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Die deutsche Bildungspolitik als ein Mittel zur Sicherung von Egoismus, Konkurrenzdenken und gesellschaftlicher Ungleichheit

Donnerstag, 22. Juli 2010-15:53 -|- Eingestellt von: |

Von Markus Weber | Guar­dian of the Blind | — In Ham­burg ist die Schulre– form, mit der eine sechs­jäh­rige Pri­mar­schule ermög­licht werden sollte, geschei­tert. Obwohl es eine breite Unter­stüt­zung der poli­ti­schen Par­teien, von der Linken bis zur CDU, gab, wurde sie in einem Volks­ent­scheid abge– lehnt.

Wie kann man dies erklären und deuten? Ein sehr guter Ansatz bietet sich bei Tele­polis: Nie­der­lage für eine soli­da­ri­sche Gesellschaft

Das ist eine Absage an eine Schul­po­litik, die davon aus­geht, dass die “stär­keren” Schüler die “schwä­cheren” beim Lernen unter– stützen können und alle davon pro­fi­tieren. Zur Bil­dung gehört nach dieser Lesart auch das Aus­bilden von sozialen Kom­peten– zen, wie Soli­da­rität und gegen­sei­tige Unter­stüt­zung. Zu Zeiten der Bil­dungs­kämpfe der sieb­ziger Jahre waren solche Werte in großen Teilen der Gesell­schaft verbreitet.

Das ist aktuell nicht mehr der Fall. So liegt das Ham­burger Ergeb– nis ganz im Trend einer Gesell­schaft, in der das Prinzip “Jeder ist seines Glü­ckes Schmied” und “Der Schwache ist selber schuld und soll den anderen nicht zur Last fallen” zum Dogma erhoben wurde . Im Umgang mit Flücht­lingen und Migranten drückt sich diese Politik ebenso aus, wie in den Maß­nahmen gegen Hartz IV-​Empfänger und eben jetzt auch in der Bildungspolitik.

In einer Gesell­schaft, in der es als normal gilt, wenn jeder mit jedem in Kon­kur­renz liegt, sorgen die Eltern dafür, dass damit schon im Schul­alter ange­fangen wird. Ein soli­da­ri­sches Lernen wird als Kon­kur­renz­nach­teil für die eigenen Kinder empfunden […]

Dass “Volkes Stimme” wie in Ham­burg gegen eine ganz große Par­tei­en­ko­ali­tion von Union, SPD, Grünen und Links­partei, die sich für die Pri­mär­schule aus­spra­chen, stimmte, kann nur ver– wun­dern, wer noch immer noch meint, dass “die da unten” oder auch “der kleine Mann” sozialer abstimmen als die poli­ti­schen Par­teien. Eine solche Vor­stel­lung ver­kennt, wie stark die Idee der Ungleich­heit und des Kon­kur­renz­ge­danken in großen Teilen der Bevöl­ke­rung Kon­sens sind.

Zu der Glo­ri­fi­zie­rung des Ego­ismus in den letzten 30 Jahren und den Folgen, auch auf die Bil­dungs­po­litik, schreiben heute auch die Nach­Denk­Seiten. Zum Thema Volks­ab­stim­mungen lesens­wert ist auch noch ein Artikel beim Freitag (aus dem letzten Jahr): Demo­kratie als Mogel­pa­ckung. Die These: dem konser– vativ-​elitären Teil der Repu­blik geht es um die ple­bis­zi­täre Absi­che­rung der Eli­ten­herr­schaft. Dem würde ich nicht unbe­dingt bedin­gungslos zustimmen, aber es ist ein inter­es­santer Gedanke.

In der Tat, das herr­schende System hat das Bewusst­sein fast aller Bürger so stark besetzt, dass eine Ver­bes­se­rung kaum zu erwarten ist: Kei­nes­falls von den Pro­fi­teuren dieses Sys­tems, die ihre Pri­vi­le­gien in Ham­burg gerade vertei– digt haben, aber auch kaum von den Benach­tei­ligten dieses Sys­tems. (Ob diese In Ham­burg ein­fach kein Inter­esse an der Abstim­mung hatten, resi­gniert haben oder sich von der Pro­pa­ganda der Elite beein­flussen lassen haben, ist schwer zu klären.

Wahr­schein­lich ist es eine Mischung aus allem.) Seit den Zeiten, als Herber Mar– cuse “Der ein­di­men­sio­nale Mensch” schrieb, hat sich dies eher noch ver­schlim– mert. Der Neo­li­be­ra­lismus hat die Soli­da­rität in der Gesell­schaft auch homöopa– thi­sche Dosen redu­ziert. Alu­gen­schein­lich können heute allen­falls noch die Privi– legieren mobi­li­siert werden, um ihre gesell­schaft­liche Stel­lung zu verteidigen.

Diese folgen dabei einer ego­is­ti­schen Zweck­ra­tio­na­lität: Die erwor­bene Unter– schiede sollen erhalten werden, gewähren sie doch ihre rela­tive Bes­ser­stel­lung gegen­über dem Rest der Gesell­schaft. Die betrof­fenen Eltern behaupten entge– gen den Ergeb­nissen der Bil­dungs­for­schung, dass ihre Kinder durch schlech­tere Schüler geschwächt würden.

Dass län­geres gemein­sames Lernen für alle Vor­teile bringt, wissen sie nicht – oder sie wollen es nicht glauben. Dass die Ergeb­nisse aller Schüler dadurch ins­ge­samt besser werden, dass die gesamte Gesell­schaft pro­fi­tiert, ist ihnen egal.

Die heute herr­schenden Schichten wollen, einer außer Rand und Band gerate-​nen neo­li­be­rale Ideo­logie fol­gend, nicht wie echte Libe­rale wie John Rawls eine Gesell­schaft, in der mate­ri­elle Ungleich­heit (nur dann) gerecht­fer­tigt ist, wenn sie alle absolut gesehen besser stellt, wenn sie auch den dann relativ schlech– ter gestellten abso­lute ökonomische/​mate­ri­elle Vor­teile bietet.

Nein, sie ver­folgen eine Gesell­schaft, in der der Abstand der oberen Schicht, Klasse, wie auch immer man es nennen mag, zu den schlechter gestellten Teilen der Bevöl­ke­rung mög­lichst groß ist, in der ihr Ansehen, ihr Geld, ihre Macht be– deu­tend mehr sein muss als das der Masse.

Dieses Inter­esse wird gegen­über der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung dann darin ver– kleidet, dass man behauptet, diese Unter­schiede würden allen, auch den Ärms– ten, Vor­teile gewähren. Doch in Wirk­lich­keit ist gerade diese Ungleich­heit ihr Ziel – möge sie auch mit abso­luten Ein­bußen erkauft worden sein.

Dagegen spre­chen wis­sen­schaft­liche Befunde, die belegen, dass glei­chere Ge– sell­schaften weniger soziale Pro­bleme in den viel­fäl­tigsten Berei­chen haben und dass hohe Ungleich­heit, auch bei ins­ge­samt starker Wirtschaft/​hoher mate­riel– ler Ver­sor­gung für Arme wie für Reiche Nach­teile bringt.

In unglei­cheren Gesell­schaften sind die Men­schen unglück­li­cher, und in jedem ein­zelnen Ein­kom­mens­seg­ment sind sie unglück­li­cher als in ega­li­tären Gesell– schafte (oder auch, wie Robert Misik es in dem zuletzt ver­linkten und unbe­dingt zu lesenden Artikel formuliert:

Der Ego­ismus ist sogar für die Ego­isten unkom­for­tabel). Aber kann man einen höheren Zweck der mensch­li­chen Tätig­keit sehen, als das Glück aller zu mehren? Sollte dann nicht die Redu­zie­rung der Ungleich­heit ein unum­strit­tenes Ziel sein?

Die gesell­schaft­lich herr­schenden Schichten nun haben in der Schul­po­litik ihre ver­kürzten, ego­is­ti­sche, oder auch: unver­nünf­tigen Inter­essen durch­ge­setzt. Und das haben sie auch in der Hoch­schul­po­liik. Die Ein­füh­rung des Sti­pen­dien– sys­tems des Bundes etwa kann als ein Ver­such gesehen werden, soziale Privi– legien (Pri­vi­le­gien der Her­kunft) zu Pri­vi­le­gien des Geistes (durch den Erhalt eines Sti­pen­diums) umzuetikettieren.

Die Ober­schicht will sich durch die Sti­pen­di­en­för­de­rungen, die zum ganz über– wie­genden Teil ihr zugute kommen werden, weiter nach unten abgrenzen. Dies erfolgt mit der Argu­men­ta­tion, es hätte ja angeb­lich jeder die­selben Chancen gehabt – und wer nicht durch ein Sti­pen­di­en­pro­gramm geför­dert wird, hat das selbst zu verantworten.

Das der­zei­tige Bil­dungs­system ist somit in fast allen seinen Aus­prä­gungen eines der Mittel, um die soziale Ungleich­heit zu bewahren und in der Bevöl­ke­rung Ego­ismus, Ellen­bo­gen­men­ta­lität und Kon­kur­renz­denken zu verbreiten.

Quelle: Guar­dian of the Bllind

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