QR Code Business Card

Auf dem Radarschirm der Weltpolitik

Mittwoch, 25. Januar 2012-13:37 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | – Mün­chen (Eigener Bericht) — In Vor­be­rei­tung auf die Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz (3. bis 5. Februar) for­dert deren Leiter Wolf­gang Ischinger rasche Schritte zu einer ein­heit­li­chen EU-​Militärpolitik.

Die USA, deren Streit­kräfte in den Kriegen des Wes­tens bisher domi­niert hätten, ori­en­tierten sich mitt­ler­weile weg vom Atlantik hin zum Pazifik, um ihre Kräfte auf den Ein­fluss­kampf gegen die Volks­re­pu­blik China kon­zen­trieren zu können, erläu­tert Ischinger, ein deut­scher Spit­zen­di­plomat und ehe­ma­liger Bot­schafter der Bun­des­re­pu­blik in den Ver­ei­nigten Staaten.

Wolle Berlin seinen jet­zigen Ein­fluss in der Welt­po­litik nicht ver­lieren, müsse es mit Hilfe der EU eine eigen­stän­dige Posi­tion ins­be­son­dere in den auf­stei­genden Regionen Asiens auf­bauen. Die Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz soll Ischinger zufolge einen Bei­trag dazu leisten: Sie hat vor kurzem ein Vor­be­rei­tungs­treffen für die dies­jäh­rige Zusam­men­kunft, bei der eine hoch­ran­gige chi­ne­si­sche Dele­ga­tion erwartet wird, in Bei­jing absolviert.

Vor­aus­set­zung für die deutsch-​europäische Macht­stel­lung sei aller­dings nicht nur die Über­win­dung der aktu­ellen EU-​Krise, erklärt Ischinger, son­dern auch eine schlag­kräf­ti­gere EU-​Militärpolitik. Sie solle die EU-​Kriegsfähigkeit auch für den Fall sichern, dass die USA ihre krie­ge­ri­schen Akti­vi­täten im deutsch-​europäischen Inter­es­sen­ge­biet wegen ihres Schwenks zum Pazifik einschränkten.

Das pazi­fi­sche Jahrhundert

Hin­ter­grund der stra­te­gi­schen Über­le­gungen, die Wolf­gang Ischinger anläss­lich der dies­jäh­rigen Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz anstellt, ist der Schwenk der Ver­ei­nigten Staaten von einer primär atlan­tisch zu einer vor­rangig pazi­fisch aus­ge­rich­teten Welt­po­litik. US-​Präsident Barack Obama hat im November bei einem Auf­ent­halt in Aus­tra­lien mit­ge­teilt, dass die US-​Streitkräfte bis zu 2.500 Mili­tärs, dar­unter Eli­te­ein­heiten, nach Darwin im Norden Aus­tra­liens ver­legen werden.[1]

Gleich­zeitig hat US-​Außenministerin Hil­lary Clinton in einem Namens­bei­trag in der renom­mierten US-​Zeitschrift For­eign Policy ein "pazi­fi­sches Jahr­hun­dert" aus­ge­rufen. Wie Clinton schreibt, sehe sich Washington an einem Wendepunkt:

Nach dem Rückzug des größten Teils der ame­ri­ka­ni­schen Truppen aus dem Irak und Afgha­nistan werde in nächster Zukunft "eine der wich­tigsten Auf­gaben ame­ri­ka­ni­scher Staats­kunst" darin bestehen, "sub­stan­ziell erwei­terte Inves­ti­tionen — diplo­ma­ti­sche, ökono­mi­sche, stra­te­gi­sche und andere — in der Asien-​Pazifik-​Region" zu tätigen.[2]

Die Wende in der offi­zi­ellen US-​Außenpolitik von einem atlan­tisch zu einem pazi­fisch zen­trierten Vor­gehen, das sich bereits seit Jahren ankün­digt (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [3]), wird damit prak­tisch zu einer offi­zi­ellen Doktrin.

Schar­nier zwi­schen Ost und West

Für die Macht­an­sprüche Ber­lins hat dies Folgen. Ischinger äußert über die Hin­wen­dung der USA zum Pazifik, dra­ma­tisch zuspit­zend und damit Ver­lust­ängste aufgreifend:

"Europa ist dabei, als außen– und sicher­heits­po­li­ti­scher Akteur vom Radar­schirm der Regie­rungen in Asien, aber auch in Washington zuneh­mend zu verschwinden."

Berlin und Brüssel hätten ent­schieden gegenzusteuern:

"Europa wird künftig (…) eine grö­ßere Stra­te­gie­fä­hig­keit zeigen müssen".[4]

Um den eigenen, mit sys­te­ma­ti­scher Anstren­gung erwor­benen welt­po­li­ti­schen Ein­fluss nicht zu ver­lieren, müsse die EU sich vor allem in China eine eigen­stän­dige starke Stel­lung erkämpfen. Nur so sei es mög­lich, sich "gegen­über den rasant wach­senden neuen Macht– und Wirt­schafts­zen­tren" zu behaupten.

Nicht zufällig hat sich Berlin beim Aufbau des Euro­päi­schen Aus­wär­tigen Diensts (EAD) den wich­tigen Posten des EU-​Botschafters ("Leiter der EU-​Delegation") in Bei­jing gesi­chert, den seit Anfang 2011 der frü­here BND-​Mann Markus Ederer bekleidet.[5]

Ischinger erklärt nun, als "Schar­nier zwi­schen Ost und West" solle "die Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz ihren Bei­trag leisten", um "umfas­sende stra­te­gi­sche Bezie­hungen" zwi­schen der Volks­re­pu­blik China, den "neuen Macht­zen­tren in der Region" und dem alten Westen aufzubauen.

Die Core Group in Beijing

Tat­säch­lich hat die Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz schon längst Anstren­gungen in diese Rich­tung unter­nommen. Im Februar 2010 war es Ischinger erst­mals gelungen, den Außen­mi­nister Chinas als Redner für die Tagung zu gewinnen.

Am 20. und 21. November 2011 kam nun eine exklu­sive Clique aus den Reihen der Sicher­heits­kon­fe­renz ("Core Group") in Bei­jing zusammen, um wei­tere Kreise in ihre Akti­vi­täten ein­zu­binden. Wenn man im 21. Jahr­hun­dert die glo­bale Macht­po­litik zur Debatte stellen wolle, dann gehe das "kei­nes­wegs mehr ohne China", hieß es schmeichelnd.[6]

Die Teil­nehmer der Zusam­men­kunft in der chi­ne­si­schen Haupt­stadt seien "vor allem aus der Riege der stra­te­gi­schen Ent­schei­dungs­ebene" rekru­tiert worden, hieß es.

Anwe­send waren etwa der ehe­ma­lige NATO-​Generalsekretär Javier Solana, der Vor­sit­zende des Aus­wär­tigen Aus­schusses im Deut­schen Bun­destag, die Staats­se­kre­tärin im Aus­wär­tigen Amt Emily Haber sowie der Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kretär im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium Chris­tian Schmidt.

Daneben waren bei­spiels­weise der stell­ver­tre­tende rus­si­sche Außen­mi­nister Andrej Denissow und der Finan­zier George Soros prä­sent, um sich mit ein­fluss­rei­chen Poli­ti­kern aus der Volks­re­pu­blik China auszutauschen.

Das poli­ti­sche Ziel EU

Um eine wir­kungs­volle Ein­fluss­po­litik in China betreiben zu können, muss die EU aller­dings — dies räumt Ischinger ein — zunächst der aktu­ellen Krise ent­kommen. Ischinger ist sich darin einig mit seinem Vor­gänger als Leiter der Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz, Horst Telt­schik, der Anfang dieser Woche in einem Medi­en­bei­trag hef­tige Kritik an der aktu­ellen Ber­liner Kri­sen­po­litik geübt hat.

Wie Telt­schik schreibt, seien Finanz­trans­fers inner­halb der EU bis­lang völlig selbst­ver­ständ­lich gewesen — von ihnen habe, etwa nach der Über­nahme der DDR, auch die Bun­des­re­pu­blik erheb­lich pro­fi­tiert. Heute hin­gegen gälten die Deut­schen mit ihrer Wei­ge­rung, Finanz­trans­fers zu leisten, als "Anführer der EU-​Intoleranz". Viele ver­gäßen, dass die Inte­gra­tion Europas "zual­ler­erst ein poli­ti­sches Ziel" gewesen und "bis heute" geblieben sei.[7]

Jetzt setzten "viele Ver­ant­wort­liche in Politik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft" mit ihrem Ein­satz für die Ber­liner Va-​Banque-​Krisenpolitik (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [8]) gerade die Inte­gra­tion Europas — und damit die Ber­liner Grund­lage für glo­bale poli­ti­sche Macht — aufs Spiel.

Um die Krise zu über­winden, drängt auch Ischinger auf neue Schritte zu engerer Koope­ra­tion. So solle Berlin "eine Initia­tive zur Voll­en­dung des Bin­nen­markts" starten und sich für einen gemein­samen EU-​Sitz im UN-​Sicherheitsrat stark machen. Ins­be­son­dere gelte es, Groß­bri­tan­nien als "aktives Voll­mit­glied" in der EU zu halten.[9]

Glaub­wür­dig­keit durch Krieg

Den Hin­ter­grund für diese For­de­rung benennt Ischinger offen: Ohne Groß­bri­tan­nien mit seinen starken Streit­kräften könne die EU "in der Sicher­heits– und Ver­tei­di­gungs­po­litik (…) ihre Ziele nie erreichen".[10] Der Libyen-​Krieg habe gezeigt, wie stark die euro­päi­schen Länder mili­tär­po­li­tisch von den Ver­ei­nigten Staaten abhingen. So hätten die US-​Streitkräfte bei­spiels­weise 90 Pro­zent der elek­tro­ni­schen Auf­klä­rung geleistet.

Mit dem jetzt ganz offi­ziell voll­zo­genen Schwenk der US-​Weltpolitik weg vom Atlantik hin zum Pazifik stehe in Frage, inwie­weit die EU-​Staaten künftig in puncto Krieg­füh­rung mit einer so starken Betei­li­gung Washing­tons rechnen könnten, wenn es, wie in Libyen, um in hohem Maße euro­päi­sche — hier: fran­zö­si­sche und bri­ti­sche — Kriegs­ziele gehe.

Berlin solle daher, schlägt Ischinger vor, "gemeinsam mit London und Paris, viel­leicht gemeinsam auch mit War­schau und Rom", eine "- längst über­fäl­lige — Initia­tive zur Stär­kung der euro­päi­schen mili­tä­ri­schen Hand­lungs­fä­hig­keit starten". Auf diese Weise würde "die Glaub­wür­dig­keit des EU-​Integrationsprozesses ins­ge­samt (…) untermauert".

Und außerdem sichere eine schlag­kräf­tige EU-​Militärmacht vor allem die glo­balen poli­ti­schen Macht­an­sprüche Ber­lins, erläu­tert Ischinger: "Die EU würde vom Radar­schirm der Welt­po­litik nicht verschwinden".

Quelle: German For­eign Policy

Dieser Artikel unter­liegt dem Copy­right und darf nicht ver­viel­fäl­tigt wer­den. Mir ist die Ver­öf­fent­li­chung erlaubt, da ich “GFP” durch ein För­derabo unterstütze.


[1] s. dazu Das pazi­fi­sche Jahrhundert

[2] Hil­lary Clinton: America's Pacific Cen­tury; For­eign Policy 11/​2011

[3] s. dazu Vor­aus­kom­mando und Künf­tige Konflikte

[4] Wolf­gang Ischinger: "2012 wird ein span­nendes Jahr"; www​.secu​ri​ty​con​fe​rence​.de 15.01.2012

[5] s. dazu Asia­ti­sche Gipfeltage

[6] Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz in Peking: Gemeinsam in das Pazi­fi­sche Jahr­hun­dert; www​.secu​ri​ty​con​fe​rence​.de 16.12.2011

[7] Ex-​Kohl-​Berater kri­ti­siert deut­schen Euro­pa­kurs; www​.han​dels​blatt​.com 23.01.2012

[8] s. dazu Va Banque und Va Banque (II)

[9], [10] Monthly Mind Dezember 2011 — Trau­er­chor oder Ode an die Freude? www​.secu​ri​ty​con​fe​rence​.de 09.01.2012

Beitragsdetails

Kommentar-Autor

Kategorie » EU/Brüssel, Gipfel/Konferenzen, Militär « | Tags » , , , , , , «

Trackback: Trackback-URL |  Kommentar-Feed: RSS 2.0 | Beitrag drucken |
gelesen: 181 · heute: 5 · zuletzt: 14. Mai 2012

Kommentare und Pings sind geschlossen.