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Der Mann vom IWF

Dienstag, 11. Januar 2011-11:59 -|- Eingestellt von: |

Von German For­eign Policy | — BERLIN/​ABIDJAN (Eigener Bericht) — Ungeachtet starker Pro­teste in Côte d'Ivoire halten Berlin und die EU an ihrer For­de­rung nach der Ein­set­zung des ehe­ma­ligen IWF-​Vizedirektors Alas­sane Ouat­tara zum Staats­präsi– denten in Abidjan fest. Nach den jüngsten Prä­si­dent­schafts­wahlen hatten sowohl der Amts­in­haber Lau­rent Gbagbo als auch Oppo­si­ti­ons­chef Ouat­tara den Sieg bean­sprucht und sich bereits ver­ei­digen lassen.

Weil Ouat­taras Par­tei­gänger in weiten Teilen des Landes keine Wahl­be­ob­achter zu– gelassen hatten, ist ein zuver­läs­siges Urteil über den Wahl­aus­gang unmög­lich. Bis heute sind in den auf die Wahlen fol­genden gewalt­samen Kämpfen bis zu 200 Men– schen ums Leben gekommen; Zehn­tau­sende sind auf der Flucht.

Eine Neu­auf­lage des erst 2007 been­deten Bür­ger­krieges ist nicht aus­zu­schließen. Weil Côte d'Ivoire eine grund­sätz­lich hohe poli­ti­sche und ökono­mi­sche Bedeu­tung zuge­schrieben wird, bestehen die west­li­chen Indus­trie­staaten auf einem Rückzug Gbagbos, der sich gele­gent­lich anti­ko­lo­niale Stim­mungen in der Bevöl­ke­rung zu- nutze macht und des­wegen in der EU und den USA als unzu­ver­lässig gilt.

Berlin schließt sich zwar den aktu­ellen Sank­tionen gegen Gbagbo an, will jedoch zugleich ein Gegen­ge­wicht gegen Ouat­tara instal­lieren: Dieser gilt als Mann Frank­reichs; man befürchtet, er könne deut­sche Inter­essen zu wenig berücksichtigen.

Wahl­sieg: Unklar

Ent­gegen den Dar­stel­lungen in den meisten deut­schen Medien besteht keine Gewiss– heit über den Wahl­sieg Alas­sane Ouat­taras. De facto ist Côte d'Ivoire seit dem Ende des Bür­ger­krieges in zwei unter­schied­liche Macht­sphären auf­ge­teilt. Den Norden des Landes kon­trol­lieren die ehe­ma­ligen Rebellen der Forces Nou­velles (FN) unter Guil­laume Soro, der zuletzt als Pre­mier­mi­nister einer Ein­heits­re­gie­rung unter Gbagbo amtierte. Die FN unter­stützen Ouat­tara, der im Norden der Côte d'Ivoire geboren wur– de. Der wirt­schaft­lich stär­kere Süden wird dagegen von Gbagbo kontrolliert.

Inter­na­tio­nale Wahl­be­ob­achter haben die Wahlen für "weit­ge­hend frei und fair" erklärt, aller­dings zum Norden des Landes keinen Zutritt erhalten.[1] Gbagbo will Ergeb­nisse von bis zu 90 Pro­zent für Ouat­tara in ein­zelnen nörd­li­chen Gebieten nicht aner­kennen. Wäh­rend die offi­zi­elle ivo­ri­sche Wahl­kom­mis­sion ihm wider­spricht — sie ist zu zwei Drit­teln von seinen Oppo­nenten besetzt -, teilt das ihm nahe­ste­hende Ver­fas­sungsge– richt seine Posi­tion. Trotz aller Unklar­heiten hat die deut­sche Regie­rung eben­so­wenig wie die UNO gezö­gert, Ouat­tara als Wahl­sieger anzuerkennen.

"In erster Linie Ökonom"

Ouat­tara selbst, der über enge Kon­takte zu den west­li­chen Wirt­schafts­mächten, ins– beson­dere aber zu Frank­reich ver­fügt, cha­rak­te­ri­siert sich mit den Worten: "Ich bin in erster Linie Ökonom".[2] In der Tat arbei­tete er viele Jahre zwi­schen 1968 und 1990 sowie von 1994 bis 1999 beim Inter­na­tio­nalen Wäh­rungs­fonds (IWF). In den 1980er Jahren lei­tete er dessen Afrika-​Abteilung und war damit in expo­nierter Posi­tion an der Durch­set­zung der dama­ligen Struk­tur­an­pas­sungs­pro­gramme beteiligt.

Diese banden die Kre­dit­ver­gabe an die Rea­li­sie­rung weit­rei­chender Aus­te­ri­täts­pro­gramme und rich­teten im Ergebnis die soziale Infra­struktur der betroffe– nen Länder zugrunde. Zwi­schen 1994 und 1999 amtierte Ouat­tara beim IWF sogar als Vizedirektor.

Von 1990 bis 1993 war er in der Côte d'Ivoire letzter Pre­mier­mi­nister des auto­ri­tären pro­west­li­chen Staats­prä­si­denten Felix Houphouët-​Boigny. Auch in diesem Amt erwies er sich als kom­pro­miss­loser Ver­fechter harter Kür­zungs­po­litik. Mit seiner Bio­gra­phie emp­fiehlt sich Ouat­tara als Kan­didat, von dem sich west­liche Unter­nehmen die Durch– set­zung ihrer Ver­wer­tungs­in­ter­essen erhoffen können.

Markt­öff­nung

Dabei wurden schon in der jüngsten Ver­gan­gen­heit poli­ti­sche Vor­keh­rungen getroffen, die genau diesem Ziel dienen. Ende 2008 schloss Côte d'Ivoire als erstes Land Afrikas ein Inte­rims­ab­kommen mit der EU, das den ivo­ri­schen Markt für aus­wär­tige Importe öffnet und vier Fünftel der ivo­ri­schen Ein­fuhren aus der EU begüns­tigt. Der im Land benutzte west­afri­ka­ni­sche CFA-​Franc ist mit festem Wech­sel­kurs an den Euro gebunden.

Wie die bun­des­ei­gene Außen­wirt­schafts­agentur gtai schreibt, besitze Côte d'Ivoire, das Zen­trum der west­afri­ka­ni­schen Fran­ko­phonie, ein großes wirt­schaft­li­ches Poten­zial; lukrativ seien unter anderem bedeu­tende Infra­struk­tur­pro­jekte wie geplante Neubau– und Sanie­rungs­maß­nahmen in Häfen und Flug­häfen, bei Straßen und Kom– muni­ka­ti­ons­netzen. Nicht zuletzt wird seit 2005 in dem Land auch Erdöl geför­dert. Im Oktober 2010 haben die fran­zö­si­sche Total und Yam's Petro­leum LLC einen Ver­trag über die Aus­beu­tung eines Ölfeldes geschlossen, in dem bis zu 1,5 Mil­li­arden Barrel Öl ver­mutet werden.[3]

Unsi­cherer Kantonist

Umso grö­ßeren Wert legen EU und USA darauf, Ouat­tara in Abidjan an die Regie­rung zu bringen. Gbagbo gilt ihnen als unsi­cherer Kan­to­nist: Er gefällt sich zuweilen in der Rolle des popu­lis­ti­schen Volks­tri­buns und nutzt gele­gent­lich die in der ivo­ri­schen Be– völ­ke­rung mitt­ler­weile ver­brei­tete anti­ko­lo­niale, ins­be­son­dere anti­fran­zö­si­sche Stimmung.

Zuletzt for­derte er den Rückzug der UNO-​Truppen aus dem Land. Ouat­tara dagegen hat seine Bereit­schaft, die Inter­essen der Indus­trie­staaten zu bedienen, wäh­rend seiner Tätig­keit beim IWF aus­führ­lich unter Beweis gestellt. Ins­be­son­dere ver­fügt er über beste Bezie­hungen zur ehe­ma­ligen Kolo­ni­al­macht Frank­reich, die nach wie vor mit 40 Pro­zent den größten Anteil des aus­län­di­schen Kapi­tals in Côte d'Ivoire stellt.

Das Militär in Schlüsselstellung

Am bis heute exklu­siven fran­zö­si­schen Ein­fluss in Côte d'Ivoire stört sich schon seit Jahren Berlin. Die Bezie­hungen zu Abidjan seien zwar "unbe­lastet", aber "wegen der starken Affi­nität des Landes zu Frank­reich nicht son­der­lich aus­ge­prägt", hieß es etwa 2004 bedau­ernd im Aus­wär­tigen Amt.[4] Bereits 2002 hatte die Stif­tung Wis­sen­schaft und Politik (SWP) dafür plä­diert, "ein 'Vor­wärts in die Ver­gan­gen­heit' neo­ko­lo­nialer Ein– mischung" Frank­reichs in Côte d'Ivoire zu ver­hin­dern — zugunsten erhofften deut­schen Einflusses.[5]

Ent­spre­chend unter­stützt Deutsch­land zwar die Sank­tionen der EU gegen Gbagbo, die das Ein­frieren seiner euro­päi­schen Konten und ein Ein­rei­se­verbot gegen ihn und seine wich­tigsten Mit­ar­beiter vor­sehen. Zurück­hal­ten­dere Stimmen sind aller­dings aus dem Vor­feld des Aus­wär­tigen Amts zu ver­nehmen. So heißt es etwa beim Poli­ti­schen Dialog West­afrika der CDU-​nahen Konrad-​Adenauer-​Stiftung, man plä­diere für eine "lan­des­in­terne Lösung", bei der "das Militär eine Schlüs­sel­stel­lung" einnehme.

"Fremde Truppen wie die UN-​Blauhelme" müssten "ihre Unpar­tei­lich­keit bewahren", weil sie andern­falls als "Besat­zungs­truppen ange­sehen" würden.[6] Der Leiter der ivo­ri­schen Außen­stelle der Friedrich-​Ebert-​Stiftung, Jens Hett­mann, äußerte sich in einem Rund­funk­in­ter­view ähnlich und erklärte die vor­be­halt­lose Aner­ken­nung Ouatta– ras durch die UNO für "schwer nachvollziehbar".[7]

Risiken des Machtwechsels

Tat­säch­lich ist es Berlin wäh­rend Gbagbos Amts­zeit gelungen, seinen bis­lang eher schwa­chen Ein­fluss in Côte d'Ivoire aus­zu­weiten. So ist etwa die Deut­sche Gesell– schaft für Inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit (giz, vor­mals GTZ) seit meh­reren Jahren mit einem Pro­jekt zur För­de­rung der Pri­vat­wirt­schaft in Côte d'Ivoire befasst, das geeignet ist, deut­schen Unter­nehmen den Zugriff auf die dor­tige land­wirt­schaft­liche Pro­duk­tion zu erleichtern.

Dar­über hinaus betreibt sie im Auf­trag des Aus­wär­tigen Amts ein Pro­jekt zur Stär­kung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Polizei. Ein Macht­wechsel hin zu einem allzu eng an Paris ange­bun­denen Prä­si­denten ohne ein Gegen­ge­wicht wie etwa das ivo­ri­sche Militär könnte den Bemü­hungen Ber­lins um die Aus­wei­tung seines poli­ti­schen und ökonomi– schen Ein­flusses abträg­lich sein.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] Gbagbo droht mit "Bür­ger­krieg"; www​.faz​.net 26.12.2010

[2] Ouat­tara — Der Prä­si­dent, der seinen Job nicht machen kann; der​stan​dard​.at 21.12.2010

[3] Wirt­schafts­trends Cote d'Ivoire 2010/​2011; www​.gtai​.de

[4] s. dazu Kolonial-​Kämpfe

[5] Rebel­lion und Putsch­ver­such in der Cote d'Ivoire; SWP-​Aktuell 39, Oktober 2002

[6] Zwei Prä­si­denten und kein Ausweg aus der Krise; www​.kas​.de

[7] Inter­view; www​.dradio​.de 28.12.2010

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gelesen: 412 · heute: 2 · zuletzt: 15. Mai 2012

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