Von Andrej Fedjaschin | RIA Novosti | – Die Enthüllungen über den Afghanistan-Krieg werden Obamas Popularitätswerte kaum steigern, wohl aber mehr Geld vom Kongress verschaffen.
Der Krieg hat unter US-Präsident Barack Obama weiter an Popularität eingebüßt und findet sogar weniger Unterstützung als unter seinem Vorgänger George W. Bush.
Doch Obama hat das bekommen, worum er den Kongress seit fast sechs Monaten anschnorrte – zusätzliche 37 Milliarden Dollar für die neue Afghanistan-Strategie. Am 27. Juli billigte das Repräsentantenhaus nach dem Senat den ent- sprechenden Gesetzentwurf. Diese Geldspritze, die zu den für dieses Jahr ver- ordneten 130 Milliarden Dollar für den Afghanistan- und den Irakkrieg hinzu- kommt, soll dem Militäreinsatz der USA neue Impulse verleihen.
Kaum einer glaubt mittlerweile, dass die Taliban endgültig verdrängt werden können, doch dieses Geld soll dazu beitragen, ihnen bis zum vermeintlichen Beginn des Abzugs der US-Truppen im Sommer 2011 das Genick zu brechen.
Das alles geschah zwei Tage nach der Veröffentlichung von Geheim- und Dienst- protokollen des Pentagons zum Krieg in Afghanistan, die das Webprojekt Wiki- leaks durch gleich drei Medien – „The Guardian", „The New York Times" und „Der Spiegel" – in Umlauf brachte. In den Dokumenten sind Berichte von Komman- deuren über ihre Operationen, Details zu „versehentlichen" Morden an Zivilisten und Informationen über die Verbindungen der pakistanischen Geheimdienste mit den Taliban enthalten.
Obama sagte in seiner Rede zur Verabschiedung des Gesetzentwurfs über die Geldspritze, dass es in den offengelegten Dokumenten kein einziges Thema gebe, das zuvor nicht in der Presse und in der Öffentlichkeit diskutiert worden wäre, wenngleich er darüber besorgt sei, dass diese Informationen zu Tage kamen. Damit hat er vollkommen Recht.
Die Tatsachen, die das rund 91.000 Dokumenten, größtenteils Operationsbe- richte, umfassende „Afghanistan-Kriegstagebuch" enthüllt, sind bereits mehr oder weniger bekannt. Es ist bekannt, dass die Truppen kaum afghanische Zivilisten von den Taliban und Terroristen unterscheiden können. Dass es viel mehr zivile Opfer gegeben hat und die Operationen der Tailban ernsthafter und schmerzhafter sind als berichtet wurde. Dass die Afghanen ihre Polizei als Ver- brecher und die Regierung sowie lokalen Behörden als Missbildung betrachten. Das ist die übliche Einstellung gegenüber einer Besatzungarmee und einer Marionettenregierung. Das ist nichts Neues.
Dass der pakistanische Geheimdienst die Taliban unterstützt, kann nur ein Blin- der und ein Tauber übersehen. Dass Washington seinem wichtigsten Verbünde- ten im Krieg in Afghanistan diese Sachen ankreidet, ist eigentlich unschön.
Die CIA und der pakistanische Geheimdienst haben die Taliban in Pakistan noch zu jener Zeit geschaffen, als die Sowjetunion in Afghanistan Krieg führte. Den Pakistanern fällt es einfach schwerer als den Amerikanern, die einstigen Ver- bündeten, Partner und Glaubensgenossen, die längst in ihrem Land heimisch ge- worden sind, sitzen zu lassen.
Die Enthüllungen bieten also nichts Neues. Alles ist seit langem bekannt. Das Bild hat an Schärfe und Details gewonnen, doch der Gegenstand ist derselbe geblieben.
Erstaunlich sind die Ausmaße des Informationslecks. 91.000 Protokolle des Pentagons, ob sie im Durchschnitt drei Zeilen oder zwei Seiten enthalten, sind nicht wenig. Die Journalisten des „Guardian" gaben zu, dass sie die Dokumente gemeinsam mit Experten drei Wochen lang sortiert hatten.
Dabei ließen sie Informationen aus, die Militärs oder Zivilisten vor Ort schaden könnten oder vollkommen unbedeutend waren. Es hieß, dass weitere 15.000 Dokumente nicht veröffentlicht worden sind. Eine Zeitbombe. Das Pentagon und die US-Geheim- dienste ermitteln bereits, an welcher Stelle die Informationen durchgesickert sind.
Bei allen Enthüllungspapieren sind häufig nicht die eigentlichen Tatsachen wich- tig, sondern der Zeitpunkt, wenn sie auftauchen. Die Protokolle wurden offen- sichtlich rechtzeitig zur Kongressabstimmung am 27. Juli über weitere Gel- der für den Afghanistan-Krieg publik gemacht. Die Materialien wurden zwei Tage zuvor veröffentlicht. Der Gesetzentwurf wurde mit 308 Stimmen gegen 102 ver- abschiedet. Fast alle Gegenstimmen stammen übrigens von den Demokraten. Fast alle der 178 Republikaner stimmten für die Gelder. Die mit 253 Sitzen den Republikanern überlegenen Demokraten sind gespalten.
Die Demokraten, die für Obamas Strategie kein grünes Licht geben wollen, sind nicht unpatriotisch und haben nicht einmal etwas gegen die Operation in Afghanistan. Was ihnen schleierhaft bleibt, ist das Endziel und die fast manische Unterstützung für die korrupte Regierung von Hamid Karzai. Es ist völlig unklar, wie die Amerikaner ab Anfang Juli 2011 Afghanistan mit so einer Regierung verlassen können und wozu dann der neunjährige und mehr als eine Billion Dollar teure Krieg nötig gewesen war. An eine Demokratisierung Afghanistans glauben mittlerweile sehr wenige.
Die Versuche, Afghanistan ein fremdes Staatsmodell zu verpassen und in den Fortschritt zu führen, sind in der Vergangenheit immer gescheitert. Die Sowjet- union hatte von Ende der 1970er bis Ende der 1980er Jahre versucht, die Afghanen zu einer sozialistischen Entwicklung zu bewegen. Dies endete mit nichts als Dutzenden Tausenden Toten und Krüppeln und eine schwerwiegen- den Krise, die von vielen als Vorbote der gravierenderen Erschütterungen ge- wertet wird.
Die Amerikaner versuchen sich seit 2001 auf einem ählichen Weg. Doch die Be- mühungen, den Afghanen Demokratie und Kapitalismus einzuimpfen, jedenfalls mit den gängigen Methoden, ist dem Land nicht minder fremd. Die Briten waren hier klüger als alle anderen: Sie hatten seit Ende des 19. Jahrhunderts drei Kriege in Afghanistan geführt, errangen einen Sieg und verließen das Land An- fang des 20. Jahrhunderts. Denn sie verstanden, dass eine Kolonisierung wie in Indien am Hindukusch zum Scheitern verurteilt ist.
Das Erstaunlichste ist, dass Politiker, Generäle und hochrangige Offiziere vor Ort einstimmig anerkennen, dass die „zufälligen" Bombardements der friedlichen Dörfer und die Morde an afghanischen Zivilisten der Taliban mehr neue Rekruten bringen als gewalttätige Aufrufe oder Geld. Doch niemand hat es bislang ge- schafft, ihnen ein Ende zu setzen.
Vor einer Woche haben die Amerikaner in der südlichen Provinz Helmand mit einer Rakete mehr als 50 Afghanen getötet. Wenn Soldaten so ein Massaker veranstaltet hätten, könnte das als Kriegsverbrechen an Zivilisten gelten.
Doch jetzt gilt es als technischer Fehler, der nur ein paar Dutzend „Wilden" das Leben kostete.
Quelle: RIA Novosti
Mit freundlicher Genehmigung meines Informationspartners “RIA Novosti” zur Veröffentlichung hier auf Mein Politikblog.de Vielen Dank !
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