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Rage Against the Machine: »Killing in the Name«

Dienstag, 23. März 2010-16:32 -|- Eingestellt von: |

Von Yaak Pabst | Marx21

Rage Against the Machine steht wie keine andere Band für Pro­test­kultur und Oppo­si­tion. Yaak Pabst erzählt die Geschichte hinter dem Song »Kil­ling in the Name«.

Manchmal rei­chen sechs Zeilen, um alles zu sagen. Der Song »Kil­ling in the Name« von Rage Against the Machine atta­ckiert Ras­sismus und Poli­zei­bru­ta­lität und ist dabei gleich­zeitig eine unmiss­ver­ständ­liche Auf­for­de­rung zur Gegen­wehr. Mit ihrem musi­ka­li­schem Mix aus Hip Hop, Funk und Metal kre­ierte die Band einen Sound, der so vorher noch nie zu hören war.

In der Nacht des 3. März 1991 wird George Hol­liday aus dem Schlaf gerissen. Vor seiner Haustür lärmen Poli­zei­si­renen, Hub­schrauber kreisen über das Wohn­viertel. Er hört Schreie. Als er sieht, was sich vor seinem Fenster abspielt, greift er zum Camcorder.

Dass seine Video­auf­nahme Geschichte schreiben wird, ahnt er zu diesem Zeit­punkt noch nicht. Doch schon 24 Stunden später läuft sein Video rund um den Globus in den Nach­rich­ten­sen­dungen. Mil­lionen Men­schen werden Zeuge, wie meh­rere weiße Poli­zei­be­amte des Los Angeles Police Depart­ment (LAPD) einen Afro­ame­ri­kaner wäh­rend einer Ver­kehrs­kon­trolle fast zu Tode prügeln.

Obwohl Rodney King am Boden liegt, schlagen die Beamten mit Schlag­stö­cken auf ihn ein, mal­trä­tieren ihn mit Tritten gegen den Kopf und halten ihn dabei mit einem Elek­tro­scho­cker in Schach. 56 Schläge des stahl­ver­stärkten Polizei-​knüppels treffen Rodney King binnen 81 Sekunden.

Ein Jahr nach der Tat, am 29. April 1992, spricht eine weiße Jury die betei­ligten Beamten trotz des Video­be­weises frei. Rodney King sei »Herr der Situa­tion gewesen«, der »jeder­zeit die gegen ihn gerich­tete Gewalt hätte beenden können.«

Eine Stunde nach dem Frei­spruch beginnt, was später als »LA Riots« in die Geschichts­bü­cher ein­gehen wird. Nach sechs Tagen sind 55 Men­schen tot, 2300 ver­letzt und 1100 Gebäude zer­stört. US-​Präsident George Bush Senior kom­man­diert 13.000 zusätz­liche Sol­daten und Poli­zisten in die »Stadt der Engel«, um den Auf­stand niederzuschlagen.

Die meisten der 10.000 Per­sonen, die ver­haftet werden, sind schwarze junge Männer. Der Fall »Rodney King« offen­bart für Mil­lionen Men­schen in den USA die Methoden von Polizei und Justiz: Lügen, Kor­rup­tion, Dis­kri­mi­nie­rung, Gewalt und Ras­sismus. Daran hat sich bis heute wenig geän­dert. Nach einer Studie aus dem Jahre 2008 werden in Los Angeles Afro­ame­ri­kaner dreimal so häufig von der Polizei ange­halten wie Weiße und sogar fünfmal häu­figer verhaftet.

Zwar ist das LAPD beson­ders berüch­tigt, aber das ganze hat System. Nach Angaben des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Pew Rese­arch Center befinden sich in den USA 2,32 Mil­lionen Men­schen in Haft. Das sind ein Viertel aller Gefan­genen in der Welt. Jeder neunte schwarze Ame­ri­kaner im Alter zwi­schen 20 und 34 Jahren ist nach Angaben des US-​Justizministeriums im Gefängnis.

In den letzten zehn Jahren häuften sich die Fälle, in denen Poli­zei­be­amte ähnlich brutal vor­gingen wie gegen Rodney King. Das Lied »Kil­ling in the Name« ist eine Kampf­an­sage dagegen.

Der Song startet ein­fach, aber wütend. Ein Akkord, viermal ange­schlagen, der Bass legt funky vor und die ver­zerrte Gitarre groovt sich hinein — Pause. In die Stille schreit Sänger Zack de la Rocha: »Kil­ling in the Name of« (»Töten im Namen von«).

Die Band ant­wortet mit einem Sound­wall. Schlag­zeug, Gitarre, Bass setzten gleich­zeitig ein und häm­mern das Song­t­hema durch die Boxen. Spä­tes­tens jetzt kann nie­mand mehr ruhig her­um­stehen. Der Song besteht aus sechs Text­zeilen, ein­dring­liche Reime, die anklagen:

Kil­ling in the name of /​Some of those that work forces, are the same that burn crosses /​And now you do what they told ya /​Those who died are justi­fied, for wea­ring the badge, they‘re the chosen whites /​You justify those that died by wea­ring the badge, they‘re the chosen whites
Töten im Namen von /​Einige, die in der Truppe arbeiten, sind die­selben, die Kreuze ver­brennen /​Und jetzt tust du, was sie Dir sagen /​Jene, die getötet wurden, werden (von aller Schuld) frei­ge­spro­chen, weil sie eine Dienst­marke trugen, sie sind die aus­er­wählten Weißen /​Du recht­fer­tigst die Toten, indem du eine Dienst­marke trägst, sie sind die aus­er­wählten Weißen.

De la Rocha ver­ar­beitet lyrisch, was Mil­lionen Men­schen nach den Überg­riffen auf Rodney King dachten. Er ver­weist auf die Kreuz­ver­bren­nungen des ras­sis­ti­schen Ku-​Klux-​Klan, dessen Ziel die Unter­drü­ckung und Wieder-​Versklavung der Schwarzen ist.

Es ist mehr ein Gedicht als ein nor­maler Lied­text. Zack de la Rocha pre­digt, rappt, schreit und klärt auf. Am Ende des Songs wendet sich das Blatt — aus Anklagen wird Auf­be­gehren. Zehn Wörter, die dafür stehen, dass jede Rebel­lion mit Wider­spruch beginnt. Zack de la Rocha schreit 16-​mal nur diesen einen Satz und hat damit alles gesagt: »Fuck you, I won't do what you tell me« (»Fick dich, ich werde nicht tun, was du mir sagst«).

Obwohl das Video ver­boten wird, klet­tert die Single von »Kil­ling in the Name« auf Platz 25 der bri­ti­schen Charts. Das dazu­ge­hö­rige Album, zugleich das Debüt der Band, erreicht sogar Platz 1 der US-​Charts und kann sich 84 Wochen in den Top 200 halten. Mit ihrem neuen Sound erobern Rage Against the Machine die Herzen einer ganzen Gene­ra­tion. Sie sind nicht die ersten, die Rap und Rock ver­mi­schen, aber bei keiner anderen Band klingt es so glaub­würdig, inno­vativ, ener­gie­ge­laden und überraschend.

Bis dahin ver­su­chen die meisten Rapper, beson­ders smooth zu klingen und nicht zu schreien. Laute, raue und wütende Vocals waren dem Rock vor­be­halten. Aber jetzt gibt es raue, wütende Rap-​Vocals, die sich mit ver­zerrten Gitarren und einem funky Bass über einen groo­venden dyna­mi­schen Beat bewegen — ein explo­sives Gemisch. Den Gitar­risten der Band, Tom Morello, inspi­rieren die Scratch-​Techniken der Hip-​Hop-​DJs.

Unter Scrat­chen ver­steht man die Erzeu­gung von Tönen durch rhyth­mi­sches Hin– und Her­be­wegen einer lau­fenden Schall­platte auf einem Plat­ten­spieler bei auf­ge­legter Nadel. Morello über­setzt das Scrat­chen auf seine E-​Gitarre und kre­iert damit einen revo­lu­tio­nären Sound. Das Magazin Rol­ling Stone kürt ihn für seine außer­ge­wöhn­liche und inno­va­tive Spiel­weise zu einem der »100 besten Gitar­risten der Welt«.

Ihren Berühmt­heits­status nutzt die Band, um soziale Bewe­gungen zu unter­stützen. Tom Morello meint: »Wir leben im Kapi­ta­lismus. Das bedeutet, dass die Ver­brei­tung von Infor­ma­tionen vor allem über kapi­ta­lis­ti­sche Kanäle funk­tio­niert. Wir sind nicht daran inter­es­siert, nur zu den Über­zeugten zu sprechen.

Es ist toll, in einem Hin­terhof eines von Anar­chisten besetzen Hauses zu spielen, aber es ist auch groß­artig, in der Lage zu sein, Men­schen mit einer revo­lu­tio­nären Bot­schaft zu errei­chen, die davon noch nicht gehört haben.« Rage Against the Machine steht wie keine andere Band für Pro­test­kultur und Opposition.

Es kein Zufall, dass der Song »Kil­ling in the Name« auch heute noch zur Waffe gegen die Ein­tö­nig­keit der Pop­in­dus­trie wird. Hun­dert­tau­sende Nutzer der Inter­net­platt­form Face­book orga­ni­sierten im ver­gan­genen Winter eine regel­rechte Rebel­lion bei der Wahl zum bri­ti­schen Weihnachtshit.

Die Jahre zuvor hatte immer der Gewin­ner­song der Pop-​Castingshow X-​Faktor am Ende des Jahres auch auf Platz 1 der Charts gestanden. Nun aber riefen die Internet-​User dazu auf, »Kil­ling in the Name« mas­sen­haft zu kaufen oder sich runterzuladen.

Mit Erfolg: 17 Jahre nach seinem Erscheinen lan­dete der Song auf Platz 1 der bri­ti­schen Charts. Die Band gab dar­aufhin bekannt, 2010 ein kos­ten­loses Kon­zert in Groß­bri­tan­nien zu spielen, um diesen Sieg zu feiern. Tom Morello resü­miert im Inter­view mit der BBC: »Die Kam­pagne war ein Lehr­stück: Das gilt für kleine Dinge — zum Bei­spiel wer an der Spitze der Charts steht.

Es gilt aber auch für die großen Dinge wie Krieg und Frieden oder soziale Ungleich­heit. Wenn Leute zusam­men­kommen und ihre Stimme erheben, können sie das System schlagen.«

Quelle: Marx21​.de

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Kategorie » Gesellschaft/Soziales, Musik/Buch/Film, Unruhen/Proteste, Video/Mediathek, Widerstand « | Tags » , , «

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gelesen: 438 · heute: 2 · zuletzt: 17. Mai 2012

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