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Asozialenabgabe für das Volkswohl

Donnerstag, 23. Februar 2012-17:55 -|- Eingestellt von: |

Von Roberto J. De Lapu­ente | ad sinis­tram | — Der durch die Medien irr­lich­ternde Vor­schlag, Kin­der­lose finan­ziell mehr zu belasten, als solche Per­sonen, die bereits Nach­wuchs in die Welt geworfen haben, legt zwei­erlei offen: Der poli­ti­sche Nach­wuchs der Union ist a) welt­fremd und hat für die wirk­li­chen (Familien-)Realitäten in dieser Gesell­schaft keine Wahr­neh­mung mehr — und er ist b) bereit, Mittel anzu­wenden, die eines repres­siven, ja tota­li­tären Staates würdig wären.

Aso­zia­len­ab­gabe und ent­schwun­denes Familienidyll

Es ist an sich schon Gegen­ar­gu­ment genug, dass die freie Plan­bar­keit von Lebens­ent­würfen nicht mora­lisch bewertet oder ange­tastet werden soll. Denn nichts anderes ist die Abgabe — sie ein mora­li­scher Impe­rativ, degra­diert die Kin­der­lo­sig­keit zu einem aso­zialen Ver­halten. Sie ist ferner dem­nach eine Aso­zia­len­ab­gabe, als ein mora­li­scher Fin­ger­zeig, als ein auf dem Lohn­zettel fixiertes Stigma.

Aso­ziale, weil kin­der­lose Ele­mente sollen bloß nicht glauben, dass ihr Lebens­plan mora­lisch ver­tretbar ist. Leider wird nicht über ein Prä­mi­en­mo­dell für jene dis­ku­tiert, die sich bewusst gegen eigene Kinder ent­scheiden — denkt man da an machen Wor­kaholic, an man­chen dau­er­aus­ge­buchten Wich­tig­tuer oder an cha­rak­ter­lich Defi­zi­täre, dann weiß man erst, wie lobens­wert die Ent­schei­dung gegen Kinder sein kann, denn das ent­lastet die über­for­derten Jugend­ämter massiv.

So ein Son­der­ab­ga­ben­mo­dell mag in einer Gesell­schaft ohne viel Neben-​, Sonder– und Spe­zi­al­re­ge­lungen aus­kommen, in der es ein klas­si­sches Fami­li­en­idyll noch gibt. Andern­falls ver­ur­sacht es nur Büro­kratie. Vater, Mutter und die eigens gezeugten Frücht­chen aus ihren Lenden — wie aus dem Bil­der­buch. Wie in den Fünf­zi­ger­jahren — so lehrt es uns jeden­falls die Legende, denn Idyll war Familie da auch nicht immer; was auch erklärt, warum man eine Dekade später die Familie als Urzelle des repres­siven Staates vermutete.

Wie sieht denn die (Familien-)Wirklichkeit heute aus? Kinder hemmen, sozial wie beruf­lich; beide (poten­zi­elle) Eltern­teile müssen arbeiten, sonst reicht es hinten und vorne nicht — man muß es hier nicht beschreiben, wer in dieser Gesell­schaft ver­an­kert ist, der weiß, dass es die klas­si­schen Fami­li­en­s­te­reo­type immer sel­tener gibt, immer sel­tener geben kann. Dabei drängt sich eine Frage ganz vehe­ment auf. Mehr als je zuvor erziehen Partner die in die Bezie­hung mit­ge­brachten Kinder ihres Part­ners — Patch­work­fa­milie ist das deut­sche Wort hierfür.

Son­der­ab­gaben auch für Frauen oder Männer, die kein eigenes Kind gezeugt haben, die aber die Kinder ihrer Frauen und Männer mit­er­ziehen? Wollen wir so eine Abgabe rein bio­lo­gisch oder gemessen an den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nissen staf­feln? Ers­teres führte in einen staat­lich orga­ni­sierten Bio­lo­gismus — wieder mal.

Vor­stufe zum Ehegesundheitszeugnis

Ab wann soll die Abgabe ins Leben treten? Sobald man voll­jährig ist? Oder gibt es Schon­fristen? Mit Dreißig stehen Männer und Frauen dann ver­mut­lich vor der Ent­schei­dung: Ent­weder tritt nun ein Kind oder meh­rere Kinder in unser Leben oder eine Mehr­auf­wands­ent­schä­di­gung an die demo­gra­phi­schen Prophetien.

Soll also staat­lich vor­ex­er­ziert werden, wann die Fami­li­en­pla­nung gefäl­ligst abge­schlossen zu sein hat? Gibt der Fiskus vor, wie man sein Leben zu planen, an welche Fristen zu binden hat? Noch­malig so eine infan­tile Rea­li­täts­ferne aus dem Lager der uni­ons­po­li­ti­schen Strampelanzüge.

Und es gibt ja immer auch Men­schen, die keine Kinder zeugen können. Zeu­gungs­un­fä­hige Männer, unemp­fäng­liche Frauen — wir werden sicher­lich mensch­lich genug sein und für sie eine Son­der­re­ge­lung ein­führen. Per Attest ent­schul­digt! Und wieder mal ein Staat, der über die Zeu­gungs­kon­di­tionen seiner Bürger mehr wissen will. Wollen wir aber­mals in einem Land leben, das mit­tels ärzt­li­cher Begut­ach­tung ins Schlaf­zimmer schnüffelt?

Und wie weit ist es da noch bis zum attes­tierten Aus­schluss aller Erb­krank­heiten für zeu­gungs­wil­lige und hof­fent­lich dann auch –fähige Paare? Liegen Bro­schüren im Fami­li­en­mi­nis­te­rium aus, die den schönen Titel tragen: Ehe­ge­sund­heits­zeugnis — oder: tra­di­tio­nell aus der Krise?

So aus­ge­schlossen ist das aller­dings nicht, gibt es doch genug Stimmen aus der Medizin, die uns eine Welt ohne Behin­de­rung schmack­haft machen wollen — und die, die sich dann bewusst für ein behin­dertes Kind ent­scheiden, die werden scheel ange­sehen. Sie hätten doch die Wahl gehabt.

Muß der Sozi­al­staat Eltern helfen, die unver­nünftig genug waren, eine Behin­de­rung in die Welt zu setzen? Wir schweifen ab — was unver­meidbar ist, denn staat­lich geprüfte Unfrucht­bar­keit, um einen Auf­he­bungs­be­scheid zur Kin­der­lo­sen­ab­gabe zu erwirken, das beflü­gelt die Phan­tasie. Gerade auch, wenn man sich ein wenig in der deut­schen Geschichte auskennt.

Aber mal ein Ein­wurf: Warum eigent­lich Men­schen, die keine Kinder fabri­zieren können, von der Abgabe frei­spre­chen? Die Abgabe soll doch Kos­ten­ver­ur­sa­cher bestrafen, ihnen ihr aso­ziales Ver­halten vor Augen führen. Häufig leiden Men­schen, beson­ders Frauen, schwer dar­unter, sich ihren Kin­der­wunsch nicht erfüllen zu können.

Dann ist psy­cho­lo­gi­sche Betreuung not­wendig — und die ist teuer. Sollen Unfrucht­bare doch auch Abgabe zahlen, immerhin belasten diese Defekt­men­schen den Gesund­heits­etat nicht unbe­trächt­lich mit ihrer unzu­rei­chenden Physis und ihrer jäm­mer­li­chen Psyche. Ver­zei­hung, aber das ist die sich zwangs­läufig ein­schlei­chende Sprache in einem Staat, der in so intime Bereiche seiner Bürger hineinprescht.

Total blind und tota­litär gefährlich

Dieser poli­ti­sche Nach­wuchs der Union ist einer­seits so ver­messen, die fami­liären Zustände, die Rege­lungen des pri­vaten Zusam­men­le­bens inner­halb der strikt kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sierten Gesell­schaft, nicht erkennen zu wollen. Immerhin ver­ur­sa­chen sie dieses Gesell­schafts­mo­dell mit ihrer poli­ti­schen Agenda — sie för­dern und bevor­zugen es gegen­über Alter­na­tiven. Und falls sie es doch erkennen, wird man den eigenen Plan als Rück­füh­rung zum tra­di­tio­nellen Fami­li­en­bild verbrämen.

Wo man neo­li­beral ein­ge­flüs­terte Feucht­träume poli­tisch umsetzt: also Fle­xi­bi­lität, Mobi­lität, dau­er­hafte Erreich­bar­keit, Nied­rig­lohn­sektor, Schlei­fung des Sozi­al­staates und so weiter, da ent­scheiden sich Men­schen nur für Kinder, wenn sie beson­ders opti­mis­tisch sind — oder wenn die Pille ver­sagt, das Kondom reißt. Jetzt sollen die, die sich Kinder nicht leisten können, auch noch bestraft werden.

Und ande­rer­seits wird sichtbar, dass man durchaus geneigt ist, eine faden­schei­nige Praxis ein­zu­führen — ohne Rück­blick auf die Geschichte tota­li­tärer Staaten, in denen eine solche "Sozi­al­po­litik", in der man ver­meint­lich aso­ziale Ver­hal­tens­weisen sank­tio­nierte, Usus war.

Es ist eben nicht, wie man im Feuilleton häufig liest, ein sozia­lis­ti­scher Impuls, den diese "jungen Wilden" da gegeben haben — es ist ein faschis­to­ider, ein tota­li­tärer. Und es sind nicht "junge Wilde", wie man das so non­cha­lant schreibt, sie auf­grund ihres Alters und dem damit ein­her­ge­henden Unge­stüm ent­schul­digt — wenn dann sind es total blinde Wilde; und tota­litär gefähr­liche noch dazu.

Quelle: ad sinis­tram

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Kategorie » Politik/Wirtschaft « | Tags » , «

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gelesen: 313 · heute: 5 · zuletzt: 15. Mai 2012

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