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Gedanken eines Wählers

Samstag, 15. Mai 2010-9:11 -|- Eingestellt von: |

Von Detlef Obens | Demokratisch-​Links | - Der Aus­gang der NRW — Wahl hat im Grunde nicht son­der­lich über­rascht. Viele demo­sko­pi­sche Insti­tute haben landauf — landab diesen nun bekannten Wahl­aus­gang prognostiziert.

NRW hat nun ein 5-​Parteien — Par­la­ment mit all seinen Neue­rungen und Unwäg-​barkeiten, die das zwangs­läufig mit sich bringt. Reine große Volks­par­teien gibt es nicht mehr, poli­ti­sche Blöcke sind nicht mehr klar erkennbar und “die Eine” Füh­rungs­per­sön­lich­keit einer Partei ist auch Geschichte geworden.

Sehn­sucht nach poli­ti­schen Führungspersönlichkeiten?

Da, wo früher in NRW Poli­tiker vom Rang eines Rau die Wäh­le­rInnen an sich banden, weil sie ihn ihm eine inte­gra­tive Kraft und inte­gere Per­sön­lich­keit sahen, sind heut­zu­tage Par­tei­füh­re­rInnen an seine Stelle gerückt, die kaum noch Mas­sen­be­geis­te­rung auslösen.

Dies ist sicher kein reines NRW — Phä­nomen. Auch auf Bun­des­ebene werden die Poli­tiker zuneh­mend aus­tauschbar, da sie von den Men­schen oft­mals kaum noch von anderen Polit­ker­kol­legen unter­schieden werden.

“Willy-​Willy-​Rufe” gehören end­gültig der Ver­gan­gen­heit an. Das Fas­zi­nosum eines /​einer großen Politikers/​In besitzt heute nie­mand mehr. Legen­däre Debatten im Bun­destag, wie zu Zeiten eines Weh­ners und eines Strauss, die teil­weise Stras­sen­fe­ger­cha­rackter besassen, kennen viele nur noch aus den Geschichtsbüchern.

Politik als pri­vater anre­gender Gesprächs­stoff mit Freunden beim Bier, der leb­hafte Aus­tausch von Ansichten über die ein­zelnen Par­teien und deren Füh­rungs­per­sön­lich­keiten im Kreis der Familie, ist einer all­ge­meinen Politik– und Poli­ti­ker­ver­dros­sen­heit gewi­chen. Die Men­schen trauen “den Poli­ti­kern” nicht mehr viel zu, schon gar nicht die Lösungen der viel­fäl­tigen Pro­bleme in Deutsch­land und der Welt.

Fast lang­weilig ist es, die Nach­richten über kor­rupte, unehr­liche oder selbst­süch­tige Poli­tiker in den Nach­richten zu hören, es erscheint den Men­schen fast all­täg­lich. Der Berufs­stand des Poli­ti­kers /​der Poli­ti­kerin liegt im Ansehen des Wahl­volkes sehr weit unten auf der Bewertungsskala.

Die poli­tisch Tätigen, die stets und das seit Jahren, über die fort­schrei­tende Poli­tik­ver­dros­sen­heit der Deut­schen schwa­dro­nieren und nach jeder Wahl, die mal wieder einen neuen Tiefst­stand an Wahl­be­tei­li­gung ver­zeich­nete, for­dern, diese Gründe dafür zu ana­ly­sieren, können das Ruder nicht herum reißen.

Wo ist die poli­ti­sche Begeis­te­rungs­fä­hig­keit und Euphorie der Deut­schen geblieben? Man muss 20 Jahre zurück gehen, um dieses kol­lek­tive Phä­nomen doku­men­tieren zu können. Der Fall der Ber­liner Mauer und die Ein­heit Deutsch­lands war das letzte große Moment, wel­ches für viele Men­schen in unserem Land erleb­bare und mit­reis­sende Politik vermittelte.

Aber auch diese Freude über ein deut­sches Jah­rund­ert­er­eignis währte nicht lang. Zu groß waren die Pro­bleme erkennbar, die durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung ent­standen. Ein Helmut Kohl konnte diesen eupho­ri­schen Mas­sen­zu­stand nicht lange kon­ser­vieren. Der poli­ti­sche Alltag, das Welt­ge­schehen und das beglei­tende Par­tei­en­ge­zänk holten ihn schnell in die nüch­terne Rea­lität zurück.

Wahl­volk nicht mehr am demo­kra­ti­schen Mit­wirken interessiert?

Die Men­schen werden zuneh­mend wahl­müde. Zu viele Wahlen in kurzer Rei­hen­folge heisst es wahr­zu­nehmen. Bundestag-​Landtag-​und Kommunal-​wahlen, und das teil­weise in einem Jahr. Dazu noch eine Euro­pa­wahl, man­chesmal auch noch eine dar­über gestülpte Ober­bür­ger­meis­ter­wahl, und das bei kaum nen­nens­werten erkenn­baren Par­tei­un­ter­schieden, lang­weilen die oft frus­trierten Men­schen und treiben sie immer mehr in die mitt­ler­weile große Gruppe der Nichtwähler.

Ich kann doch eh nichts ändern!“…ist ein oft genutztes Argu­ment derer, die nicht wählen gehen.

Oder aber: “Ob ich Partei A oder Partei B wähle — ändern tut sich nix für mich! Am Ende kun­geln die doch sowieso alles unter sich aus!

Dies sind Sätze, die all­ge­mein bekannt sind und die Gemüts­lage vieler Mil­lionen Nicht­wähler beschreiben. In diesen Sätzen schwingt natür­lich Wahr­heit mit. Zu oft bekommen die Wähler das Gefühl ver­mit­telt, das ihre Stimme nur noch Teil einer par­tei­li­chen Ver­hand­lungs­masse ist, um ein­zelnen Par­teien oder ein­zelnen Par­tei­mit­glie­dern Vor­teile in poli­ti­schen Ver­hand­lungen zu verschaffen.

Wei­terhin kommt hinzu, das selbst his­to­risch schlechte Wahl­er­geb­nisse, wie jetzt bei­spiels­weise die Ergeb­nisse in NRW von CDU und SPD, von den jewei­ligen Par­teien regel­recht hoch­ge­redet und zum Anlass für Meinungsführer-​schaft genutzt werden.

Das ver­stehen die Men­schen nicht. Schwarz/​Gelb, wie soeben in NRW, wurde kräftig abge­watscht und abge­wählt. Aber: CDU und FDP sehen sich natür­lich weiter als staats­tra­gende und von den Men­schen gewollte poli­ti­sche Alter-​nativen. Aber auch die SPD, die ihr schlech­testes Ergebnis seit 1945 in NRW ein­fuhr – gleich der CDU – , schwingt sich zum ein­zigen und daher legi­timen Wahl­sieger empor.

Die ein­ma­lige und ver­ge­bene Chance der Linken

Neue Par­teien werden daher gern ange­nommen vom Wahl­volk. Wie die Partei DIE LINKE. Diese Partei, die antrat, anders zu sein als die bisher in Deutsch­land eta­blierten Par­teien, sich abzu­heben von der poli­ti­schen Kaste und somit eine wirk­liche Alter­na­tive darzustellen.

Dies ist ihr Anfangs auch gelungen. Ihr großes Zug­pferd Oskar Lafon­taine, ein wirk­lich rhe­to­ri­sches Talent und ein popu­lis­tisch gewiefter Poli­tiker, hat zu Beginn dieser linken Par­tei­be­we­gung die Massen elek­tri­sieren können. Aber die Links­partei hatte ihre Chance und hat sie, ähnlich der anderen im Bun­destag ver­tre­tenen Par­teien, nicht nutzen können.

Viel zu schnell passte sich diese Partei dem all­ge­mein gül­tigen poli­ti­schen Main­stream an, viel zu sehr emp­fahl sie sich, anstatt poli­tisch, mit ihren inner­par­tei­li­chen Strei­te­reien und Rich­tungs­kämpfen den Bür­ge­rinnen und Bür­gern. Und, was sicher gra­vie­render ist, sie war und ist im Umgang mit eigenen Par­tei­mit­glie­dern, ins­be­son­dere den kri­ti­schen, hoch­gradig unsen­sibel und unge­recht, so dass ihr der Nimbus einer auf­rechten sozia­lis­ti­schen Partei schnell ent­rissen wurde.

Nun wird sie wahr­ge­nommen als ein Club von Chaoten, von Spin­nern und Radi­kal­inskis. Statt sich zu bemühen, aus dieser Ecke her­aus­zu­kommen, sich zu bemühen, ihre poli­ti­schen Anliegen wieder mehr und gezielt in die Öffent­lich­keit zu stellen, geht sie mit diesen despek­tier­li­chen Begriffen “selbst­be­wusst” hau­sieren und bestärkt ihre vielen Kri­tiker von sich aus selbst.

Die Wahr­neh­mung der Linken, ins­be­son­dere der NRW-​Linken ist schlecht. Diese Partei, dieser Lan­des­ver­band, hält dem aber auch wenig entgegen.

Die Süd­deut­sche Zei­tung beschreibt diesen Zustand heute in einem Artikel ausführlich.

Welche Partei soll ich heute noch wählen?

Das fragen sich die Men­schen im Lande zuneh­mend. Zu aus­tauschbar, zu beliebig erscheinen ihnen die Par­tei­pro­gramme. Zu sehr ver­mit­teln die Par­teien, das selbst Grundideale ihrer Politik ver­han­delbar und aus­tauschbar geworden sind. Das poli­ti­sche demo­kra­ti­sche Spek­trum, von links bis rechts, erscheint den Bür­gern­Innen oft­mals wie ein großer bunter Brei, der scheinbar alle poli­ti­schen Wün­sche und Anfor­de­rungen befrie­digen kann.

Klare Kon­turen, ja Abgren­zungen, zwi­schen den ein­zelnen Par­teien verschwim-​men immer mehr. Zu sehr werden macht­po­li­ti­sche Struk­turen und der Erhalt von per­sön­li­chen Ämtern und Posten der poli­ti­schen Klasse wahrgenommen.

Bei­spiel sei die HARTZ-​4-​Gesetzgebung einer SPD. Die Frage, ob dies unter einem Willy Brandt mög­lich gewesen wäre, auch jen­seits aller wirtschafts-​politischen Zwänge, beant­wortet sich fast von allein.

Wei­teres Bei­spiel sei die FDP. Eine libe­rale Partei, die her­vor­ra­gende Poli­tiker und Poli­ti­ke­rinnen her­vor­brachte. Hier seien u.a. Hil­de­gard Hamm-​Brücher und Ger­hart Baum genannt. Sie aber steht heute für mark­tra­di­kalen Kurs, für eine Politik der sozialen Eises­kälte und weniger für Fragen der Men­schen­rechte und anderer sehr sozialer Themen.

Die CDU/​CSU wan­delt sich hin­gegen immer mehr zu einer rechten SPD, wohl aber mit dem Anspruch, das so genannte “rechte Wäh­ler­spek­trum” abzu­de­cken, was an sich unlo­gisch und schwer ver­mit­telbar ist. Irgendwie ähneln sie sich alle und auch wieder nicht. Je nach poli­ti­scher Lage und The­matik und anste­hender Wahltermine.

Und auch bei den GRÜNEN ist die anfäng­liche Auf­bruch­stim­mung in eine gefäl­lige Politik umge­schwenkt. Sie kann heute mit allen demo­kra­ti­schen Par­teien koalieren und damit ihre Grün­dungs­väter– und Mütter in eine ver­mut­liche Rage ver­setzen. Aber sie wird als poli­ti­sches Kor­rektiv noch gebraucht.

Fehlen uns poli­ti­sche Leitfiguren?

So falsch es ist, seine Über­zeu­gungen und poli­ti­schen Ideale an und in eine ein­zige Person zu pro­je­zieren, so richtig kann es aber sein, dafür (für sich per­sön­lich) eine glaub­wür­dige, über­zeu­gende Per­sön­lich­keit gefunden zu haben. Par­teien bestehen nun mal aus vielen Men­schen und aus wei­teren Men­schen, die diese Par­teien anführen.

Sie sind dann oft die Ver­kör­pe­rung dieser jewei­ligen Partei, oder aber zumin­dest DAS Gesicht dieser Partei. An ihnen kann man sich reiben, kann sich hinter sie stellen, kann sie ver­dammen oder fast hei­lig­spre­chen, je nach per­sön­li­cher Aus­le­gung. Alles ist aber falsch, obgleich mas­sen­psy­cho­lo­gisch erklärbar. Denn diese “Gesichter einer Partei” sind viel­fäl­tigen Zwängen, wie bei­spiels­weise Par­tei­tags­be­schlüssen oder Mit­glie­der­be­fra­gungen, unter­worfen und voll­führen oft­mals nur einen Eier­tanz zum Wohle ihrer eigenen Partei.

Sie dienen einzig und allein dem Ziel, mög­lichst viele Stimmen für ihre Par­teien ein­zu­fahren. Schei­tern sie an diesem Ziel, schei­tern sie meisst auch an ihrer wei­teren Kar­riere. Und den­noch werden solche Leit­fi­guren benötigt.

Im besten Fall reprä­sen­tieren sie die Ziele und Ideale ihrer jewei­ligen Partei, im schlech­testen Falle sind sie die Ver­ant­wort­li­chen für Miss­er­folge und ver­fehlte Politik und müssen ihren sprich­wört­li­chen Hut nehmen. Heute sind diese gemachten Ikonen der Par­teien eine mitt­ler­weile aus­ster­bende Spezies.

Mit Oskar Lafon­taine ver­lässt an diesem Wochen­ende einer der letzten seiner Gat­tung die poli­ti­sche Bühne. Sein Abgang ist der Anfang eines schmerz­li­chen Pro­zesses für die Links­partei hin zu einer Partei, die ohne Leit­wolf die Men­schen in Deutsch­land errei­chen will und muss.

Einen poli­ti­schen Dino­sau­rier wie Lafon­taine ersetzen zu wollen, oder ohne ihn das poli­ti­sche Laufen weiter zu erlernen, wird schwer werden für die Genossen und Genos­sinnen dieser Partei. Zu übergroß ist sein Schatten, der auf dieser relativ jungen Partei liegt.

Am Ende ist er, wie sei­ner­zeit Ade­nauer, Brandt, Schmidt oder Kohl, ein fest zemen­tierter Fix­stern in der Geschichte der Partei. Ein Fix­stern, der dann zum Leuchten gebracht wird, wenn man ihn zur Ori­en­tie­rung braucht, an dem aber sonst die Kara­wane der Partei unbarm­herzig weiter zieht.

Quelle: Demokratisch-​Links

Die Ver­öf­fent­li­chung wurde von “Demokratisch-​Links” geneh­migt. Danke, Detlef Obens !

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gelesen: 154 · heute: 3 · zuletzt: 13. Mai 2012

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