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Evolution braucht Hilfe

Montag, 29. März 2010-14:31 -|- Eingestellt von: |

Von Roberto J. De Lapu­ente | ad sinis­tram | — Soli­da­rität ist zwar ein ent­zü­ckendes Ideal, Gemein­sinn bewun­derns­wert tugend­haft und Hilfs­be­reit­schaft ein phä­no­me­nales Wunsch­bild — doch leider sind sie alle­samt nicht gene­tisch programmiert.

Der Mensch, so lehren sie uns in unschöner Regel­mä­ßig­keit, sei ein hab­gie­riges und nim­mer­sattes Wesen, ego­ma­nisch und selbst­süchtig geartet. Dafür könne er nichts, denn der­ge­stalt sei er von Evo­lu­tions wegen kon­di­tio­niert — er sei, wie alle Wesen dieser Erde, im steten Kampf ums Dasein, damit zur Rücksichtslosig-​keit verurteilt.

Und weil man evo­lu­tio­näre Prä­missen nicht abän­dern kann, weil der Mensch so unbe­lehrbar auf gegen­sei­tigen Kampf ein­ge­stellt ist, wie es jede Wild­katze oder jeder Wolf es ist, muß auch das soziale Lebens­um­feld des Men­schen darauf abge­stimmt sein. In einer Welt, in der Kampf und Eigen­nutz zu Natur­ge­setzen aus­er­sehen wurden, kann das Gemein­wesen nicht dieser vor­geb­li­chen Natür­lich­keit ent­zogen sein, kann sich nicht vom Men­schen Unna­tür­lich­keit ausbedingen.

Daran sei nichts zu leugnen, lehren sie unent­wegt. Darwin habe uns bewiesen, wie Arten ent­stehen, habe uns die schier gött­liche All­macht des stän­digen Kampfes sichtbar gemacht. Darwin sei unan­tastbar. An seiner Lehre könne man nicht rüt­teln. Ein wenig feilen hin und wieder, ein biss­chen Maku­latur üben — das ja! Aber grund­sätz­lich ist die Lehre unnahbar, unberührbar.

Und weil dem so ist, könne man sich zwar gele­gent­lich über ein Gemein­wesen echauf­fieren, dass viele seiner Kinder stief­müt­ter­lich behan­delt, aber end­lich ist es doch nichts weiter als in Staat­lich­keit hin­über­ge­lotster mensch­li­cher Über­le­bens­kampf. Warum sollte auch ein Wirt­schafts­system und seine sozialen Auf­fang­me­cha­nismen anders sein wollen, als es der mensch­li­chen Eigenart entspricht?

Warum sollte es besser sein wollen als der Mensch selbst? Nahezu anma­ßend wäre so ein hoher, über­höhter Anspruch, lehren sie beständig. Dass aber ers­tens, Darwin seinen Sur­vival of the Fit­test zunächst durchaus nicht auf die sozialen Gege­ben­heiten in der Men­schen­welt aus­dehnen wollte, und dass er, zwei­tens, schon damals in der Kritik stand, dass der ewige Kampf inner­halb der Natur zu ein­gleisig sei, wird in den Beleh­rungen dieser Dog­ma­tiker aus Eigen­nutz nicht angeführt.

Einer, der dieser ein­sei­tigen Aus­le­gung der Evo­lu­tion ent­ge­gen­wirken wollte, war Pjotr Kro­potkin, ein aus Moskau stam­mender Geo­graph und Schrift­steller. Er bezwei­felte die Evo­lu­tion, so wie sie Darwin in Die Ent­ste­hung der Arten beschrieb, nicht grund­sätz­lich — die Redu­zie­rung von Dar­wins Lehre auf den steten Kampf ums Über­leben, die hielt er aller­dings für ein­di­men­sional, für nur einen Aspekt des Evolutionismus'.

Dem Kampf ums Dasein schlug er das Prinzip der Gegen­sei­tigen Hilfe zu. Das war nicht ein­fach nur theo­re­ti­sches Geplänkel, um den blu­tigen, auf Men­schen trostlos wir­kenden Kampf aus­zu­blei­chen, erträg­li­cher zu machen — nein, Kro­potkin zog seine sibi­ri­schen Erfah­rungen, die Ergeb­nisse seiner natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­reisen heran. Die Gegen­sei­tige Hilfe, sie war empi­ri­sche Beob­ach­tung und stand dem, was Darwin ver­lau­tete und was seine Jünger später ins Uner­mess­liche dra­ma­ti­sierten, entgegengesetzt.

Mit seinem 1902 erschienen Buch Mutual Aid: A factor of evo­lu­tion (Gegen­sei­tige Hilfe in der Tier– und Men­schen­welt), wollte er den sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Ten­denzen seiner Epoche ent­ge­gen­treten. Kro­potkin berichtet von Insekten, Vögeln und Säu­ge­tieren und ihrer Hilfs­be­reit­schaft untereinander.

Gemein­sames Jagen, gemein­sames Auf­ziehen von Jung­tieren, gemein­same Pflege kranker Art­ge­nossen, gegen­sei­tiger Schutz in Herden, erlernte Kon­flikt­ver­mei­dung — die Gegen­sei­tige Hilfe war für Kro­potkin eine erfolg­reiche Über­le­bens­stra­tegie, ent­larvte er als wesent­li­chen Evolutionsantrieb.

Die Sozi­al­dar­wi­nisten hätten nicht ver­standen, dass Sur­vival of the Fit­test nicht bedeute: der Stärkste, der Rück­sichts­lo­seste, der Gie­rigste über­lebe, son­dern das­je­nige Wesen, das am besten ange­passt sei. Dass manche Spe­zies den­noch wie Sieger eines Kampfes aus­sehen, sich also hem­mungs­loser ver­mehren, wäh­rend andere ver­schwinden, habe mehr mit Kli­ma­schwan­kungen und Krank­heiten zu tun — nichts aber mit Sieg oder Nie­der­lage beim Kampf ums Dasein.

Kro­potkin über­trägt die Gegen­sei­tige Hilfe im Ver­lauf seines Buches auf die Men­schen. Auf­bauend auf Clan­ge­sell­schaften, Dorf­ge­mein­schaften und Zünften landet er in der modernen Welt — sich zu helfen, es ist dem­nach kein christ­li­cher oder mos­le­mi­scher oder jüdi­scher Kodex, auch keine pro­fane ethi­sche Hal­tung, son­dern dem Wesen des Men­schen so imma­nent, wie jedem natür­li­chem Geschöpf.

Der Mensch sei daher nicht gut, weil es Reli­gionen gele­gent­lich emp­fehlen, es ist umge­dreht: Reli­gionen lehren hin und wieder ethi­sche Grund­sätze, weil sie im Men­schen a priori ver­an­kert sind. Damit wider­sprach er Mal­thus und seinem eta­blierten Bevöl­ke­rungs­ge­setz, das den Kampf ums Über­leben Darwin schon vorwegnahm.

Der Kampf ums Dasein, zum allein­gül­tigen Natur­ge­setz erklärt, später zum Kul­tur­ge­setz der kapi­ta­lis­ti­schen Welt gekrönt, war in Augen Kro­pot­kins nichts weiter als die Recht­fer­ti­gungs­grund­lage der Sozi­al­dar­wi­nisten. Die Gegen­sei­tige Hilfe, wenn schon nicht zu leugnen, sie doch als Aspekt aus­zu­klam­mern und zu ver­schweigen, gehört zum Kon­zept der Rechtfertigungslehre.

Natür­lich wurden Kro­pot­kins Gedanken von Bio­logen und Anthro­po­logen auf­ge­griffen und wei­ter­ge­sponnen. In modernen Schriften, die sich mit der Evo­lu­tion befassen, wird von Gegen­sei­tiger Hilfe glei­cher­maßen gespro­chen, wie vom Kampf ums Dasein.

Dort wird Evo­lu­tion weniger auf­wüh­lend und über­zogen the­ma­ti­siert, als in Publi­ka­tionen, die den Sur­vival of the Fit­test zur Gewis­sens­ent­las­tung behan­deln. Kurz­auf­klä­rungen, Crash­kurse zum Thema, sind da meist ein­sei­tiger, richten ihr gesamtes Augen­merk auf den Kampf, die Hilfe als Prinzip ent­fällt aber, wird bes­ten­falls kurz ange­rissen — dort ist the Fit­test immer noch der Stärkste, der Schnellste, der mit den spit­zesten Zähnen, mit dem größten Gehirn.

Dass the Fit­test auch heißen könnte, von einer Herde oder einem Rudel zu spre­chen, das sich gegen­seitig zu helfen weiß, wird heute meist immer noch unter­schlagen. Die popu­lär­wis­sen­schaft­liche Ver­brei­tung des Themas, mal in Vor­abend­pro­grammen oder knapp gehal­tenen, ein­fach geschrie­benen, dafür reich bebil­derten Büchern, hat wenig Inter­esse daran, ein kom­plexes Abbild der Evo­lu­ti­ons­lehre zu liefern.

Unter­stützt wird die Ver­knap­pung des Stoffes durch Aus­sagen wirt­schaft­li­cher Sozi­al­dar­wi­nisten, die die Gier zum maß­geb­li­chen Faktor des Mensch­seins adeln, die einer­seits Mild­tä­tig­keit von den Betro­genen ver­langen, weil man die Gier ein­zelner Mil­li­ar­däre nicht ver­ur­teilen kann, leiden wir doch schließ­lich alle an diesem ver­hassten, doch not­wen­digen und fort­schritts­brin­genden Antrieb

der Evo­lu­tion; die ande­rer­seits aber abso­lute Kon­troll­me­cha­nismen für gefähr­dende Ant­ago­nisten (Gewerk­schaften, linke Par­teien, anar­chis­ti­sche Gruppen) for­dern, weil man die Gier und die Ego­manie des Men­schen, die sich hier als Teil­habe, Umver­tei­lung und Gerech­tig­keits­sinn äußere, im Griff haben müsse.

Gegen­sei­tige Hilfe ist für sie kein Wesenszug des Men­schen, der Natur gene­rell, weil sie ihrer Selbst­sucht feind­lich gesonnen ist. Des­halb haben sie immenses Inter­esse daran, dass Evo­lu­tion für die breite Masse, immer noch in den ver­stüm­melten und halb­wahren Kate­go­rien gelehrt wird. So, wie sie schon zur Zeit Kro­pot­kins in die Köpfe gehäm­mert wurde — mit all ihren töd­li­chen Folgen, die Jahre danach in Mas­sen­ver­nich­tung, euge­ni­schen Ver­su­chen und Eutha­nasie mündeten.

Gerade in Zeiten wie diesen, in der Gier zur Trieb­feder der Mensch­heit ver­klärt wird, in der der­je­nige als tugend­haft gilt, der mit­tels seiner Hab­gier, den ver­meint­li­chen Fort­schritt der Mensch­heit vor­an­treibt; gerade in sol­chen Zeiten, emp­fiehlt es sich, Kro­potkin zu lesen, seiner Theorie zu gedenken, die so theo­re­tisch gar nicht war, die aus dem Leben, aus dem Kreu­chen und Fleu­chen der Natur gefil­tert wurde.

Seine aus dem Leben ent­nom­mene Theorie, die uns eigent­lich allen im Innersten bewusst ist, weil sich die Hilfs­be­reit­schaft auch in uns regel­mäßig regt.

Hilfs­be­reit­schaft, die ver­sucht einen Aus­gang zu finden, der aller­dings immer schwerer auf­findbar ist, weil die Fässer voll Ego­is­mus­recht­fer­ti­gungen und Ich­be­zo­gen­heits­lehren, die man über uns ergießt, uns die Gegen­sei­tige Hilfe fast wie einen Frevel an der Natur emp­finden lassen, wie etwas, das schon lange seine Gül­tig­keit ver­loren habe, weil uns die Wis­sen­schaft eines Bes­seren belehrte. In sol­chen Zeiten ist es not­wendig, wieder Kro­potkin im Sinn zu haben…

Quelle: ad sinis­tram

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