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Am Rande des Bürgerkriegs

Freitag, 20. Januar 2012-13:34 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | — ABUJA/​BERLIN (Eigener Bericht) — Das Aus­wär­tige Amt warnt vor einer wei­teren Eska­la­tion der Unruhen in Nigeria. Die Bun­des­re­gie­rung sei "sehr besorgt" über die Ent­wick­lung dort, erklärt der Afrika-​Beauftragte des Aus­wär­tigen Amts. In Nigeria, das schon seit langem gewalt­tä­tige Kämpfe im Niger­delta und zuletzt auch eska­lie­rende Angriffe isla­mis­ti­scher Orga­ni­sa­tionen ver­zeichnet, ist es in der letzten Woche zu einem lan­des­weiten Gene­ral­streik gekommen.

Dabei fielen min­des­tens neun Men­schen den Aus­ein­an­der­set­zungen mit den staat­li­chen Repres­si­ons­kräften zum Opfer. Der wesent­liche Grund für die Pro­teste liegt in der Ver­ar­mung weiter Teile der Bevöl­ke­rung in dem an Erdöl– und Erd­gas­vor­kommen rei­chen Land.

Deutsch­land ist nicht nur an den nige­ria­ni­schen Roh­stoffen inter­es­siert, son­dern misst dem Staat auch erheb­liche geo­stra­te­gi­sche Bedeu­tung bei — als Stell­ver­treter des Wes­tens in afri­ka­ni­schen Kon­flikten sowie als Statt­halter bei der Bekämp­fung von Piraten im Golf von Guinea.

In Ber­liner Regie­rungs­kreisen ver­stärkt sich nun die Angst vor einer poli­ti­schen Desta­bi­li­sie­rung Nige­rias, die aus deut­scher Sicht zumin­dest den geo­stra­te­gi­schen Nutz­wert des Landes beschä­digen würde. Die Bun­des­re­gie­rung ver­sucht, durch eine Inten­si­vie­rung der Koope­ra­tion mit Abuja dieser Ent­wick­lung entgegenzusteuern.

Soziale Aus­ein­an­der­set­zungen

Seit Ende letzten Jahres eska­lieren die sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen in Nigeria in einem Ausmaß, das Beob­achter vor dem Abgleiten des Landes in einen Bür­ger­krieg warnen lässt. Zunächst nahmen die Anschläge isla­mis­ti­scher Gruppen im Norden des Landes zu; dabei kamen mehr als fünfzig Men­schen ums Leben.

Zudem dauern die gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen im Niger­delta an, die sich an der Ver­tei­lung des Ölreich­tums ent­zünden. Schließ­lich kam es in der letzten Woche noch zu einem lan­des­weiten Gene­ral­streik. Unmit­tel­barer Aus­löser der Pro­teste, an denen sich meh­rere Mil­lionen Men­schen betei­ligten, war die Strei­chung der Ben­zin­sub­ven­tionen durch den Prä­si­denten Good­luck Jona­than, die einer Ver­dop­pe­lung der Sprit­preise gleichkommt.

Der Staats­ap­parat rea­gierte mit bru­taler Gewalt; min­des­tens neun Men­schen kamen bei Aus­ein­an­der­set­zungen mit den Repres­si­ons­kräften ums Leben. Mitt­ler­weile nahm Jona­than die Sub­ven­ti­ons­kür­zungen teil­weise zurück, wor­aufhin die Pro­teste nachließen — vorläufig.

Aus­te­ri­täts­po­litik und die Folgen

Der tie­fere Grund für die aktu­ellen Aus­ein­an­der­set­zungen liegt in der kata­stro­phalen sozialen Situa­tion im bevöl­ke­rungs­reichsten Staat Afrikas. Nigeria ver­fügt zwar über die acht­größten Öl– und die siebt­größten Gas­vor­kommen welt­weit; den­noch müssen rund neunzig Pro­zent der Bevöl­ke­rung mit weniger als zwei US-​Dollar am Tag auskommen.

Dass die Politik der amtie­renden Regie­rung etwas daran ändern könnte, scheint unwahr­schein­lich — Prä­si­dent Jona­than betreibt eine unter­neh­mens­freund­liche Aus­te­ri­täts­po­litik, die in erster Linie darauf abzielt, Nigeria für Inves­ti­tionen inter­na­tio­naler Kon­zerne inter­es­sant zu machen.

Dass dies ganz im Sinne auch deut­scher Firmen ist, ver­deut­licht das Urteil des Afrika-​Beauftragten des Aus­wär­tigen Amts, Walter Lindner, über die aktu­elle Ben­zin­preis­er­hö­hung. "Die wirt­schaft­liche Not­wen­dig­keit der Kür­zung der Sub­ven­tionen", erklärt Lindner, "wird inter­na­tional von allen Experten aner­kannt und nicht in Frage gestellt."[1]

Da die durch solche Maß­nahmen wach­sende Ver­ar­mung jedoch die inneren Aus­ein­an­der­set­zungen weiter anheizt, macht sich im Westen die Befürch­tung breit, Nigeria könne tat­säch­lich aus­ein­an­der­fallen. Auch Deutsch­land hat aus zwei­erlei Gründen kei­nerlei Inter­esse daran — aus ökono­mi­schen und aus geostrategischen.

Pro­fit­chancen

Die ökono­mi­schen Motive ergeben sich aus den Gewinn­chancen im Ölstaat Nigeria. Seit Jahren ver­su­chen deut­sche Unter­nehmen ihre Geschäfte dort aus­zu­weiten, aller­dings mit höchst unter­schied­li­chem Erfolg. Gegen­wärtig befindet sich Deutsch­land in Nigeria gegen­über Weltmarkt-​Konkurrenten wie China, USA und sogar Indien im Rückstand.

Zwar besteht eine soge­nannte Ener­gie­part­ner­schaft mit Nigeria, die deut­schen Ener­gie­kon­zernen eine gute Posi­tion ver­schaffen soll; sie komme jedoch nur "schlep­pend" voran, klagte die deut­sche Bun­des­kanz­lerin Angela Merkel vor ihrem Staats­be­such in Nigeria im Sommer 2011.[2]

Die Essener E.ON Ruhrgas AG etwa ver­sucht seit einiger Zeit, in das lukra­tive Geschäft der Erd­gas­ex­plo­ra­tion in Nigeria ein­zu­steigen — bis­lang glücklos. Zugang hat aller­dings die Münchner Sie­mens AG gefunden, nach­weis­lich mit Hilfe von Schmier­geld­zah­lungen an nige­ria­ni­sche Behörden.

Der­zeit baut sie das Gas­kraft­werk Geregu II in Ajak­outa, rund 200 Kilo­meter süd­lich der Haupt­stadt Abuja, und ein wei­teres Kraft­werk 100 Kilo­meter nörd­lich der Wirt­schafts­me­tro­pole Lagos. Allein der Wert des Auf­trags für den Bau von Geregu II wird auf 230 Mil­lionen Euro geschätzt.

Ord­nungs­macht

Auch aus geo­stra­te­gi­schen Gründen ist Nigeria für die Bun­des­re­pu­blik von Bedeu­tung. Das Land ist prin­zi­piell pro­west­lich aus­ge­richtet und ver­fügt über einen der größten und am besten aus­ge­rüs­teten mili­tä­ri­schen Appa­rate in Subsahara-​Afrika; es wird daher in Berlin als regio­nale Ord­nungs­macht zur Kon­trolle sozialer und poli­ti­scher Kon­flikte geschätzt.

In den letzten Jahren brachte Nigeria seinen Hege­mo­ni­al­an­spruch in West­afrika und auch dar­über hinaus deut­lich zum Ausdruck.

So sprach es sich als erster afri­ka­ni­scher Staat für eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion der Afri­ka­ni­schen Union (AU) in Côte d'Ivoire aus, als Ende 2010 die dor­tigen Macht­kämpfe um das Prä­si­den­tenamt eska­lierten, und stellte sich damit an die Seite des Wes­tens, der den heu­tigen Prä­si­denten Alas­sane Ouat­tara im ver­gan­genen Früh­jahr mili­tä­risch inthronisierte.[3]

Auch im suda­ne­si­schen Darfur ist Nigeria in expo­nierter Weise aktiv und stellt das größte mili­tä­ri­sche und das zweit­größte Polizei-​Kontingent der gemein­samen Inter­ven­tion von Afri­ka­ni­scher Union und UN (UNAMID, African Union/​United Nations Hybrid Ope­ra­tions in Darfur).

Unter­stüt­zend sind auch deut­sche Sol­daten an UNAMID betei­ligt. Ent­spre­chend betonte Bun­des­kanz­lerin Merkel bei ihrem letzt­jäh­rigen Nigeria-​Besuch die mili­tä­ri­sche Funk­tion des west­afri­ka­ni­schen Staates.

Piraten

Nige­rias Bedeu­tung als Ord­nungs­macht auch für den erd­öl­rei­chen Golf von Guinea beschreibt das deut­sche Flot­ten­kom­mando in einem Bericht aus dem Jahr 2010. Das Papier unter­sucht, inwie­weit die welt­weiten See­wege für die Roh­stoff­ver­sor­gung der Bun­des­re­pu­blik sicher sind. Die Autoren kon­sta­tieren darin, das Ausmaß der Pira­terie im Golf von Guinea sei "durchaus ver­gleichbar" mit "der Lage im Golf von Aden".

Abuja bemühe sich aller­dings — anders als das zer­fal­lene Somalia — "um eine flä­chen­de­ckende Über­wa­chung seiner Hoheits­ge­wässer durch die Marine".[4] Dar­über hinaus habe Nigeria "mit seinen Nach­bar­län­dern ver­ein­bart, dass für die Pira­ten­ver­fol­gung" seine Ein­heiten "bis 15sm (See­meilen) in die Ter­ri­to­ri­al­ge­wässer des jewei­ligen Nach­barn ein­dringen dürfen".[5]

Eine Basis, um die Belie­fe­rung der deut­schen Indus­trie mit zen­tralen Roh­stoffen gegen Piraten zu sichern, scheint somit gegeben. Dass die Kon­trolle des Waren­ver­kehrs vor der west­afri­ka­ni­schen Küste in Deutsch­land als wichtig ein­ge­stuft wird, ver­deut­lichte unlängst ein von der CDU-​nahen Konrad-​Adenauer-​Stiftung ver­an­stal­tetes Kol­lo­quium in Bur­kina Faso.

Dort kamen hoch­ran­gige west­afri­ka­ni­sche Mili­tärs zusammen und berieten sich unter anderem über Stra­te­gien im Kampf gegen Pira­terie (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [6]).

Span­nungen im Sahel

Eine poli­ti­sche Desta­bi­li­sie­rung Nige­rias würde schließ­lich auch den west­li­chen Bemü­hungen schaden, poli­ti­sche Kon­trolle in der Sahara und der süd­lich angren­zenden Sahel­zone auf­zu­bauen. Der Norden Nige­rias, in dem gegen­wärtig isla­mis­ti­sche Grup­pie­rungen Anschläge ver­üben, zählt zur Sahel­zone; es bestehen enge Ver­bin­dungen in die angren­zenden Staaten.

"Wir beob­achten in der ganzen Region West­afrika und in der Sahel­zone zuneh­mende Span­nungen", bestä­tigt der Afrika-​Beauftragte des Aus­wär­tigen Amts. Zu den lang­fris­tigen Ursa­chen — vor allem Lebens­mit­tel­mangel — komme nun noch der "Zer­fall Libyens" hinzu: "Tau­sende Tuareg-​Rückkehrer", aber auch die aus Libyen in ihre Her­kunfts­länder flie­henden "Gast­ar­beiter und die Waf­fen­lager, die dort hin­über­ge­bracht wurden, lassen eine Desta­bi­li­sie­rung der Sahel-​Zone befürchten".

Lindner warnt, man müsse dafür sorgen, dass kei­nerlei "Unsi­cher­heiten" in die Region "expor­tiert werden".[7] Die zuneh­menden Kämpfe im Norden Nige­rias laufen diesem Bemühen dia­me­tral entgegen.

Bila­te­rale Konsultationen

Um die ökono­mi­schen und geo­stra­te­gi­schen Inter­essen in Nigeria zu wahren, treibt Deutsch­land seine Koope­ra­tion mit dem Land auf bila­te­raler Ebene gezielt voran. Zuletzt traf sich Anfang Dezember 2011 der deut­sche Außen­mi­nister Guido Wes­ter­welle mit seinem nige­ria­ni­schen Amts­kol­legen Olug­benga Ashiru.

Dabei wurde erör­tert, wie die "stra­te­gi­sche Part­ner­schaft" in Zukunft "weiter aus­ge­staltet" werden könne. Ver­ein­bart wurde die Grün­dung einer bina­tio­nalen Kom­mis­sion, die von diesem Jahr an regel­mäßig Kon­sul­ta­tionen "zu bila­te­ralen, regio­nalen und inter­na­tio­nalen Fragen" durch­führen soll.[8]

Die aktu­elle Eska­la­tion der Aus­ein­an­der­set­zungen in Nigeria wird beim ersten Treffen, das für dieses Jahr geplant ist, für umfas­senden Gesprächs­stoff sorgen.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] "Jetzt kommt es auf die Regie­rung an"; www​.dw​-world​.de 15.01.2012

[2] s. dazu Roh­stoff­kon­kur­renz in Afrika

[3] s. dazu Spiel mit dem Feuer und Das Recht des Stär­keren (II)

[4], [5] Fakten und Zahlen zur mari­timen Abhän­gig­keit; Jah­res­be­richt 2010 des Flot­ten­kom­mandos der Bundesmarine

[6] s. dazu Ein­fluss­kampf in Westafrika

[7] "Jetzt kommt es auf die Regie­rung an"; www​.dw​-world​.de 15.01.2012

[8] Wich­tiger afri­ka­ni­scher Partner; www​.aus​waer​tiges​-amt​.de 02.12.2011

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gelesen: 144 · heute: 2 · zuletzt: 17. Mai 2012

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