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Absoluter Pazifismus

Dienstag, 17. Januar 2012-15:19 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | – BREMEN (Eigener Bericht) — Die Uni­ver­sität Bremen ent­scheidet in der kom­menden Woche über die Zusam­men­ar­beit mit Rüs­tungs­in­dus­trie und Militär. Bis dato steht sol­chen Koope­ra­tionen die Selbst­ver­pflich­tung der Hoch­schule auf aus­schließ­lich fried­liche Zwecke im Wege. Aktuell behin­dert diese "Zivil­klausel" die Ein­rich­tung einer Stif­tungs­pro­fessur durch den Bremer Rüs­tungs­kon­zern OHB, wes­halb das Unter­nehmen ulti­mativ die Sus­pen­die­rung der Rege­lung verlangt.

Zahl­reiche Hoch­schul­an­ge­hö­rige kri­ti­sieren die von OHB erho­bene For­de­rung als "Erpres­sungs­ver­such". Unge­achtet der "Zivil­klausel" haben meh­rere füh­rende deut­sche Waf­fen­schmieden in der Ver­gan­gen­heit Stif­tungs­pro­fes­suren an der Bremer Uni­ver­sität eingerichtet.

Zu den "Freunden und För­de­rern" der Hoch­schule zählt unter anderem der Prä­si­dent des "Bun­des­ver­bandes der deut­schen Sicher­heits– und Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie", Fried­rich Lürßen, dessen gleich­na­mige Werft Kriegs­schiffe für die Bun­des­ma­rine und zahl­reiche andere Kriegs­flotten in aller Welt baut.

Einer aktu­ellen Unter­su­chung zufolge weist das seit Jahr­zehnten sozi­al­de­mo­kra­tisch regierte Bun­des­land Bremen die höchste Rüs­tungs­dichte in ganz Deutsch­land auf.

Zivil­klausel

Wie der Aka­de­mi­sche Senat der Uni­ver­sität Bremen mit­teilt, wird er in seiner Sit­zung am 25. Januar über die Zukunft der hoch­schul­in­ternen "Zivil­klausel" befinden.[1] Die so bezeich­nete Rege­lung wurde bereits 1986 ver­ab­schiedet und lautet:

"Der Aka­de­mi­sche Senat lehnt jede Betei­li­gung von Wis­sen­schaft und For­schung mit mili­tä­ri­scher Nut­zung bzw. Ziel­set­zung ab und for­dert die Mit­glieder der Uni­ver­sität auf, For­schungs­themen und Mittel abzu­lehnen, die Rüs­tungs­zwe­cken dienen können."[2]

Hin­ter­grund der Rich­tungs­ent­schei­dung ist die ange­kün­digte Ein­rich­tung einer Stif­tungs­pro­fessur für "Raum­fahrt­tech­no­logie" durch das Bremer Rüs­tungs­un­ter­nehmen OHB.

Gegen­über der Lokal­presse hatte der Vor­stands­vor­sit­zende der Waf­fen­schmiede, Marco Fuchs, in diesem Zusam­men­hang ulti­mativ die Sus­pen­die­rung der "Zivil­klausel" ver­langt: "Ent­weder die Uni ändert die Zivil­klausel, oder wir lassen die Pro­fessur sein."[3]

Erpres­sungs­ver­such

Zahl­reiche Hoch­schul­an­ge­hö­rige kri­ti­sieren die von OHB erho­bene For­de­rung als "Erpressungsversuch".[4] Bereits im ver­gan­genen Jahr unter­zeich­neten 66 Bremer Wis­sen­schaftler eine Erklä­rung, in der sie sich gegen Koope­ra­tionen mit der Rüs­tungs­in­dus­trie aus­spre­chen und davor warnen, sich in Abhän­gig­keit von pri­vaten Firmen zu begeben. Gleich­zeitig findet ins­be­son­dere das Angebot von OHB, eine Stif­tungs­pro­fessur zu finan­zieren, etliche Befür­worter an der Uni­ver­sität Bremen.

So erklärte etwa der Dekan des Fach­be­reichs Pro­duk­ti­ons­technik, Arnim von Gleich, dass der Hoch­schule "die Wett­be­werbs­po­si­tion der hie­sigen Unter­nehmen (…) nicht egal sein" dürfe.[5] Zudem warfen Mit­glieder des Aka­de­mi­schen Senats den Anhän­gern der "Zivil­klausel" vor, einem "absolute(n) Pazi­fismus" zu hul­digen: Dieser negiere die "ethisch gebo­tene Not­wen­dig­keit, die Men­schen und die Men­schen­rechte zu schützen sowie die Tat­sache, dass dies (…) durch Waf­fen­ge­walt geschehen muss".[6]

Stär­kung des Wissenschaftsstandorts

Auch der Bremer Wirt­schafts­se­nator Martin Gün­thner (SPD) pries in einem offenen Brief die von OHB ange­strebte Stif­tungs­pro­fessur als "Stär­kung des Wis­sen­schafts­stand­orts Bremen" und bedankte sich öffent­lich für das Enga­ge­ment der Unter­neh­mens­gründer Christa und Man­fred Fuchs.[7]

Gün­th­ners Hal­tung dürfte nicht zuletzt darauf zurück­zu­führen sein, dass das seit Jahr­zehnten sozi­al­de­mo­kra­tisch regierte Bun­des­land Bremen laut einer aktu­ellen Unter­su­chung die deutsch­land­weit höchste Kon­zen­tra­tion von Rüs­tungs­fer­ti­gung aufweist.

Wie die Autoren der Studie her­aus­ge­funden haben, macht der Wert der Waf­fen­pro­duk­tion am Brut­to­in­lands­pro­dukt bun­des­weit einen Anteil von 0,64 Pro­zent aus; in Bremen hin­gegen sind es 4,8 Pro­zent. Ihr Fazit ist ein­deutig: "Keine Stadt in Deutsch­land weist eine ver­gleich­bare Rüs­tungs­dichte auf. (…) Bremen ist eine Rüstungshochburg."[8]

Waf­fen­pro­du­zenten

Diese Tat­sache blieb schon in der Ver­gan­gen­heit nicht ohne Ein­fluss auf die For­schungs– und Wis­sen­schafts­po­litik der Uni­ver­sität Bremen. So erhielt etwa Vasily Plo­shikhin im Dezember 2009 eine von EADS-​Airbus ein­ge­rich­tete Stif­tungs­pro­fessur für "Inte­gra­tive Simu­la­tion und Engi­nee­ring von Mate­ria­lien und Prozessen".

In einer Selbst­dar­stel­lung lobt die Hoch­schule die "umfangreiche(n) Erfah­rungen" ihres Mit­ar­bei­ters bei der "Zusam­men­ar­beit mit nam­haften Indus­trie­un­ter­nehmen", wor­unter nach Auf­fas­sung der Uni­ver­sität ins­be­son­dere Firmen fallen, die auf dem Gebiet der Waf­fen­pro­duk­tion welt­weit füh­rend sind.

Genannt werden neben EADS Pre­mium Airotec, Rolls-​Royce und MTU.[9] Auch der Rüs­tungs­kon­zern Daimler hat zwei Stif­tungs­pro­fes­suren an der Uni­ver­sität Bremen eingerichtet.

Future Secu­rity

Eine wei­tere Pro­fessur wurde im Juni 2008 vom Deut­schen For­schungs­zen­trum für Künst­liche Intel­li­genz (DFKI) gestiftet. Das DFKI befasst sich nach eigenen Angaben mit der "Über­wa­chung von sicher­heits­kri­ti­schen Geländen und Gebäuden mit­tels autonom agie­render Roboter" ("Sur­veil­lance of Security-​Critical Com­pounds and Buil­dings Using a Team of Auto­no­mous Robots").[10]

Hierzu pas­send erforscht der Inhaber des vom DFKI ein­ge­rich­teten Lehr­stuhls, Udo Frese, Methoden der "Echt­zeit­bild­ver­ar­bei­tung". Dabei geht es um die Iden­ti­fi­ka­tion von Men­schen und Objekten, wie sie laut Uni­ver­sität Bremen zur "Unter­stüt­zung des Ope­ra­tors eines fern­ge­steu­erten Robo­ters", etwa einer Drohne, benö­tigt wird.[11]

Das DFKI wie­derum hat seine For­schungs­er­geb­nisse zumin­dest 2007 auf der vom "Ver­bund Ver­tei­di­gungs– und Sicher­heits­for­schung" der Fraunhofer-​Gesellschaft ver­an­stal­teten Kon­fe­renz "Future Secu­rity" prä­sen­tiert. "Future Secu­rity" findet jähr­lich statt und wird regel­mäßig von hoch­ran­gigen Mili­tärs, Poli­zisten und Rüs­tungs­in­dus­tri­ellen fre­quen­tiert (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [12]).

Satel­li­ten­spio­nage und Kriegsschiffe

Auch OHB könnte in der aktu­ellen Aus­ein­an­der­set­zung um seine Stif­tungs­pro­fessur auf die bis­he­rigen posi­tiven Erfah­rungen mit der Uni­ver­sität Bremen ver­weisen. So wurde ein Groß­teil der Grund­la­gen­for­schung für das von OHB ent­wi­ckelte Satel­li­ten­system "SAR-​Lupe", das der Bun­des­wehr die welt­um­span­nende Spio­nage ermög­licht, vom Bereich "Bild­ver­ar­bei­tung" des dor­tigen Technologie-​Zentrums Infor­matik (TZI) übernommen.

Dass die Uni­ver­sität Bremen ihrer eigenen "Zivil­klausel" zum Trotz keine Berüh­rungs­ängste mit Rüs­tungs­pro­du­zenten hat, zeigt auch ein Blick in die Liste der "Freunde und För­derer" der Hoch­schule: Zu diesen zählt nicht nur das hinter OHB ste­hende Ehe­paar Fuchs, son­dern auch der Prä­si­dent des "Bun­des­ver­bandes der deut­schen Sicher­heits– und Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie", Fried­rich Lürßen.

Dessen gleich­na­mige Werft baut schon seit Kai­sers Zeiten Kriegs­schiffe für die unter­schied­lich bezeich­neten deut­schen Marinen sowie für zahl­reiche wei­tere Kriegs­flotten welt­weit. Lürßen hat unter anderem Indo­ne­sien, das Sul­tanat Brunei, Saudi-​Arabien und Bah­rain beliefert.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] Uni­ver­sität Bremen — Der Rektor: Vor­schlag für eine Tages­ord­nung für die XXIV/​5. Sit­zung des Aka­de­mi­schen Senats, 05.12.2011; Aka­de­mi­scher Senat der Uni­ver­sität Bremen, Beschluss Nr. 8456, 19.10.2011

[2] Zitiert nach: Rudolph Bauer: Die Zivil­klausel der Uni­ver­sität Bremen — nur ein Kom­pro­miss? In: Bremer Frie­dens­forum u. a. (Hg.): Erfolgs­ge­schichten aus Bremen? Rüs­tungs­standort an der Weser. Pro­duk­tion, For­schung und Per­spek­tiven. Bremen 2011

[3] OHB-​Chef droht mit Aus­stieg; www​.weser​-kurier​.de 08.06.2011

[4], [5] Zitiert nach: Sören Böhrnsen: Kraft­probe für die Zivil­klausel — Aus­ein­an­der­set­zung um OHB-​Stiftungsprofessur an der Uni Bremen. In: Bremer Frie­dens­forum u. a. (Hg.): Erfolgs­ge­schichten aus Bremen? Rüs­tungs­standort an der Weser. Pro­duk­tion, For­schung und Per­spek­tiven. Bremen 2011

[6] Zitiert nach: Rudolph Bauer: Die Zivil­klausel der Uni­ver­sität Bremen — nur ein Kom­pro­miss? In: Bremer Frie­dens­forum u. a. (Hg.): Erfolgs­ge­schichten aus Bremen? Rüs­tungs­standort an der Weser. Pro­duk­tion, For­schung und Per­spek­tiven. Bremen 2011

[7] Zitiert nach: Sören Böhrnsen: Kraft­probe für die Zivil­klausel — Aus­ein­an­der­set­zung um OHB-​Stiftungsprofessur an der Uni Bremen. In: Bremer Frie­dens­forum u. a. (Hg.): Erfolgs­ge­schichten aus Bremen? Rüs­tungs­standort an der Weser. Pro­duk­tion, For­schung und Per­spek­tiven. Bremen 2011

[8] Edi­to­rial. In: Bremer Frie­dens­forum u. a. (Hg.): Erfolgs­ge­schichten aus Bremen? Rüs­tungs­standort an der Weser. Pro­duk­tion, For­schung und Per­spek­tiven. Bremen 2011

[9] Stif­tungs­pro­fes­suren; www​.uni​-bremen​.de

[10] Sur­veil­lance of Security-​Critical Com­pounds and Buil­dings Using a Team of Auto­no­mous Robots; www​.dfki​.de

[11] Stif­tungs­pro­fes­suren; www​.uni​-bremen​.de

[12] s. dazu Gren­zen­lose Sicher­heit und Future Secu­rity

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