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Sarrassismus

Samstag, 04. September 2010-13:22 -|- Eingestellt von: |

Von Markus Weber | Guar­dian of the Blind | — Zu Sar­razin wurde dieser Tage schon sehr viel gesagt und geschrieben. Ich möchte aber hier dieses nicht wie­der­holen, son­dern nur kurz ein paar Punkte anspre­chen, die mir zusätz­lich noch erwäh­nens­wert erscheinen.

Dabei geht es ins­be­son­dere um die Wir­kung Sar­ra­zins auf die öffent­liche Mei– nungs­bil­dung und um die Nähe seiner Auf­fas­sungen zum Sozi­al­dar­wi­nismus und zur Eugenik.

Sar­razin sage doch nur das, was der kleine Mann auf der Straße denke, hört man oft. Wie so oft wird “der kleine Mann” bemüht, wird von “Denk­ver­boten” gespro­chen, wenn man eine Ansicht ver­breiten will, für die es keine Belege gibt (“Gefühlt hat er doch Recht!”).

Der hier vor­ge­stellte “kleine Mann” aber ist extrem anfällig für poli­ti­sche und mediale Mei­nungs­mache, wie die Nach­Denk­Seiten Tag für Tag ein­dring­lich de– mons­trieren. Die Pres­se­land­schaft in Deutsch­land ist zwei­fels­ohne neo­li­beral und eher kon­ser­vativ geprägt, doch in Fragen der Aus­länder– und Inter­gra­tions– politik konnte man, bis auf einige Gos­sen­pos­tillen, in den letzten Jahr­zehnten doch eine eher libe­ra­lere, tole­ran­tere Linie erkennen.

Doch diese brö­ckelt immer mehr. Erst­mals seit 65 Jahren gibt es dieser Tage auch in der deut­schen Presse wieder Ver­öf­fent­li­chungen (wenn auch eher weni– ge), die offenen Ras­sismus und Sozi­al­dar­wi­nismus (denn offener, als es Sarra– zin macht, geht es in der Tat kaum) beschwich­tigen und beschö­nigen (etwa: der Stil sei nicht ange­messen, aber inhalt­lich stimme da doch vieles), wenn nicht gar teil­weise wieder salon­fähig machen wollen.

Wenigs­tens zeigen nun einige ihr wahres Gesicht: Die deut­schen Rechts­in­tellek– tuellen, wie etwa Broder oder Baring zeigen, dass sie kei­nes­falls nur, wie sie immer betonen, kon­ser­va­tive, libe­rale oder gar linke Werte verkörpern.

In den letzten Tage wurde dann der Öffent­lich­keit von vielen Medien ein­gere– det, dass etwa die Bun­des­bank Sar­razin nicht raus­schmeißen könne – oder sol– le, und es gab gar die aben­teu­er­liche Behaup­tung, dass angeb­lich große Teile der SPD-​Basis auf Sar­ra­zins Seite stünden. Aber selbst wenn sich die Bundes– bank doch von Sar­razin trennen sollte, selbst wenn er aus der SPD ausge– schlossen wird: Das Gift, dass er in die Welt gesetzt hat, wird bleiben.

Keine Frage, Sar­ra­zins Thesen und die bereit­wil­lige Ver­brei­tung dieser duch die Medien wird auf das Mei­nungs­bild der wohl über­wie­gend rechts­kon­ser­vativ bis aus­län­der­feind­lich ein­ge­stellten deut­schen “Stamm­tisch­be­völ­ke­rung” ein­wirken. Diese aber stellt kei­nes­wegs die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung da, auch wenn sie von den Medien gerne als diese, als “DER kleine Mann auf der Straße” darge– stellt werden.

Eine Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist in der Tat sogar zufrieden mit der Integra– tions­po­litik und sehen in der letzten Zeit Ver­bes­se­rungen. Doch treten die­jeni– gen, die tat­säch­lich Sar­razin zustimmen oder die wenigs­tens mit ihm sym­pati– sieren, weil er gegen Aus­länder, Mus­lime, Juden oder Hartz-​IV-​Empfänger hetzt, überaus laut­stark und aggressiv aus. Vor­ur­teile, Hass, Ras­sismus lassen sich oft stark emo­tional auf­laden. Den Hass und die Men­schen­ver­ach­tung dere­jeni– gen, die dafür emp­fäng­lich sind, derart, wie es Sar­razin tut, anzu­heizen, kann für unsere Gesell­schaft gefähr­lich werden.

Ein wei­terer Punkt: In den aktu­ellen Debatten um Zuwan­de­rung scheint es nun Common Sense zu sein, dass nur “die guten Aus­länder”, die, die auch wirt– schaft­li­chen Vor­teil für die “Volks­deut­schen” bringen, nach Deutsch­land einwan– dern dürfen sollen. Für Nicht­hoch­qua­li­fi­zierte oder auch für Asyl­su­chende ist kein Platz, sie müssen draußen bleiben.

Und alle anderen sollen raus! Sar­razin gibt der Aus­län­der­feind­lich­keit in Deutsch­land wei­teren Auf­schwung (und dies auch mit direkt ras­sis­ti­schen Be– grün­dungen, wie der, dass bestimmte Eth­nien “von Natur aus” dümmer seien). Und er tut noch mehr. Er hetzt gegen alle, die sich nicht in sein Bild des “Leis– tungs­trä­gers” ein­fügen, gegen Aus­länder, Mus­lime, gegen die “Unter­schicht”, gegen Arbeits­lose und Arme.

Wei­terhin kann es durch die Ver­brei­tung der völlig unsin­nigen und wissen– schaft­lich unhalt­baren Thesen Sar­ra­zins zur nennen wir es gene­ti­schen Vorbe– stim­mung des Men­schen zu einem wei­teren Auf­schwung von fal­schen bio­logis– tischen Erklä­rungs­mus­tern im All­tags­wissen kommen, die schon heute viele Er– klä­rungs­muster der eher wenig Gebil­deten bestimmen kommen.

Oft unter­scheiden sich diese in ihrem Kern (wenn auch nicht in ihren Konse– quenzen) kaum von den sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Ansichten ver­gan­gener dunkler Epo­chen. Er teilt Men­schen in ver­meint­lich Nütz­liche und Unnütz­liche ein. Das passt natür­lich gut in ein Sys­tems, dass Men­schen in höher– und min­der­wer­tige, nun unter dem Label der “Leis­tungs­fä­hig­keit”, ein­teilen will.

Die sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Äuße­rungen Sar­ra­zins liegen ganz im Ein­klang mit und sind viel­leicht sogar die kon­se­quente Fort­set­zung dieser Gesell­schafts­ord­nung, sind die Aus­wüchse einer sin­kenden Soli­da­ritat, eine voll­ständig kon­kur­renzba– sierten Gesell­schaft, in der wieder die Vor­stel­lung, let­zend­lich kämpfe jeder ge– gen jeden um sein Über­leben, domi­nie­rend wird. Sar­razin ist mit seinem Zynis– mus, seiner Men­schen­ver­ach­tung viel­leicht kein Aus­reißer, viel­leicht drückt er die Unmensch­lich­keit aus, die hinter den glän­zenden Fas­saden eines im Kern aber unmensch­li­chen Sys­tems immer lauert.

Und selbst solch ein Aber­glauben wie die all­um­fas­sende Vor­her­be­stim­mung durch die Gene kann in diesem Klima wieder gedeihen. Eigent­lich schien diese mit der libe­ralen “Leis­tungs­ge­sell­schaft” aus­ge­storben zu sein. Sar­razin stellt hier sogar einen Rück­schritt dar. Sagt der Libe­ra­lismus im Kern, dass jeder, der sich genug anstrenge, auch etwas errei­chen könne, so zeigte die Rea­lität, dass die wirt­schafts­li­be­ralen Gesell­schaften dieses Ver­spre­chen nicht ein­halten konnten.

Doch anstatt die Ursache dessen in einer eben nicht gege­benen Chan­cen­gleich– heit zu sehen, die auch eine hohe soziale Gleich­heit vor­raus­setzt, ver­irrt sich Sar­ra­zoin in einem eso­te­ri­schen Irr­glauben, dass Intel­li­genz im Prinzip sowieso durch die gene­ti­schen Anlagen vor­be­stimmt sei. Das Bil­dungs­system könne höchs­tens noch jeden so gut es seine gene­ti­sche Natur zulasse ausbilden.

Das ist ein Rück­schritt in Aber­glauben, der fast schon dem Glauben des Mit­telal– ters, in seinen jewei­ligen Stand geboren zu sein, ähnelt. Und dazu mischt Sar– razin die man könnte sie klas­sisch ras­sis­ti­sche Anicht nennen, dass bestimmte Eth­nien von Natur aus weniger intel­li­gent seien.

Sar­ra­zins Ansichten sind kaum andere als die kruden sozi­al­ras­sis­ti­schen Theo– rien, auf die sich auch die Natio­nal­so­zia­listen berufen haben, und sie sind sogar eine Vor­stufe von Eugenik. Und ist es von der For­de­rung, die als dumm, unpro– duktiv, nutzlos, gene­tisch schwä­cheren ange­se­henen Men­schen sollten sich weniger fort­pflanzen, noch weit zu der For­de­rung, die Schwa­chen, die nicht Leis­tungs­fä­higen, die “Para­siten”, sollten aus dem Gen­pool der “Volks­ge­mein– schaft” ent­fernt werden?

Quelle: Guar­dian of the Blind – Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung. Danke, Markus !

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