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Bertelsmann-​Stiftung: Die Demokratie, die sie meinen

Montag, 19. Dezember 2011-18:36 -|- Eingestellt von: |

Die in Gütersloh ansäs­sige Bertelsmann-​Stiftung geriert sich als Vor­reiter in Sachen Bür­ger­be­tei­li­gung. Die Mit­be­stim­mung, die hier ange­strebt wird, muß aber vor allem eines sein: »unter­neh­mer­freund­lich«. | Von Thomas Wagner | junge Welt | — Unter den Für­spre­chern, die der Ruf nach mehr Bür­ger­be­tei­li­gung in diesen Tagen gefunden hat, sind erstaun­lich viele, die sich den Inter­essen von Unter­neh­mern ver­bunden fühlen.

Hans-​Olaf Henkel, der ehe­ma­lige Vor­sit­zende des Bun­des­ver­bandes der deut­schen Indus­trie, ver­bindet mit der For­de­rung nach Ein­füh­rung von mehr direkt­de­mo­kra­ti­schen Ele­menten ein stra­te­gi­sches Kalkül, das mittel– und lang­fristig auf die Ent­mach­tung von Par­teien zielt, die soziale Inter­essen vertreten.

Patrick Ade­nauer, der Vor­sit­zende des Ver­bandes der Fami­li­en­un­ter­nehmer (ASU), glaubt, daß eine direkt­de­mo­kra­ti­sche Trans­for­ma­tion der Politik den Unter­nehmen mehr Ein­fluß­chancen böte als das par­la­men­ta­ri­sche System allein, etwa durch ein zeit­lich begrenztes Enga­ge­ment in Volks­in­itia­tiven gegen Steuern und Staatsausgaben.

Andere wollen das breite Par­ti­zi­pa­ti­ons­be­dürfnis in Bahnen lenken, die einer­seits den Basis­ak­ti­visten attraktiv erscheinen, ande­rer­seits aber unge­fähr­lich sind für das sich ständig repro­du­zie­rende Ungleich­heits­system des Kapi­ta­lismus. Gesell­schaft­liche Insti­tu­tionen sollen ver­än­dert, pri­vates Eigentum und Ver­fü­gung an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln sowie die grund­sätz­liche Ver­tei­lung von Ein­fluß– und Macht­chancen der Eliten dabei jedoch nicht in Frage gestellt werden.

Wie die Gesell­schaft in demo­kra­tie­po­li­ti­scher Hin­sicht geän­dert werden muß, damit alles bleiben kann, wie es ist, diese Frage ver­sucht in Deutsch­land in erster Linie die Bertelsmann-​Stiftung zu beant­worten. Die 1977 gegrün­dete Insti­tu­tion ist mit über drei Viertel der Anteile heute Haupt­ei­gen­tümer des Medi­en­kon­zerns Ber­tels­mann AG und ver­fügte allein im Geschäfts­jahr 2004 über einen Etat von 69 Mil­lionen Euro.1

Der Kon­zern­stif­tung, nach Aus­sage des Sozio­logen Steffen Roski per­so­nell eng mit dem Unter­nehmen ver­bunden, ist es gelungen, »als Sach­walter des ›Demo­kra­ti­schen‹ schlechthin zu erscheinen und als Dienst­leister an der stif­tungs­seitig insze­nierten Ver­be­triebs­wirt­schaft­li­chung poltisch-​staatlicher Pro­zesse – an Pri­vate Public Part­nerships und New Public Manage­ment – kräftig zu verdienen.«2

Jürgen Turek, stell­ver­tre­tender Direktor des mit der Bertelsmann-​Stiftung ver­floch­tenen Cen­trums für ange­wandte Poli­tik­for­schung (CAP), schrieb zur Auf­ga­ben­ver­tei­lung zwi­schen Kon­zern und Stif­tung: Welt­weit agie­rende Unter­nehmen wie Ber­tels­mann »werden zu Kom­pe­tenz­zen­tren im Prozeß des Wandels.

Durch die Über­nahme sozialer Ver­ant­wor­tung über gesell­schaft­lich aus­ge­rich­tete Public Rela­tions oder eine geschickte Instru­men­ta­li­sie­rung von Stif­tungen defi­nieren sie glei­cher­maßen poli­ti­sche Posi­tionen und bestimmen die Themen der inter­na­tio­nalen Politik zuneh­mend mit.«3

Die neo­li­be­rale Agenda der Stif­tung, ihre Rolle als Motor des von der Regie­rung Ger­hard Schrö­ders (SPD) und Joseph Fischers (Grüne) durch­ge­setzten Sozi­al­ab­baus, bei der Pri­va­ti­sie­rung der Daseins­vor­sorge bis hin zur ökono­mis­ti­schen Umge­stal­tung des Bil­dungs­we­sens ist in ver­schie­denen kri­ti­schen Unter­su­chungen schon umfas­send beleuchtet worden.

Kaum Beach­tung hat dagegen ihr nicht weniger gefähr­li­ches demo­kra­tie­po­li­ti­sches Enga­ge­ment gefunden. Das mag auch damit zu tun haben, daß viele ihrer dies­be­züg­li­chen Stif­tungs­ak­ti­vi­täten für auf­ge­klärte Ohren zunächst ganz ver­nünftig klingen oder für sich genommen recht harmlos erscheinen.

Gelenkte Betei­li­gung

So richten sich viele Akti­vi­täten sowohl der Stif­tung als auch der Ber­tels­mann AG darauf, Bür­ger­en­ga­ge­ment zu wecken bzw. vor­han­dene Betei­li­gungs­wün­sche zu stärken. Hierzu diente bei­spiels­weise die am 26. Sep­tember 2005 mit einem zwei Minuten langen Fern­seh­spot gestar­tete und bis Januar 2006 fort­ge­setzte Kam­pagne »Du bist Deutsch­land«, für die viele Pro­mi­nente ihr Gesicht hergaben.

Es han­delte sich um die gemein­same Aktion von 25 deut­schen Medi­en­un­ter­nehmen, die von der Ber­tels­mann AG koor­di­niert wurde und einen Bei­trag zur gewünschten Auf­bruch­stim­mung in der BRD leisten sollte. Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Ste­fanie Schröder hat gezeigt, daß die Kam­pagne aber vor allem dazu diente, ein spe­zi­fi­sches Men­schen­bild zu transportieren.

Der aktive und eigen­ver­ant­wort­liche Mensch, der sich selbst auch nach Nie­der­lagen immer wieder zu neuen Taten auf­rafft, wird als vor­bild­lich dargestellt.4 Ber­tels­mann gibt aber nicht nur vor, nach wel­chem Ideal sich die Bür­ger­be­tei­li­gung aus­richten soll. Die Stif­tung stellt dar­über hinaus auch die Formen bereit, in denen sich Bür­ger­macht arti­ku­lieren soll.

Hierhin gehört das »Bür­ger­Forum 2011«, eine gemein­same Initia­tive von Ber­tels­mann, des Bun­des­prä­si­denten und der Heinz-​Nixdorf-​Stiftung. In 25 Städten und Kreisen ent­wi­ckelten über 10000 Men­schen im Rahmen eines Ver­an­stal­tungs­pro­gramms eigene Pro­jekte für den gesell­schaft­li­chen Zusammenhalt.

Bei den Teil­neh­mern han­delte es sich nicht um gewählte Ver­treter von Ver­ei­ni­gungen oder Orga­ni­sa­tionen, die sich zusam­men­taten, um für gemein­same Inter­essen ein­zu­treten, son­dern um jeweils ein­zelne, die nach dem Zufalls­prinzip aus­ge­wählt wurden und auf diese Weise die Viel­falt der Gesell­schaft reprä­sen­tieren sollen, genauer gesagt eine ato­mi­sierte Vari­ante dieser Vielfalt.

Genauso ver­hält es sich mit den 11600 Per­sonen, die im März als Bür­ger­jury dazu ein­ge­laden waren, aus ins­ge­samt sieben Fina­listen den Gewinner für den Reinhard-​Mohn-​Preis 2011 zu bestimmen, der unter dem Titel »Vita­li­sie­rung der Demo­kratie durch Par­ti­zi­pa­tion« aus­ge­lobt worden war. Es setzte sich schließ­lich ein durchaus inno­va­tives soziales Pro­jekt durch: Stadt– und Schul­ent­wick­lung per Bür­ger­haus­halt in Recife, Bra­si­lien. Frei­lich waren bereits diese Favo­riten von einer Arbeits­kom­mis­sion aus Politik, Wis­sen­schaft und Gesell­schaft umsichtig vor­sor­tiert worden.

Zur Wahl standen neben Recife wei­tere Bür­ger­haus­halte in Belo Hori­zonte (Bra­si­lien) und in La Plata (Argen­ti­nien), eine Bür­ger­ver­samm­lung zur Ent­wick­lung eines neuen Wahl­rechts in Bri­tish Columbia (Kanada), eine Vision für eine nach­hal­tige Stadt in Geraldton (Aus­tra­lien), die Initia­tive »Ports­mouth hört zu« sowie ein Pro­jekt der Bür­ger­be­tei­li­gung in Hampton (beide USA).

Stefan Gehrke, Geschäfts­führer pol-di.net.e.V./politik-digital.de und Mit­glied der Arbeits­kom­mis­sion, erklärte, man habe zwei Tage inten­siver Dis­kus­sion gebraucht, um sich einig zu werden über die Pro­jekte, »die wei­ter­kommen sollen und ein Vor­bild für Deutsch­land sein können«.

Die gewünschte Vor­bild­funk­tion ist ver­mut­lich auch aus­schlag­ge­bend dafür gewesen, daß sozia­lis­tisch regierte Staaten wie Vene­zuela und Boli­vien, die der­zeit wohl span­nendsten und inno­va­tivsten Expe­ri­men­tier­felder in Sachen direkter Demo­kratie und Par­ti­zi­pa­tion von unten, nicht in die engere Aus­wahl kamen.

Die dort prak­ti­zierten und von den Regie­rungen ideell und mate­riell massiv unter­stützten Formen der Räteor­ga­ni­sa­tion hätten, falls sie von der offen­sicht­lich durchaus sozial ein­ge­stellten Bür­ger­jury gewählt worden wären, wohl von vor­ne­herein keine Chance gehabt, auf dem am 16. Juni 2011 ver­an­stal­teten Festakt in Gütersloh durch eine Fest­an­sprache von Bun­des­kanz­lerin Angela Merkel geehrt zu werden.

Vor­ge­stellt wurde das schließ­lich prä­mierte Pro­jekt Recife dann auf stif­tungs­ei­genen Internetseiten5 und im eben­falls stif­tungs­ei­genen Print­ma­gazin Change (2/​2011), das sich unter dem Titel »Wir machen mit! Wie Bürger Ent­schei­dungen aktiv mit­ge­stalten« dem Schwer­punkt­thema Bür­ger­be­tei­li­gung widmete.

Wirk­liche Demo­kratie von unten wird auf diese Weise, anders als es die Bertelsmann-​Stiftung nach außen hin dar­stellt, weniger geför­dert, denn kana­li­siert und mit Hilfe der betei­ligten Medien zugunsten der Inter­essen der ohnehin mäch­tigen Kon­zerne eingehegt.

Für Ste­fanie Schröder haben die zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akti­vi­täten des Macht­kom­plexes Ber­tels­mann daher eine deut­lich anti­de­mo­kra­ti­sche Schlag­seite: »Die Beein­flus­sung der öffent­li­chen Mei­nung durch pri­vate Insti­tu­tionen und ihre ›Sub­un­ter­nehmen‹, wie die Stif­tung eines ist, ten­diert hier gera­dezu zu einer Ver­hin­de­rung von Demo­kratie, denn Par­ti­zi­pa­tion, die außer­halb der Vor­stel­lungen der Stif­tung und des Kon­zerns steht, scheint immer unmög­li­cher zu werden.«6

»Impulse des Wettbewerbs«

In der Pro­jekt­ar­beit fühlt sich die Stif­tung laut Selbst­be­schrei­bung nach wie vor ganz eng den frag­wür­digen poli­ti­schen Ideen ihres mitt­ler­weile ver­stor­benen Grün­ders und Kon­zern­pa­tri­ar­chen Rein­hard Mohn (1921 – 2009) verpflichtet.7

In seinem Buch »Die gesell­schaft­liche Ver­ant­wor­tung des Unter­neh­mers« (Mün­chen 2003) hat er in dan­kens­werter Klar­heit for­mu­liert, was der Begriff »demo­kra­ti­sche Bür­ger­ge­sell­schaft« im Kern für ihn bedeutet, näm­lich die Aus­deh­nung markt­wirt­schaft­li­cher Wett­be­werbs­prin­zi­pien auf den gesamten poli­ti­schen Bereich von der kom­mu­nalen bis zur gesamt­staat­li­chen Ebene:

Dank der Ver­suche, die ich seit Jahr­zehnten für den öffent­li­chen Bereich mit Hilfe der Bertelsmann-​Stiftung gemacht habe, darf ich heute mit Über­zeu­gung fest­stellen, daß die Impulse des Wett­be­werbs im öffent­li­chen Bereich genau den­selben Erfolg haben wie in der Wirtschaft.

Auf lokaler Ebene emp­fiehlt er den Unter­neh­mern, ihre Erfah­rungen in den Stadtrat und dessen ver­schie­dene Aus­schüsse ein­zu­bringen. Sie könnten bei­spiels­weise »die städ­ti­schen Dienst­leis­tungs­be­triebe beraten und sich als Mäzen für das Kul­tur­leben der Stadt hervortun«.

Ziel­vor­stel­lung ist ein schlanker Staat, der durch das Enga­ge­ment seiner Bürger ent­lastet werde. Jeder soll dabei – nach seinen jewei­ligen Möglichkeiten – mittun.

Das heißt, das ehren­amt­liche Enga­ge­ment einer Grund­schul­leh­rerin oder eines Super­markt­kas­sie­rers ist zwar genauso erwünscht wie die mäze­na­ti­sche oder bera­tende Tätig­keit eines Unter­neh­mers, doch geht diese Vari­ante von Bür­ger­par­ti­zi­pa­tion unwei­ger­lich mit einer Macht­ver­schie­bung zugunsten jener Schichten einher, die als gut ver­netzte Träger ökono­mi­scher Macht ohnehin über deut­lich mehr Ein­fluß­chancen ver­fügen als die über­wie­gende Mehr­heit der abhängig Beschäf­tigten, Erwerbs­losen oder auch kleinen Selbständigen.

Das Mohns Ansicht nach beste gesell­schafts­po­li­ti­sche Modell stammt aus der pri­vaten Kon­kur­renz­wirt­schaft. Das hier eta­blierte System der Unter­neh­mens­kultur will er bruchlos auch auf den Staat über­tragen sehen. »Wenn wir eine wir­kungs­volle Demo­kratie für erstre­bens­wert halten, müssen wir uns in diesem Sinne auch für das beste Ord­nungs­system im öffent­li­chen Bereich ent­scheiden. Es heißt Unternehmenskultur!«

Er for­dert daher die »Ein­füh­rung von Wett­be­werb für alle öffent­li­chen Bereiche« und die »Ver­la­ge­rung staat­li­cher Auf­gaben auf die Bürger«. Bis zu seinem Tod blieb Rein­hard Mohn in der Stif­tung prä­sent und hat laut Home­page der­selben »immer wieder neue Vor­schläge und Gedanken in die Arbeit ein­ge­bracht. Bis zuletzt war er Mit­glied des Kurato­riums der Bertelsmann-Stiftung.«8

Vor dem Hin­ter­grund dieser unde­mo­kra­ti­schen Vor­stel­lungen, die in der Bertelsmann-​Stiftung immer noch als Leit­bild für poli­ti­sche Ver­än­de­rungen ver­treten werden, ist es erstaun­lich, daß sich immer wieder auch fort­schritt­li­chen Zielen ver­pflich­tete Orga­ni­sa­tionen und Ein­zel­per­sonen für ihre Zwecke ein­spannen lassen. Wolf­gang Lieb weist auf dem von ihm und Albrecht Müller betrie­benen Inter­net­portal Nach­denk­seiten darauf hin, wie gefähr­lich es für die Demo­kratie in Deutsch­land ist, wenn Gewerk­schafter mit Ber­tels­mann ins Bett steigen.

Als Bei­spiel führte Lieb die Koope­ra­tion des DGB in Nordrhein-​Westfalen und seines Vor­sit­zenden mit der Stif­tung für ein Pro­gramm an, das sich unter neo­li­be­ralen Prä­missen für eine »nach­hal­tige« kom­mu­nale Haus­halts– und Finanz­po­litik stark machte.

Hinter der Stif­tung, so Lieb, steckt die »pri­vate insti­tu­tio­nelle Macht des Reich­tums, die streng hier­ar­chisch orga­ni­siert ihren Ein­fluß über das gesamte poli­ti­sche System aus­dehnt, unter dem beschö­ni­genden Eti­kett eines ›zivil­ge­sell­schaft­li­chen Enga­ge­ments‹ die demo­kra­tisch legi­ti­mierte Macht­ver­tei­lung zwi­schen Ver­bänden, Par­teien, Par­la­menten und Exe­ku­tive unter­wan­dert und gleich­zeitig mit der Medi­en­macht des Ber­tels­mann Kon­zerns die öffent­liche Mei­nung prägt«.9

Der grund­le­gende Ein­wand, den Lieb hier for­mu­liert, trifft aber kei­nes­wegs nur die Gewerk­schaften. Auch Sozi­al­wis­sen­schaftler und poli­ti­sche Akti­visten, die sich einer eman­zi­pa­to­ri­schen Auf­fas­sung von Demo­kratie ver­schrieben haben, sind nicht immer davor gefeit, sich von der Stif­tung instru­men­ta­li­sieren zu lassen. Ein pro­mi­nenter Fall ist der linke Poli­tik­wis­sen­schaftler und Bewe­gungs­for­scher Roland Roth.

Radi­kal­de­mo­krat auf Abwegen

In seiner gerade erschie­nenen Streit­schrift »Bür­ger­macht« (Ham­burg 2011) sieht das enga­gierte Grün­dungs­mit­glied des »Komi­tees für Grund­rechte und Demo­kratie« ange­sichts des aller­orts ver­nehm­baren Rufs nach mehr direkter Mit­be­stim­mung das Ende »eines mini­ma­lis­ti­schen Demo­kra­tie­mo­dells« gekommen, das, staats­ge­prägt und –fixiert, nicht viel mehr als eine durch Wahlen legi­ti­mierte Eli­ten­aus­wahl beinhalte.

Gegen die ins­be­son­dere in Deutsch­land tief ver­wur­zelten obrig­keits­staat­li­chen Tra­di­tionen und inspi­riert durch das repu­bli­ka­ni­sche Selbst­ver­ständnis der Bür­ger­rechts­be­we­gung in den USA, will Roth, der jüngst mit Dieter Rucht das Hand­buch »Die Sozialen Bewe­gungen in Deutsch­land seit 1945« her­ausgab, den »radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Anspruch herr­schafts­kri­tisch« konkretisieren.

Er bezieht sich dabei auch auf eine Gegen­ge­schichte kom­mu­naler Bür­ger­selbst­re­gie­rung, die sich in Europa bis ins Mit­tel­alter hinein zurück­ver­folgen läßt, und betont, wie wichtig die Rolle der sozialen Bewe­gungen in den ver­gan­genen Jahr­zehnten für die The­ma­ti­sie­rung von ver­nach­läs­sigten Pro­blemen und die Hin­ter­fra­gung kon­ven­tio­neller Sicht­weisen war.

Mehr Trans­pa­renz, demo­kra­ti­sche Kon­trolle und Mit­sprache bei poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zessen seien gefragt. Dabei ist er sich dar­über im klaren, daß die Instal­lie­rung von mehr direkter Demo­kratie mit der Gefahr ver­bunden ist, das gesell­schaft­liche Gewicht der Ange­hö­rigen gut aus­ge­bil­deter Mit­tel­schichten gegen­über den sozial Benach­tei­ligten noch weiter zu ver­grö­ßern, wenn die wach­sende soziale Ungleich­heit keine ange­mes­sene sozi­al­po­li­ti­sche Ant­wort findet.

Roth war 1986 gemeinsam mit dem mar­xis­ti­schen Staats­theo­re­tiker Joa­chim Hirsch mit einer Studie über »Das neue Gesicht des Kapi­ta­lismus« her­vor­ge­treten und gehört zu jenen 50 kri­ti­schen Wis­sen­schaft­lern, die im Herbst dazu auf­riefen, sich der Occupy-​Bewegung anzuschließen.

Vor diesem Hin­ter­grund ist es nur schwer erklärbar, daß er in demo­kra­tie­po­li­ti­schen Fragen als wis­sen­schaft­li­cher Berater heute aus­ge­rechnet mit der »Krake Ber­tels­mann« (Albrecht Müller/​Wolfgang Lieb) paktiert.

So ver­faßte er für die Stif­tung eine Exper­tise mit dem Titel »Hand­lungs­op­tionen zur Vita­li­sie­rung von Demo­kratie« (Gütersloh 2009) und ver­öf­fent­lichte mit Jörg Dräger, einem Mit­glied des Vor­stands der Stif­tung, einen Auf­satz in der Bertelsmann-​Publikation »Demo­kratie vita­li­sieren – poli­ti­sche Teil­habe stärken« (Gütersloh 2011).

Für die Stif­tung ist die Mit­ar­beit von Wis­sen­schaft­lern, die als unab­hängig, kri­tisch und links­ori­en­tiert gelten, wichtig, um sich der Öffent­lich­keit als ein über den Par­teien schwe­bendes, gemein­nüt­ziges und für fort­schritt­liche Per­spek­tiven offenes Den­k­labor dar­stellen zu können. Für die Ber­tels­männer und die mir ihnen koope­rie­renden Wis­sen­schaftler mag sich aus der Zusam­men­ar­beit eine Win-​Win-​Situation ergeben, ein Arbeits­ver­hältnis, von dem beide Seiten Vor­teile zu haben glauben.

Für die Suche nach demo­kra­ti­schen Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft ist diese Kon­stel­la­tion jedoch fatal. Die wirk­li­chen zen­tralen Fragen der Ver­tei­lung gesell­schaft­li­cher Macht bleiben näm­lich aus­ge­klam­mert. Man trifft sich bei der Gestal­tung von Bür­ger­foren oder ver­sucht, Schul­kinder für Betei­li­gungs­pro­jekte zu begeis­tern. Das hat durchaus seine Berechtigung.

Wie aber ökono­mi­sche Pro­zesse demo­kra­tisch gesteuert werden können, welche Eigen­tums­formen mit dem Anspruch glei­cher poli­ti­scher Betei­li­gung über­haupt ver­einbar sind oder wie Betriebe demo­kra­tisch orga­ni­siert werden können: Diese ent­schei­denden Fragen für eine umfas­sende Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft werden über­haupt nicht berührt.

Wer sich aber ein­seitig auf die zwei­fellos wich­tige und sogar unver­zicht­bare Kritik an staat­li­cher Repres­sion ver­steift und dar­über die Arbeit an realen Alter­na­tiven zur geballten Macht des Kapi­tals ver­nach­läs­sigt, gerät leicht in neo­li­be­rales Fahrwasser.

Auch Roth scheint dem Sog der vor­herr­schenden Ideen, denen der Herr­schenden, zuneh­mend zu erliegen, wenn er in seinem Buch gute Gründe dafür sieht, »nicht dem schwin­denden Sozi­al­staat nach­zu­trauern, dessen Schat­ten­seiten beim Abschied gern ver­gessen werden, son­dern sich für eine demo­kra­ti­sche Wohl­fahrts­ge­sell­schaft ein­zu­setzen, die das spe­zi­fi­sche Gewicht der Zivil­ge­sell­schaft stärkt, indem sie den Indi­vi­duen und ihren frei­wil­ligen Zusam­men­schlüssen grö­ßere Selbst­be­stim­mung und Selbst­be­stim­mungs­mög­lich­keiten eröffnet« (»Bür­ger­macht«, S. 245).

Im Dienst des Kapitals

Das klingt ver­dächtig nach jenem, den neuen sozialen Bewe­gungen ent­lehnten Jargon, mit dem grüne Poli­tiker an der Seite von Ger­hard Schröder ihrer Kli­entel in den neun­ziger Jahren den Abriß des Sozi­al­staates schmack­haft machten. Wen meint Roth eigent­lich mit der Zivil­ge­sell­schaft, die gestärkt werden soll?

Ein her­vor­ste­chender Reprä­sen­tant der bun­des­deut­schen Zivil­ge­sell­schaft war zwei­fellos Rein­hard Mohn. In »Die gesell­schaft­liche Ver­ant­wor­tung des Unter­neh­mers« ver­tritt der Fir­men­pa­tri­arch eine sehr klare Auf­fas­sung, wer in der Gesell­schaft und in den großen Unter­nehmen die Marsch­route vor­geben soll: die Unternehmensführungen.

Ihnen schreibt er die Auf­gabe zu, »zwi­schen den Inter­essen von Kapital und Arbeit unter Berück­sich­ti­gung des Unter­neh­mens­auf­trages zu ver­mit­teln und dabei kei­nes­wegs nur die Inter­essen des Kapi­tals« zu berück­sich­tigen, »son­dern gegen­über den Kapi­tal­ver­tre­tern auch die Ziele des Unter­neh­mens im Auge« zu behalten, »zu denen bei­spiels­weise zählt, daß Vor­schläge der Mit­ar­beiter und der Füh­rungs­kräfte berück­sich­tigt werden, wenn das dem Unter­nehmen dien­lich ist«. So viel Demo­kratie muß halt sein.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Vielen Dank !

Der Autor Thomas Wagner ist Autor des Buches »Demo­kratie als Mogel­pa­ckung. Oder: Deutsch­lands sanfter Weg in den Bona­par­tismus«, Köln, Papy­rossa 2011



Anmer­kungen:

1 vgl. Ste­fanie Schröder: Der Bertelsmann-​Konzern zwi­schen Politik und Öffent­lich­keit: »Du bist Deutschland!« – Wer eigent­lich?, in: Jens Wer­nicke und Torsten Bult­mann (Hg.): Netz­werk der Macht – Ber­tels­mann. Der medial-​politische Kom­plex aus Gütersloh. Mar­burg 2007, S.140

2 zitiert nach: www​.nach​denk​seiten​.de/​?​p​=​4​297

3 zitiert nach: Steffen Roski: Kon­zern – Macht – Politik – Wissen. Sozi­al­wis­sen­schaften als Hilfs­kräfte in Ber­tels­manns »Reform­werk­statt«, in: Jens Wer­nicke und Torsten Bult­mann (Hg.): a.a.O., S. 81

4 vgl. Ste­fanie Schröder: a.a.O., S. 139 – 149

5 www​.ber​tels​mann​-stif​tung​.de/​rmp, www​.vita​li​zing​-demo​cracy​.org

6 Ste­fanie Schröder: a.a.O., S. 141

7 www​.ber​tels​mann​-stif​tung​.de/​c​p​s​/​r​d​e​/​x​c​h​g​/​S​I​D​-​3​C​0​5​4​5​9​3​-​C​1​A​9​A​A​3​1​/​b​s​t​/​h​s​.​x​s​l​/​2​6​9​.​htm

8 www​.ber​tels​mann​-stif​tung​.de/​c​p​s​/​r​d​e​/​x​c​h​g​/​S​I​D​-​3​C​0​5​4​5​9​3​-​C​1​A​9​A​A​3​1​/​b​s​t​/​h​s​.​x​s​l​/​1​0​3​1​3​6​.​htm

9 www​.nach​denk​seiten​.de/​w​p​-​p​r​i​n​t​.​p​h​p​?​p​=​2​425

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