inte­gra­tion und die Politik des Ras­sismus sowie die Idee der Eman­zi­pa­tion mit­tels des Staats­ap­pa­rates werden von keiner anderen sozi­o­po­li­ti­schen Strö­mung so radikal in Frage gestellt wie von den Anarchisten.

Sie bilden den aktivsten und mili­tan­testen Teil des anti­ka­pi­ta­lis­tischsten Spek­trums, viel wird daher von der wei­teren Ori­en­tie­rung der Anar­chisten abhängen.

Die Bedeu­tung des Kampfes in Grie­chen­land für die Ent­wick­lung der sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen in Europa

Je mehr die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen in der EU aus­ge­höhlt werden, desto größer wird das Poten­tial und die Ver­ant­wor­tung aller „auße­r­in­sti­tu­tio­nellen“ Kräfte, die zen­tralen sozialen und demo­kra­ti­schen Rechte der lohn­ab­hän­gigen Bevöl­ke­rung gegen die Kri­sen­po­litik der poli­ti­schen und ökono­mi­schen Eliten zu ver­tei­digen. An Grie­chen­land soll ein Exempel sta­tu­iert und pro­to­ty­pisch die Ver­schär­fung der neo­li­be­ralen Kri­sen­po­litik erprobt werden.

Diesem Ver­such muß auch in Zen­tral­eu­ropa mit Nach­druck ent­ge­gen­ge­treten werden, soll den euro­päi­schen Eliten nicht kampflos das Feld über­lassen werden.

Die Frage der demo­kra­ti­schen und sozi­al­öko­no­mi­schen Selbst­be­stim­mung muß zum zen­tralen Punkt der Aus­ein­an­der­set­zung gemacht werden, wenn die sozial und ökolo­gisch zer­stö­re­ri­schen Kräfte der Krise gebannt werden sollen.

Die Selbst­auf­klä­rung der Kräfte des gesell­schafts­po­li­ti­schen Wider­stands über die wei­teren Schritte beinhaltet jedoch eine Reihe von Fragen, deren Dis­kus­sion auf breiter Basis erst im Ver­lauf der Krise selbst mög­lich werden wird. Es kommt darauf an, den Chancen und Risiken dieser Ent­wick­lungen gerecht zu werden.

Quelle: SoPos – Sozia­lis­ti­sche Positionen

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors und “SoPos” zur Ver­öf­fent­li­chung hier auf Mein Poli​tik​blog​.de Vielen Dank, Herr Kritidis

Anmer­kungen

[1] FAZ v. 22.2.2010. Die hek­ti­sche Betrieb­sam­keit auf dem inter­na­tio­nalen Par­kett – selbst Deut­sche Bank Chef Josef Acker­mann bereiste Athen – zeigt, das ein Staat, zumal ein EU-​Währungsunionsmitglied, ebenso "sys­tem­re­le­vant" wie eine Bank ist – vor allem, wenn die Gläu­biger ihre Kre­dite nicht abschreiben wollen.

[2] Im Inter­view mit der FAZ hat der litaui­sche Minis­ter­prä­si­dent Kubi­lius noch­mals darauf hin­ge­wiesen. FAZ v. 12.2.2010. Erhel­lend ist auch ein Blick in die Pres­se­ar­chive: "Kan­didat mit Schön­heits­feh­lern". SZ v. 3.5.2000. "Grie­chen­lands Anpas­sung an die EU. Staat­liche Nach­hilfe mit geschickten Kunst­griffen". Neue Zür­cher Zei­tung v. 26.1.1999.

[3] Werner Rügemer, Grie­chen aller Länder, ver­ei­nigt Euch! JW v. 24.2.2010.

[4] Die Abkür­zung PIGS für die süd­eu­ro­päi­schen Mit­glieds­länder der EU läßt in dieser Hin­sicht tief bli­cken. Der zwi­schen der Rechts­presse Deutsch­lands und Grie­chen­lands aus­ge­bro­chene Medi­en­krieg, den der "Focus" los­ge­treten hat, umfaßt das ganze Arsenal denk­barer Res­sen­ti­ments. Aber auch die "seriöse" Presse ist im Kern nicht besser. Vgl. "Zahlen Bitte". SZ v. 20./21.2.2010; "Ope­ra­tion Quit­tungs­block". Zeit v. 25.2.2010. Kon­krete Zahlen, etwa die Höhe von Durch­schnitts­renten oder die Lebens­hal­tungs­kosten in Hellas werden in diesem Zusam­men­hang nicht genannt, um den Mythos des flotten Lebens auf Kosten der EU-​Geberländer nicht zu zer­stören. Es ist cha­rak­te­ris­tisch für das Ausmaß der Krise, das große Teile des neo­li­be­ralen Main­streams Schul­dige für Ent­wick­lungen suchen, da die metho­di­schen Mög­lich­keiten, welche die herr­schenden Wirt­schafts­wis­sen­schaften bereit­halten, völlig unzu­rei­chend sind, die Wider­sprüche des Mark­ge­sche­hens zu analysieren.

[5] Die Medien, welche die Inter­essen der export­ori­en­tierten Indus­trien, etwa die der Auto­mo­bil­in­dus­trie, ver­treten, ist dieser Zusam­men­hang bewußt. Folg­lich ver­tei­digen sie das Pro­jekt des Euro. Vgl. HAZ v. 6.3.2010.

[6] Die rechte Regie­rung Mit­sotakis hat Anfang der 1990er Jahre erfolglos ver­sucht, mit einem Fron­tal­an­griff die Rechte der abhängig Beschäf­tigten zu kassieren.

[7] Vor allem hat der pri­vate Konsum zu nicht geringen Teilen pri­vaten Ver­schul­dung zur Grund­lage und nur mit­telbar staat­liche Ausgaben.

[8] Es dürfte kein Zufall sein, dass der Chef von Siemens-​Hellas, Michalis Chris­to­fo­rakos, bisher von Deutsch­land nicht an Grie­chen­land aus­ge­lie­fert worden ist. Sollte er Interna dieses Parteispenden-​Skandals dem Unter­su­chungs­aus­schuss des grie­chi­schen Par­la­ments mit­teilen, dürften sowohl die PASOK als auch die ND erheb­liche poli­ti­sche Schwie­rig­keiten bekommen. Vgl. Eleft­he­ro­typia v. 5.3.2010. Giorgos Chat­zi­mar­kakis, Euro­pa­ab­ge­ord­neter, FDP-​Vorstandsmitglied und Prä­si­dent der deutsch-​griechischen Wirt­schafts­ver­ei­ni­gung hält die Schmier­geld­zah­lungen für eine gelun­gene Export­för­de­rung. JW v. 24.2.2010.

[9] Die heiße Liebe zwi­schen Nicolas Sar­kozy und Kostas Kara­manlis basiert sogar wesent­lich auf diesen Inter­essen, wie in der grie­chi­schen Presse relativ breit dis­ku­tiert worden ist. Vgl. Kat­hi­merini v. 31.7.2007; 5.6.2008; 9.6.2008. Im Gegenzug gab die fran­zö­si­sche Regie­rung Grie­chen­land außen­po­li­ti­sche Rücken­de­ckung, etwa in Bezug auf den Kon­flikt mit Maze­do­nien. In der PASOK galt Akis Tsochatso­poulos als "Mann der Fran­zosen", wäh­rend Kostas Simitis, der in Deutsch­land stu­diert hat, als Wahrer deut­scher Inter­essen gehan­delt wurde.

[10] taz v. 27.4.2009. Die Zahlen basieren auf Sta­tis­tiken des Stock­holmer Frie­dens­for­schungs­in­sti­tuts Spiri.

[11] Z.B. durch eine Ver­an­stal­tung der deut­schen Bot­schaft in Athen mit Ver­tre­tern der EADS. Kat­hi­merini v. 13.5.2009. Außen­mi­nister Wes­ter­welle schal­tete sich eben­falls in die Geschäfte ein und übte Druck auf die grie­chi­sche Regie­rung aus. NGO-​online, Zugriff v. 22.2.2010. http://​www​.ngo​-online​.de/​g​a​n​z​e​_​n​a​c​h​r​i​c​h​t​.​p​h​p​?​N​r​=​1​9​830

[12] Vgl. Dimitris Cha­r­al­ambis, Gesell­schaft­liche Klassen, poli­ti­sche Krise und Abhän­gig­keit. Frankfurt/​Main 1981.

[13] Niels Kadritzke hat zwar zutref­fend ange­merkt, dass das grie­chi­sche Steu­er­system eine erheb­liche Schlag­seite auf­weist, da z.B. Frei­be­rufler teil­weise durch allerlei Tricks kaum Steuern bezahlen. Es ist aber kaum zu ver­muten, dass sich daran wesent­lich etwas ändern wird. Die Kür­zungs­maß­nahmen der grie­chi­schen Regie­rung zielen vor allem auf die breite Mehr­heit der abhängig Beschäf­tigten, so etwa die Erhö­hung der indi­rekten Steuern auf Ziga­retten, Alkohol und Benzin, einen Ein­stel­lungs­stop sowie Gehalts­kür­zungen im öffent­li­chen Dienst als auch die ange­kün­digte Ren­ten­re­form. Die Aus­deh­nung der Laden­öff­nungs­zeiten auf den Sonntag wird zudem eher mul­ti­na­tio­nalen Kon­zernen wie Lidl ent­ge­gen­kommen und die Steu­er­basis durch die Ver­drän­gung kleiner Gewer­be­trei­bender ver­min­dern. Vgl. Grie­chen­land – auf Gedeih und Ver­derb. Le Monde Diplo­ma­tique. Januar 2010.

[14] Die Namen dieser Banken sind von der fran­zö­si­schen Regie­rung, welche diese Infor­ma­tion in der Natio­nal­ver­samm­lung mit­teilte, bisher nicht bekannt gemacht worden. Eleft­he­ro­typia v. 17.10.2010. Zur Spe­ku­la­tion gegen den Euro und die grie­chi­schen Staats­ob­li­ga­tionen vgl. SZ v. 5.3.2010.

[15] Der Skandal des Anla­ge­be­trugs – auch hier waren vor allem bri­ti­sche Inves­toren betei­ligt – ist noch Gegen­stand eines par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schusses, der, legt man bis­he­rige Erfah­rungen mit der­ar­tigen Aus­schüssen zugrunde, nur wenig zur Auf­klä­rung bei­tragen wird.

[16] Risos­pastis v. 21.2.2010.

[17] Vgl. Heinz Richter, Grie­chen­land zwi­schen Revo­lu­tion und Kon­ter­re­vo­lu­tion (1936 – 1946). Frankfurt/​M 1973. S. 24ff. Korinna Schön­härl. Geschichte eines Staats­bank­rotts. FAZ v. 19.2.2010.

[18] Die Auf­for­de­rung, die Grie­chen sollten ihre Inseln ver­kaufen, ist in diesem Zusam­men­hang als Meta­pher zu ver­stehen: Das Manager-​Magazin hat schon genauer vor­ge­rechnet, was es noch aus grie­chi­schem Staats­be­sitz zu holen gibt: Teile von Hellas-​Post und Telekom, die Athener Was­ser­ver­sor­gung, die Raf­fi­ne­rien, die Hafen­ge­sell­schaften und vor allem die staat­liche Lot­to­ge­sell­schaft. Manager-​magazin v. 5.3.2010. Wenn der Springer-​Verlag und andere es ernst meinen, ließe die grie­chi­sche Regie­rung aber mög­li­cher­weise über den Ver­kauf von Makro­nisos oder Agios Efstra­tios mit sich verhandeln.

[19] His­to­risch ist das eben­falls nicht neu. Vgl. Cha­r­al­ambis, Gesell­schaft­liche Klassen. Frankfurt/​Main 1981.

[20] So heißt das grie­chi­sche Parlament.

[21] Die grie­chi­sche Gesell­schaft ist hoch­gradig poli­ti­siert; diese Poli­ti­sie­rung hat ihre Wurzel darin, dass die grie­chi­schen Auf­klärer im 19. Jahr­hun­dert Schwie­rig­keiten hatten, Zugang zu den Kreisen der über das osma­ni­sche Reich und das Aus­land ver­streuten Bour­geoisie zu finden. Die natio­nalen Befrei­ungs­kriege stützten sich daher vor allem auf die breite Bevöl­ke­rung, die sich für die Ideen der Demo­kratie und Auf­klä­rung zugäng­lich zeigten. Es waren daher immer vor­rangig die Mittel– und Unter­schichten Träger der demo­kra­ti­schen Idee. So ist es auch kein Zufall, dass die voll­kommen man­gel­haft aus­ge­rüs­teten Mann­schaften und mitt­leren Offi­ziers­ränge 1940 im alba­ni­schen Krieg den faschis­ti­schen Ach­sen­mächten ihre erste Nie­der­lage berei­teten und die hoch­ge­rüs­teten, aber unmo­ti­vierten Truppen Mus­so­linis weit nach Alba­nien zurück­drängten, wäh­rend die Bour­geoisie unter Regent­schaft des Dik­ta­tors Metaxas nur ein Inter­esse an der Auf­recht­er­hal­tung der faschis­ti­schen "Ord­nung" zeigte. Im Zwei­fels­fall hat sich die Ober­schicht stets auf den Rück­halt bei den Groß­mächten ver­lassen können.

[22] Vgl. Kat­hi­merini v. 18.2.2010.

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