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Ins Wirtschaftswunderland

Mittwoch, 29. September 2010-17:30 -|- Eingestellt von: |

Von Otto Köhler | jun­ge­Welt | — Angela Merkel nahm dem von Staatsan– wälten gejagten Helmut Kohl vor zehn Jahren den CDU-​Ehrenvorsitz weg. Über­morgen stattet sie den immer noch der Omertà Unter­lie­genden wieder mit dem Rang eines »Kanz­lers der Ein­heit« aus.

Im Früh­herbst 1989, als das Volk der DDR begann, sich auf der Straße zu entde– cken (»Wir sind das Volk«), da traute keiner Helmut Kohl zu, daß er die im nächsten Herbst anste­hende Bun­des­tags­wahl noch einmal gewinnen könne. Er hatte abge­wirt­schaftet, einen Putsch seines Gene­ral­se­kre­tärs Heiner Geißler ver­mochte er im Sommer auf dem CDU-​Parteitag gerade noch zu unter­drü­cken. Sein Ansehen sank auf den Tiefpunkt.

Die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 über­raschte den Bun­des­kanzler beim Staats­be­such in War­schau. Am nächsten Nach­mittag flog er nach Westber– lin zu einer Kund­ge­bung, und seine Rede ging unter in einem stür­mi­schen Pfeif– kon­zert, dem eine bezau­bernde und mit­rei­ßende Kako­phonie jenes Deutsch– land­liedes folgte, das auch heute noch als Natio­nal­hymne benutzt wird.

Solche Töne machten den alten Kampf­gaul Helmut Kohl wieder munter. Und er beschloß:

Ich will der Kanzler der Ein­heit werden.

Aber wie? CDU-​Generalsekretär Volker Rühe ließ noch Anfang Februar 1990 in einem Gespräch mit der Welt die Ängste heraus, die er schon lange hegte.

»Rühe fürchtet Ver­lust der Mehr­heits­fä­hig­keit«, mel­dete das Springer-​Blatt. Er bangte, in einem ver­einten Deutsch­land werde sich »die Mitte« verschieben:

»Unser Land, aber auch die poli­ti­schen Par­teien werden ihr Koor­di­na­ten­system ändern, sie werden ins­ge­samt pro­testan– tischer, nörd­li­cher und östli­cher aus­ge­richtet sein.«1

Aber Kohl ließ sich nicht bange machen. Er wußte einen Trick, wie man die Brü– der im Osten für seine Partei ködern kann: die harte DM. Und das schnell. Es durfte nur keiner merken, solange sich noch die fal­schen Leute auf den ost­deut­schen Straßen und Plätzen her­um­trieben. So legte Helmut Kohl am 28. November erst einmal ein gemä­ßigt erschei­nendes »Zehn-​Punkte-​Programm zur Über­win­dung der Tei­lung Deutsch­lands und Europas« vor.

Darin stand kein Wort von der Über­nahme der DDR durch die Bun­des­re­pu­blik, vom Anschluß, wie er dann erfolgte, son­dern viel von Hilfe und von einer Kon­fö­de­ra­tion beider deut­scher Staaten.

Das war die Tarn­kappe für die »Offen­sive« (so die Über­schrift zum ent­spre– chenden Kapitel in Kohls »Erin­ne­rungen 1982 – 1990«), die einem Ziel diente: Modrow aus­schalten, Allianz für Deutsch­land schmieden mit der D-​Mark als ein­zigem und wahrem Gott.

Im Tal der Ahnungslosen

Dresden, das Tal der Ahnungs­losen, war der ideale Aus­gangs­punkt für Kohls Offen­sive. Mit einer his­to­risch auto­ri­täts­gläu­bigen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit. Im ehe­ma­ligen »Dritten Reich«, falls man das Wort »ehe­malig« der DDR stehlen dürfte, der es mit gläu­biger Inbrunst vor­be­halten ist – im »Dritten Reich« also hatte Dresden (neben dem dama­ligen Breslau) die höchste Dichte von NSDAP-​Mitgliedern.

Nach Dresden flog der Kanzler angeb­lich nur, um sich dort mit dem DDR-​Minis– ter­prä­si­denten Hans Modrow zu treffen. Indes: »Tau­sende von Men­schen erwarten uns auf dem Flug­hafen, ein Meer von schwarz­rot­gol­denen Fahnen wehte in der kalten Dezem­ber­luft.« West­deut­sche Fahnen, die nicht von Ham– mer und Zirkel kon­ta­mi­niert sind.

Woher flu­tete so schnell dieses Meer von schwarz­rot­gol­denen Fahnen in den letzten Winkel der not­lei­denden DDR? In Kohls Erin­ne­rungen ist nach Seite 688 ein Foto von der Dresdner Kund­ge­bung zu sehen. Nur eine ein­zige im Meer ist eine alte DDR-​Fahne, aus der man diesen Spal­ter­kram her­aus­ge­schnitten hat, wie schon einmal, 1945, etwas anderes. Einige der neuen Fahnen flat­tern übri– gens von Bam­bus­stangen. Das mußte nichts bedeuten.

Kohl ist ange­kommen und schon glück­lich: »Als die Maschine aus­ge­rollt war, stieg ich die Roll­treppe hinab und sah Modrow, der mich etwa zehn Meter davon ent­fernt mit ver­stei­nerter Miene erwar­tete. Da drehte ich mich zu Kanz­ler­amts– minister Rudolf Sei­ters um und sagte:

›Die Sache ist gelaufen‹.«2

Das war der 19. Dezember in Dresden.

Das Treffen mit Modrow, das der Magier Kohl – »Ein wogendes Meer schwarz– rot­gol­dener Fahnen umgab mich«3 – unver­se­hens in eine Groß­kund­ge­bung für sich selbst ver­wan­delte. Sehr bedachtsam sprach der bal­dige Kanzler aller Deut­schen zwei Sätze aus:

»Wir wollen, daß sich die Men­schen hier wohl­fühlen. Wir wollen, daß die Men­schen in ihrer Heimat bleiben und hier ihr Glück fin– den können«.4

Doch die Offen­sive hatte schon begonnen. Der »offen­sive Lösungsweg«. So nannte es Thilo Sar­razin, der in einem Trio Infer­nale mit seinem Chef, dem da– maligen Finanz­staats­se­kretär Horst Köhler, und dessen Freund Gerd Haller am Anschluß der DDR, der Ver­nich­tung ihrer Betriebe und der damit ver­bun­denen »Frei­set­zung« ihrer Beleg­schaften arbei­tete (jW-​Thema vom 13.10.2009, »Der Freund, der gute Freund«).

Auf dem offen­siven Lösungsweg mar­schierte man bei der Hoesch AG unter dem Kom­mando von Detlev Karsten Roh­wedder, dem spä­teren Treu­hand­chef und eins­tigen Staats­se­kretär von Wende– und Kor­rup­ti­ons­wirt­schafts­mi­nister Otto Graf von Lambs­dorff, schon im November: »Hoesch bietet DDR-​Übersiedlern Arbeit und Woh­nungen an« pla­ka­tierte gleich nach dem Fall der Mauer Rohwed– ders Konzern.

Warum? Wozu? »Wir fragen uns, warum diese Arbeits­plätze uns nicht angebo– ten wurden«, rät­selte die Dort­munder Arbeits­lo­sen­in­itia­tive, die sofort vor der Hoesch-​Hauptverwaltung mit einer Pro­test– und Mahn­wache aufzog.

»Über 5.000 Bewer­bungen sind in den letzten Jahren aus unseren Reihen bei Hoesch ein­ge­gangen. Vergebens.«

800 Anwärter aus Dort­mund standen auf der War­te­liste für eine Hoesch-​Wohnung. 5

Den Zipfel fassen

Mit dem neuen Jahr, dem Jahr der dro­henden Ein­heit, ver­drängten die nützli– chen Patrioten (»Wir sind ein Volk«) die pro­tes­tie­renden Bür­ger­rechtler (»Wir sind das Volk«). In Paris, am 8. Januar, notiert Mit­ter­ands Sherpa Jac­ques Attali, was sein Prä­si­dent wahrnimmt:

»Mas­sive Demons­tra­tionen in zahl­rei­chen Städten Ost­deutsch– lands. François Mitterand:

Das orga­ni­siert die CDU. Hinter allem steckt Kohl. Mir sagt er, er hätte über­haupt nichts gemacht, aber hinter meinem Rücken heizt er ein. Und er glaubt, ich würde das nicht merken!«6

Es mußte schnell gehen, es durfte nicht lang über­legt werden. Und Helmut Kohl wußte um den Mantel, der durch die Geschichte rauscht, er war ein ent­schiede– ner Anhänger der Zip­fel­theorie, er hielt sich an dieses eherne Gesetz der Ge– schichte.

Ja, im nach­hinein hört es sich ein­fach an: »Was immer er dem deut­schen Volk geleistet, davon erzählen die Thaten unserer Geschichte. Sie berichten, wie er, unter Wenigen Einer, unbe­irrt durch den Lärm der Revo­lu­tion, (…) frisch und klar den Jammer des Bun­des­tages durch­schaute … Er hat nicht Glück gehabt, wie seine Gegner behaupten, son­dern er hat durch die Kraft seiner Per­sön­lich­keit, durch den Pro­phe­ten­blick und den dämo­ni­schen Trotz des Genius das Glück zum Sklaven gemacht, er hat es nie­der­ge­zwungen, daß es ihm diente. Er selbst hat einmal gesagt: Der Staats­mann kann nie selber etwas schaffen, er kann nur abwarten und lau­schen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereig­nisse hallen hört.«

»hallen«? Halle! Es ent­stand am 10. Mai 1991 auf dem Rat­haus­platz in Halle, je– nes unver­geß­liche Bild, das den Staats­mann vor der Absper­rung zeigt, wie er mit erho­benen Händen und aus­grei­fenden Schrittes auf eine emo­tional hochbe– wegte Menge zuspringt, die ihm das Fest der deut­schen Auf­er­ste­hung als fau– les Ei sehr nahe bringt – »dann vor­springen und den Zipfel seines Man­tels zu fassen, das ist Alles.«7

Der unver­geß­liche geschicht­liche Moment, wo der Kanzler zuzu­pa­cken ver­sucht, aber von seinen Schergen zurück­ge­halten wird, ist – hof­fent­lich für die Ewig­keit – mit bewegten und bewe­genden Bil­dern bei youtube festgehalten.8

Aber Gottes Mantel ist seither ver­saut, den Paul Liman 1904 so groß­artig in seinem Bismarck-​Buch beschrieb.

Trotzdem: Der kaum ver­geß­bare Bun­des­prä­si­dent Horst Köhler, der ja mit eini– gem – aber von den Men­schen da draußen noch unge­ahnte – Recht auch sei– nen eigenen Anzug zur che­mi­schen Rei­ni­gung hätte bringen müssen, er hielt am 8. Februar 2006 beim Abend­essen zu Ehren des »großen Staats­manns« Helmut Kohl in seiner Tisch­rede fest:

»Als Sie in Dresden die Pla­kate sahen: ›Wir sind ein Volk‹, wuß– ten Sie, es ist soweit. Und mit der Ein­füh­rung der D-​Mark in der DDR war der Weg zur deut­schen Ein­heit unum­kehrbar geworden. In seinen ›Welt­ge­schicht­li­chen Betrach­tungen‹ schreibt Jakob Burck­hardt, einen großen Mann zeichne aus, daß ›bestimmte gro– ße Leis­tungen nur durch ihn inner­halb seiner Zeit und Umge­bung mög­lich waren und sonst undenkbar sind‹.«

Das isses, was Kohl wollte.

Ver­fas­sungs­auf­trag für Honecker

Horst Köhler erin­nerte auch an die andere ein­dring­liche »Tisch­rede, die Sie, lieber Helmut Kohl, 1987 beim Besuch von Erich Hone­cker in Bonn gehalten haben«.

Und bevor er das Kom­mando (»Bitte erheben Sie mit mir das Glas auf ihn: Helmut Kohl – ad multos annos!«) zum großen Besäufnis gibt, zitiert Köhler, ohne Arg, was Kohl dem Hone­cker damals gesagt hat: »Die Prä­ambel unseres Grund­ge­setzes steht nicht zur Dis­po­si­tion, weil sie unserer Über­zeu­gung ent– spricht.

Sie will das ver­einte Europa, und sie for­dert das gesamte deut­sche Volk auf, in freier Selbst­be­stim­mung die Ein­heit und Frei­heit Deutsch­lands zu voll­enden. Das ist unser Ziel. Wir stehen zu diesem Ver­fas­sungs­auf­trag, und wir haben keinen Zweifel, daß dies dem Wunsch und Willen, ja der Sehn­sucht der Men­schen in Deutsch­land entspricht.«

Moment, wie hat Kohl da den Hone­cker geär­gert? Prä­ambel Grund­ge­setz, das gesamte deut­sche Volk in freier Selbst­be­stim­mung, Ver­fas­sungs­auf­trag, viel– leicht auch noch gemäß Artikel 146? Wel­cher Idiot hatte dem Bun­des­prä­siden– ten solche Sprüche aufgeschrieben?

Hone­cker ist längst weg – die Prä­ambel samt freier Selbst­be­stim­mung liegt im Müll, die Ost­deut­schen durften nur noch beitreten.

Was 1987 gegen Hone­cker gut und richtig war – das hat sich doch 2006 längst erle­digt. Und über­haupt, mußte Bun­des­prä­si­dent Köhler nach so langer Zeit noch den großen Staats­mann Helmut Kohl über­haupt an diesen Staats­be­such erinnern?

Takt­ge­fühl war seine Stärke nie – die Prä­ambel und das ganze Drum­herum war doch schon 1990 für diese Wie­der­ver­ei­ni­gung abso­luter Schrott, es stand nicht mal mehr zur Dis­po­si­tion und nie­mand war dar­über besser infor­miert als Horst Köhler, dessen Freund und Mit­ar­beiter Gerd Haller im Minis­te­rium im Januar 1990 ins­ge­heim jam­merte, daß man, um die Auf­bruch­stim­mung nicht zu beein– träch­tigen, ja nicht vom »Anschluß« der DDR reden dürfe, den man als­bald prak– tizierte.

Für die Zusam­men­füh­rung der beiden deut­schen Völker, die sich in den Jahr– zehnten des Aus­ein­an­der­le­bens gebildet hatten, galt – ver­fas­sungs­recht­lich, aber das zählte ja nicht – jene Prä­ambel des Grund­ge­setzes, mit der Kohl Hone­cker foppte. Und das Grund­ge­setz galt – Artikel 146 – aus­drück­lich nur »für eine Überg­angs­zeit« bis zur Ver­ei­ni­gung. Von Anschluß oder Bei­tritt keine Rede.

Bei­tritt übri­gens ist, wie Kohl in den national befreiten Zonen leicht hätte beob– achten können, der Tritt auf den am Boden Lie­genden von der Seite her. Ins Gesicht oder zwi­schen die Rippen.

Und zwar ohne den doch völlig obsolet gewor­denen Artikel 146, der nur Um– stände gemacht hätte auf dem Eil­marsch des gesamten deut­schen Volkes in die Frei­heit der D-​Mark. Der Artikel steht zwar immer noch in den Büchern, aber er hat sich vor der Geschichte dieses Volkes lächer­lich gemacht: »Dieses Grundge– setz ver­liert seine Gül­tig­keit an dem Tage, an dem eine Ver­fas­sung in Kraft tritt, die von dem deut­schen Volk in freier Ent­schei­dung beschlossen worden ist.«

Spä­tes­tens seit Helmut Kohls »Wie­der­ver­ei­ni­gung« gibt es das »gesamte deut– sche Volk« nicht mehr, weil sich die beiden Teile keine gemein­same Ver­fas­sung geben durften. »Im Osten haben wir gedacht, wir sind zwei Staaten in einem Volk«, meinte Lothar de Mai­zière 1995 und fügte hinzu: »Heute scheint es so, als ob es zwei Völker in einem Staat gäbe.«9

Allianz für Deutschland

Die Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung stellte im Jahr 2000 fest: »Die Wirt– schafts– und Wäh­rungs­union vom Juli 1990 wurde gegen den Rat fast aller wirt­schaft­li­chen Sach­ver­stän­digen aus zwin­genden poli­ti­schen Gründen ein­ge­führt (›Kommt die DM, bleiben wir. Kommt sie nicht, gehn wir zu ihr‹). Die west­deut­sche Bun­des­re­pu­blik hat sich die DDR nicht ein­ver­leibt, son­dern diese ist ihr ziem­lich über­stürzt beige­treten …«10

Wie macht man sich so eine Überstürzung?

»Die CDU Rhein-​Erft trauert um Karl Schu­ma­cher, der am 23. Dezember 2006 im Alter von 80 Jahren ver­storben ist«, beklagte am 17. Januar 2007, mit einer sub specie aeter­ni­tatis ver­ständ­li­chen Ver­zö­ge­rung, der Hei­mat­verein des Dahinge– gan­genen den ansonsten kaum ver­merkten Tod des Lei­ters der Haupt­ab­tei­lung Orga­ni­sa­tion der Bundes-​CDU. Die CDU Rhein-​Erft ver­merkte – das ist normal, wenn jemand gerade ver­schieden ist – nur Gutes:

»Drei Jahr­zehnte lang diente Karl Schu­ma­cher der Christlich-​Demokratischen Union Deutsch­lands mit Geschick, Aus­dauer und Sou­ve­rä­nität … Den Fall des ›Eisernen Vor­hangs‹ hat er hautnah mit­er­lebt und die Ein­glie­de­rung der Kreis– und Lan­des­ver­bände in den neuen Bun­des­län­dern in die CDU Deutsch­lands eigen­händig mit­ge­staltet. Mit enormer Kraft, hohem per­sön­li­chem Enga­ge­ment und unschätz­barer Erfah­rung hat er dort die Par­tei­or­ga­ni­sa­tion aufgebaut.«11

Bei Nacht und Nebel

Vor dieser eigen­hän­digen Leis­tung ver­neigen sich die Rhein-​Erfter CDU-​Leute und zollen dem Ver­stor­benen ihren Respekt.

Ein beson­deres Ver­dienst erwarb sich Karl Schu­ma­cher am 22. Januar 1990. Bun­des­in­nen­mi­nister Wolf­gang Schäuble lockte den Vor­sit­zenden der damals noch als »Block­partei« auf Dis­tanz gehal­tenen DDR-​CDU Lothar de Mai­zière zu einem Son­die­rungs­ge­spräch über die bevor­ste­henden DDR-​Wahlen in die Abfer­ti­gungs­halle des West­ber­liner Flug­ha­fens Tegel. Kohl-​Biograph Klaus Dreher berichtet:

»In der unge­müt­li­chen Flug­zeug­halle sit­zend, wirkte de Mai­zière nervös und ange­spannt auf Schäuble und über­fiel ihn sofort mit der Frage, die ihn offenbar mehr als alles andere beschäf­tigte: ›Warum redet Kohl mit allen anderen, nur nicht mit mir? Will die CDU wirk­lich im Wahl­kampf an uns vorbeigehen?‹«12

Wäh­rend Schäuble – damals noch eng ver­traut mit seinem Kanzler – den Ost-​CDU-​Vorsitzenden so beschäf­tigte, fuhr West-​CDU-​Organisationschef Karl Schu­ma­cher mit einem Kleinbus nach Ost-​Berlin, um in einer »Nacht und Nebel­aktion« (Dreher) die gesamten Per­so­nal­akten der Ost-​CDU ein­zu­pa­cken und sie in die Bonner CDU-​Zentrale zu schaffen.13

Eine Woche später. Am 29. Januar beschließt das CDU-​Präsidium in Bonn auf An– trag von Helmut Kohl eine »Allianz für Deutsch­land«. Dazu werden Demo­krati– scher Auf­bruch, Deut­sche Soziale Union, Deut­sche Forum­spartei mit der Ost-​CDU als neuer frei­heit­li­cher Block zusam­men­ge­fügt – sie selber wissen da noch nichts davon.

Nach wei­teren zwei Tagen, am 1. Februar, erfahren die füh­renden Leute der DDR-​Parteien im West­ber­liner Gäs­te­haus der Bun­des­re­gie­rung – Peter-​Michael Die­stel von der DSU hat dort erst einmal die Freunde von der Ost-​CDU als »rote Socken« beschimpft – nun­mehr von Helmut Kohl, daß sie gemeinsam als die »Allianz für Deutsch­land« in den Wahl­kampf ziehen werden. Stasi-​Mann Wolf­gang Schnur ist für den Demo­kra­ti­schen Auf­bruch auch dabei.

Für die im März bevor­ste­henden DDR-​Wahlen erfährt Ost-​CDU-​Chef de Mai­zière end­lich auch die not­wen­dige Zuwen­dung. Er darf zusammen mit Helmut Kohl in der DDR auf­treten und bekommt dafür aus Bonn den »Ent­wurf für eine ›Rede auf dem Markt­platz‹ als Modell vor­ge­legt«. Der kom­mende Minis­ter­prä­si­dent der DDR über sein Brie­fing durch die Bonner CDU-​Zentrale: »Ich erfuhr unter ande– rem, daß man keine Gedanken ent­wi­ckeln, son­dern Thesen ver­künden solle und ähnli­ches mehr.«14

Jeder CDU-​Landes– und Kreis­ver­band im Westen erkürt sich einen Part­ner­kreis im Osten, um ihm in der Wahl­schlacht bei­zu­stehen – mit Mensch und viel Mate– rial.15 Bei­spiels­weise mit aus der Bonner Par­tei­zen­trale gelie­ferten Trans­paren– ten, auf denen nach vierzig Jahren Dik­tatur die so lang unter­drückten Men­schen end­lich ihre Sehn­süchte for­mu­liert bekommen.

Kohl-​Intimus Telt­schik übri­gens hatte fünf Tage später am 6. Februar in sein Tage­buch geschrieben:

»Am Nach­mittag kün­digt der Bun­des­kanzler völlig über­ra­schend in der CDU/​CSU-​Bundestags-​Fraktion seine Absicht an, ›mit der DDR unver­züg­lich in Ver­hand­lungen über eine Wäh­rungs­union und Wirt­schafts­re­formen ein­zu­treten‹.«

Und verrät sich etwas unbedacht:

»Unsere Über­le­gung war: Wenn wir nicht wollen, daß sie zur D-​Mark kommen, muß die D-​Mark zu den Men­schen gehen.«

16 »Menschen« – damit meint er die DDR-​Bewohner. Daniela Dahn, die im Osten alles mit­er­lebt hat, fand diesen Ein­trag bemerkenswert:

»Inter­es­sant daran ist, daß erst­mals am 12.2.1990, also sechs Tage danach, auf der Leip­ziger Mon­tags­de­mons­tra­tion die Losung ›Kommt die D-​Mark nicht nach hier – geh’n wir zu ihr!‹ auf­tauchte.« 17

»Alle zogen mit«, heißt der Bei­trag von Horst Köhler in Wai­gels Bekennt­nis­buch »Tage, die Deutsch­land und die Welt veränderten.«

Dort findet sich ein weder erläu­tertes noch datiertes Foto: Aus dem Dunkel der Nacht, die mut­maß­lich die Masse der ins Licht der Frei­heit drän­genden Demons– tranten im Osten ver­birgt, erhebt sich ein Trans­pa­rent. Auf weißem Unter­grund die schwarze Schrift: »Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!«18

Es ist der Gesamt­schrei unserer Brüder und Schwes­tern in Unfrei­heit nach Erlö– sung durch unser (inzwi­schen infolge des Euro abhanden gekom­menes) kost– barstes Gut.

Etwas fällt auf. Befes­tigt ist das Tuch mit der nach Westen dräu­enden Auf­schrift nicht an zwei Holz­latten, wie man sie damals selbst im Not– und Man­gel­staat DDR leicht bekommen konnte. Befes­tigt ist der Schrei nach der D-​Mark an zwei Bam­bus­stangen. Und die waren in der DDR noch etwas rarer als Bananen. Aber das muß nichts bedeuten

Hans Ulrich Kempski, der Chef­re­porter, hat in der Süd­deut­schen Zei­tung die Bonner Repu­blik von ihrem Beginn 1949 bis zu ihrem sieg­rei­chen Ende stil­voll begleitet. Helmut Kohl nahm ihn im März 1990 in seiner Char­ter­ma­schine mit, damit er ihn beim Wahl­kampf in der bald ehe­ma­ligen DDR begleite, was sich aus­zahlte. »Dem Kanzler gelingt offenbar, gleichsam mit seinem ganzen Wesen, ver­trau­en­er­we­ckende Bot­schaften auf den Weg zu geben, die geeignet sind, unmit­tel­bare Bin­dungen an seine Person her­zu­stellen«, stellt Kempski iro­nie­frei fest.

»Nimm uns an die Hand«

Aber etwas anderes ist wich­tiger. Kempski kennt Karl Schu­ma­cher und kann so schreiben: »Ein Kanzler-​Wahlkampf ver­langt, daß Kohl kanz­ler­haft ins Bild kommt. Und kanz­ler­haft ist iden­tisch mit ›groß‹. Damit das Ganze kanz­ler­haft wird, ist aus der Bonner CDU-​Zentrale Karl Schu­ma­cher ange­reist, ein in den letzten 17 Jahren, seitdem Kohl CDU-​Vorsitzender ist, erprobter Organisator.

Schu­ma­cher über­läßt nichts dem Zufall. Er hat für die impo­sant deko­rierte Red­ner­tri­büne gesorgt, für geschickte Schein­wer­fer­be­strah­lung, für gut aus­ge­steu­erte Laut­spre­cher­an­lagen, für Luft­bal­lons und Flug­zettel und für sons­tigen Propaganda-​Schnickschnack in bunter Fülle.«

Und das alles kos­tete kaum etwas: »Denn viel von dem, was zur Unter­stüt­zung des Kanzler-​Wahlkampfes in die Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik geschickt worden ist, wurde gespendet: Autos, Com­puter, Schreib­ma­schinen, Büro­inven– tar, Zei­tungen, Plakate.«19

So auch ein Trans­pa­rent, das Kohl stolz in seinen Memoiren abbildet: »Helmut nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland«.

Helmut Kohl, der ihm so viel ver­dankt, gedenkt »meines lang­jäh­rigen Freundes Karl Schu­ma­cher« in seinen Memoiren »Erin­ne­rungen 1982 – 1990«, die 2005 erschienen, nur einmal am Rande. Ver­ständ­lich, denn das Wunder der friedli– chen Revo­lu­tion hat den Freund Schu­ma­cher vor einem Ver­fahren bewahrt, das im Gefängnis hätte enden können. Sie­mens bei­spiels­weise, der bekannte Kor– rup­ti­ons­kon­zern, hatte Schu­ma­chers Orga­ni­sa­ti­ons­zen­trale mit kos­ten­loser EDV-​Technik für die CDU-​Geschäftsstellen draußen im Land aus­ge­rüstet. Was nicht als Spende abge­rechnet wurde.

Dazu hatte Schu­ma­cher die Dico-​Soft Dienstleistungs-​Computer und Soft­ware GmbH gegründet, die der CDU gehörte und ihm unter­stand, dem CDU-​Organisa– tions­chef und Kohl-​Intimus.

Kurz vor der Jahr­tau­send­wende ent­deckte die Ber­liner Zei­tung einen internen Prüf­be­richt des CDU-​Wirtschafts– und Steu­er­be­ra­ters Wolf­gang Wey­rauch vom Sep­tember 1989, der in Schu­ma­chers Kasse ein Minus von 3,9 Mil­lionen D-​Mark aus­ge­macht hatte und offen­barte, »wie im innersten Zirkel getrickst und ver­tuscht wurde, wie ein frisch über­führter Täter aus über­ge­ord­neten Gründen frei­ge­spro­chen wurde«.

Sonst hätte Schu­ma­cher »wegen unter­las­sener Konkurs­anmeldung« bestraft werden können. Davor bewahrt ihn eine »schüt­zende Hand«. Sie gehörte Helmut Kohl.20

Diese Hand fand rei­chen Lohn. Zwei Monate später machte die Mauer auf, und Helmut Kohl brauchte, als er begriffen hatte, daß er Kanzler der Ein­heit werden mußte, drin­gend das Orga­ni­sa­ti­ons­genie des hoch­ta­len­tierten Karl Schu­ma­cher. Keiner konnte besser als er den Ossis klar­ma­chen, wie Hals über Kopf sie die D-​Mark bräuchten.

Und über­morgen abend im Palais am Funk­turm gibt Angela Merkel dem Kanzler der Ein­heit einen Emp­fang und feiert mit ihm die – völlig zwang­lose – Ver­eini– gung von West– und Ost-​CDU vom 2. Oktober 1990.

Quelle: jun­ge­Welt – Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung. Vielen Dank !

Anmer­kungen

1 Die Welt, 8.2.1990

2 Helmut Kohl, Erin­ne­rungen. 1982 – 1990, Mün­chen 2005, S.1020

3 Kohl, a.a.O., S.1023

4 Kohl, a.a.O., S.1025

5 Metall, 17.11.1989

6 Jac­ques Attali, Ver­batim, Band 3, Paris 1995, S.392

7 Paul Liman, Fürst Bis­marck nach seiner Ent­las­sung, Berlin 1904, S.3

8 www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​B​G​O​Z​K​G​X​S​C​3​Y​&​a​m​p​;​N​R=1

9 Lothar de Mai­zière, Anwalt der Ein­heit. Ein Gespräch mit Chris­tine de Mazière, Berlin 1996, S.169

10 www.bpb.de/publikationen/RUPO66,2,0,Politikbedingungen_und_politische_­Bildung_in_Ostdeutschland.html#art2

11 Zum Tod Karl Schu­ma­cher. CDU Rhein-​Erft trauert um ehe­ma­ligen Haupt­ab­tei­lungs­leiter, 17.01.2007 (www​.cdu​-rhein​-erft​.dewww​.cdu​-rhein​-erft​.de)

12 Klaus Dreher, Helmut Kohl. Leben mit Macht, Stutt­gart 1998, S.503

13 Dreher, a.a.O., S.504

14 de Mai­zière, a.a.O., S.76

15 Helmut Kohl, Ich wollte Deutsch­lands Ein­heit. Dar­ge­stellt von Kai Diek­mann und Ralf Georg Reuth, Berlin 1996, S.287ff.

16 Horst Telt­schik, 329 Tage. Innen­an­sichten der Eini­gung, Berlin 1991, S.125

17 Daniela Dahn, Wir bleiben hier oder Wem gehört der Osten?, Reinbek 1994, S.48

18 Theo Waigel/​Manfred Schell, Tage, die Deutsch­land und die Welt ver­än­derten, Mün­chen 1994, S.97 (unpagi­niert neben S.96)

19 Hans Ulrich Kempski, Um die Macht Stern­stunden und sons­tige Aben­teuer mit den Bonner Bun­des­kanz­lern 1949 bis 1999, Berlin 1999, S.325

20 Ber­liner Zei­tung, 7.12.1999; auch Die Zeit, 28/​2000

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