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Zur psychosozialen Lage in Deutschland: Psychische Krisen als Massenphänomen

Donnerstag, 28. Oktober 2010-12:45 -|- Eingestellt von: |

Ein Aufruf ver­schie­dener Ärzte | Con­nec­tion | — Die Lage ist ernst, ja sogar besorg­nis­er­re­gend: 21 lei­tende Ärzte und Wis­sen­schaftler, dar­unter Dr. Joa­chim Galuska, Ärzt­li­cher Direktor und Geschäfts­führer der Hei­li­gen­feld Kli­niken in Bad Kis­singen, bringen in einem Aufruf ihre per­sön­liche tiefe Erschüt­te­rung über die psy­cho­so­ziale Lage in Deutsch­land zum Ausdruck.

Inzwi­schen leiden rund 30 % der Bevöl­ke­rung in Deutsch­land inner­halb eines Jahres an einer dia­gnos­ti­zier­baren psy­chi­schen Stö­rung. Über 1.250 Fach­leute aus dem Bereich der Behand­lung und der Beglei­tung psy­cho­so­zialer und seeli– scher Pro­bleme unter­stützen die Initia­tive bereits mit ihrer Unterschrift.

In allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen, allen Alters­gruppen, bei beiden Geschlech– tern, in allen Schichten und in allen Nationen zuneh­menden Wohl­stands neh– men see­li­sche Erkran­kungen zu und besitzen ein besorg­nis­er­re­gendes Ausmaß im Hin­blick auf Arbeits­un­fä­hig­keit, Beren­tung, Behand­lungs­not­wen­dig­keit, Pro– duk­ti­ons­aus­fälle und gesell­schaft­liche Kosten.

Auf­grund dieser Ent­wick­lung ist trotz des kon­ti­nu­ier­lich ver­bes­serten Ver­sor­gungs­an­ge­bots eine ange­mes­sene Behand­lung nur in Ansätzen mög­lich. Ange­sichts der vor­herr­schenden gesell­schaft­li­chen Ori­en­tie­rung an mate­ri­ellen und äußeren Werten wird die Bedeu­tung des Psy­cho­so­zialen dra­ma­tisch unter– schätzt. Daher wird ein gesell­schaft­li­cher Dialog über diese Situa­tion in allen rele­vanten gesell­schaft­li­chen Fel­dern und nicht nur in der psy­cho­so­ma­ti­schen Medizin nötig.

Der Aufruf

Wir sind Fach­leute, die Ver­ant­wor­tung für die Behand­lung see­li­scher Erkrankun– gen und den Umgang mit psy­cho­so­zialem Leid in unserer Gesell­schaft tragen. Wir möchten unsere tiefe Erschüt­te­rung über die psy­cho­so­ziale Lage unserer Gesell­schaft zum Aus­druck bringen. In unseren Tätig­keits­fel­dern erfahren wir die per­sön­li­chen Schick­sale der Men­schen, die hinter den Sta­tis­tiken stehen.

Die Fakten

See­li­sche Erkran­kungen und psy­cho­so­ziale Pro­bleme sind häufig und nehmen in allen Indus­trie­na­tionen ständig zu. Rund 30 % der Bevöl­ke­rung leiden inner­halb eines Jahres an einer dia­gnos­ti­zier­baren psy­chi­schen Stö­rung. Am häu­figsten sind Depres­sionen, Angst­stö­rungen, psy­cho­so­ma­ti­sche Erkran­kungen und Suchterkrankungen.

Der Anteil psy­chi­scher Erkran­kungen an der Arbeits­un­fä­hig­keit nimmt seit 1980 kon­ti­nu­ier­lich zu und beträgt inzwi­schen 15 bis 20 %. Der Anteil psy­chi­scher Er– kran­kungen an vor­zei­tigen Beren­tungen nimmt kon­ti­nu­ier­lich zu. Sie sind inzwi– schen die häu­figste Ursache für eine vor­zei­tige Berentung.

Psy­chi­sche Erkran­kungen und Ver­hal­tens­pro­bleme bei Kin­dern und Jugend­li­chen nehmen kon­ti­nu­ier­lich zu. Psy­chi­sche Stö­rungen bei älteren Men­schen sind häu– fig und nehmen ständig zu.

Nur die Hälfte der psy­chi­schen Erkran­kungen wird richtig erkannt, der Spontan– ver­lauf ohne Behand­lung ist jedoch ungünstig: Knapp ein Drittel ver­schlech­tert sich und knapp die Hälfte zeigt keine Ver­än­de­rung, chro­ni­fi­ziert also ohne Be– handlung.

In allen Alters­gruppen, bei beiden Geschlech­tern, in allen Schichten und in allen Nationen zuneh­menden Wohl­stands nehmen see­li­sche Erkran­kungen zu und besitzen ein besorg­nis­er­re­gendes Ausmaß. Die gesell­schaft­li­chen Kosten der Gesund­heits­schäden durch Pro­duk­ti­vi­täts­aus­fälle, medi­zi­ni­sche und the­rapeu– tische Behand­lungen, Kran­ken­geld und Ren­ten­zah­lungen sind enorm.

Eine ange­mes­sene medi­zi­ni­sche und the­ra­peu­ti­sche Ver­sor­gung ist welt­weit nicht mög­lich. Trotz der kon­ti­nu­ier­li­chen Zunahme an psy­cho­so­zialen medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­an­ge­boten ist die Ver­sor­gung auch in Deutsch­land ange­sichts der Dynamik und des Aus­maßes der see­li­schen Erkran­kungen nur in Ansätzen möglich.

Gesell­schaft­liche Fehlentwicklungen

Die Ursache dieser Pro­blem­lage besteht nach unseren Beob­ach­tungen in zwei gesell­schaft­li­chen Entwicklungen:

  • 1. Die psy­cho­so­ziale Belas­tung des Ein­zelnen durch indi­vi­du­ellen und gesell­schaft­li­chen Stress, wie z. B. Leis­tungs­an­for­de­rungen, Informa– tions­über­flu­tung, see­li­sche Ver­let­zungen, beruf­liche und per­sön­liche Über­for­de­rungen, Kon­sum­ver­füh­rungen, usw. nimmt stetig zu.
  • 2. Durch fami­liäre Zer­falls­pro­zesse, beruf­liche Mobi­lität, vir­tu­elle Bezie– hungen, häu­fige Tren­nungen und Schei­dungen kommt es zu einer Redu– zie­rung trag­fä­higer sozialer Bezie­hungen und dies sowohl qua­li­ta­tiver als auch quan­ti­ta­tiver Art.

Die Kom­pe­tenzen zur eigenen Lebens­ge­stal­tung, zur Bewäl­ti­gung psy­choso– zialer Pro­blem­lagen und zur Her­stel­lung erfül­lender und trag­fä­higer Beziehun– gen sind den Anfor­de­rungen und Her­aus­for­de­rungen dieser gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungen bei vielen Men­schen nicht gewachsen.

Ange­sichts der vor­herr­schenden gesell­schaft­li­chen Ori­en­tie­rung an mate­ri­ellen und äußeren Werten werden die Bedeu­tung des Sub­jek­tiven, der inneren Wer– te und der Sinn­ver­bun­den­heit dra­ma­tisch unterschätzt.

For­de­rungen

  • Wir benö­tigen einen gesell­schaft­li­chen Dialog über die Bedeu­tung des Sub­jek­tiven, des See­li­schen, des Geistig-​spirituellen, des sozialen Mit­ein­an­ders und unseres Umgangs mit Pro­blemen und Stö­rungen in diesem Feld.
  • Wir benö­tigen einen neuen Ansatz zur Prä­ven­tion, der sich auf die grund­le­genden Kom­pe­tenzen zur Lebens­füh­rung, zur Bewäl­ti­gung von Ver­än­de­rungen und Krisen und zur Ent­wick­lung von trag­fä­higen und erfül­lenden Bezie­hungen konzentriert.
  • Wir benö­tigen eine Gesund­heits­bil­dung, Erlernen von Selbst­füh­rung und die Erfah­rung von Gemein­schaft schon im Kin­der­garten und in der Schu– le, z. B. in Form eines Schul­fa­ches "Gesundheit".
  • Wir benö­tigen eine ganz­heit­liche, im echten Sinne psy­cho­so­ma­ti­sche Medizin, die die gegen­wär­tige Tech­no­lo­gi­sie­rung und Ökono­mi­sie­rung der Medizin durch eine Sub­jekt­ori­en­tie­rung und eine Bezie­hungs­dimen– sion ergänzt.
  • Wir benö­tigen eine Wirt­schafts­welt, in der die Profit– und Leis­tungs– ori­en­tie­rung ergänzt wird durch eine Sinn– und Lebens­ori­en­tie­rung für die Tätigen.
  • Wir benö­tigen einen inte­grie­renden, sinn­stif­tenden und soziale Bezüge erhal­tenden Umgang mit dem Alter.
  • Wir benö­tigen eine das Sub­jek­tive und Per­sön­liche respek­tie­rende, Grenzen ach­tende und Men­schen wert­schät­zende Medienwelt.
  • Wir benö­tigen ein poli­ti­sches Han­deln, das bei seinen Ent­schei­dungen die Aus­wir­kungen auf das sub­jek­tive Erleben und die psy­cho­so­zialen Bewäl­ti­gungs­mög­lich­keiten der Betrof­fenen reflek­tiert und berück­sich– tigt.
  • Wir benö­tigen mehr Herz für die Menschen.

Das Anliegen

Wir haben, auf Initia­tive von Dr. Joa­chim Galuska, im Kreis lei­tender Ärzte huma– nistisch-​integrativer Psy­cho­so­ma­ti­scher Kli­niken die erschre­ckende Ent­wick­lung der psy­cho­so­zialen Belas­tung in Deutsch­land und letzt­lich in allen Indus­triena– tionen diskutiert.

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das Ausmaß der Pro­ble­matik in unse– rer Gesell­schaft nicht aus­rei­chend wahr­ge­nommen wird und möchten mit einer Art Memo­randum einen gesell­schaft­li­chen Dialog dar­über anstoßen, wie wir die Pro­ble­matik ver­stehen und was getan werden kann.

Wir möchten zunächst einmal keine bestimmte Ziel­gruppe anspre­chen, son­dern alle Men­schen, denen die psy­cho­so­ziale Lage unseres Landes am Herzen liegt. Der Aufruf möchte unsere Betrof­fen­heit und Erschüt­te­rung aus­drü­cken und ge– schieht aus Mit­ge­fühl und Mit­ver­ant­wor­tung für die Men­schen in unserer Gesell– schaft.

Wir glauben nicht, dass ein bestimmter Sektor der Gesell­schaft, wie z. B. die Schule, die Familie, die Politik oder die Wirt­schaft dafür ver­ant­wort­lich ist, son­dern dass es sich um eine all­ge­meine und grund­le­gende Ent­wick­lung der modernen Gesell­schaften han­delt, die bisher nicht ange­messen erkannt wird. Der Aufruf möchte dies bewusst machen und ist nicht als Pro­vo­ka­tion gemeint.

Wir wollen zu einem offenen gesell­schaft­li­chen Dialog über die psy­cho­so­ziale Lage, ihre mög­li­chen Ursa­chen und sinn­volle Hand­lungs­an­sätze aufrufen.

Quelle: Con­nec­tion – Der Verlag fürs Wesentliche

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Ver­lags “Con­nec­tion” zur Ver­öf­fent­li­chung hier auf Mein Poli­tik­blog. Vielen Dank dafür !

Anm. d. Red.: Auf der Seite bei “Con­nec­tion” befindet sich auch eine Unter­zeich­ner­liste für diesen Aufruf.

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gelesen: 480 · heute: 3 · zuletzt: 15. Mai 2012

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