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Brüderles »Fachkräfte-Initiative« | Von Jörn Boewe | jungeWelt | – Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat sein Sommerlochthema gefunden.

Mit einer »Fachkräfte-Initiative« will er, im Verein mit Wirtschaftsverbänden und Wissenschaftlern, »Deutschland für ausländische Facharbeiter endlich attraktiv« machen, erzählte er dem Handelsblatt. Angesichts der unstrittigen Tatsache, daß Brüderle und seine Partei seit Monaten erfolgreich daran arbeiten, die Da- seinsbedingungen für Arbeiter (gleich welcher Abstammung) in dieser Republik immer unattraktiver zu machen, läßt die Kaltschnäuzigkeit aufhorchen, mit der dieser »Lösungsvorschlag« präsentiert wird.

Bemerkenswert ist aber auch, daß es sich um eine Lösung für ein Problem han- delt, das zur Hälfte hausgemacht und zur Hälfte herbeiphantasiert ist. Wenn angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen und Unterbeschäftigten und ein paar hunderttausend Jugendlichen ohne Lehrstelle ein Fachkräftemangel droht, haben offenkundig sowohl Staat als auch Wirtschaft versagt.

Wenn Unternehmen, denen es über Jahre zu »kostenintensiv« war, junge Leu- te auszubilden, jetzt jammern, daß sie keinen qualifizierten Mitarbeiter finden, ist das einfach nur abgeschmackt. Für Politiker, die die Verantwortung für ein verkorkstes Schulsystem tragen, gilt im Prinzip das Gleiche. Und schließlich sind die Kürzungen im Bildungswesen nur die Kehrseite der sukzessiven Steuerent- lastungen, die die unterschiedlich farbigen Bundesregierungen der vergange- nen 20 Jahre den Unternehmern und darüber hinaus dem deutschen Besitzbür- gertum in Gänze zugeschanzt haben.

Soviel zum realen Kern des Problems. Wenn Brüderle aber allen Ernstes behauptet, »der Fachkräftemangel wird in den nächsten Jahren zum Schlüssel- problem für den deutschen Arbeitsmarkt und nicht die Arbeitslosigkeit«, ist die Grenze zum politischen Irrationalismus definitiv überschritten.

»Je länger der Aufschwung anhält, desto größer wird das Problem«,

halluziniert er weiter – als ob in irgendeinem Konjunkturzyklus seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Bundesrepublik jemals wieder Vollbeschäftigung geschweige denn ein Überangebot an offenen Stellen »ge- droht« hätte.

Das Perfide ist, daß Brüderles Sicht der Dinge zwar irrational, ja buchstäblich völlig irre ist – aber nur von einem Standpunkt, der die Gesellschaft als Ganzes im Blick hat.

Betrachtet man die Entwicklung von der klassenegoistischen Warte seiner Klientel, erscheinen seine Vorschläge durchaus vernünftig. Betriebswirtschaftlich ist es für die Unternehmer schlicht kostengünstiger, Fachkräfte aus dem Aus- land anzuwerben, anstatt sie selbst auszubilden. Und gesellschaftspoltisch ist es für das Bürgertum allemal attraktiver, die globale Shoppingtour zu perfektio- nieren, als höhere Steuern zur Finanzierung eines anständigen öffentlichen Bildungssystems zu zahlen.

Quelle: jungeWelt – Mit freundlicher Genehmigung. Vielen Dank !

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