Von Werner Schulten | Scharf Links
Nur 60,8 % finden nach der Berufsausbildung in den nächsten sechs Jahren eine vollwertige Beschäftigung.
Glaubt man den Ausführungen unserer zuständigen Ministerin Ursula von der Leyen, Bundesagentur-Vorstand Heinrich Alt, Hunderten von selbsternannten Experten und dem Ergebnis aller relevanten Talkshows, so liegt der Grund für Langzeiterwerbslosigkeit in der Person des Betroffenen selbst. Neben fehlender Einstellung sei der Hauptgrund in der mangelnden Berufsausbildung zu sehen.
Hieraus folgernd sind sich alle Parteien einig, dass die Gesellschaft für die Bildung viel mehr als bisher investieren muss. Das ist zwar vollkommen richtig und absolut notwendig unter dem Aspekt, dass wir hoch qualifizierte Produkte und Dienstleistungen anbieten wollen.
Die andauernde Massenerwerbslosigkeit jedoch lässt sich hiermit nicht be-seitigen. Bereits seit Jahrzehnten ist die Ausbildungsvoraussetzung für einzelne Berufe gestiegen.
War es früher selbstverständlich, dass für die Ausbildung zum Einzelhandels-kaufmann ein Volksschul- oder Hauptschulabschluss ausreichend war, so sind Anzeigen wie die folgende aus einer Mönchengladbacher Wochenzeitung keine Seltenheit mehr:
„Auszubildende/r zur/zum Wurstfachverkäufer/in gesucht. Voraussetzung: Mittlerer Bildungsabschluss, Durchschnittsnote des Abschlusszeugnisses 2,0“
Die Erfinder solcher schwachsinnigen Kriterien stellen sich anschließend der Presse und bejammern, dass es keine ausbildungsgeeigneten Jugendlichen mehr gäbe.
Für eine Bildungsoffensive spricht sehr vieles, nicht aber die Aussicht, dass sich künftig Abiturienten um freie Ausbildungsplätze im Handwerk, in der Bau- und Metallindustrie und in allen anderen Branchen prügeln, während Schul-absolventen einen zweiwöchigen Schnellkurs in Sachen Dauer-Hartzer absolvieren, um fit zu sein für ein Leben in Demütigung und Schikane.
Nach einer Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung in Bonn, sind 13 % der Absolventinnen und Absolventen einer dualen Berufsausbildung in den nächsten sechs Jahren erwerbslos. Das sind doppelt so viele, wie die aktuelle offizielle Erwerbslosenstatistik ausweist.
Selbst der Abschluss einer mittleren Reife führt nach bestandener Abschluss-prüfung der Berufsausbildung in 12,3 % der Fälle in Dauererwerbslosigkeit. Erst die Fach- oder Hochschulreife bietet mit 7,5 % die Gewähr, nur zu einer ähnlichen Wahrscheinlichkeit wie der Durchschnitt der Erwerbsfähigen mindes-tens die nächsten sechs Jahre keinen bezahlten Job zu finden.
Ebenso katastrophal sind die Zahlen derer, die sich nach ihrer Berufsausbildung in den nächsten sechs Jahren in prekärer Beschäftigung wieder finden. 26,2 % können sich zumindest für die nächste Zeit eine Familienplanung aus dem Kopf schlagen.
Ob es denn überhaupt irgendwann etwas damit wird, steht in den Sternen. Längerfristige Studien zu diesem Thema geben es nicht und wären auch verfälschend, da Daten aus ganz anderen Zeiten herangezogen würden.
Vor langfristiger prekärer Beschäftigung hilft auch nicht Abitur plus Berufsaus-bildung. Die Wahrscheinlichkeit, dort zu landen, ist mit 24,3 % nur unwesentlich geringer als beim Durchschnitt.
In einer der neuen Trendsendungen, in denen Privatsender Einzelnen helfen, einen Job zu finden, stand eine Frau vor einem Betrieb, bei dem sie nach zehn Jahren Erwerbslosigkeit erstmalig ein Vorstellungsgespräch führen durfte.
Sie zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Wenn man die Vorgeschichte nicht mitbekommen hätte, würde man glauben, sie hole ihren Lottogewinn ab, treffe den Mann ihres Lebens oder bekäme zumindest eine Kreuzfahrt geschenkt.
Dass man nach Hunderten von Bewerbungen, Dutzenden Weiterbildungs-maßnahmen und Bewerbungstrainings bei einem Vorstellungsgespräch zur Kellnerin oder Spülkraft vor Vorfreude fast platzt ob der Aussicht, seine Arbeitskraft einer Firma für einen Hungerlohn zur Verfügung stellen zu dürfen und ein Fernsehsender sich für diese Vermittlungsleistung als Himmels-botschafter preist, das hätte man einmal vor 40 Jahren als Vision aufschreiben sollen. Man wäre geradewegs in der Psychiatrie gelandet.
Die Studie: http://dpaq.de/bibbstudie
Quelle: Scharf Links
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wenn auf grund des technischen fortschritts nur noch 50% der arbeitssuchenden “gebraucht” werden, dann würden logischerweise auch 50% aller ausbildunggswilligen keine stelle finden, selbst wenn sie allesamt einen akademischen abschluss hätten. und der arbeitskräftebedarf sinkt immer weiter.