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Elitenförderung statt Bildungsrepublik

Samstag, 26. Juni 2010-11:35 -|- Eingestellt von: |

Von Markus Weber | Guar­dian of the Blind | — Freitag letzter Woche hat der Bun­destag einige Ände­rungen am Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz (BAföG) und die Ein­füh­rung eines neuen Sti­pen­di­en­mo­dells beschlossen.

Nicht nur bei der Oppo­si­tion, auch bei den meisten bil­dungs­po­li­ti­schen Akteuren stoßen diese Maß­nahmen jedoch min­des­tens auf starke Skepsis, bis hin zu klarer Ableh­nung – und dies selbst bei bspw. Sti­pen­di­an­ten­guppen. Das deut– sche Bil­dungs­system braucht in Wahr­heit ganz andere Ver­än­de­rungen als die von Union und FDP beschlossenen.

BAföG-​Erhöhung: nicht einmal die Infla­tion ausgeglichen

Ab 1. Oktober sollen die BAföG-​Sätze um 2%, die Eltern­frei­be­träge um 3% stei– gen. Außerdem erfolgen eine Ver­schie­bung der Alters­höchst­grenze von 30 auf 35 Jahre und ein paar andere Ände­rungen (die durchaus zu begrüßen sind).

Laut Bil­dungs­mi­nis­terin Schavan sollen so zukünftig 50.000 bis 60.000 mehr Stu­die­rende BAföG erhalten. Der Höchst­satz steigt auf 670 Euro (ein­schließ­lich Kran­ken­ver­si­che­rungs­zu­schuss). Dies wird ins­ge­samt im Durch­schnitt 13 Euro im Monat mehr pro BAföG-​Empfänger bedeuten.

Nun ist es immer recht populär, Sätze wie “solche Beträge bewirken ja gar nichts!” zu gebrau­chen. Gerne wird dies natür­lich von denen getan, denen 13 Euro pro Monat in der Tat egal sein können – kommt man aber gerade so über die Runden, sind 13 Euro mehr im Monat nun einmal 13 Euro mehr. Und natür– lich bedeutet der Gesamt­be­trag durchaus einen Fort­schritt, wie klein er auch sein mag, und ins­ge­samt sind auch posi­tive wirt­schaft­liche Aspekte wie die Stei­ge­rung der Bin­nenach­frage (da der Groß­teil direkt wieder in den Konsum gehen wird) zu erwarten.

Alles gut also? Durchaus nicht. Die BAföG-​Erhöhungen erfolgten bisher in einem so nied­rigen Bereich, dass die deut­schen Stu­denten in den letzten Jahren in Wahr­heit immer weniger Kauf­kraft besaßen (vgl. auch den BAföG-​Bericht der Bun­des­re­gie­rung, z.B. S. 44) – und diesmal ist es nicht anders, denn man muss die Erhö­hung natür­lich im Rahmen der Infla­tion sehen. Tut man dies, merkt man, dass sich die angeb­liche Erhö­hung schnell als Täu­schung entpuppt.

Schon bei der letzten, längst über­fäl­ligen Stei­ge­rung des BAföGs 2008 (davor 2001!) wurde noch nicht einmal die Infla­tion aus­ge­gli­chen – und es hatte durch die “kalte Pro­gres­sion” auch noch ein zuneh­mender Anteil von Stu­die­renden den BAföG-​Anspruch ver­loren (siehe DIW). Auch die jetzt geplante Erhö­hung kann nicht einmal mit der Infla­ti­ons­rate mit­halten . Real gab es also sogar eine Sen­kung der BAföG-​Beträge – nur jetzt wieder etwas weniger stark.

Die GEW hält eine Erhö­hung der Bedarfs­sätze und Frei­be­träge um zehn Pro­zent für not­wendig, um gestie­gene Lebens­hal­tungs­kosten aus­zu­glei­chen und den Anteil der BAföG-​Empfänger zu stei­gern. Dass die tat­säch­liche Erhö­hung aber deut­lich nied­riger aus­fällt kann aber nur bedeuten, dass die Bun­des­re­gie­rung dieses Ziel nicht teilt.

Dies zeigt wieder einmal, dass eine Kopp­lung des BAföGs an die Preis­steige– rung (Ver­brau­cher­preise) unbe­dingt not­wendig wäre. Zudem ver­harren die Bil­dungs­aus­gaben ins­ge­samt immer noch auf einem inter­na­tional sehr niedri– gem Niveau. Zu Recht mahnt etwa die OECD immer wieder an, dass Deutsch– land seine Mittel für diesen Bereich drin­gend dras­tisch erhöhen müsse, allein schon, um den Anteil der Abitu­ri­enten und Stu­denten auf das durch­schnitt­liche Niveau der Indus­trie­staaten zu heben.

Sti­pen­dien für Reiche statt Bil­dung für alle?

Außerdem wurde letzten Freitag die Ein­füh­rung eines natio­nalen Sti­pen­diensys– tems beschlossen. Bis zu 160.000 der “leis­tungs­stärksten Stu­denten” sollen dabei geför­dert werden. So will die Bun­des­re­gie­rung eine Erhö­hung der Zahl der Stu­die­renden mit Sti­pen­dien um 8% (von 2% auf 10%) errei­chen. Beson– ders diese Maß­nahme ist heftig umstritten.

Denn die Sti­pen­dien sollen ein­kom­mens­un­ab­ängig ver­geben werden – auch Kinder von Mil­lio­nären oder Mil­li­ar­dären werden also künftig von der Gesell– schaft 300 Euro monat­lich erhalten. Nicht umsonst stehen solche Pro­gramme bei Bil­dungs­wis­sen­schaftler in keinem guten Ruf. Sie schaffen die soziale Selek­ti­vität des deut­schen Hoch­schul­sys­tems nicht ab, nein, sie ver­stärken sie sogar eher. Das Geld der Steu­er­zahler wird wenig sinn­voll ver­wendet und kommt nicht dort an, wo es den meisten Nutzen stiften könnte.

Eine der­ar­tige “Eli­ten­för­de­rung” ist außerdem nicht das, was Deutsch­land brauche – breite Bil­dungs­chancen für alle, eine deut­lich höhere Aka­de­miker– quote sind viel­mehr not­wendig. In keinem anderen OECD-​Land hängt der Bil­dungs­er­folg derart stark vom sozialen Hin­ter­grund des Eltern­hauses ab. 

Das sozial äußerst selek­tive deut­sche Schul­system führt dazu, dass kaum Kin– der aus Arbei­ter­fa­mi­lien die Uni­ver­sität besu­chen. Wer erfolg­reich aus diesem Schul­system her­vor­geht und damit für ein Sti­pen­dium in Frage kommt, stammt meist aus gesell­schaft­li­chen Schichten, die keine wei­tere finan­zi­elle För­de­rung mehr benötigen.

Wir brau­chen nicht mehr Elite-​Studenten und nicht grö­ßere Unter­schiede der Qua­li­fi­ka­tionen, wir brau­chen mehr Stu­die­rende, und dabei vor allem mehr aus sozial weniger pri­vi­le­gierten Schichten. Diese müssen viel stärker als bisher geför­dert werden, will Deutsch­land nicht end­gültig im Bil­dungs­be­reich zur Zwei-​Klassen-​Gesellschaft werden.

Selbst Bun­des­bil­dungs­mi­nis­terin Schavan gesteht zu, dass der Anteil von Stu– denten aus ein­kom­mens­schwa­chen Fami­lien zu gering sei. Mit diesem Stipen– diensystem wird dies jedoch kaum ver­än­dert werden. Die herr­schenden gesell­schaft­li­chen Schichten, die sich gerne als Elite betrachten, bleiben unter sich und nehmen die 300 Euro mehr pro Monat auch gerne noch an – benö­tigt würde das Geld an ganz anderen Stellen.

Selbst bei Stipendianten-​Gruppen stößt dieses Modell auf mas­sive Kritik und führte gar zu Demons­tra­tionen vor dem Bun­destag. Das Geld wäre besser für eine wei­tere BAföG-​Erhöhung ver­wendet worden, hieß es von dieser Seie, da es dort auch bei den Stu­denten, die es wirk­lich brau­chen, ankäme.

Bil­dung: staat­liche Auf­gabe oder durch der Pri­vat­un­ter­nehmen Gnaden?

Die Sti­pen­dien sollen zudem zwar von den Hoch­schulen ver­geben, aber zu glei­chen Teilen mit öffent­li­chen und pri­vaten Mit­teln finan­ziert werden. Die Haupt­last der Aus­gaben werden aber frei­lich die Uni­ver­si­täten tragen, wenn man die Ver­wal­tungs­aus­gaben mit ein­be­zieht. Zudem wird befürchtet, dass so gerade klei­nere und mit­tel­große Uni­ver­si­täten Nach­teile haben werden, die sich kaum extra Per­sonal leisten können.

Das Haupt­pro­blem ist aber, dass dadurch die Pri­vat­wirt­schaft noch mehr Ein– fluss auf die Uni­ver­si­täten, auch auf Lehr­per­sonal und –inhalte ,haben wird, als sie jetzt schon besitzt. Die Ver­wer­tungs­as­pekte werden noch mehr in den Vor­der­grund rücken, Bil­dung wird noch mehr zur Ware werden.

Vor allem werden natür­lich solche Fächer geför­dert werden, die unmit­telbar den Gewinn­in­ter­essen pri­vater Kon­zerne zu Gute kommen. Die Uni­ver­si­täten wer– den sich weiter der Pri­vat­wirt­schaft anbie­dern, der Erwerb kri­ti­schen Wis­sens wird erschwert werden und soziale Fragen werden in den Hin­ter­grund gedrängt.

Man wird überall bedacht sein, nicht allzu kri­tisch mit den milden Gön­nern umzu– gehen – und vor allem die Domi­nanz des Kapi­tals und die herr­schende Gesell– schaft nicht in Frage zu stellen. Man beißt schließ­lich nicht die Hand, die einen füttert.

Dem von einem Pri­vat­un­ter­nehmen geför­derten Stu­die­renden wird die Ant­wort auf die Frage nicht schwer fallen, ob er eine unab­hän­gige Wis­sen­schaft oder das Geschäft seines Mäzen betreibt. Das Hum­boldt­sche Bil­dungs­ideal erscheint ihm so nur noch als bemitt­lei­dens­werte Anek­dote aus frü­heren Tagen.

Schon die Umstel­lung auf Bachelor/​Master war ein Aus­druck der gesell­schaft– lichen Domi­nanz neo­li­be­raler und neo­kon­ser­va­tiver Gruppen. Mit dieser Maß– nahme will die Bun­des­re­gie­rung und der Frei­heit von For­schung und Lehre nun offenbar den Todes­stoß versetzen.

Ver­ant­wor­tungs­loser Bun­desrat – Sparen an der fal­schen Stelle

Im Bun­desrat stehen die beschlos­senen Gesetze der­weil unter starkem Finan– zie­rungs­vor­be­halt und sind daher heftig umstritten. Man befürchtet, allein für die BAföG-​Erhöhung 530 Mil­lionen Euro bezahlen zu müssen. Der Finanzaus– schusses des Bun­des­rats hat nun beschossen, den Ver­mitt­lungs­aus­schuss anzurufen.

Hier zeigen sich die Defi­zite des fatalen deut­schen Bil­dungs­fö­de­ra­lismus. Die Bil­dungs­aus­gaben werden hier zum Spiel­ball des Gescha­chers von kar­rie­rever– ses­senen Macht­po­li­ti­kern. Vor allem die Unions-​Ministerpräsidenten, allen voran Koch, wollen den von welt­weit füh­renden Ökonomen scharf kri­ti­sierten Spar­kurs Deutsch­lands selbst noch auf dem Gebiet fahren, wo er am meisten Schaden anrichten kann – bei der Bil­dung. Ein sol­ches Ver­halten ist selten ver­antwor– tungslos.

Der Vorschlag,vorerst die Stipendien-​Programm auf Eis zu legen (diese sind wohl auch der – durchaus nach­zu­voll­zie­hende – Grund, wes­halb sich auch bei der SPD eine Ableh­nung abzeichnet), wäre dabei durchaus eher zu ver­schmer– zen. Die Kopp­lung beider Maß­nahmen durch die Bun­des­re­gie­rung mag zwar tak­tisch geschickt sein, doch wäre es auch kein gutes Zei­chen, auf eine BAföG-​Erhöhung ver­zichten zu müssen, weil sie auf ihren Eli­ten­för­de­rungs­wün­schen beharrt.

Zudem wird die Union unter ihrer Anhän­ger­schaft durch diese wohl auch wenig an Zustim­mung erwarten können – nicht mehr Geld für Bil­dung bereit stellen zu wollen, kommt jedoch in allen Lagern wenig an.

Die Bil­dungs­po­litik von Schwarz-​Gelb: Ein paar Nebel­kerzen und viel Dog– matismus

Die beschlos­senen Maß­nahmen lassen das Gerede der Bun­des­kanz­lerin von der Bil­dungs­re­pu­blik wieder einmal als bloße Show und bil­liges Blend­werk erschei– nen, mit dem man sich ein paar nette Schlag­zeilen in der Haus– und Hof­presse ver­schaffen kann, ohne viel dafür tun zu müssen. Das Thema ist sowieso schnell aus der Auf­merk­sam­keits­spanne der Medien ver­schwunden, und selbst eine BAföG-​Erhöhung unter­halb der Infla­ti­ons­rate wird von den Jubel­per­sern der Bun­des­re­gie­rung als Erfolg dieser verkauft.

Am Ende bleiben nur Phrasen wie “Bil­dung ist unsere Zukunft” oder “Wir haben doch nichts außer der Bildung” – und sie ver­hallen schnell in über­füllten Hör– sälen und zer­brö­ckelnden Klas­sen­zim­mern. Stu­die­renden, die nicht in ein Semi– nar kommen und des­halb die erbar­mungs­losen Vor­gaben ihres Bachelor-​Stu– dienganges nicht ein­halten können, werden die 300 Euro für eine kleine Gruppe Pri­vi­le­gierter im Jura– oder BWLer-​Trakt nicht viel nutzen.

Wie schon in Folge des Bil­dungs­streiks und nach den soge­nannten Bil­dungsgip– feln ver­sucht die schwarz-​gelbe Bun­des­re­gie­rung, ein paar Beru­hi­gungs­pillen (wie jetzt die BAföG-​Erhöhung) zu ver­teilen, anstatt die wirk­li­chen Defi­zite im deut­schen Bil­dungs­system anzugehen.

Und sie lenken davon ab, dass in der deut­schen Schul­po­litik wie der Hoch­schul– politik auf eine eli­täre, unso­li­da­ri­sche und schäd­liche Politik gesetzt wird, die auf eine Aus­gren­zung der Masse der Gesell­schaft von Bil­dungs­chancen setzt und die sozialen Unter­schiede veschärft, statt Bil­dung als ein öffent­li­ches Gut, das für alle glei­cher­maßen zugäng­lich sein muss, zu etablieren.

Die jet­zigen Maß­nahmen zu den Sti­pen­dien­sys­temen zeigen so wieder einmal, wie sehr in der Bun­des­re­gie­rung eine domi­nie­rende neo­li­be­rale Ideo­logie sach– gerechte Lösungen unmög­lich macht.

Quelle: Guar­dian of the Blind

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