Von Kurt Stand | jungeWelt | – Neoliberalen Kahlschlag beenden: Kampf um öffentliches Bildungssystem in den USA ist ein Kernpunkt sozialer Auseinandersetzungen.
Fortschritte und Rückschläge beim Kampf um demokratische Rechte in den USA widerspiegelten sich immer auch in der Qualität des öffentlichen Bildungswesens. Das ist heute noch der Fall. Die neoliberale Politik machte Erreichtes zunichte. Errungenschaften, die unter dem Druck der Bürgerrechts- und anderer sozialer Bewegungen in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erreicht worden waren, stehen zur Disposition.
Das Ergebnis beschreibt Mike Langyel, Präsident des Verbandes der Lehrer und Erzieher in Milwaukee (Großstadt im US-Bundesstaat Wisconsin), so: » … Unsere Schüler müssen überfüllte Klassen, unzureichende Ausstattung und Technik, reduzierte Angebote an Wahlkursen sowie fehlende ausgebildete Lehrer und einen anhaltenden Rückgang von professionellen Hilfskräften ertragen.«
Diese Situation führt zu einer Krise im Bildungswesen, dessen Niveau inzwi- schen unter das vieler anderer Länder zurückfiel. So ging die Rate der High- school-Absolventen (der Standard-Schulausbildung in den USA) zuletzt auf weniger als 70 Prozent zurück. Die Ungleichheit als Folge der Klassen- oder der rassischen Zugehörigkeit wuchs zugleich an.
Unter der Bush-Administration sollte das Programm »No Child Left Behind« (NCLB – Kein Kind zurücklassen) Abhilfe schaffen, das unter Präsident Barack Obama fortgesetzt wird. Dieses Bundesprogramm sieht vor, Schulen – entsprechend den Ergebnissen der Schüler in standardisierten Tests während der dritten und sechsten Klassenstufe – zusätzliche Gelder zuzuteilen.
Doch das bedeutet, daß den Vorbereitungen der Tests mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als dem Lernen selbst. Dieses Programm hat sein Ziel verfehlt, denn es bestraft die Schulen in den ärmeren Gemeinden, da sie die geringsten Ressourcen haben, den bundeseinheitlichen Standards gerecht zu werden.
Reformer richteten daher ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Ziel: die Lehrer und ihre Gewerkschaften. So wurden unter anderem die Wiedereinführung gewählter Schulbehörden unter Leitung eines ernannten Kanzlers, die Einrich- tung sogenannter Charter-Schulen (öffentliche Schulen unter privater Verwal- tung), um den Wettbewerb der Schulen zu befördern (wobei die Schüler weni- ger Möglichkeiten zum Schulwechsel haben), sowie die Abschaffung der gleichen Löhne für Lehrer auf den Weg gebracht. (Lehrer, die als erfolgreich beurteilt werden, werden durch höhere Vergütung »belohnt«, nicht erfolgreiche werden durch Entlassung »bestraft«.)
Mehr als alles andere begehren die Initiatoren dieser Reformen die Macht, Leh- rer feuern zu können. So lobte Obamas Bildungsminister Arne Duncan die Tatsa- che, daß alle Lehrer einer Schule im Staat Rhode Island entlassen wurden, die die NCLB- Standards verfehlt hatten. Er sah gar eine positive Wirkung des Wir- belsturms »Katrina« darin, daß danach alle öffentlichen Schulen in New Orleans geschlossen wurden (sie wurden nie wieder eröffnet).
Diese Logik ist jedem Gewerkschafter bekannt. Es ist die gleiche, die bei den Angriffen der Industriemanager auf die Arbeiter in den achtziger/neunziger Jah- ren praktiziert wurde: Konkurrenz unter den Beschäftigten erzeugen, um die Ar- beitsbedingungen, gleiche Entlohnung und die Schutzstandards zu untergra- ben.
Jetzt werden die Angehörigen des öffentlichen Dienstes der USA in gleicher Wei- se attackiert. Besonders aber sind die 3,2 Millionen Mitglieder des unabhängi- gen Verbandes der Lehrer und Erzieher und die 1,2 Millionen Mitglieder der der AFL-CIO (US-Gewerschaftsdachorganisation) angeschlossenen American Feder- ation of Teachers derartigen »Reformbestrebungen« ausgesetzt.
Ja, das sind große Gewerkschaften. Aber deren wirkliche Stärke wird von ihren Opponenten immer übertrieben. Lehrer haben wenig zu sagen bei der Gestaltung der Lehrpläne, nichts zu bestimmen im Hinblick auf die Budgets, und sie sind bei Vertragsverhandlungen gehandicapt, weil sie kein Streikrecht haben.
Besonderer Druck auf die Pädagogen läßt sich ausüben, wenn man ihre Rechte und ihre Jobsicherheit beschneidet oder ganz nimmt. Statt dessen bekommen sie von den zuständigen Behörden mehr Unterstützung versprochen, mehr professionelle Verantwortung und mehr Mitbestimmung bei der Gestaltung der Lehrpläne. Zu beklagen ist zudem, daß die gesellschaftlich organisierte Verteidi- gung der Lehrer und ihrer Gewerkschaften unzureichend ist. Das verfestigt die Krise im öffentlichen Bildungswesen.
Doch was könnten echte Reformen sein? Fortschritte im Bildungswesen müssen anküpfen an das Niveau, das in den siebziger Jahren erreicht worden war. Noch vorhandene Beispiele von Schulen, die sich auf Lernen, Kreativität und Vielfalt konzentrieren, dürfen nicht auch noch beseitigt werden.
Solche Erneuerungen würden eine gerechte Ausstattung aller Schulen sicher- stellen, unabhängig vom Wohlstand der jeweiligen Gemeinde, so daß ausrei- chend Ressourcen für Kurse in Geschichte, Literatur, Wissenschaften, Musik, Kunst vorhanden sind, für Kur- se, die Grundwissen und kritisches Verständnis vermitteln.
Eine echte Reform sollte auch Schluß machen mit der faktischen Re-Segregation von schwarzen und Latino-Schülern. Aber all das bedeutet letztlich nichts, wenn wir nicht, wie Langyel schrieb,
»die Bedingungen einer Bevölkerung (verändern), die gegen Rassismus, Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger und Verbrechen kämpfen muß. (…) Unsere Familien sehen sich mit diesen Herausforderungen konfrontiert, und unsere Schüler bringen die Folgen dieser Lebensbedingungen jeden Tag mit in die Klassenzimmer.
Wir können alle Schüler unterrichten und tun das auch, eingeschlossen jene, die die Nacht in einem Asyl für Obdachlose verbringen mußten, oder die hungrig zur Schule kommen. Aber wir müssen gerüstet sein, ihre dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, bevor wir mit einer langen Divisionsaufgabe beginnen können.«
Quelle: jungeWelt – Mit freundlicher Genehmigung. Vielen Dank !
Bild: von William & Mary Law Library via Flickr Bestimmte Rechte vorbehalten
Unser Autor ist Gewerkschafter, Journalist und US-Bürger. Er verbüßt derzeit eine langjährige Haftstrafe wegen angeblicher Spionage für die DDR in einem US-Bundesgefängnis













