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Alte Mächte: Die Verschiebung der Pole

Samstag, 04. Februar 2012-15:57 -|- Eingestellt von: |

Die ein­zige Welt­macht zu sein, ist teuer. Die USA können sich das nicht mehr leisten. Sie und die alten Ver­bün­deten stellen sich nur langsam auf eine neue Welt­ord­nung ein. | Von Jochen Hippler | Der Freitag | — Der Streit der NATO mit Russ­land über den Rake­ten­schild, der Kon­flikt um das ira­ni­sche Atom­pro­gramm, aber auch, wie sich die Finanz­krise auf die aktu­elle Sicher­heits­lage aus­wirkt: Das sind nur einige der Themen der Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz am kom­menden Wochenende.

All­jähr­lich trifft sich dort die Elite der klas­si­schen Sicher­heits­po­litik, in diesem Jahr haben sich meh­rere Staats– und Regie­rungs­chefs und ins­ge­samt mehr als 70 Län­der­de­le­ga­tionen aus allen Teilen der Welt ange­sagt. Es gibt einiges zu bereden, die Kon­fe­renz findet ange­sichts grund­le­gender Umbrüche im inter­na­tio­nalen System und der Sicher­heits­po­litik statt.

Die Zeit der uni­la­te­ralen Domi­nanz der USA in den zwei Jahr­zehnten nach dem Ende des Kalten Krieges ist end­gültig vor­über. Viele neue Akteure haben die Bühne betreten. China ist da nur das pro­mi­nen­teste Bei­spiel, aber auch Länder wie die Türkei, Bra­si­lien, Indien, Süd­afrika und andere gewinnen zumin­dest regional an Bedeu­tung. Washington kann sich außerdem die ein­sei­tige Vor­herr­schaft nicht mehr leisten, die Über­schul­dung ist zu groß geworden.

Die Ver­ei­nigten Staaten geraten inzwi­schen alle paar Monate an den Rand der Zah­lungs­un­fä­hig­keit – und das poli­ti­sche System erweist sich bisher als unfähig, mehr als pro­vi­so­ri­sche Zwi­schen­lö­sungen zustande zu bringen. Drit­tens hat sich in Afgha­nistan und dem Irak gezeigt, dass auch Koali­tionen der wirt­schaft­lich und mili­tä­risch über­wäl­ti­gend domi­nie­renden Staaten nicht unbe­dingt in der Lage sind, klei­nere, aber kom­plexe Länder nach den eigenen Vor­stel­lungen umzugestalten.

Hier wurde den USA und ihren tra­di­tio­nellen Ver­bün­deten vor Augen geführt: Eine enorme mili­tä­ri­sche Stärke ist keine Garantie mehr dafür, auch die eigenen poli­ti­schen Ziele errei­chen zu können. Das Zer­stö­rungs­po­ten­zial ist fast unbe­grenzt, aber die Fähig­keit zur Gestal­tung bleibt dahinter weit zurück.

Zwei­fel­hafter Lernprozess

Die inter­na­tio­nale Militär– und Sicher­heits­po­litik stellt sich bisher nur zöger­lich und wider­sprüch­lich auf diese Ver­än­de­rungen ein. Der US-​Truppenabzug aus dem Irak und der geplante Abzug der aus­län­di­schen Sol­daten aus Afgha­nistan sind erste Kon­se­quenzen. Die dort in Gang gesetzten Lern­pro­zesse erlitten aller­dings einen deut­li­chen Rück­schlag – wie etwa im Fall Libyen.

Mili­tä­risch wurde dort im ver­gan­genen Jahr der Regime­wechsel durch­ge­setzt, das Drängen von Frank­reichs Prä­si­dent Sar­kozy darauf war aber vor allem innen­po­li­tisch moti­viert – mit dem Ergebnis, dass in Libyen in abseh­barer Zeit eine neue, erns­tere Runde des Bür­ger­krieges bevor­stehen dürfte. Es ist kaum zu erwarten, dass die euro­päi­schen Länder oder die USA dann das Bedürfnis haben werden, sich an einem unüber­sicht­li­chen Krieg zahl­rei­cher Milizen zu beteiligen.

Vieles deutet darauf hin, dass die Ver­än­de­rungen in der inter­na­tio­nalen Militär– und Sicher­heits­po­litik weniger von einer steilen Lern­kurve der tra­di­tio­nellen Groß­mächte, als viel­mehr vor allem von den Ein­schrän­kungen ihres finan­zi­ellen Spiel­raums bestimmt werden. Nicht allein in Deutsch­land hält sich dieser in einem zuneh­mend engen Rahmen. Die US-​Regierung hat für das nächste Finanz­jahr zum ersten Mal seit 1998 einen gerin­geren Ver­tei­di­gungs­haus­halt bean­tragt. Der Etat­posten soll um 6 Mil­li­arden auf 525 Mil­li­arden Dollar sinken.

Ins­ge­samt hat das Pen­tagon die Absicht, im kom­menden Jahr­zehnt 487 Mil­li­arden Dollar ein­zu­sparen. Die Per­so­nal­stärke des US-​Heeres soll dafür um 57.000 auf noch 490.000 Sol­daten redu­ziert werden. Und für den Fall, dass der US-​Kongress sich in diesem Jahr nicht auf eine dras­ti­sche Politik von Ein­spa­rungen und Steu­er­er­hö­hungen ver­stän­digen kann, würden zusätz­lich noch einmal 600 Mil­li­arden Dollar über 10 Jahre an Ein­spa­rungen im Mili­tär­haus­halt fällig.

Auch wenn dem Kon­gress noch ein Kom­pro­miss gelänge, um die Radi­kalkur zu ver­meiden, sind also wei­tere Kür­zungen absehbar – nicht aus poli­ti­scher Ein­sicht oder frie­dens­po­li­ti­scher Inten­tion, son­dern aus fis­ka­li­scher Not.

Die Ein­spa­rungen werden mit großer Sicher­heit zu struk­tu­rellen Ver­schie­bungen im US-​Militär führen. Dazu gehört der ­Ver­zicht auf einige beson­ders teure Waf­fen­sys­teme bei gleich­zei­tigem Ausbau der kos­ten­güns­tigen Sondereinsatztruppen.

Washington geht davon aus, dass die US-​Streitkräfte in den nächsten Jahren wei­terhin für Auf­stands­be­kämp­fung und Kom­man­doope­ra­tionen – wie die Ermor­dung Osama bin Ladens – häu­figer zum Ein­satz kommen werden als in einem regu­lären Krieg gegen staat­liche Streitkräfte.

Vor diesem Hin­ter­grund muss die soeben ver­öf­fent­lichte neue Militär– und Sicher­heits­stra­tegie der US-​Regierung begriffen werden. Um diese zu erläu­tern, werden sowohl US-​Außenministerin Hil­lary Clinton als auch der neue Ver­tei­di­gungs­mi­nister Leon Panetta nach Mün­chen reisen.

Im Rahmen des Papiers wird eine Neu­aus­rich­tung der US-​Sicherheitspolitik auf die asiatisch-​pazifische Region ange­kün­digt, die vom west­li­chen Pazifik (also der West­küste der USA) über Ost­asien bis zum Indi­schen Ozean und nach Süd­asien reiche.

Zwei Haupt­in­ter­essen leiten diesen Stra­te­gie­wechsel: Einmal die Siche­rung des ame­ri­ka­ni­schen Ein­flusses in den wirt­schaft­lich dyna­mi­schen Regionen Asiens, wobei eine anti-​chinesische Stoß­rich­tung kaum zu über­sehen ist.

Auch wenn die US-​Regierung gemein­same Han­dels– und Sta­bi­li­täts­in­ter­essen mit China betont, ist man doch über die unklaren stra­te­gi­schen Absichten der chi­ne­si­schen Auf­rüs­tung besorgt und möchte eine ver­stärkte mili­tä­ri­sche Prä­senz ent­ge­gen­setzen. Die ange­kün­digte ver­stärkte Mili­tär­ko­ope­ra­tion mit Aus­tra­lien gehört in diesen Zusammenhang.

Das andere Inter­esse ist ein altes. Es muss daran erin­nert werden, dass die Ziel­re­gion „Indi­scher Ozean und Süd­asien“ bis an die Küsten Soma­lias, der Ara­bi­schen Halb­insel, Irans und Pakis­tans reicht. Bezogen auf den Nahen und Mitt­leren Osten will die Sicher­heits­po­litik Washing­tons einen Schwer­punkt auf den Per­si­schen Golf legen.

Ins­ge­samt ist zu erwarten, dass die USA ihre mili­tä­ri­sche Prä­senz im Pazi­fi­schen Raum mäßig aus­bauen werden, wäh­rend sie zwi­schen dem östli­chen Mit­tel­meer und Zen­tral­asien etwas aus­ge­dünnt und auf andere Art ein­satz­fähig gehalten wird. Der Plan zur Ver­wen­dung eines großen „Mut­ter­schiffes“ im Per­si­schen Golf als Ein­satz­basis gegen den Iran ist nur ein Bei­spiel dafür.

Die Rolle Europas

Zwei­erlei ist auf­grund dieser sicher­heits­po­li­ti­schen Umori­en­tie­rung nicht zu erwarten: Weder kann es so gelingen, den Auf­stieg neuer Groß­mächte in der Region – wie China und Indien – zu ver­hin­dern, da dessen Quelle in ihrer wirt­schaft­li­chen Dynamik, nicht ihrer mili­tä­ri­schen Stärke liegt.

Dar­über hinaus ist nicht erkennbar, wie die neue US-​Strategie dazu bei­tragen könnte, frag­men­tie­rende oder geschei­terte Staaten zu sta­bi­li­sieren oder wie­der­auf­zu­bauen. Hier scheinen die USA vor allem auf ihre Eli­te­truppen und die im Irak und in Afgha­nistan nur mäßig erfolg­rei­chen Kon­zepte von Coun­ter­in­sur­gency zu setzen.

Europa dürfte bei der sicher­heits­po­li­ti­schen Umori­en­tie­rung nur eine Neben­rolle spielen. Auch wenn aus innen– wie bünd­nis­po­li­ti­schen Gründen gele­gent­lich die Ver­su­chung ent­stehen wird, sich mit den USA an mili­tä­ri­schen Ein­sätzen in Nord­afrika und dem Nahen Osten zu betei­ligen, dürften sich die Anreize und Mög­lich­keiten dazu in engen Grenzen halten.

Europa ist gegen­wärtig mit der wirt­schaft­li­chen Kri­sen­be­wäl­ti­gung mehr als aus­ge­lastet und wäre dop­pelt gut beraten, sich nicht erneut an frag­wür­digen Mili­tär­ein­sätzen zu beteiligen.

Quelle: Der Freitag

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dankeschön!

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gelesen: 137 · heute: 2 · zuletzt: 17. Mai 2012

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