Analyse: Die tatsächlichen (!) Arbeitsmarktzahlen Juli 2010
Donnerstag, 29. Juli 2010-12:51 -|- Eingestellt von: Julie |
Liebe Leser – hier nun wieder die regelmäßige Analyse von Sybilla. Die Version der Bundesagentur gibt es als separaten Beitrag.
Arbeitsmarkt Juli 2010:
Auswirkung der Neuausrichtung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente auf die Messung der Arbeitslosigkeit BA Bericht Juli 2010 Seite 13
….Die Neuausrichtung der Instrumente hat indirekt Auswirkun– gen auf die Vergleichbarkeit der Arbeitslosenzahlen im Zeitab– lauf.
Nach § 16 Absatz 2 SGB III gelten Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht als arbeitslos. Diese Rege– lung kommt bei den neuen Maßnahmen nach § 46 SGB III zum Tragen und entsprechend werden Teilnehmer an solchen Maß– nahmen einheitlich nicht als arbeitslos geführt. […] Im April 2009 waren Dritte bundesweit für rund 200.000 Personen mit der Ver– mittlung nach § 37 SGB III alter Fassung beauftragt.
Die Teilnahmen an diesem Instrument laufen ab Mai 2009 suk– zessive aus und parallel dazu erhöht sich die Zahl der Teilnahmen an den neuen Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Ein– gliederung. Dadurch wird im Vergleich zu früheren Zeiträumen die Arbeitslosenzahl durch Teilnahmen an arbeitsmarktpoliti– schen Maßnahmen stärker entlastet. Dieser Effekt ist bei der Beurteilung der Arbeitslosenzahlen zu berücksichtigen.…
BA Bericht Juli 2010 Seite 48
Folgende arbeitsmarktpolitische Instrumente werden aktuell in die Entlastungs– rechnung der BA einbezogen:
- Vollzeitäquivalent der Kurzarbeit: Zahl der Kurzarbeiter mal durch– schnittlichem Arbeitszeitausfall,
- Maßnahmen des zweiten Arbeitsmarktes: Arbeitsgelegenheiten, ABM, Beschäftigungszuschuss
- berufliche Weiterbildung (einschl. Reha), Eignungsfeststellungs– und Trainingsmaßnahmen (einschl. Reha; Restabwicklung), Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung
- Vorruhestandsähnliche Regelungen: Inanspruchnahme des § 428 SGB III im Rechtskreis SGB III (Restabwicklung), Perso-nen in geförderter Altersteilzeit, Regelung des § 53 a Abs. 2 SGB II
- Förderung der Selbständigkeit: Gründungszuschuss, Einstiegsgeld Variante Selbständigkeit und Existenzgründungszu-schuss (Ich-AG; Restabwicklung).
Außerdem werden Personen, die arbeitsunfähig sind und Arbeitslosengeld auf Basis des §126 SGB III beziehen, zur Unterbeschäftigung gezählt.
Offizielle Zahl der registrierten Arbeitslosen im Juli 2010
3.191.800 + 1.487.198 Personen in arbeitsmarktpolitische Instrumente.
Die Zahl der Personen in Arbeitsgelegenheiten (Ein Euro Jobs) wird im BA – Bericht auf 316.411 beziffert.
Nach letzten Angaben im Berichtsmonat März 2010, erhielten 385.000 Arbeits– lose keine Geldleistungen aus der Arbeitslosenversicherung oder der Grund– sicherung. (BA Bericht Juli 2010 Seite 20)
ARBEITSLOSE + Personen in Maßnahmen Juli 2010 == 4.678.998 betrof– fene Personen (zuzüglich der Arbeitslosen die keine Geldleistungen aus der Arbeitslosenversicherung oder der Grundsicherung erhalten)
BA Bericht Juli 2010 Seite 53 Unterbeschäftigung ohne Kurzarbeit 4.302.624 Personen Unterbeschäftigungsquote 10,1 %
Nach den jüngsten Angaben wurden im März 2010 an 830.000 Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld gezahlt. (BA Bericht Juli 2010 Seite 9) 385.000 Arbeitslose erhielten,
Leistungsempfänger 3):
- ALG I 945.692;
- ALG II 4.962.218;
- Sozialgeld 1.831.613 (ohne Sozialhilfe SGB XII) BA Bericht Juli 2010 Seite 54
3) Endgültige Werte stehen erst nach einer Wartezeit fest. Am aktuellen Rand können die Daten aufgrund von Erfahrungswerten überwiegend hoch gerechnet werden.
Die Zahl der Leistungsempfänger (ALG I, ALG II, Sozialgeld) verharrt mitten im „Jobwunder“ weiterhin auf höchstem Niveau (7.739.523) BA Bericht Juli Seite 54.
Der BA — Arbeitsmarktstatistik suggeriert für den deutschen Arbeitsmarkt weiter– hin eine Insel der Glückseligkeit. Die Arbeitslosenstatistik der BA verzeichnet die übliche Entwicklung am Arbeitsmarkt..
Bei sorgfältiger Betrachtung des BA Monatsbericht fällt allerdings auf, dass viele Zahlen auf Schätzungen und Hochrechnungen beruhen. Für mich stellt sich des– halb die Frage, wird die Zahl der Arbeitslosen seitens der BA gezählt oder — wie zuletzt in Griechenland — geschätzt ?
Vor allem stellt sich die Frage, woher kommt trotz „boomenden Arbeitsmarkt“ das exorbitant hohe Finanzdefizit der BA und der exorbitant hohe Anstieg der Ausgaben für soziale Leistungen (ALG II) bei den Kommunen?
Statistisches Bundesamt — Pressemitteilung Nr.505 vom 22.12.2009 – Deut– liches Defizit der Kommunen im ersten bis dritten Quartal 2009
Es handelt sich abermals um ein Paradoxon. Einerseits spricht der Staatsjourna– lismus vom „Jobwunder“, immerhin ist die Zahl der Arbeitslosen von rund 5 Mil– lionen 2005 auf rund 3 Millionen 2010 gesunken, anderseits:
Laut BA Schätzungen/Hochrechnungen befanden sich im Monat Juli *1,49 Mio. Personen (*vorläufig und hochgerechnet) in einer von Bund oder Bun– desagentur für Arbeit geförderten arbeitsmarktpolitischen Maßnahme.BA — Bericht Juli 2010 Seite 6
Darunter sind nach BA Hochrechnungen/Schätzung 316.411 Personen — BA Bericht Juli 2010 Seite 86 in einer Arbeitsgelegenheiten nach § 16d SGB II Wobei von einer Untererfassung auszugehen ist, 3) Es ist von einer Unter– erfassung auszugehen, so haben bundesweit für 2010 [Januar bis Juni, Datenstand Juni 2010 — vorläufige Werte] nur ca. 72 % der Träger Daten zum Einsatz der kommunalen Eingliederungsleistungen (flankierende Leistungen) erfasst. Wie viele Personen in den fehlenden 28 % gefördert werden, wäre reine Spekulation. (BA Bericht Juli Seite 86 Fußnote 3)
Vor allem im Bereich der Arbeitsgelegenheiten (Ein Euro Jobs) ist eine erhebliche Untererfassung zu vermuten. Hinweis BA Bericht Juli 2010 Seite 86 Am ak– tuellen Rand werden die Daten aufgrund von Erfahrungswerten hoch ge– rechnet. 7) Vergleiche mit Vorjahresergebnissen sind nicht sinnvoll, da rück– wirkend ab BM Jan 2010 die Datenbasis und das Messkonzept zur Auswertung von eingelösten VGS (bewilligt 1. Rate) umgestellt und die statistischen Ergeb– nisse revidiert wurden.
Quelle der Daten: http://www.pub.arbeitsagentur.de/hst…nat/201007.pdf
Wem nützt eine kreative Arbeitslosenstatistik die vielfach auf Schätzungen und Hochrechnungen der BA beruht?
Die Zahl der offiziell registrieren Arbeitslosen bleibt auf niedrigen Niveau die Finanzlage der BA und der Kommunen bleibt angespannt, viele Arbeitslose/Ar– beitssuchende werden weiterhin in den „Verschiebebahnhöfen“ – arbeitsmarkt– politische Instrumente und Kurzarbeit sowie in der von der Ministerin ange– strebten Ausweitung der steuerfinanzierten Bürgerarbeit, verborgen.
Erstellt von Sybilla am 29.07.10
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Kategorie » Arbeit/Gewerkschaft « | Tags » Arbeit, Arbeitsmarkt, Arbeitsmarktdaten, Juli, Statistik, Sybilla «
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