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Flattr: Geschenkökonomie, Elendsklicks oder doch bloß einfache Abzocke?

Freitag, 11. Juni 2010-17:02 -|- Eingestellt von: |

FlattrVon Benni Bär­mann | Keim­form | — Seit der re:publica hat es einen neuen Hype in der deut­schen Blog­land­schaft: Flattr. Von der tages­zei­tung über die digi­tale Boheme bis zum pre­ka­ri­sierten Elends­blogger sind sich alle einig: Das ist was ganz tolles.

End­lich wan­delt jemand unseren Schweiß und unsere Mühen in echtes Geld um! Selbst alte Hau­degen der Hacker­szene wissen auf einmal: “Kos­ten­lo­skultur, my ass! Ich habe daran nie geglaubt”. End­lich mate­ria­li­siert sich die Geschenk-​ökonomie in einer Weise, dass sie die Miete bezahlt. Oder wenigs­tens ist es ein Weg ein paar Cents zusammen zu kratzen. Haben wir nicht alle genau darauf gewartet?

Doch der Reihe nach. Worum geht es über­haupt? Flattr ist eine Art frei­wil­lige Kul­tur­flat­rate. Man zahlt einen monat­li­chen Bei­trag von min­des­tens 2 Euro und darf dafür neben den eigenen Con­tent einen Flattr-​Button machen. Wenn man als Teil­nehmer auf einen sol­chen Button klickt, wird ein Teil des eigenen monat­li­chen Obolus am Ende des Monats an den But­ton­setzer geschickt. So weit so simpel.

Ähnliche Sys­teme gab es schon einige, die bisher alle wieder ein­ge­gangen sind man­gels Betei­li­gung. Flattr ist also nicht beson­ders ori­gi­nell. Wie erklärt sich dann der aktu­elle Hype?

Zum einen sicher­lich zu einem Gut-​Teil aus der Person des Grün­ders, der ist näm­lich auch Mit­gründer des Filesharing-​Portals Pira­teBay gewesen und hat daher einen gewissen Ruf des Rebellen und Non­kon­for­misten in der Netz­welt. Wenn der Lieb­lings­feind der Con­tent­in­dus­trie ein Bezahl­system erfindet, muss es ja was gutes sein? Leider ist dem nicht so.

Flattr hat im Kern eine viel­leicht gar nicht so blöde Idee. Aus der Tat­sache, dass man auf lange Sicht im Web keine Ware­n­öko­nomie betreiben kann (oder zumin-​dest nur durch mas­sive Repres­sion), ver­sucht man es halt mal mit Spenden. Das Spenden wird dabei deut­lich vereinfacht.

Wenn man sich einmal ange­meldet hat, ist es wirk­lich mit einem Maus­klick getan. Man kann dann zwar nicht mehr im ein­zelnen sagen, wie viel man spenden möchte, aber das nehmen viele gerne in Kauf für die Ein­fach­heit des Systems.

Class­less Kulla kri­ti­siert das Ganze als Teil des Waren­tauschs (macht dann aber nach­voll­zieh­barer Weise trotzdem mit, weil er ja auch am Waren­tausch teil­nehmen muss). Er irrt da meiner Mei­nung nach: Nicht überall wo Geld fließt findet auch Waren­tausch statt. Es wird ja keine Gegen­leis­tung ver­langt. Tat­säch­lich werden ja Geschenke verteilt.

Daraus zieht umge­kehrt Michael See­mann den Schluss, es han­dele sich um eine klas­si­sche Geschen­köko­nomie. Das finden nun wieder andere befremd­lich. Ich würde zumin­dest mal anmerken, dass es dann eine Geschen­köko­nomie ohne Seele ist. Nach dem Motto jeder schenkt jedem 100 Euro unterm Weihnachtsbaum.

Schließ­lich wird in der Dis­kus­sion immer wieder die Aner­ken­nung betont, die man mit­tels Flattr ver­teilen kann. Bei­spiel­haft sei hier Tim Prit­love zitiert, der schreibt:

“Die dort abge­bil­dete Zahl sagt letzt­lich näm­lich viel mehr aus, als die unver­bind­li­chen “I like” Knöp­chen von Face­book, denn hier sind sie mit Ver­bind­lich­keit gepaart. People put their money where their mouth is. Man bezieht Stel­lung und fühlt sich dann auch selbst besser.”

Ver­bind­lich­keit ist nur da wo Geld ist. Haben wir ein Glück dass die Mil­lionen von Peer-​Produzenten, die das Internet am Laufen halten, davon nichts wissen. Als sei Aner­ken­nung das Pro­blem im Internet. An Aner­ken­nung man­gelt es doch nicht!

Jede Ver­lin­kung, jeder Kom­mentar, ja selbst das Facebook-​Like ist tau­send mal mehr Aner­ken­nung als ein Flattr-​Klick. Aber nein, das zählt ja nicht, weil es nicht “echt” ist, nicht mit “echtem Geld” ver­knüpft. Da zeigt sich dann end­gültig die wert­för­mige Per­ver­tie­rung der angeb­li­chen Geschenkökonomie.

In der ganzen Dis­kus­sion um die Prin­zi­pien geht dabei ein kleines aber feines Detail ver­loren. Anschei­nend liest nie­mand das Klein­ge­druckte oder warum auch immer es fast nie the­ma­ti­siert wird, dass Flattr 10% der Spenden einbehält.

Naja, könnte man sagen, was sind schon 10%? Viel­leicht wird die Unverschämt-​heit dieses Ansin­nens deut­lich, wenn man es mal so erzählt: Das bedeutet näm­lich nichts anderes, als das quasi jeder 10. Spender in die Kasse von Flattr spendet und nicht an die armen hun­gernden Blogger.

Und noch einer der 10 spendet dann wohl zu Paypal, die kriegen näm­lich auch noch ihren Anteil. Die Banken wehren sich mit Händen und Füßen noch gegen die kleinste Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer von 0,1% und die Blogger legen sich selbst eine von 10% auf.

Sicher auch ein System wie Flattr ver­ur­sacht Kosten. Aber wenn das auch nur halb­wegs erfolg­reich ist (und danach sieht es ja zur Zeit aus), ist das in seiner jet­zigen Form nichts anderes als eine Geld­druck­ma­schine auf Kosten von Blog-​gern die ihre Mone­ta­ri­sie­rungs­ver­zweif­lung anschei­nend nicht zügeln können.

Warum muss das über­haupt pro­zen­tual sein? Schließ­lich steigen die Kosten ja auch nicht linear mit den Nut­zern an. Die Flattr-​Einnahmen sollen es aber wohl.

Und wenn man das schon pro­zen­tual gestaltet, warum nimmt man dann von den Spen­dern und nicht von den Emp­fän­gern? Das würde wenigs­tens einen mini­malen Umver­tei­lungs­ef­fekt beinhalten.

So ist das alles nur ein großer Nepp. Wir können nochmal reden, wenn Flattr sich selbst mit­tels Flatt­rbut­tons finanziert.

Dazu kommt dann noch die klas­si­sche Walled-​Garden-​Problematik von zen­tralen closed source Ser­vices. Wenn Flattr sich einmal durch­ge­setzt hat, wird es schwer Alter­na­tive Sys­teme (wie z.B. Open­Flattr) zu etablieren.

Schließ­lich kommt man dann ja nicht mehr an die Klick­fleisch­töpfe der Mil­lionen von Flat­te­rern ran. Und jeder, der jetzt denkt “Na gut, ich pro­biers mal aus, schadet ja nix” ist Teil genau dieses Mecha­nismus und wird sich am Schluss ärgern, dass er mit seinen gut gemeinten Geschenken für not­lei­dende Blogger vor allem Flattr finanziert.

Des­wegen: Finger weg von Flattr!

Quelle: Keim­form

Bild: Wiki­pedia Lizenz: Gemein­frei (Public Domain)

Anmer­kung Mein Poli­tik­blog: Liebe Leser – nun wisst Ihr auch, warum es auf meinem Blog keinen Flattr-​Button gibt. Und es wird ihn auch zukünftig nicht geben.

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Kategorie » Gesellschaft/Soziales, Internet/Computer « | Tags » , , , , , , «

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gelesen: 311 · heute: 3 · zuletzt: 14. Mai 2012

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2 Kommentare

  1. 1

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    Susanne Heinz 11.06.2010 um 11:22 Uhr

    … Anmer­kung: hier sollten doch mehr das pro und contra her­aus­ge­stellt werden und nicht nur mit diesem einen Artikel hier — Contra– Flattr als gene­relle schlechte Geschäfts­idee inzu­stellen, die nur "Abzo­cken" wollen. Ansonsten sieht das hier so aus als möchte man nur einen Hype auf­nehmen und sonst nichts. Ist doch arg popu­lis­tisch.
    Was die Schluss­be­mer­kung betrifft: "Liebe Leser – nun wisst Ihr auch, warum es auf meinem Blog keinen Flattr-​Button gibt. Und es wird ihn auch zukünftig nicht geben." Ist das doch ein sehr schwa­ches Argu­ment. Oder soll hier mit "Fremden Inhalten" Geld ver­dient werden?

  2. 2

    Kommentar ohne Gravatar

    Julie 11.06.2010 um 12:03 Uhr

    Hallo Susanne,
    sorry — ich wollte schon längst ant­worten, habe es aber ver­gessen. Ja, meine Schluss­be­mer­kung ist tat­säch­lich sehr ungünstig und miss­ver­ständ­lich for­mu­liert. Artikel von anderen Autoren betrifft das selbst­ver­ständ­lich nicht. Es ging mir all­ge­mein um das Thema Kom­mer­zia­li­sie­rung und darum, dass Flattr sich 'ne gol­dene Nase verdient.

    Viel­leicht ist Dir auf­ge­fallen, dass mein Blog kei­nerlei Wer­bung schaltet. Auch das gehört für mich zu diesem Thema. Ich möchte mit meinem Blog kein Geld ver­dienen und mir meine Idea­lismus bewahren.

    Lies mal hier bei epikur. Er denkt genau so wie ich.

    http://​www​.zeit​geistlos​.de/​z​g​b​l​o​g​/​2​0​1​0​/​b​e​z​a​h​l​s​y​s​t​e​m​-​f​l​a​t​t​r​-​e​i​n​e​-​k​r​i​t​ik/