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Die Macht in Europa

Mittwoch, 16. Juni 2010-17:00 -|- Eingestellt von: |

Von German For­eign Policy | — PARIS/​BERLIN (Eigener Bericht) — Mit hef­tigem Pro­test kom­men­tieren fran­zö­si­sche Medien die Nie­der­lage der Pariser Regie­rung im Kampf um das Ber­liner Eurozonen-​Spardiktat.

Die deut­sche Kanz­lerin habe dem Staats­prä­si­denten Frank­reichs ihre Aus­te­ri­täts­po­litik (Anm. d. Red.: Ver­lin­kung zu Wiki von Mein Poli​tik​blog​.de) auf­ge­zwungen, heißt es nach dem Zusam­men­treffen der beiden Spit­zen­po­li­tiker vom Montag in der fran­zö­si­schen Presse.

Nach der Ankün­di­gung des mil­li­ar­den­schweren Ber­liner Kür­zungs­pro­gramms letzte Woche habe Paris eigene Spar­maß­nahmen trotz hef­tigen Wider­stre­bens nicht mehr ver­meiden können. Angela Merkel wolle "die Macht in Europa" und ris­kiere dabei, den Kon­ti­nent mit ihrer Aus­te­ri­täts­po­litik noch tiefer in die Krise zu stürzen, urteilen fran­zö­si­sche Kri­tiker. Am mor­gigen Don­nerstag steht der fran­zö­si­schen Wirt­schaft ein wei­terer schwerer Rück­schlag bevor.

In Groß­bri­tan­nien wird die Über­nahme des Bahn­kon­zerns Arriva durch die Deut­sche Bahn AG for­mell gebil­ligt werden. Die Deut­sche Bahn ver­grö­ßert damit ihren Vor­sprung vor der fran­zö­si­schen SNCF im Kampf um die Spit­zen­po­si­tion im euro­päi­schen Schie­nen­ver­kehr — einer stra­te­gisch wich­tigen Mil­li­ar­den­branche. Der SNCF-​Chef warnt vor einer umfas­senden Kon­trolle des euro­päi­schen Eisen-​bahnsystems durch den deut­schen Konzern.

Fran­zö­si­sche Niederlage

Die fran­zö­si­sche Regie­rung hat zu Wochen­be­ginn eine schwere Nie­der­lage im Kampf gegen das Ber­liner Spar­diktat für die Euro­zone erlitten. Nach wochen-​langem starken Druck aus Deutsch­land hat der Staats­prä­si­dent Frank­reichs bei einem Treffen mit Kanz­lerin Merkel ein­ge­wil­ligt, Ver­stöße gegen den Euro-​Stabilitätspakt künftig hart zu ahnden — gege­be­nen­falls sogar mit dem Entzug von Stimm­rechten in der EU, also mit der Ent­mach­tung wider­spens­tiger Staaten.[1] Auf diese Weise wird das deut­sche Spar­diktat in der Euro­zone zemen­tiert und der Wider­stand Frank­reichs sowie anderer süd­eu­ro­päi­scher Staaten gebrochen.

Paris hält die Politik Ber­lins für falsch, die vor­wie­gend darauf zielt, mit drako-​nischen Kür­zungen bei Real­löhnen und Sozi­al­leis­tungen die Indus­trie­pro­duk­tion zu ver­bil­ligen, um in der glo­balen Wirt­schafts­kon­kur­renz einen Spit­zen­platz zu erkämpfen.

Auf diese Weise würge die Bun­des­re­gie­rung jeg­liche Inlands­nach­frage ab und gefährde den Auf­schwung, ist die Mei­nung maß­geb­li­cher Experten in Frank­reich. Nachdem Berlin letzte Woche ohne Absprache mit anderen EU-​Staaten ein dra­ko­ni­sches Spar­paket ange­kün­digt hat, hat Paris, das seither von den Finanz­märkten immer stärker unter Druck gesetzt wird, keine Wahl mehr — und musste zu Wochen­be­ginn ein eigenes Aus­te­ri­täts­pro­gramm bekanntgeben.

Schluss mit dem Euro

In der fran­zö­si­schen Presse sind nun laute Pro­teste gegen Berlin zu lesen. Kanz­lerin Merkel habe Paris nach der Ver­kün­dung des deut­schen Sparpro-​gramms ganz offen gedroht:

"Wenn ihr nicht in den kom­menden Wochen das­selbe macht, ist Schluss mit unserer Teil­nahme an der Euro-​Zone",

berichtet die Tages­zei­tung Le Figaro.[2]

Ein Kom­men­tator nennt die deut­sche Dro­hung eine Art "Emser Depe­sche der Kanz­lerin an Sarkozy" — mit der "Emser Depe­sche" pro­vo­zierte Bis­marck 1870 die fran­zö­si­sche Kriegs­er­klä­rung an das Deut­sche Reich — und titelt: "Angela Merkel 'über alles'".[3]

Tro­cke­nere Ein­schät­zungen lauten: "Sar­kozy gibt Merkel nach", "Berlin zwingt Paris seine Ansicht auf".[4]

Die Bevöl­ke­rung Frank­reichs wird die von Deutsch­land erzwun­genen Maßnah-​men bald zu spüren bekommen: Die Zahl der Staats­be­diens­teten wird laut dem Pariser Spar­pro­gramm ver­rin­gert, die Mit­tel­zu­wei­sungen an die Kom­munen werden dras­tisch gekürzt.

Deut­scher Durchmarsch

Dass der deut­sche Durch­marsch in der EU sich nicht auf die makro­öko­no­mi­sche Ebene beschränkt, son­dern sich auch auf Kon­zern­ebene voll­zieht, zeigt exem­pla­risch die jüngste Ent­wick­lung auf dem Eisen­bahn­sektor. Am mor­gigen Don­nerstag wird die Über­nahme des bri­ti­schen Bahn­un­ter­neh­mens Arriva durch die Deut­sche Bahn AG for­mell gebil­ligt werden.

Die Deut­sche Bahn über­nimmt ihren bri­ti­schen Kon­kur­renten für 2,7 Mil­li­arden Euro und baut damit ihre Markt­po­si­tion ins­be­son­dere in Groß­bri­tan­nien, aber auch in wei­teren euro­päi­schen Staaten aus. Arriva ist in mehr als zehn Staaten der EU prä­sent und erzielte im Jahr 2009 einen Umsatz von über 3,1 Mil­li­arden Pfund.

Zudem will die Deut­sche Bahn AG in einem Geschäfts­feld expan­dieren, das nach Ein­schät­zung von Fach­leuten beson­ders attrak­tive Gewinne ver­spricht: Trans­na­tio­nale Bahn­ver­bin­dungen wie bei­spiels­weise die Zug­stre­cken aus Paris über Bel­gien nach Deutsch­land (Thalys) oder aus Deutsch­land über Bel­gien und Frank­reich nach Groß­bri­tan­nien (Eurostar).

Die Fahrt durch den Kanal­tunnel nach London ist der Deut­schen Bahn bis­lang noch ver­wehrt, da ihre Züge den dort gül­tigen Sicher­heits­vor­schriften nicht ent­spre­chen; der bis heute staats­kon­trol­lierte Kon­zern bemüht sich des­halb seit geraumer Zeit trotz hart­nä­ckiger Pro­teste um die Redu­zie­rung dieser Bestim­mungen (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [5]).

Vor­sprung gegen­über Frankreich

Gelänge der Deut­schen Bahn der Ein­stieg in die Zug­strecke nach London — die Aus­sichten gelten als nicht schlecht -, dann geschähe dies auf Kosten der fran­zö­si­schen Staats­bahn SNCF, die bisher als Eurostar-​Mehrheitseignerin die Fahrten durch den Kanal­tunnel kon­trol­liert. Schon im Falle der Arriva-​Übernahme hat die Deut­sche Bahn ihrer fran­zö­si­schen Kon­kur­rentin eine ernste Nie­der­lage zugefügt:

Auch die SNCF hatte sich — ver­geb­lich — um den Kauf des bri­ti­schen Bahn­un­ter­neh­mens bemüht. Die Deut­sche Bahn AG baut mit ihren Akti­vi­täten ihren Vor­sprung vor der SNCF aus, der schon jetzt deut­lich aus­ge­prägt ist. So ver­zeich­nete sie 2009 einen Kon­zern­um­satz von bei­nahe 30 Mil­li­arden Euro, wäh­rend die SNCF sich mit knapp 25 Mil­li­arden Euro zufrieden geben musste.

All­macht

Die zuneh­mende deut­sche Domi­nanz auf dem euro­päi­schen Eisen­bahn­sektor führt zu wach­sender Unruhe in den Nach­bar­staaten. Erst kürz­lich hat der Chef der pol­ni­schen Staats­bahn PKP vor einer Über­macht der DB AG gewarnt. Dieser War­nung schließt sich jetzt SNCF-​Chef Guil­laume Pepy an.

"Die EU-​Kommission sollte genau hin­sehen, was die Expan­sion der DB für den Wett­be­werb in Europa bedeutet", sagt Pepy und ver­langt, der deut­sche Kon­zern müsse sich nach dem Arriva-​Kauf von Fir­men­teilen in meh­reren Län­dern trennen. "Es wäre schlecht", urteilt der SNCF-​Chef, "wenn die Staats­mo­no­pole durch die All­macht von einem Mega-​Unternehmen abge­löst würden".[6]

Unauf­haltsam

Wie die zuneh­mende Domi­nanz der Deut­schen Bahn AG auf dem Eisenbahn-​sektor den deut­schen Vor­sprung gegen­über Frank­reich auf der Ebene eines Ein­zel­kon­zerns zeigt, so steht die Nie­der­lage Frank­reichs im Kampf gegen das deut­sche Spar­diktat exem­pla­risch für die Pariser Rück­schläge im Abwehr­kampf gegen die Hege­mo­ni­al­macht Deutsch­land auf gesamt­wirt­schaft­li­cher Ebene.[7]

Der deut­sche Durch­marsch scheint gegen­wärtig unaufhaltsam.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] s. dazu Keine Denk­ver­bote!
[2], [3] Angela Merkel "über alles"; Le Figaro 15.06.2010
[4] Ber­liner Kom­pro­miss irri­tiert die Fran­zosen; www​.ftd​.de 15.06.2010
[5] s. dazu Sparen für die Expan­sion
[6] Kon­kur­renz auf Schienen: Fran­zosen fürchten deut­sches Bahn-​Diktat; Finan­cial Times Deutsch­land 09.06.2010
[7] s. auch Die Frage der Führung

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Kategorie » Deutschland, EU/Brüssel, Politik/Wirtschaft « | Tags » , , , , , , , , , «

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gelesen: 277 · heute: 4 · zuletzt: 14. Mai 2012

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