Ins Wirtschaftswunderland
Mittwoch, 29. September 2010-17:30 -|- Eingestellt von: Julie |
Von Otto Köhler | jungeWelt | — Angela Merkel nahm dem von Staatsan– wälten gejagten Helmut Kohl vor zehn Jahren den CDU-Ehrenvorsitz weg. Übermorgen stattet sie den immer noch der Omertà Unterliegenden wieder mit dem Rang eines »Kanzlers der Einheit« aus.
Im Frühherbst 1989, als das Volk der DDR begann, sich auf der Straße zu entde– cken (»Wir sind das Volk«), da traute keiner Helmut Kohl zu, daß er die im nächsten Herbst anstehende Bundestagswahl noch einmal gewinnen könne. Er hatte abgewirtschaftet, einen Putsch seines Generalsekretärs Heiner Geißler vermochte er im Sommer auf dem CDU-Parteitag gerade noch zu unterdrücken. Sein Ansehen sank auf den Tiefpunkt.
Die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 überraschte den Bundeskanzler beim Staatsbesuch in Warschau. Am nächsten Nachmittag flog er nach Westber– lin zu einer Kundgebung, und seine Rede ging unter in einem stürmischen Pfeif– konzert, dem eine bezaubernde und mitreißende Kakophonie jenes Deutsch– landliedes folgte, das auch heute noch als Nationalhymne benutzt wird.
Solche Töne machten den alten Kampfgaul Helmut Kohl wieder munter. Und er beschloß:
Ich will der Kanzler der Einheit werden.
Aber wie? CDU-Generalsekretär Volker Rühe ließ noch Anfang Februar 1990 in einem Gespräch mit der Welt die Ängste heraus, die er schon lange hegte.
»Rühe fürchtet Verlust der Mehrheitsfähigkeit«, meldete das Springer-Blatt. Er bangte, in einem vereinten Deutschland werde sich »die Mitte« verschieben:
»Unser Land, aber auch die politischen Parteien werden ihr Koordinatensystem ändern, sie werden insgesamt protestan– tischer, nördlicher und östlicher ausgerichtet sein.«1
Aber Kohl ließ sich nicht bange machen. Er wußte einen Trick, wie man die Brü– der im Osten für seine Partei ködern kann: die harte DM. Und das schnell. Es durfte nur keiner merken, solange sich noch die falschen Leute auf den ostdeutschen Straßen und Plätzen herumtrieben. So legte Helmut Kohl am 28. November erst einmal ein gemäßigt erscheinendes »Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas« vor.
Darin stand kein Wort von der Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik, vom Anschluß, wie er dann erfolgte, sondern viel von Hilfe und von einer Konföderation beider deutscher Staaten.
Das war die Tarnkappe für die »Offensive« (so die Überschrift zum entspre– chenden Kapitel in Kohls »Erinnerungen 1982 – 1990«), die einem Ziel diente: Modrow ausschalten, Allianz für Deutschland schmieden mit der D-Mark als einzigem und wahrem Gott.
Im Tal der Ahnungslosen
Dresden, das Tal der Ahnungslosen, war der ideale Ausgangspunkt für Kohls Offensive. Mit einer historisch autoritätsgläubigen Bevölkerungsmehrheit. Im ehemaligen »Dritten Reich«, falls man das Wort »ehemalig« der DDR stehlen dürfte, der es mit gläubiger Inbrunst vorbehalten ist – im »Dritten Reich« also hatte Dresden (neben dem damaligen Breslau) die höchste Dichte von NSDAP-Mitgliedern.
Nach Dresden flog der Kanzler angeblich nur, um sich dort mit dem DDR-Minis– terpräsidenten Hans Modrow zu treffen. Indes: »Tausende von Menschen erwarten uns auf dem Flughafen, ein Meer von schwarzrotgoldenen Fahnen wehte in der kalten Dezemberluft.« Westdeutsche Fahnen, die nicht von Ham– mer und Zirkel kontaminiert sind.
Woher flutete so schnell dieses Meer von schwarzrotgoldenen Fahnen in den letzten Winkel der notleidenden DDR? In Kohls Erinnerungen ist nach Seite 688 ein Foto von der Dresdner Kundgebung zu sehen. Nur eine einzige im Meer ist eine alte DDR-Fahne, aus der man diesen Spalterkram herausgeschnitten hat, wie schon einmal, 1945, etwas anderes. Einige der neuen Fahnen flattern übri– gens von Bambusstangen. Das mußte nichts bedeuten.
Kohl ist angekommen und schon glücklich: »Als die Maschine ausgerollt war, stieg ich die Rolltreppe hinab und sah Modrow, der mich etwa zehn Meter davon entfernt mit versteinerter Miene erwartete. Da drehte ich mich zu Kanzleramts– minister Rudolf Seiters um und sagte:
›Die Sache ist gelaufen‹.«2
Das war der 19. Dezember in Dresden.
Das Treffen mit Modrow, das der Magier Kohl – »Ein wogendes Meer schwarz– rotgoldener Fahnen umgab mich«3 – unversehens in eine Großkundgebung für sich selbst verwandelte. Sehr bedachtsam sprach der baldige Kanzler aller Deutschen zwei Sätze aus:
»Wir wollen, daß sich die Menschen hier wohlfühlen. Wir wollen, daß die Menschen in ihrer Heimat bleiben und hier ihr Glück fin– den können«.4
Doch die Offensive hatte schon begonnen. Der »offensive Lösungsweg«. So nannte es Thilo Sarrazin, der in einem Trio Infernale mit seinem Chef, dem da– maligen Finanzstaatssekretär Horst Köhler, und dessen Freund Gerd Haller am Anschluß der DDR, der Vernichtung ihrer Betriebe und der damit verbundenen »Freisetzung« ihrer Belegschaften arbeitete (jW-Thema vom 13.10.2009, »Der Freund, der gute Freund«).
Auf dem offensiven Lösungsweg marschierte man bei der Hoesch AG unter dem Kommando von Detlev Karsten Rohwedder, dem späteren Treuhandchef und einstigen Staatssekretär von Wende– und Korruptionswirtschaftsminister Otto Graf von Lambsdorff, schon im November: »Hoesch bietet DDR-Übersiedlern Arbeit und Wohnungen an« plakatierte gleich nach dem Fall der Mauer Rohwed– ders Konzern.
Warum? Wozu? »Wir fragen uns, warum diese Arbeitsplätze uns nicht angebo– ten wurden«, rätselte die Dortmunder Arbeitsloseninitiative, die sofort vor der Hoesch-Hauptverwaltung mit einer Protest– und Mahnwache aufzog.
»Über 5.000 Bewerbungen sind in den letzten Jahren aus unseren Reihen bei Hoesch eingegangen. Vergebens.«
800 Anwärter aus Dortmund standen auf der Warteliste für eine Hoesch-Wohnung. 5
Den Zipfel fassen
Mit dem neuen Jahr, dem Jahr der drohenden Einheit, verdrängten die nützli– chen Patrioten (»Wir sind ein Volk«) die protestierenden Bürgerrechtler (»Wir sind das Volk«). In Paris, am 8. Januar, notiert Mitterands Sherpa Jacques Attali, was sein Präsident wahrnimmt:
»Massive Demonstrationen in zahlreichen Städten Ostdeutsch– lands. François Mitterand:
Das organisiert die CDU. Hinter allem steckt Kohl. Mir sagt er, er hätte überhaupt nichts gemacht, aber hinter meinem Rücken heizt er ein. Und er glaubt, ich würde das nicht merken!«6
Es mußte schnell gehen, es durfte nicht lang überlegt werden. Und Helmut Kohl wußte um den Mantel, der durch die Geschichte rauscht, er war ein entschiede– ner Anhänger der Zipfeltheorie, er hielt sich an dieses eherne Gesetz der Ge– schichte.
Ja, im nachhinein hört es sich einfach an: »Was immer er dem deutschen Volk geleistet, davon erzählen die Thaten unserer Geschichte. Sie berichten, wie er, unter Wenigen Einer, unbeirrt durch den Lärm der Revolution, (…) frisch und klar den Jammer des Bundestages durchschaute … Er hat nicht Glück gehabt, wie seine Gegner behaupten, sondern er hat durch die Kraft seiner Persönlichkeit, durch den Prophetenblick und den dämonischen Trotz des Genius das Glück zum Sklaven gemacht, er hat es niedergezwungen, daß es ihm diente. Er selbst hat einmal gesagt: Der Staatsmann kann nie selber etwas schaffen, er kann nur abwarten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört.«
»hallen«? Halle! Es entstand am 10. Mai 1991 auf dem Rathausplatz in Halle, je– nes unvergeßliche Bild, das den Staatsmann vor der Absperrung zeigt, wie er mit erhobenen Händen und ausgreifenden Schrittes auf eine emotional hochbe– wegte Menge zuspringt, die ihm das Fest der deutschen Auferstehung als fau– les Ei sehr nahe bringt – »dann vorspringen und den Zipfel seines Mantels zu fassen, das ist Alles.«7
Der unvergeßliche geschichtliche Moment, wo der Kanzler zuzupacken versucht, aber von seinen Schergen zurückgehalten wird, ist – hoffentlich für die Ewigkeit – mit bewegten und bewegenden Bildern bei youtube festgehalten.8
Aber Gottes Mantel ist seither versaut, den Paul Liman 1904 so großartig in seinem Bismarck-Buch beschrieb.
Trotzdem: Der kaum vergeßbare Bundespräsident Horst Köhler, der ja mit eini– gem – aber von den Menschen da draußen noch ungeahnte – Recht auch sei– nen eigenen Anzug zur chemischen Reinigung hätte bringen müssen, er hielt am 8. Februar 2006 beim Abendessen zu Ehren des »großen Staatsmanns« Helmut Kohl in seiner Tischrede fest:
»Als Sie in Dresden die Plakate sahen: ›Wir sind ein Volk‹, wuß– ten Sie, es ist soweit. Und mit der Einführung der D-Mark in der DDR war der Weg zur deutschen Einheit unumkehrbar geworden. In seinen ›Weltgeschichtlichen Betrachtungen‹ schreibt Jakob Burckhardt, einen großen Mann zeichne aus, daß ›bestimmte gro– ße Leistungen nur durch ihn innerhalb seiner Zeit und Umgebung möglich waren und sonst undenkbar sind‹.«
Das isses, was Kohl wollte.
Verfassungsauftrag für Honecker
Horst Köhler erinnerte auch an die andere eindringliche »Tischrede, die Sie, lieber Helmut Kohl, 1987 beim Besuch von Erich Honecker in Bonn gehalten haben«.
Und bevor er das Kommando (»Bitte erheben Sie mit mir das Glas auf ihn: Helmut Kohl – ad multos annos!«) zum großen Besäufnis gibt, zitiert Köhler, ohne Arg, was Kohl dem Honecker damals gesagt hat: »Die Präambel unseres Grundgesetzes steht nicht zur Disposition, weil sie unserer Überzeugung ent– spricht.
Sie will das vereinte Europa, und sie fordert das gesamte deutsche Volk auf, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Das ist unser Ziel. Wir stehen zu diesem Verfassungsauftrag, und wir haben keinen Zweifel, daß dies dem Wunsch und Willen, ja der Sehnsucht der Menschen in Deutschland entspricht.«
Moment, wie hat Kohl da den Honecker geärgert? Präambel Grundgesetz, das gesamte deutsche Volk in freier Selbstbestimmung, Verfassungsauftrag, viel– leicht auch noch gemäß Artikel 146? Welcher Idiot hatte dem Bundespräsiden– ten solche Sprüche aufgeschrieben?
Honecker ist längst weg – die Präambel samt freier Selbstbestimmung liegt im Müll, die Ostdeutschen durften nur noch beitreten.
Was 1987 gegen Honecker gut und richtig war – das hat sich doch 2006 längst erledigt. Und überhaupt, mußte Bundespräsident Köhler nach so langer Zeit noch den großen Staatsmann Helmut Kohl überhaupt an diesen Staatsbesuch erinnern?
Taktgefühl war seine Stärke nie – die Präambel und das ganze Drumherum war doch schon 1990 für diese Wiedervereinigung absoluter Schrott, es stand nicht mal mehr zur Disposition und niemand war darüber besser informiert als Horst Köhler, dessen Freund und Mitarbeiter Gerd Haller im Ministerium im Januar 1990 insgeheim jammerte, daß man, um die Aufbruchstimmung nicht zu beein– trächtigen, ja nicht vom »Anschluß« der DDR reden dürfe, den man alsbald prak– tizierte.
Für die Zusammenführung der beiden deutschen Völker, die sich in den Jahr– zehnten des Auseinanderlebens gebildet hatten, galt – verfassungsrechtlich, aber das zählte ja nicht – jene Präambel des Grundgesetzes, mit der Kohl Honecker foppte. Und das Grundgesetz galt – Artikel 146 – ausdrücklich nur »für eine Übergangszeit« bis zur Vereinigung. Von Anschluß oder Beitritt keine Rede.
Beitritt übrigens ist, wie Kohl in den national befreiten Zonen leicht hätte beob– achten können, der Tritt auf den am Boden Liegenden von der Seite her. Ins Gesicht oder zwischen die Rippen.
Und zwar ohne den doch völlig obsolet gewordenen Artikel 146, der nur Um– stände gemacht hätte auf dem Eilmarsch des gesamten deutschen Volkes in die Freiheit der D-Mark. Der Artikel steht zwar immer noch in den Büchern, aber er hat sich vor der Geschichte dieses Volkes lächerlich gemacht: »Dieses Grundge– setz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden ist.«
Spätestens seit Helmut Kohls »Wiedervereinigung« gibt es das »gesamte deut– sche Volk« nicht mehr, weil sich die beiden Teile keine gemeinsame Verfassung geben durften. »Im Osten haben wir gedacht, wir sind zwei Staaten in einem Volk«, meinte Lothar de Maizière 1995 und fügte hinzu: »Heute scheint es so, als ob es zwei Völker in einem Staat gäbe.«9
Allianz für Deutschland
Die Bundeszentrale für politische Bildung stellte im Jahr 2000 fest: »Die Wirt– schafts– und Währungsunion vom Juli 1990 wurde gegen den Rat fast aller wirtschaftlichen Sachverständigen aus zwingenden politischen Gründen eingeführt (›Kommt die DM, bleiben wir. Kommt sie nicht, gehn wir zu ihr‹). Die westdeutsche Bundesrepublik hat sich die DDR nicht einverleibt, sondern diese ist ihr ziemlich überstürzt beigetreten …«10
Wie macht man sich so eine Überstürzung?
»Die CDU Rhein-Erft trauert um Karl Schumacher, der am 23. Dezember 2006 im Alter von 80 Jahren verstorben ist«, beklagte am 17. Januar 2007, mit einer sub specie aeternitatis verständlichen Verzögerung, der Heimatverein des Dahinge– gangenen den ansonsten kaum vermerkten Tod des Leiters der Hauptabteilung Organisation der Bundes-CDU. Die CDU Rhein-Erft vermerkte – das ist normal, wenn jemand gerade verschieden ist – nur Gutes:
»Drei Jahrzehnte lang diente Karl Schumacher der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands mit Geschick, Ausdauer und Souveränität … Den Fall des ›Eisernen Vorhangs‹ hat er hautnah miterlebt und die Eingliederung der Kreis– und Landesverbände in den neuen Bundesländern in die CDU Deutschlands eigenhändig mitgestaltet. Mit enormer Kraft, hohem persönlichem Engagement und unschätzbarer Erfahrung hat er dort die Parteiorganisation aufgebaut.«11
Bei Nacht und Nebel
Vor dieser eigenhändigen Leistung verneigen sich die Rhein-Erfter CDU-Leute und zollen dem Verstorbenen ihren Respekt.
Ein besonderes Verdienst erwarb sich Karl Schumacher am 22. Januar 1990. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lockte den Vorsitzenden der damals noch als »Blockpartei« auf Distanz gehaltenen DDR-CDU Lothar de Maizière zu einem Sondierungsgespräch über die bevorstehenden DDR-Wahlen in die Abfertigungshalle des Westberliner Flughafens Tegel. Kohl-Biograph Klaus Dreher berichtet:
»In der ungemütlichen Flugzeughalle sitzend, wirkte de Maizière nervös und angespannt auf Schäuble und überfiel ihn sofort mit der Frage, die ihn offenbar mehr als alles andere beschäftigte: ›Warum redet Kohl mit allen anderen, nur nicht mit mir? Will die CDU wirklich im Wahlkampf an uns vorbeigehen?‹«12
Während Schäuble – damals noch eng vertraut mit seinem Kanzler – den Ost-CDU-Vorsitzenden so beschäftigte, fuhr West-CDU-Organisationschef Karl Schumacher mit einem Kleinbus nach Ost-Berlin, um in einer »Nacht und Nebelaktion« (Dreher) die gesamten Personalakten der Ost-CDU einzupacken und sie in die Bonner CDU-Zentrale zu schaffen.13
Eine Woche später. Am 29. Januar beschließt das CDU-Präsidium in Bonn auf An– trag von Helmut Kohl eine »Allianz für Deutschland«. Dazu werden Demokrati– scher Aufbruch, Deutsche Soziale Union, Deutsche Forumspartei mit der Ost-CDU als neuer freiheitlicher Block zusammengefügt – sie selber wissen da noch nichts davon.
Nach weiteren zwei Tagen, am 1. Februar, erfahren die führenden Leute der DDR-Parteien im Westberliner Gästehaus der Bundesregierung – Peter-Michael Diestel von der DSU hat dort erst einmal die Freunde von der Ost-CDU als »rote Socken« beschimpft – nunmehr von Helmut Kohl, daß sie gemeinsam als die »Allianz für Deutschland« in den Wahlkampf ziehen werden. Stasi-Mann Wolfgang Schnur ist für den Demokratischen Aufbruch auch dabei.
Für die im März bevorstehenden DDR-Wahlen erfährt Ost-CDU-Chef de Maizière endlich auch die notwendige Zuwendung. Er darf zusammen mit Helmut Kohl in der DDR auftreten und bekommt dafür aus Bonn den »Entwurf für eine ›Rede auf dem Marktplatz‹ als Modell vorgelegt«. Der kommende Ministerpräsident der DDR über sein Briefing durch die Bonner CDU-Zentrale: »Ich erfuhr unter ande– rem, daß man keine Gedanken entwickeln, sondern Thesen verkünden solle und ähnliches mehr.«14
Jeder CDU-Landes– und Kreisverband im Westen erkürt sich einen Partnerkreis im Osten, um ihm in der Wahlschlacht beizustehen – mit Mensch und viel Mate– rial.15 Beispielsweise mit aus der Bonner Parteizentrale gelieferten Transparen– ten, auf denen nach vierzig Jahren Diktatur die so lang unterdrückten Menschen endlich ihre Sehnsüchte formuliert bekommen.
Kohl-Intimus Teltschik übrigens hatte fünf Tage später am 6. Februar in sein Tagebuch geschrieben:
»Am Nachmittag kündigt der Bundeskanzler völlig überraschend in der CDU/CSU-Bundestags-Fraktion seine Absicht an, ›mit der DDR unverzüglich in Verhandlungen über eine Währungsunion und Wirtschaftsreformen einzutreten‹.«
Und verrät sich etwas unbedacht:
»Unsere Überlegung war: Wenn wir nicht wollen, daß sie zur D-Mark kommen, muß die D-Mark zu den Menschen gehen.«
16 »Menschen« – damit meint er die DDR-Bewohner. Daniela Dahn, die im Osten alles miterlebt hat, fand diesen Eintrag bemerkenswert:
»Interessant daran ist, daß erstmals am 12.2.1990, also sechs Tage danach, auf der Leipziger Montagsdemonstration die Losung ›Kommt die D-Mark nicht nach hier – geh’n wir zu ihr!‹ auftauchte.« 17
»Alle zogen mit«, heißt der Beitrag von Horst Köhler in Waigels Bekenntnisbuch »Tage, die Deutschland und die Welt veränderten.«
Dort findet sich ein weder erläutertes noch datiertes Foto: Aus dem Dunkel der Nacht, die mutmaßlich die Masse der ins Licht der Freiheit drängenden Demons– tranten im Osten verbirgt, erhebt sich ein Transparent. Auf weißem Untergrund die schwarze Schrift: »Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!«18
Es ist der Gesamtschrei unserer Brüder und Schwestern in Unfreiheit nach Erlö– sung durch unser (inzwischen infolge des Euro abhanden gekommenes) kost– barstes Gut.
Etwas fällt auf. Befestigt ist das Tuch mit der nach Westen dräuenden Aufschrift nicht an zwei Holzlatten, wie man sie damals selbst im Not– und Mangelstaat DDR leicht bekommen konnte. Befestigt ist der Schrei nach der D-Mark an zwei Bambusstangen. Und die waren in der DDR noch etwas rarer als Bananen. Aber das muß nichts bedeuten
Hans Ulrich Kempski, der Chefreporter, hat in der Süddeutschen Zeitung die Bonner Republik von ihrem Beginn 1949 bis zu ihrem siegreichen Ende stilvoll begleitet. Helmut Kohl nahm ihn im März 1990 in seiner Chartermaschine mit, damit er ihn beim Wahlkampf in der bald ehemaligen DDR begleite, was sich auszahlte. »Dem Kanzler gelingt offenbar, gleichsam mit seinem ganzen Wesen, vertrauenerweckende Botschaften auf den Weg zu geben, die geeignet sind, unmittelbare Bindungen an seine Person herzustellen«, stellt Kempski ironiefrei fest.
»Nimm uns an die Hand«
Aber etwas anderes ist wichtiger. Kempski kennt Karl Schumacher und kann so schreiben: »Ein Kanzler-Wahlkampf verlangt, daß Kohl kanzlerhaft ins Bild kommt. Und kanzlerhaft ist identisch mit ›groß‹. Damit das Ganze kanzlerhaft wird, ist aus der Bonner CDU-Zentrale Karl Schumacher angereist, ein in den letzten 17 Jahren, seitdem Kohl CDU-Vorsitzender ist, erprobter Organisator.
Schumacher überläßt nichts dem Zufall. Er hat für die imposant dekorierte Rednertribüne gesorgt, für geschickte Scheinwerferbestrahlung, für gut ausgesteuerte Lautsprecheranlagen, für Luftballons und Flugzettel und für sonstigen Propaganda-Schnickschnack in bunter Fülle.«
Und das alles kostete kaum etwas: »Denn viel von dem, was zur Unterstützung des Kanzler-Wahlkampfes in die Deutsche Demokratische Republik geschickt worden ist, wurde gespendet: Autos, Computer, Schreibmaschinen, Büroinven– tar, Zeitungen, Plakate.«19
So auch ein Transparent, das Kohl stolz in seinen Memoiren abbildet: »Helmut nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland«.
Helmut Kohl, der ihm so viel verdankt, gedenkt »meines langjährigen Freundes Karl Schumacher« in seinen Memoiren »Erinnerungen 1982 – 1990«, die 2005 erschienen, nur einmal am Rande. Verständlich, denn das Wunder der friedli– chen Revolution hat den Freund Schumacher vor einem Verfahren bewahrt, das im Gefängnis hätte enden können. Siemens beispielsweise, der bekannte Kor– ruptionskonzern, hatte Schumachers Organisationszentrale mit kostenloser EDV-Technik für die CDU-Geschäftsstellen draußen im Land ausgerüstet. Was nicht als Spende abgerechnet wurde.
Dazu hatte Schumacher die Dico-Soft Dienstleistungs-Computer und Software GmbH gegründet, die der CDU gehörte und ihm unterstand, dem CDU-Organisa– tionschef und Kohl-Intimus.
Kurz vor der Jahrtausendwende entdeckte die Berliner Zeitung einen internen Prüfbericht des CDU-Wirtschafts– und Steuerberaters Wolfgang Weyrauch vom September 1989, der in Schumachers Kasse ein Minus von 3,9 Millionen D-Mark ausgemacht hatte und offenbarte, »wie im innersten Zirkel getrickst und vertuscht wurde, wie ein frisch überführter Täter aus übergeordneten Gründen freigesprochen wurde«.
Sonst hätte Schumacher »wegen unterlassener Konkursanmeldung« bestraft werden können. Davor bewahrt ihn eine »schützende Hand«. Sie gehörte Helmut Kohl.20
Diese Hand fand reichen Lohn. Zwei Monate später machte die Mauer auf, und Helmut Kohl brauchte, als er begriffen hatte, daß er Kanzler der Einheit werden mußte, dringend das Organisationsgenie des hochtalentierten Karl Schumacher. Keiner konnte besser als er den Ossis klarmachen, wie Hals über Kopf sie die D-Mark bräuchten.
Und übermorgen abend im Palais am Funkturm gibt Angela Merkel dem Kanzler der Einheit einen Empfang und feiert mit ihm die – völlig zwanglose – Vereini– gung von West– und Ost-CDU vom 2. Oktober 1990.
Quelle: jungeWelt – Mit freundlicher Genehmigung. Vielen Dank !
Anmerkungen
1 Die Welt, 8.2.1990
2 Helmut Kohl, Erinnerungen. 1982 – 1990, München 2005, S.1020
3 Kohl, a.a.O., S.1023
4 Kohl, a.a.O., S.1025
5 Metall, 17.11.1989
6 Jacques Attali, Verbatim, Band 3, Paris 1995, S.392
7 Paul Liman, Fürst Bismarck nach seiner Entlassung, Berlin 1904, S.3
8 www.youtube.com/watch?v=BGOZKGXSC3Y&NR=1
9 Lothar de Maizière, Anwalt der Einheit. Ein Gespräch mit Christine de Mazière, Berlin 1996, S.169
11 Zum Tod Karl Schumacher. CDU Rhein-Erft trauert um ehemaligen Hauptabteilungsleiter, 17.01.2007 (www.cdu-rhein-erft.dewww.cdu-rhein-erft.de)
12 Klaus Dreher, Helmut Kohl. Leben mit Macht, Stuttgart 1998, S.503
13 Dreher, a.a.O., S.504
14 de Maizière, a.a.O., S.76
15 Helmut Kohl, Ich wollte Deutschlands Einheit. Dargestellt von Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth, Berlin 1996, S.287ff.
16 Horst Teltschik, 329 Tage. Innenansichten der Einigung, Berlin 1991, S.125
17 Daniela Dahn, Wir bleiben hier oder Wem gehört der Osten?, Reinbek 1994, S.48
18 Theo Waigel/Manfred Schell, Tage, die Deutschland und die Welt veränderten, München 1994, S.97 (unpaginiert neben S.96)
19 Hans Ulrich Kempski, Um die Macht Sternstunden und sonstige Abenteuer mit den Bonner Bundeskanzlern 1949 bis 1999, Berlin 1999, S.325
20 Berliner Zeitung, 7.12.1999; auch Die Zeit, 28/2000
Beitragsdetails
Kategorie » Geschichte, Parteien u. Politiker, Politik/Wirtschaft « | Tags » Angela Merkel, CDU, DDR, Helmut Kohl, Horst Köhler, Wiedervereinigung «
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