Von Klaus Wallmann sen. | RandZone-Online
Mit jedem getöteten Bundeswehr-Soldaten steigt die Ablehnung des Krieges in Afghanistan. Gleichzeitig wächst in den bürgerlichen Medien die Propa-ganda für den Krieg. Man behauptet, die Toten seien nicht umsonst gestorben. Sie seien für eine Sache gestorben, für die es sich zu sterben lohne.
Das zielt auf die Angehörigen der getöteten Soldaten, wie auch auf die Angehörigen der Soldaten, die die nächsten Toten sein können. Der Tod und die Todesgefahr soll so für die Angehörigen erträglicher gemacht werden, soll trösten. Die Behauptung zielt aber auch auf uns alle.
Denn wenn es die Sache wert ist dafür zu sterben, so ist sie es auch wert, mehr und mehr Soldaten in den Krieg zu schicken. Und ein Hundsfott der, der das nicht so sieht. So macht man den Krieg zur edlen Sache. So will man jede Kritik daran diffamieren.
Den verletzten und toten Afghanen, den Opfern des deutschen Militärs, wird von den Medien und den bürgerlichen Politikern weder Aufmerksamkeit noch Respekt erwiesen. Tagtäglich jubelt man in unseren Medien über erfolgreich getötete “Taliban”, ohne jede Nachfrage, wer diese Getöteten waren.
Vielleicht waren es nur einfache Dorfbewohner, die sich – wie es Afghanen in ihrer Geschichte schon immer tun mußten – ausländischen Soldaten kämpferisch widersetzten. Und mit der gleichen Respektlosigkeit behandelt auch die deutsche Regierung die ungezählten zivilen afghanischen Opfer. Nicht einmal die Mühe, diese Opfer zu zählen, macht man sich.
Der Krieg in Afghanistan hat bis zum 2. April 2010 39 deutschen Soldaten und drei deutschen Polizisten das Leben gekostet. Erstmals nahm die deutsche Bundeskanzlerin nun an einer Trauerfeier für drei am Karfreitag “gefallene” Bundeswehr-Soldaten teil. Angesichts zehntausender Toter in Afghanistan ist die Inszenierung einer solchen öffentlichen Trauerfeier natürlich ein Politikum – in Fortsetzung der bisherigen Kriegspropaganda.
Inwieweit den Angehörigen bewußt ist, daß selbst der Tod ihrer Lieben noch für politische Zwecke instrumentalisiert wird, das kann ich nicht sagen. Doch vor dem Hintergrund einer jahrelangen deutlichen Ablehnung der Beteiligung der Bundeswehr am Afghanistan-Krieg durch die Mehrheit der Bevölkerung, ist der Versuch den Eindruck zu erwecken, die deutschen Soldaten würden am Hindu-kusch die Freiheit dieses Teils der Bevölkerung verteidigen und dafür “fallen”, eindeutig eine Instrumentalisierung im Sinne der Kriegspropaganda der herr-schenden Klasse. Heldenverehrung, um die Zustimmung des Volkes zu einem Krieg zu erlangen – das hatten wir schon mal.
“Es gibt keinen Abgeordneten und kein Regierungsmitglied, das nicht schon einmal Zweifel gehabt hätte”, bekannte Bundeskanzlerin Merkel (CDU) in ihrer Trauer-rede. Nun, weit her kann es mit diesen “Zweifeln” für einen Großteil der “Volksvertreter” nicht gewesen sein, denn erst am 26. Februar 2010 stimmten erneut 429 von ihnen einer Verlängerung des “Afghanistan-Mandats” zu.
Tatsächlich stimmten sie der weiteren Kriegsbeteiligung der BRD zu. Sie stimmten zu, trotz aller angeblichen “Zweifel” und in vollem Bewußtsein, damit weitere Soldaten in den sicheren Tod zu schicken. Sie tragen die Verantwortung für jeden verwundeten und toten deutschen Soldaten, für jeden verwundeten und toten afghanischen Bürger.
Doch die Bürde dieser Verantwortung nehmen die Damen und Herren “Volksvertreter” gern auf sich, dient der Kriegseinsatz der Bundeswehr laut Frau Merkel doch “der Sicherheit unseres Landes”. Auch diese Demagogie ist nicht neu.
“Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus … viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzu-wehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzu-stellen.” So begründete die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 4. August 1914 ihren Verrat an all ihren bis dahin geltenden Prinzipien.
Rosa Luxemburg kommentierte:
“Mit dieser Erklärung gab die Reichstagsfraktion am 4. August die Parole, welche die Haltung der deutschen Arbeiterschaft bestimmen und beherrschen sollte. Vaterland in Gefahr, nationale Verteidigung, Volkskrieg um Existenz, Kultur und Freiheit … Wenn es sich wirklich um die Existenz der Nation, um die Freiheit handelt, wenn diese nur mit dem Mordeisen verteidigt werden kann, wenn der Krieg eine heilige Volkssache ist, dann wird alles selbstverständlich und klar, dann muß alles in Kauf genommen werden.
Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen. Der Krieg ist ein methodisches, organisiertes, riesenhaftes Morden. Zum syste-matischen Morden muß aber bei normal veranlagten Menschen erst der entsprechende Rausch erzeugt werden. Dies ist seit jeher die wohlbegründete Methode der Kriegführenden.
Der Bestialität der Praxis muß die Bestialität der Gedanken und der Gesinnung entsprechen, diese muß jene vorbereiten und begleiten. Alsdann sind … patriotische Hetze in Poesie und Prosa das entsprechende und notwendige geistige Narkotikum für ein Proletariat, das nur noch seine Existenz und Freiheit retten kann, indem es das tödliche Eisen in die Brust russischer, französischer und englischer Brüder stößt.” (1)
Das wurde vor fast einhundert Jahren geschrieben, doch wie man sieht, versucht es die herrschende Klasse noch immer mit ganz genau denselben Mitteln, Menschen dazu zu bringen, zu töten und sich töten zu lassen. Vermeintlich für ein hehres Ziel, doch tatsächlich für die Interessen des Kapitals.
In ihrer Junius-Schrift zeigt Luxemburg sehr verständlich auf, wie sich im Kampf um den außereuropäischen Weltmarkt die Gegensätze zwischen den imperia-listischen Mächten herausbildeten, die schließlich zum Weltkrieg führen mußten. Besser habe ich dies noch nirgendwo gelesen. Im Entwurf zu den Junius-Thesen schreibt sie zum allseitig imperialistischen Charakter des 1. Weltkriegs und jeden Krieges danach:
“Der Weltkrieg dient weder der nationalen Verteidigung noch den wirtschaftlichen oder politischen Interessen irgendwelcher Volksmassen, er ist lediglich eine Ausgeburt imperialistischer Rivalitäten zwischen den kapitalistischen Klassen verschiedener Länder um die Weltherrschaft und das Monopol in der Aussau-gung und Auspowerung der letzten Reste der noch nicht vom Kapital beherrschten Welt … Die nationalen Interessen dienen nur als Düpierungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen.” (2)
Düpieren will uns auch der umgangssprachlich “Verteidigungsminister” genan-nte Kriegsminister Guttenberg (CSU), indem er den einstigen “Friedenseinsatz” während der Trauerfeier als das bezeichnete, was er von Anfang an war: als Krieg. Die Ursache auch dieses Krieges verschweigt er jedoch wie jeder andere bürgerliche Politiker weiter. Und noch immer will auch er uns weismachen, daß es am Hindukusch um Demokratie für die Afghanen und um Sicherheit für uns gehe.
Düpieren will uns auch die Kanzlerin. Auch wenn sie nicht die “Oberkomman-dierende” ist, wie Herr Deppendorf im Staatsfernsehen mehrfach betonte, trägt sie seit einigen Jahren die volle Verantwortung für jeden Verletzten und Toten in diesem Krieg.
Daher verstehe ich es auch, wenn das Vorstandsmitglied der Linken Christine Buchholz Merkels Teilnahme an der Trauerfeier als “heuschlerisch” bezeichnete. Die Begründung von Frau Buchholz – Merkel habe die Soldaten nach Afghanistan geschickt, “obwohl sie wusste, dass sich die Sicherheitslage im Norden dramatisch verschlechtert hat” – trifft wohl eher nicht den Kern der Sache.
Selbst wenn diese Begründung bereits wütende Proteste der CDU erzeugte. Viel überzeugender ist die derzeit laufende Umfrage der “Frankfurter Rundschau”, bei der sich erneut aktuell 81 Prozent der Befragten für den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan aussprechen.
Daß Frau Merkel den Willen der Mehrheit der Bevölkerung mit Füßen tritt – und mit ihr weitere 429 “Volksvertreter” darauf herumtrampeln – das beweist sowohl den Charakter unserer “Demokratie” wie auch die Heuchelei am Grabe dreier Männer, die von Merkel und Co. sehenden Auges nach Afghanistan und in den Tod geschickt wurden.
Quelle: RandZone-Online
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