QR Code Business Card

PCB-​Katastrophe in Dortmund — Filz aus Behörden und Unternehmen vertuscht Umweltverbrechen

Mittwoch, 30. Juni 2010-14:56 -|- Eingestellt von: |

Von Rote Fahne News 29.6.10 | — Die meisten Kol­legen der seit dem 20. Mai still­ge­legten Dort­munder Ent­sor­gungs­firma Envio AG sind mit der krebsför– dernden Che­mi­kalie PCB (poly­chlo­rierte Biphe­nyle) ver­seucht.

Alle 23 unter­suchten der ins­ge­samt 30 Beschäf­tigten weisen 8.600-fach erhöh– te PCB-​Werte im Blut auf. Das ist ein Maxi­mal­wert, der die im Bevöl­ke­rungs– durch­schnitt vor­han­dene Belas­tung mit diesem Gift um mehr als das 25.000-fache überschreitet.

Es ist die bun­des­weit größte PCB-​Katastrophe der letzten Jahr­zehnte. Obwohl seit den 1980er Jahren nicht mehr pro­du­ziert und 2001 welt­weit geächtet, fin– det sich PCB in heute noch ver­wen­deten Industrie-​Trafos, Hydrau­lik­an­lagen und Lacken. Bei der Ver­bren­nung ent­stehen Dioxine und Furane, die gefähr­lichsten nicht radio­ak­tiven Gifte.

Durch ein offen­sicht­li­ches Zusam­men­spiel der Behörden mit ver­schie­denen Fir– men wird seit Jahr­zehnten die Umwelt­ver­seu­chung am Dort­munder Hafen ver­tuscht und ver­harm­lost. Hier ist eine Ansamm­lung von Schrott– und Recyc– ling­firmen, die auch mit öffent­li­chen Betrieben ver­flochten sind. In Koope­ra­tion mit der stadt­ei­genen EDG (Ent­sor­gung Dort­mund GmbH) werden die Con­tainer mit kon­ta­mi­niertem Mate­rial durch Dort­mund transportiert.

Es ist anzu­nehmen, dass auch die 356 Beschäf­tigten der 12 anderen Firmen auf dem Betriebs­ge­lände im Dort­munder Hafen Ver­gif­tungen durch PCB auf­weisen. Der ehe­ma­lige Envio-​Produktionsleiter berich­tete der "West­fä­li­schen Rund– schau", dass bei Envio PCB-​belastete Trafos im Freien zer­legt wurden, Sicher– heits­ein­rich­tungen nicht vor­handen oder deak­ti­viert waren und Tau­sende Ton– nen PCB-​belastetes Mate­rial als recy­celter Schrott welt­weit ver­kauft wurden.

Bereits 1989 wurde den Anwoh­nern der umlie­genden Klein­gar­ten­an­lagen vom Ver­zehr von Blatt­ge­müsen abge­raten, weil Dioxine und Furane nach­ge­wiesen wurden. 1993 und 1995 wurden Dioxine bei Bränden in der (inzwi­schen insol– venten) Firma Niko Metall frei. Der kon­ta­mi­nierte Boden wurde nicht abgetra– gen, son­dern mit Stahl­platten ver­sie­gelt, das ver­gif­tete Gelände wird heute als Schrott­lager genutzt.

Obwohl die Envio AG seit 2007 in einen Giftskandal ver­wi­ckelt ist, hat der Dort­munder Umwelt­de­zer­nent Wil­helm Steitz (Grüne) die Envio AG Ende 2009 per­sön­lich mit dem "ÖkoProfit"-Preis der Stadt aus­ge­zeichnet, für "her­ausra– gende Ökologie und Nach­hal­tig­keit". Im Winter 2007 wurde in Grün­kohl, der aus den großen Klein­gar­ten­an­lagen rund um den Dort­munder Hafen stammte, PCB und Dioxin gefunden. Die not­wen­digen Unter­su­chungen wurden bis Ende 2008 verschleppt.

Die Bezirks­re­gie­rung in Arns­berg und das Dort­munder Umweltamt war­teten noch fast ein­ein­halb Jahre bis zum 5. Mai 2010 mit einer Unter­su­chung des Betriebs­ge­ländes, das schließ­lich am 19. Mai still­ge­legt wurde. Umwelt­dezer– nent Steitz zeigte sich "fas­sungslos", weil ihm bei einem per­sön­li­chen Besuch des Unter­neh­mens erzählt worden war, wie "inno­vativ und sicher alles" sei ("West­fä­li­sche Rund­schau", 18.5.10).

Mit den auf Druck der betrof­fenen Kol­legen durch­ge­führten Blut­un­ter­su­chungen geht die ver­suchte Ver­schleie­rung des Aus­maßes der Kata­strophe weiter. Nach einer Emp­feh­lung des "Lan­des­in­sti­tuts für Gesund­heit und Arbeit" (LiGA) in Düs– sel­dorf wurde das Blut nur auf PCBs ana­ly­siert, nicht auf Dioxine und Furane.

Vor­rangig sollten erst einmal die 356 Mit­ar­beiter der auf dem Envio-​Gelände be– hei­ma­teten Unte­nehmen unter­sucht werden. Am 8. Juni 2010 teilte die Stadt jedoch mit, dass durch eine Panne 200 Proben nicht zum Labor beför­dert wur– den und daher nun unbrauchbar seien. Die Blut­proben müssten wie­der­holt werden.

Die hier zutage tre­tende enge Zusam­men­ar­beit von Behörden und Unterneh– men, vor allem inter­na­tio­nalen Mono­polen, ist kein Ein­zel­fall, son­dern hat im staats­mo­no­po­lis­ti­schen Kapi­ta­lismus System.

Eine voll­stän­dige Auf­klä­rung aller Umstände und Zusam­men­hänge der PCB-​Ka– tastrophe muss durch­ge­setzt und die Ver­ant­wort­li­chen in Unter­nehmen und Behörden bestraft werden. Not­wendig ist die Ent­schä­di­gung aller Betrof­fenen und ihrer Fami­lien durch die Kapitalisten.

Quelle: Rote Fahne News – Mit freund­li­cher Genehmigung.

Beitragsdetails

Kommentar-Autor

Kategorie » Gesundheitswesen, Umwelt/Klima « | Tags » , , , , , «

Trackback: Trackback-URL |  Kommentar-Feed: RSS 2.0 | Beitrag drucken |
gelesen: 307 · heute: 2 · zuletzt: 16. Mai 2012

Kommentare und Pings sind geschlossen.