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Und der Staat, ist der loyal?

Samstag, 21. August 2010-17:59 -|- Eingestellt von: |

Von Neve Gordon | Anti​krieg​.com | - Die For­de­rung nach einem Treue­schwur in Israel weist bedenk­liche Ähnlich­keiten mit den For­de­rungen auf, die in Mus­so­linis Ita­lien erhoben wurden.

Vor einigen Wochen demons­trierten hun­derte Stu­denten vor dem Ver­wal­tungs– gebäude der Ben-​Gurion-​Universität. Etwa ein Drittel pro­tes­tierten gegen die Ent­schei­dung der Regie­rung, die Hilfs­flotte anzu­greifen, zum Aus­druck, wäh­rend die anderen zwei Drittel die Regie­rung unter­stützten. Irgend­wann begannen die pro-​Regierungs-​Demonstranten zu skan­dieren: „Keine Staats­bür­ger­schaft ohne Loyalität!“

Loya­lität ist zwei­fels­ohne eine wich­tige Bezie­hungs­form sowohl im pri­vaten als auch im öffent­li­chen Bereich, betrachtet man aber ihre genaue Bedeu­tung im israe­li­schen Kon­text, kommt ein beun­ru­hi­gender Pro­zess zu Tage, in dem das demo­kra­ti­sche Ver­ständnis von Politik auf den Kopf gestellt wird.

Minis­ter­prä­si­dent Ben­jamin Netan­jahu und Außen­mi­nister Avigdor Lie­berman wollen, dass wir als israe­li­sche Staats­bürger unsere Loya­lität zu der Fahne dadurch unter Beweis stellen, dass wir eine Politik der Unter­drü­ckung und Demü­ti­gung unterstützen.

Wir müssen uns für die Tren­nungs­mauer in Bi´lin und anderen Orten in der gesamten West Bank ein­setzen. Wir müssen die bru­tale Zer­stö­rung von nicht aner­kannten Bedui­nen­dör­fern ver­tei­digen, und den fort­ge­setzten Land­raub in Israel und in den okku­pierten paläs­ti­nen­si­schen Territorien.

Wir müssen die Kon­troll­stellen und die still­schwei­gende Ver­la­ge­rung in Ost­jeru– salem unter­stützen. Es wird auch von uns erwartet, unsere Häupter zu beugen und zu schweigen, wann immer Minister, Knes­set­abge­ord­nete und öffent­liche Funk­tio­näre ras­sis­ti­sche Stel­lung­nahmen gegen ara­bi­sche Bürger von sich geben. Wir sind ver­pflichtet, die Gefan­gen­hal­tung der 1,5 Mil­lionen Bewohner des Gaza­strei­fens abzusegnen. 

Durch das Gebrüll auf der letzten Demons­tra­tion wurde mir klar, dass ich nie– mals in der Lage sein werde, diese ver­hee­rend kurz­sich­tige Form von Loya­lität zu akzep­tieren. Ich wei­gere mich, einer Politik der Demü­ti­gung, des Ras­sismus und der Dis­kri­mi­nie­rung gegen­über loyal zu sein.

Den­noch ist Loya­lität eine wich­tige Ange­le­gen­heit, die drin­gend dis­ku­tiert wer– den muss, da auf jeden Fall eine starke Bezie­hung zwi­schen Staat und Loya­lität besteht. Die drän­genden Fragen, die behan­delt werden müssen sind: Was ist die Bedeu­tung von Loya­lität? Und wer soll wem gegen­über loyal sein?

Über­ra­schen­der­weise ist die Ant­wort auf diese Fragen nicht beson­ders schwie– rig. Gemäß der repu­bli­ka­ni­schen Tra­di­tion ist an erster Stelle der Staat ver­pflich– tet, loyal seinen Bür­gern gegen­über zu sein und wird ver­ant­wort­lich gemacht für Unge­rech­tig­keiten und Unrecht. Wir hin­gegen beob­achten zur Zeit eine völli– ge Ver­dre­hung der repu­bli­ka­ni­schen Bezie­hung zwi­schen Staat und Loya­lität und an deren Stelle die Über­nahme eines proto-​faschistischen Zugangs.

Die viel­leicht beun­ru­hi­gendste Eigen­schaft dieses Trends ist, dass dieser auf allen Ebenen der israe­li­schen Gesell­schaft um sich greift. Von den lau­fenden Atta­cken gegen israe­li­sche Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen, ange­führt von NGO Monitor und Im Tirzu, über die Reak­tion der Polizei auf die fried­li­chen Pro­teste in Sheik Jarrah bis zu der McCar­thy­is­ti­schen Atmo­sphäre im Bil­dungs­aus­schuss der Knesset erlebt man, wie Ele­mente in der Zivil­ge­sell­schaft, in der Exe­ku­tive und in der Legis­la­tive alle­samt nach einer Logik ähnlich der­je­nigen arbeiten, die Mus­so­linis Ita­lien geprägt hat. Alle diese Ele­mente erwarten, dass Bürger dem Staat die Treue schwören, unge­achtet der Politik der Regierung.

Da die Loya­lität ein wesent­li­cher Bestand­teil der Politik ist, müssen wir uns an– strengen, um zu errei­chen, dass der Ruf nach Loya­lität den Anfor­de­rungen an eine demo­kra­ti­sche Logik ent­spricht und nicht einer faschis­ti­schen. Wir müssen for­dern, dass der Staat allen seinen Bür­gern gegen­über loyal ist, ohne Ansehen von Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Reli­gion, poli­ti­scher Über­zeu­gung, natio– naler oder sozialer Her­kunft, Besitz oder Geburt. 

Ein Staat, der loyal zu seinen Bür­gern steht, behan­delt nicht Juden und Araber unter­schied­lich, ent­eignet nicht das Land von Mos­lems und Christen, demü­tigt und tram­pelt nicht auf den nie­deren Klassen herum und unter­drückt nicht brutal die Paläs­ti­nenser in den okku­pierten Ter­ri­to­rien. Ein Staat dieser Art schützt das Recht eines jeden und aller Bürger und wird auch keine Loya­lität ein­zu­for­dern brau­chen, weil er diese auf dem Sil­ber­ta­blett bekommen wird.

Ja, auch ich ver­stehe, wie wichtig Loya­lität ist. Die ange­brachte Losung ist aller– dings nicht „Keine Staats­bür­ger­schaft ohne Loya­lität!“ son­dern „Loya­lität jedem Bürger gegenüber!“

Quelle: Anti​krieg​.com

Die Wei­ter­ver­brei­tung der Texte auf dieser Web­site ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Web­adresse www​.anti​krieg​.com nicht zu vergessen!

Erschienen am 19. August 2010 auf > http://​www​.antiwar​.com > http://​ori​ginal​.antiwar​.com/​n​e​v​e​-​g​o​r​d​o​n​/​2​0​1​0​/​0​8​/​1​8​/​a​n​d​-​t​h​e​-​s​t​a​t​e​-​i​s​-​i​t​-​l​o​y​al/

Neve Gordon lehrt Poli­tik­wis­sen­schaft an der Ben-​Gurion Uni­ver­sität und ist der Ver­fasser von Israel's Occupa­tion. > Neve Gor­dons Web­site.

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Kategorie » Gesellschaft/Soziales, International, Politik/Wirtschaft « | Tags » , , , , , , «

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