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Abwahl: Gehen und gegangen werden

Sonntag, 12. Februar 2012-14:36 -|- Eingestellt von: |

Genug der leeren Sprüche: Knapp zwei Jahre nach der Loveparade-​Katastrophe in Duis­burg wollen Bürger den Ober­bür­ger­meister aus dem Sessel kippen. | Von Lothar Evers | Der Freitag | — Die Hürde liegt hoch. Knapp 92.000 Stimmen braucht am Sonntag das Abwahl­ver­fahren, das den Duis­burger Ober­bür­ger­meister Adolf Sau­er­land aus dem Amt drängen soll.

Es ist das Schluss­ka­pitel einer tra­gi­schen Geschichte von Ver­säum­nissen, Ver­ant­wor­tung und einem Stadt­ober­haupt, das bisher jeder Rück­tritts­for­de­rung trotzte.

Außer­halb Duis­burgs ver­steht kaum jemand, warum Sau­er­land nach der Loveparade-​Katastrophe vom Juli 2010 mit 21 Toten und 500 Ver­letzten über­haupt noch im Amt ist und sich nun dieser Abwahl­stra­paze unter­zieht. Dem Spiegel gab Sau­er­land zuletzt ein langes Inter­view, doch auch darin findet sich keine klare Antwort.

Für seine Partei, die CDU, steckt in dem Abwahl­ver­fahren jeden­falls ein Dilemma: Sau­er­land ist alter­na­tivlos. Nur mit ihm gelang es den Christ­de­mo­kraten, im Oktober 2004 in der tra­di­tio­nellen SPD-​Hochburg Duis­burg den Ober­bür­ger­meis­ter­posten zu erobern.

Bei der Stich­wahl ent­schieden sich damals nur 38,7 Pro­zent der Wähler für Amts­in­ha­berin Bärbel Zie­ling (SPD), aber 61,3 Pro­zent für den New­comer Sau­er­land. Nach seiner Bestä­ti­gung 2009 ist er noch gewählt bis August 2015. Käme es jetzt zur Neu­wahl, wäre die CDU chancenlos.

Auch Jürgen Hage­mann, heute Vor­sit­zender des Ver­eins „Love­pa­rade Selbst­hilfe“, in dem sich die Eltern der auf der Love­pa­rade Getö­teten und Ver­letzten zusam­men­ge­schlossen haben, hat Sau­er­land 2009 seine Stimme gegeben. Ihm, damals gerade neu nach Duis­burg gezogen, erschien Sau­er­land als „jemand von unten“, so ganz anders als übliche Poli­tiker. „Dabei bin ich klar Sozi und hatte vorher noch nie CDU gewählt“, sagt Hage­mann, dessen Tochter auf der Love­pa­rade schwer ver­letzt wurde.

Sau­er­land hatte schon den Wahl­kampf 2004 mit dem Slogan „Einer von uns“ bestritten. Wahl­pla­kate zeigen ihn mit dem Fan­schal des MSV Duis­burg „Wir sind Zebras — Weiss – Blau“. Der Mann aus dem Volk an der Spitze der Ver­wal­tung: Das klingt ver­lo­ckend, ist aber viel­leicht bereits eine Erklä­rung für das Ver­sagen bei der Loveparade.

Im Geneh­mi­gungs­ver­fahren der Mam­mut­ver­an­stal­tung zer­streiten sich Sau­er­lands Dezer­nenten Wolf­gang Rabe (Recht und Ord­nung) und Jürgen Dressler (Bau) heillos. Sau­er­land lässt sie walten und ver­ab­schiedet sich für die ent­schei­denden Tage vor der Ver­an­stal­tung in den Urlaub. Auch seinen Stell­ver­treter, den Grünen Stadt­di­rektor Peter Greu­lich, zieht es in die Ferne. Trotz schwerer Bedenken zahl­rei­cher Pro­jekt­ver­ant­wort­li­cher und externer Berater werden die Geneh­mi­gungen zur Love­pa­rade in letzter Sekunde erteilt.

Ein bestelltes Gutachten

Ober­bür­ger­meister Sau­er­land kehrt erst am Ver­an­stal­tungstag nach Duis­burg zurück. Auf der Pres­se­kon­fe­renz nach der Love­pa­rade zeigt er sich dem­ent­spre­chend ahnungslos. „Wir haben viele Fragen“, sagt er immer wieder. Beant­worten wird er sie nicht. Dem Spiegel sagt er jetzt:

„Wissen Sie, im Nach­gang habe ich immer über­legt: Hätte ich mich per­sön­lich noch mehr damit beschäf­tigen sollen? Aber wir hatten ja Experten. Ich habe mir berichten lassen, was kann man noch mehr machen? Ich wüsste nicht, was. Wir haben alles getan, dass es zu dieser Kata­strophe nicht kommen kann.“

Dies ließen sich Sau­er­land und sein Ver­wal­tungs­vor­stand auch in einem Gut­achten bestä­tigen, dass sie für fast 400.000 Euro bei einer Düs­sel­dorfer Anwalts­kanzlei in Auf­trag gaben. Darin wird der Stadt ein kor­rektes Geneh­mi­gungs­ver­fahren zur Love­pa­rade beschei­nigt. Aller­dings fehlen in dem Gut­achten und seinen Anlagen wich­tige Fakten und Dokumente.

Die Duis­burger Staats­an­walt­schaft kommt jeden­falls zu einer völlig anderen Wer­tung. Sie hält das Duis­burger Geneh­mi­gungs­ver­fahren zur Love­pa­rade für rechts­widrig und ermit­telt gegen elf Mit­ar­beiter der Stadt­ver­wal­tung, dar­unter die Dezer­nenten Rabe und Dressler, wegen fahr­läs­siger Tötung.

Diese Wider­sprüche kann Sau­er­land seither nicht auf­lösen. Der Ober­bür­ger­meister wie­der­holt nur ste­reotyp, an seiner Ver­wal­tung könne die Kata­strophe nicht gelegen haben. Auch mit dem Gedenken tut sich der CDU-​Politiker schwer.

Nach dem Bebau­ungs­plan­ent­wurf für das Loveparade-​Gelände am alten Duis­burger Güter­bahnhof vom April 2011 soll der Ort der Kata­strophe unter einem Beton­de­ckel ver­schwinden. Erst nach mas­siven Pro­testen der Hin­ter­blie­benen und Ver­letzten kommen Gespräche zum Erhalt des his­to­ri­schen Ortes in Gang.

Das Ver­sagen bei der Love­pa­rade ist der wesent­liche Grund für das Bür­ger­be­gehren „Neu­an­fang für Duis­burg“, dem sich auch Jürgen Hage­mann ange­schlossen hat. Die Initia­tive hat 79.149 Unter­schriften gesam­melt und damit die Abstim­mung am 12. Februar auf den Weg gebracht. Die meisten Par­teien und einige Gewerk­schaften stehen hinter dem Antrag.

Die CDU war lange uneins, ob sie zur Unter­stüt­zung Sau­er­lands oder zum Igno­rieren der Abwahl auf­rufen sollte. Jetzt wirbt sie doch dafür, für Sau­er­lands Ver­bleib im Amt – also mit „Nein“ zum Antrag – zu stimmen. Nötig für die Abwahl ist ein Quorum von 25 Pro­zent. Schei­tert Sau­er­lands Abwahl bleibt alles beim Alten. Ansonsten wird binnen sechs Monaten neu gewählt.

Quelle: Der Freitag

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Danke!


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gelesen: 143 · heute: 3 · zuletzt: 14. Mai 2012

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