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Notwendige Übel

Freitag, 01. Juli 2011-13:19 -|- Eingestellt von: |

Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-StiftungVon German For­eign Policy | — BANGKOK/​BERLIN (Eigener Bericht) — Putschdrohungen begleiten den aktu­ellen Wahl­kampf in Thai­land nach Bekannt­werden schlechter Pro­gnosen für eine Part­ner­partei der FDP. Die Demo­crat Party (DP), die gegen­wärtig den thai­län­di­schen Minis­ter­prä­si­denten stellt, liegt in Umfragen hinter der oppo­si­tio­nellen Pheu Thai Party um den frü­heren Minis­ter­prä­si­denten Thaksin Shinawatra.

Sie gilt als Partei der tra­di­tio­nellen thai­län­di­schen Eliten und gelangte an die Regie­rung, nachdem das Militär den popu­lären Thaksin 2006 per Putsch gestürzt und die Justiz seine Partei 2008 ver­boten hatten. Die DP koope­riert schon seit Jahren eng mit der Friedrich-​Naumann-​Stiftung (FDP), die sie auch im aktu­ellen Wahl­kampf unter­stützt. Mili­tärs drohen unver­hohlen mit erneutem Putsch, sollte die DP die Wahl am Sonntag nicht gewinnen. Bei der Naumann-​Stiftung war der Putsch von 2006, der einer iden­ti­schen Kon­stel­la­tion ent­sprang, als "not­wen­diges Übel" bezeichnet worden.

Zuletzt wurde die Zusam­men­ar­beit zwi­schen der FDP-​Stiftung und der DP ver­gan­genes Jahr the­ma­ti­siert, als der DP-​Vorsitzende, Minis­ter­prä­si­dent Abhisit Vejja­jiva, Mas­sen­pro­teste blutig beenden ließ. Fast 100 Men­schen kamen ums Leben. Die DP findet Bei­fall auch bei deut­schen Unter­neh­mern, deren Inves­ti­tionen in Thai­land letztes Jahr unge­achtet der Mas­sen­pro­teste deut­lich zunahmen.

Ein gespal­tenes Land

Hin­ter­grund der aktu­ellen Putsch­dro­hungen sind die seit Jahren zuge­spitzten inneren Macht­kämpfe in Thai­land. Im Grund­satz stehen sich dabei die tra­di­tio­nellen Eliten aus Königs­haus, Militär, Wirt­schaft und Büro­kratie einer­seits sowie bis­lang mar­gi­na­li­sierte Milieus ande­rer­seits gegenüber.

Das Esta­blish­ment wird heute vor allem von der Demo­crat Party (DP) ver­treten, der ältesten Partei des Landes, von der selbst die Friedrich-​Naumann-​Stiftung sagt, sie werde in der Bevöl­ke­rung "als arro­gant und abge­hoben angesehen".[1]

Ver­fein­deter Gegen­spieler ist Thaksin Shina­watra, ein Mil­li­ardär, der im Februar 2001 Minis­ter­prä­si­dent wurde. Thaksin stützte sich vor allem auf untere Gesell­schafts­schichten, deren Lebens­si­tua­tion er mit keyne­sia­nisch ori­en­tierter Wirt­schafts­po­litik deut­lich ver­bes­serte. Trotz zahl­rei­cher heftig umstrit­tener Maß­nahmen waren ihm Mehr­heiten bei Wahlen des­halb gewöhn­lich sicher.

Die tra­di­tio­nellen Eliten bil­ligten seine Politik nicht; da jedoch seine Ablö­sung auf demo­kra­ti­schem Wege unmög­lich schien, putschte am 19. Sep­tember 2006 das Militär. Thaksin lebt heute im Exil, das alte Esta­blish­ment sucht seine Rück­kehr nach Thai­land um jeden Preis zu verhindern.

Ein ent­spannter Putsch

Die Friedrich-​Naumann-​Stiftung, die wie die FDP ihre Partner in Bangkok unter den alten Eliten hat, hielt nach dem Putsch im Sep­tember 2006 zu diesen. "Wenn das ein Staats­streich" gewesen sei, sei es jeden­falls ein "ent­spannter und gemüt­li­cher" Staats­streich gewesen, äußerte die Mit­ar­bei­terin der Stif­tung in Bangkok. "Als Poli­to­login" müsse sie "sagen, dass ein Mili­tär­putsch unde­mo­kra­tisch ist". Das Land sei aller­dings unter dem durch den Putsch ent­mach­teten Minis­ter­prä­si­denten Thaksin, er hatte die letzten Wahlen klar gewonnen, "auch nicht demo­kra­ti­scher als jetzt" gewesen.[2]

Ein Jahr später erläu­terte die Mit­ar­bei­terin dem neuen Chef des Stif­tungs­be­reichs Inter­na­tio­nale Politik, Harald Klein, ihr "Thai­land Pro­ject". Auf einer Stell­wand, die sie dazu benutzte, ist die Behaup­tung zu lesen, der Putsch sei ein "not­wen­diges Übel" (siehe Foto­aus­schnitt: "Coup d'état: 'necessary evil'"). Harald Klein, der zuhörte, ohne Kon­se­quenzen zu ziehen, arbeitet heute als Abtei­lungs­leiter im FDP-​geführten Bun­des­mi­nis­te­rium für wirt­schaft­liche Zusammenarbeit.[3]

Der Vor­sit­zende der DP, den er damals bei seinem Auf­ent­halt in Bangkok traf, ist seit 2008 — auf den Putsch von 2006 folgten höchst kom­pli­zierte Ver­wick­lungen und das Verbot einer zwi­schen­zeit­lich erfolg­rei­chen Thaksin-​Partei — Minis­ter­prä­si­dent Thailands.[4]

Blut und Wünsche

Die Naumann-​Stiftung führte ihre Unter­stüt­zung für die DP kon­ti­nu­ier­lich fort — selbst als es letztes Jahr zu Mas­sen­pro­testen gegen die Regie­rung des DP-​Ministerpräsidenten Abhisit Vejja­jiva kam. Nach Beginn der Pro­teste — die DP-​Regierung hatte bereits rund ein Fünftel der Armee zum Ein­satz gegen die Demons­tranten abkom­man­diert — traf der Vor­sit­zende der Stif­tung, Wolf­gang Ger­hardt, in Bangkok ein, um dort mit hoch­ran­gigen Poli­ti­kern über "die innen­po­li­ti­sche Situa­tion Thai­lands" zu diskutieren.[5]

Bei der blu­tigen Nie­der­schla­gung der Unruhen kamen ins­ge­samt fast 100 Men­schen zu Tode, Tau­sende wurden ver­letzt. Folgen für die Koope­ra­tion der FDP-​Stiftung mit der DP hatte dies nicht. Nur wenige Monate nach der bru­talen Nie­der­schla­gung der Pro­teste führte die Stif­tung gemeinsam mit einer DP-​Bezirksgruppe in Bangkok eine Ver­an­stal­tung zur "Bür­ger­be­tei­li­gung" durch, bei der 180 aus­ge­wählte Bürger gegen­über DP-​Politikern und Stif­tungs­mit­ar­bei­tern ihre "Wün­sche" äußern durften.

"Gewünscht wurde ins­be­son­dere eine höhere Prä­senz der Poli­tiker vor Ort", fasste die Stif­tung die zusammen, "sowie die Mög­lich­keit, einen Gesprächs­termin mit dem jewei­ligen Poli­tiker zu ver­ein­baren." Ein wei­teres Thema sei etwa "der Ausbau des lokalen Parks" gewesen, hieß es wenige Monate nach Demons­tra­tionen hun­dert­tau­sender empörter Menschen.[6]

Der letzte Reset-​Schalter

Im Rück­blick schreibt die Friedrich-​Naumann-​Stiftung über die von ihr unter­stützte DP-​Regierung: "Diese Zeit war von großen Her­aus­for­de­rungen geprägt. Im Großen und Ganzen hat die Koali­tion diese meis­tern können, doch ob die Koali­ti­ons­par­teien dafür von den Wäh­lern belohnt werden, ist fraglich."[7] Tat­säch­lich deuten Umfragen inzwi­schen auf einen klaren Wahl­sieg der von Thaksin aus dem Aus­land gesteu­erten Pheu Thai Party hin, als deren Spit­zen­kan­di­datin Thaksins Schwester auftritt.

Am 14. Juni hat Armee­chef Prayuth Chan-​ocha, einer von Thaksins schärfsten Geg­nern, in einem Fern­seh­auf­tritt gefor­dert, die Bevöl­ke­rung müsse "gute Leute" wählen.[8] "Natür­lich wäre", äußert dar­über der Direktor des Insti­tute of Secu­rity and Inter­na­tional Stu­dies an der renom­mierten Chul­a­long­korn Uni­ver­sity in Bangkok, "der letzte Reset-​Schalter gegen eine Pheu Thai-​geführte Regie­rung ein neuer Putsch".[9]

Auch die Naumann-​Stiftung räumt dies offen ein: Sollte Pheu Thai am Sonntag eine Mehr­heit erzielen, stehe mög­li­cher­weise ein "erneute® Mili­tär­putsch" bevor.[10] Zahl­reiche Beob­achter schätzen dies ähnlich ein.

Wirt­schafts­po­li­tisch kompetent

Unmuts­be­kun­dungen wären, dies lässt die Ent­wick­lung nach dem Putsch von 2006 ver­muten, wohl weder von der Naumann-​Stiftung noch von der Bun­des­re­gie­rung zu erwarten. Berlin hat zwar den Putsch, anders als die Stif­tung, nie offen ver­tei­digt, doch haben Politik und Wirt­schaft stets mit der DP-​Regierung eng kooperiert.

Im letzten Sommer, Minis­ter­prä­si­dent Abhisit hatte gerade die Mas­sen­pro­teste blutig nie­der­schlagen lassen, erklärte der deut­sche Bot­schafter in Bangkok, Hanns Schu­ma­cher, Abhi­sits DP-​Regierung sei "wirt­schafts­po­li­tisch eine der kom­pe­ten­testen in der Region". Ihm sei "keine ein­zige deut­sche Firma" bekannt, "die sich aus Thai­land wegen eines bevor­ste­henden 'Bür­ger­krieges' zurück­ziehen will — das Gegen­teil ist der Fall".[11]

Tat­säch­lich stieg das Neu­in­ves­ti­ti­ons­vo­lumen deut­scher Firmen in Thai­land letztes Jahr deut­lich an — von 22,4 auf 61,5 Mil­lionen Euro. Auch der bila­te­rale Handel nahm nach dem kri­sen­be­dingten Ein­bruch des Jahres 2009 wieder zu und erreichte den Höchst­stand aus der Zeit vor der Krise.

Experten rechnen mit wei­teren her­aus­ra­genden Wachs­tums­chancen gerade auch für deut­sche Unter­nehmen. Vor­aus­set­zung ist, dass wirt­schafts­po­li­ti­sche Ein­schnitte durch einen even­tu­ellen Regie­rungs­wechsel in Bangkok ausbleiben.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] Rainer Adam: Thai­land vor den Wahlen. Bericht aus aktu­ellem Anlass No. 30/​2011, 26.06.2011

[2] Thai­land: Der seltsam ruhige Putsch; www​.frei​heit​.org 22.09.2006

[3] s. dazu Ein ent­spannter und gemüt­li­cher Putsch

[4] zur Gesamt­ent­wick­lung in Thai­land s. auch Freunde der Mon­ar­chie und Das Netz­werk Mon­ar­chie

[5] Wolf­gang Ger­hardt zu poli­ti­schen Gesprä­chen in Bangkok; www​.frei​heit​.org

[6] Thai­land: Bür­ger­be­tei­li­gung im Yannawa-​Bezirk in Bangkok; www​.frei​heit​.org

[7] Rainer Adam: Thai­land vor den Wahlen. Bericht aus aktu­ellem Anlass No. 30/​2011, 26.06.2011

[8] Die Angst vor der Schwester; www​.tages​spiegel​.de 17.06.2011

[9] Thai­land needs a post-​election roadmap; www​.bang​kok​post​.com 25.06.2011

[10] Rainer Adam: Thai­land vor den Wahlen. Bericht aus aktu­ellem Anlass No. 30/​2011, 26.06.2011

[11] s. dazu Nach dem Blutbad

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